Stil und Dialektik in Adornos "Minima Moralia"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008
35 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhalt

1. Synopse: Stil und Dialektik

2. Zur Methode
2.1 Grundsätzliches
2.2 Kritik stilistischer Begriffe
2.2.1 'Text' – 'Makro-' und 'Mikrostruktur'
2.2.2 'Wirklichkeitsmodell'
2.2.3 'Stil' – 'Selektionsmechanismus'
2.2.4 'Makro-' und 'mikrostilistische Einheiten (Elemente)'

3. Dialektik als Stil in „Minima Moralia“
3.1 Makrostilistische Elemente
3.1.1 Die Gattung des Essays
3.1.2 Das Stilprinzip des 'konzentrischen' Schreibens
3.2 Mikrostilistische Elemente
3.2.1 Antithesen

Literatur

1. Synopse: Stil und Dialektik

Im Rahmen einer vorbereitenden Diskussion mit Theodor W. Adorno, der Max Horkheimer bei dessen Aufsatz „Der neueste Angriff auf die Metaphysik“ unterstützte – eines Textes, der eine zentrale Rolle im sogenannten 'Positivismusstreit' gespielt hat und nicht zuletzt eine Kritik der „positivistischen“ formal-logischen Verfahren leisten sollte – schlägt Horkheimer am 8.12.1936 in seinem Brief an Adorno folgendes Abgrenzungskriterium der von ihnen propagierten Dialektik gegenüber der „Logistik“ (wie beide die moderne Logik nennen) vor:

Übrigens sehen die Herren in ihrer Logik nicht allein von der Beziehung zwischen Wort und Bedeutung, sondern, was damit zusammenhängt, von der Verbindung der Worte und Sätze zu einer stilistischen Einheit ab. Das Problem des Stils, das nur der allgemeinere Ausdruck für das Problem der Dialektik der Darstellungsform ist, kommt in dieser Logik nicht vor, und man kann zeigen, daß es sie zu Fall bringt.[1]

Adorno, dem an dieser Abgrenzung besonders gelegen ist[2], bekennt sich mit großer Emphase zu diesem Gedanken. Er antwortet Horkheimer am 25.1.1937:

Ihre Idee, das Nichtauftreten des „Stils“ in der Logistik zum Angelpunkt der Kritik zu machen, liegt mir natürlich ganz besonders nahe, so nahe, daß ich sie, als zu sehr pro domo, nicht zu formulieren gewagt hätte.[3]

Auch wenn Adorno hier die ursprüngliche Formulierung Horkheimers, der im Stil wenn nicht den Oberbegriff, so doch eine wesentliche Dimension der Darstellungs-Dialektik erblickt, abzuschwächen scheint, indem er diese Idee nur noch als taktischen Vorschlag zur Kritik der Logik wiedergibt, wird doch aus seiner Reaktion ersichtlich, daß ihm diese stilistische Dimension nicht nur „ganz besonders nahe“ ist, sondern er (sein eigenes) stilistisches Bewußtsein auch durchaus programmatisch begreift, als Distinktionsmerkmal gegenüber dem „Positivismus“. Stil scheint für Adorno mehr zu sein als eine gewisse Achtsamkeit bei der Versprachlichung des Denkens, vielmehr zum Wesen seines Denkens selbst zu gehören, wobei in diesem Kontext die polemische Haltung zur Logik eine nicht geringe Rolle spielt.

Indem Adorno und Horkheimer den modernen Logikern vorwerfen, die Größe 'Stil' nicht in ihre Theorien miteinzubeziehen, fordern sie für einen transdisziplinären Bereich philosophischer Theoriebildung, den sie zwar nicht genau eingrenzen, der aber neben der kritisierten Logik zumindest die ihr entgegengehaltene stilsensible Dialektik umfassen muß, neben dem eigentlichen Gegenstandsbereich (der in der Logik ja gerade nicht in den stilistischen Eigenschaften der Sprache besteht[4] ) auch den Sprachstil zu problematisieren; das heißt, allgemeiner formuliert, insofern denn Philosophie einen Wahrheitsanspruch habe: daß die sprachliche Realisierung von Wahrheit Teil dieser Wahrheit sein muß – oder der Wahrheitsanspruch nicht eingelöst wird („daß es sie zu Fall bringt“). Dem zugrunde liegt der für die Frankfurter Schule typische und für den Positivismusstreit mitursächliche Vorbehalt gegen eine Trennung von Form und Inhalt, die in den unterschiedlichsten Kontexten kritisiert[5] und der ein dialektisches Zusammen-Denken, eine „Vermittlung“[6] beider gegenübergestellt wird. Dieses von Adorno immer wieder formulierte Prinzip, das auch in „Minima Moralia“ als Konstituens der Dialektik behauptet wird[7], haben Adorno und Horkheimer ihrerseits trotz ambitionierten Bemühungen nicht im beanspruchten Maße umgesetzt; eine systematische Selbst-Aufklärung über die eigene dialektische Arbeitsweise ist, obwohl lange geplant, nie geleistet worden[8].

Belegt wird dies durch den unvollendeten Versuch Horkheimers, die „dialektische Logik“ in lehrbuchhafter Form darzulegen, also gerade nicht nur die etwa gesellschaftstheoretischen Implikationen der Dialektik, sondern vor allem deren dialektisch-logischen Zusammenhang und damit die Voraussetzung ihrer stilistischen Vermittlung auf den Begriff zu bringen. Denn es fällt schwer sich vorzustellen, wie eine angemessene „Darstellungsform“[9] der Dialektik beschaffen sein müßte, solange man noch über die 'Denkform' der Dialektik, an der sie zu messen wäre, im unklaren ist[10] ; gerade die Forderung, daß die sprachliche Vermittlungsebene der gedanklichen in bestimmten Prinzipien entsprechen solle, präsupponiert ja die Bekanntheit dieser Prinzipien. Doch das über mehr als zehn Jahre in Kooperation mit Adorno vorbereitete Projekt[11], das die dialektische Alternative zur modernen Logik vorstellen sollte, scheiterte daran, daß zwischen Adorno und Horkheimer „weder über deren Gegenstand [der Dialektik, SB.] noch über deren Methode und Aufbau Einigkeit zu erzielen war“[12], und mußte letztlich ganz aufgegeben werden; Dahms schreibt gar, daß „sich in dieser Zeit im 'internen' Briefwechsel schon verschiedentlich relativierende Bemerkungen gegenüber der Dialektik einschleichen“[13].

Doch diese paradoxale metaphilosophische Schwierigkeit, die subjektive Bedingtheit einer Theorie, im kommunikativen und im erkenntnistheoretischen Sinne[14], selbst konsistent in den Objektbereich der Theorie zu integrieren[15], beeinträchtigt keineswegs sämtliche, teils doch recht unterschiedliche Aspekte der Dialektik, wie Adorno sie versteht. Man kann sogar sagen, daß er dafür eine Minimal-Lösung findet, indem er bei der theoretischen Darstellung einigen Vertextungsstrategien folgt, die den metaphilosophischen Postulaten der Dialektik entsprechen. Diese Darstellungsprinzipien sind vor allem Stilprinzipien[16], die nicht nur implizit wirksam sind, sondern auch explizit von Adorno thematisiert werden (was die Stilanalyse in diesem Punkt natürlich erleichtert) – wofür besonders die „Minima Moralia“ beispielhaft stehen. Auf diese Weise werden Elemente der Dialektik letztlich doch auf der Ebene der Versprachlichung bewußt realisiert und zugleich reflektiert, beides allerdings weder durchgängig noch systematisch und umfassend, sondern vielmehr punktuell und oft nur andeutungsweise.

Es ist auch deshalb nur eine unvollständige Einlösung des genannten Postulats, weil Adorno zwar auf der stilistischen Ebene diese teilweise sprachliche Realisation nach dialektischen Prinzipien leistet, dabei aber ebenjene propositionale Ebene der 'Denkform', die Horkheimer in seiner Darlegung einer „dialektischen Logik“ explizieren wollte, sozusagen überspringt[17].

Um dies auszuführen, ist eine linguistische Dichotomie hilfreich, die Willy Sanders in die Stiltheorie eingebunden hat[18]. Die „Dialektik der Darstellungsform“[19], die Horkheimer in seinem zitierten Brief als stilistisches Problem umschrieben hat, kann jener Ebene der Versprachlichung zugeordnet werden, die Sanders in seiner Stilistik als 'Mikrostruktur' bezeichnet: auf ihr wird die 'textuelle Makrostruktur', für die Sanders auch den Terminus 'Texttiefenstruktur' aus der generativen Transformationsgrammatik gebraucht, „in eine sprachliche Oberflächenstruktur“ überführt, wobei die 'stilistische Wahl' der letztlich im Text realisierten sprachlichen Mittel erfolgt[20]. Die von mir analog benannte Dialektik der 'Denkform' ließe sich dagegen ebenjener makrostrukturellen Vertextungsebene zuordnen, „die als logisch-semantische Präsentation eines außersprachlichen Sachverhalts zu verstehen ist“[21] ; Sanders selbst spricht auch vom „vorsprachlich[en] (...) Bereich des Denkstils“[22]. Damit sei natürlich keine Spezifizierung der Dialektik insgesamt gegeben, sondern nur eine begriffliche Unterteilung dessen, was an ihr stilistisch relevant ist. Nun läßt sich auch die bereits erläuterte Differenzierung der subjektiven Bedingtheit einer Theorie in eine erkenntnistheoretische und in eine kommunikative auf diese Dichotomie anwenden. Die Forderung einer dialektischen Darstellungsform, also einer Dialektik auf der mikrostrukturellen Textebene, zielt dabei auf die subjektive Bedingtheit einer Theorie durch die Auswahl der sie realisierenden (sprachlichen) Kommunikationsmittel, wobei diese Auswahl im Bewußtsein jener Bedingtheit erfolgen soll[23]. Das wäre Dialektik in stilistischer Hinsicht. Das Postulat einer dialektischen Denkform, einer Dialektik auf makrostruktureller Textebene dagegen, die Horkheimer und Adorno als 'dialektische Logik' zu explizieren versuchten, bezieht sich auf die Bedingtheit einer Theorie durch den Erkenntnisapparat des Subjekts[24] ; im Bewußtsein dieser Bedingtheit sollen in den Denkprozess selbstreflexive Elemente miteingehen, das heißt das Denken, das zu einer Theorie führt, soll im Zusammenhang mit dieser Theorie reflektiert werden. Die Dialektik der Denkform ist eine metatheoretische Reaktion auf die Subjektivität von Theorie, die in der theoretischen Reflexion dieser Subjektivität bestehen soll[25]. Dialektik in beiderlei Sinn, als Denk- wie als Darstellungsform, zieht aus dem Bewußtsein der eigenen Bedingtheit eine methodologische Konklusion[26].

Es scheint mir neben den bisherigen Zuordnungen auch plausibel, die stiltheoretische Dichotomie von Makro- und Mikrostruktur zu heuristischen Zwecken als eine von Inhalt und Form zu lesen, wobei die Inhaltskategorie der Makrostruktur und die Kategorie 'Form' der Mikrostruktur entspräche; und zwar insofern, als die logisch-semantische Repräsentation eines außersprachlichen Gegenstandes den Inhalt eines Textes bereits festlegt, zugleich aber durch eine, aus mehreren möglichen gewählte sprachliche Realisierung geformt wird. Im Zentrum von Adornos Dialektik-Konzeption steht, wie bereits erwähnt, die 'Vermittlung', welche eben auch eine Vermittlung von Form und Inhalt ist[27]. Mit dieser weiteren Begriffszuordnung läßt sich so die dialektische 'Vermittlung' linguistisch konkretisieren – bei weitem nicht vollständig, aber doch in dem für eine knappe stilistische Analyse wesentlichen Aspekt. Dabei ist stets zu bedenken, daß es sich bei dieser Dialektik-Konzeption, wie sie anhand meta-theoretischer Aussagen Adornos rekonstruiert werden kann, nur um ein Postulat handelt, um das Programm einer nicht-'positivistischen' theoretischen Arbeitsweise, dem letztlich im mit diesem Anspruch produzierten Text überhaupt nichts entsprechen muß. Inwiefern es tatsächlich von Adorno verwirklicht wird, läßt sich eben nach der Übersetzung seiner Forderungen in linguistische bzw. stilistische Kategorien am Text selbst nachvollziehen. Versteht man also die 'dialektische Logik', von der Horkheimer spricht, als 'Denkform' und damit als (postulierten!) Teil der textuellen Makrostruktur[28], deuten Adornos und Horkheimers eingestandene Schwierigkeiten, diese systematisch zu beschreiben, bereits darauf hin, daß sich die Forderung einer alternativen 'dialektischen Logik' womöglich nicht in linguistisch erfaßbare Strukturen umsetzen und damit in keinem Text nachweisen läßt.

Doch auch im Falle, daß dies stimmte, wäre selbst ein derart unvollständig realisiertes dialektisches Programm noch immer relevant für eine Stilanalyse, weil es offensichtlich weitere stilistisch wirksame Prinzipien enthält. Ja bei einem metatheoretischen Programm mit solch weitem Geltungsbereich und mannigfaltigen Ansprüchen wie der Dialektik scheint es geradezu ausgeschlossen, daß die dezidierte Ausrichtung eines Autors an ihr, für die Adorno beispielhaft steht, keinerlei Spuren im Stil oder in der Mikrostruktur seiner Texte hinterläßt. Um genau diese Beziehung zwischen dem realisierten Stil und der Dialektik insgesamt in der Stilanalyse nachvollziehbar zu machen, ist es nötig, neben den oben dichotomisch unterschiedenen Ebenen von Mikrostruktur und Darstellungsform versus Makrostruktur und 'Denkform' noch eine dritte einzubeziehen, die ich dem Modell von Sanders hinzufügen möchte[29]: nämlich das 'Wirklichkeitsmodell' des Autors, aus dem die Makrostruktur seines Textes bereits einen Ausschnitt darstellt und das im Text nicht formulierte Prämissen und Präsuppositionen enthält[30]. Das 'Wirklichkeitsmodell' greift also über Mikro- und Makrostruktur eines einzelnen Textes und damit auch über die Ebene des Produzierten hinaus, d.h. es gehört nicht mehr dem Text an, sondern dem Textproduzenten und umfaßt dessen Wissen, Annahmen und Meinungen über die Welt, eigene und rezipierte Thesen und Theoreme, in Aussagen überführbare Erfahrungen usw. Das Wirklichkeitsmodell ist sozusagen die Vereinigungsmenge der Makrostrukturen aller produzierten und möglichen Texte dieses Autors, die logisch-semantische Repräsentation aller außersprachlichen Sachverhalte, die ein bestimmter Sprecher in einem Kommunikationsakt thematisieren kann. Um das Programm der Dialektik als postulierte und beanspruchte Arbeitsweise stiltheoretisch zu verorten und in Beziehung zum realisierten Text setzen zu können, ist diese dritte begriffliche Ebene notwendig[31] ; sie umfaßt damit nicht nur all diejenigen Elemente der Dialektik, die weder der Mikro- noch der Makrostruktur zugeordnet werden können, sondern auch beispielsweise die postulierte 'dialektische Logik' ebenso wie jedes andere (Teil-)Prinzip des dialektischen Programms, das ja einen wesentlichen Teil des Wirklichkeitsmodells eines Dialektikers wie Adorno ausmacht.

Will man also den Stil eines Textes wie „Minima Moralia“ im Kontext mit der Dialektik analysieren, die wohl als ein diesen Text maßgeblich bestimmendes theoretisches Konzept gelten kann, benötigt man neben einer stiltheoretischen Durchdringung oder einem stilistischen Modell des Textes selbst auch eine daran andockende Kategorie, welche die Dialektik mit ihren präskriptiven Aussagen erfaßt, zu denen ja von bestimmten Stilphänomenen ein Zusammenhang hergestellt werden soll. Denn es ist offensichtlich, daß nicht jedes Stilelement, das von dialektischen Prinzipien abgeleitet oder angeregt ist, auch tatsächlich 'dialektisch' genannt werden kann – gemessen am Anspruch dessen, was 'dialektisch' zu heißen habe. Man kann solche Stilphänomene also nur im Rückgriff auf ihrerseits nicht textlich realisierte Elemente des 'Wirklichkeitsmodells' beschreiben, aus dem sie abgeleitet sind.

Ein solches Verhältnis des Stils zur Dialektik ist, wie ich glaube, in Adornos „Minima Moralia“ tendenziell der Fall. Die dort zum Teil selbst thematisierten Prinzipien, denen Dialektik zu folgen habe, erfahren oft keine vollständige, angemessene Verwirklichung in der Mikro- und Makrostruktur des Textes, sondern werden stattdessen in nur mikrostrukturelle Stilphänomene transformiert. Es gibt folglich präskriptive dialektische Vorstellungen im Wirklichkeitsmodell Adornos, denen makrostrukturelle Text-Eigenschaften entsprechen müßten, die in „Minima Moralia“ nicht nachweisbar sind. Ja es trifft tendenziell auf diejenigen dialektischen Forderungen Adornos zu, die stilrelevant sind (also beispielsweise nicht auf die dialektische Forderung nach historisierender Darstellung u.ä.), daß beim Versuch ihrer Konkretisierung im Text die makrostrukturelle Ebene übersprungen und auf die mikrostrukturelle, also die Stil-Ebene ausgewichen wird. So entsteht immer wieder in „Minima Moralia“ ein (mikrostruktureller) 'dialektischer Stil', der den (makrostrukturellen) Ansprüchen der Dialektik, wie Adorno sie formuliert, nicht genügt. Eine von Horkheimer wie Adorno[32] für die logisch-semantische Ebene der Versprachlichung geforderte 'dialektische Logik', also ein genuin dialektisches makrostrukturelles Verfahrensprinzip, läßt sich kaum belegen.

Diese Behauptung stellt, im Falle ihrer Wahrheit, keinerlei Einschränkung oder Widerlegung, sondern vielmehr eine Präzisierung meiner Ausgangsthese dar, daß in den „Minima Moralia“ ein enger Zusammenhang zwischen dem Stil und dem philosophischen Konzept Adornos nachvollzogen werden kann; denn schließlich impliziert dies nicht die Existenz einer spezifisch dialektischen Makrostruktur, sondern lediglich das regelmäßige Vorkommen mikrostruktureller (Stil-)Elemente, die auf dialektische Prinzipien Adornos zurückführbar sind. Sie steht als Fazit am Ende einer stilanalytischen Untersuchung der „Minima Moralia“, die im folgenden, nach Vorstellung der nötigen linguistischen Kategorien, an ausgewählten Beispielen demonstriert werden soll[33].

[...]


[1] Horkheimer 1995, S.769. Hervorhebung von mir, SB.

[2] Siehe dazu Dahms 1994, S.97.

[3] Adorno/Horkheimer 2003, S.279. Dieses Zitat kann auch als Hinweis dafür gelten, daß Adorno als Autor das stiltheoretische Kriterium eines hohen 'Bewußtheitsgrades' bzw. einer 'Bewußtheit der Sprachformung' erfüllt, die von Sanders als Merkmal des Kunstsprachstils angesetzt wird (Sanders 1977, S.47).

[4] Daß die „logisch-semantische Präsentation eines außersprachlichen Sachverhalts“ (Sanders 1977, S.18) in der 'Texttiefenstruktur' zwar stilrelevant ist, „Sprachliches vorstrukturierend“ (ebd.), aber noch nicht zum eigentlichen Sprachstil (im Sinn einer selektiven Stilauffassung) gehören kann, soll später noch erörtert werden.

[5] So schreibt, um nur drei Beispiele zu nennen, Horkheimer in „Der neueste Angriff auf die Metaphysik“: „Die Trennung von Form und Inhalt ist entweder undurchführbar oder unzutreffend“ (Horkheimer 1988, S.144); Adorno erklärt in seiner „Vorlesung über Negative Dialektik“, daß er „die übliche Trennung von Methode und Inhalt nicht anerkenne“ (Adorno 2007, S.15); und daß eine solche ein wesentliches Prinzip der Dialektik vernachlässige, drückt Adorno in dem bereits zitierten Brief an Horkheimer vom 25.1.1937 aus, wo er in bezug auf einen mitgesandten Aufsatz schreibt, „daß der Verzicht auf eine Trennung von 'inhaltlicher' und methodischer Kritik bewußt ist und daß ich versucht habe, gerade in dem Ineinander von beidem das dialektische Denken auch im Wie der Anlage durchzusetzen“ (Adorno/Horkheimer 2003, S.276).

[6] „Vermittlung“ – zumeist gedacht als Subjekt-Objekt-Vermittlung – kann nahezu als Präzisierung des Adornoschen Dialektik-Begriffs gesetzt werden, wie Ricard erläutert (1993, S.5). 'Vermittlung' bezeichnet somit „das Prinzip der Dialektik gegenüber einem bloß äußerlich, dualistisch oder disjunktiv, unterscheidenden Denken“ (ebd.), also ein methodologisches und erkenntnistheoretischen Postulat; daneben hat 'Vermittlung' eine ontologisch-deskriptive Bedeutung als „Verhältnis von Entitäten“ (Ricard 1993, S.6); vgl. dazu Fußnote 27.

[7] Etwa in §44: „Ohne daß Hegel das je ausgesprochen hätte, legt sein ganzes Verfahren Zeugnis ab von dieser Intention. Wie sie kein Erstes kennen möchte, so dürfte sie streng genommen kein Zweites und kein Abgeleitetes kennen, und den Begriff der Vermittlung hat sie gerade von den formalen Zwischenbestimmungen in die Sachen selber verlegt und damit deren Unterschied von einem ihnen äußerlichen, vermittelnden Denken überwinden wollen.“ (Adorno 1969, S.86; Hervorhbg. von mir). Ganz ähnlich, mit stärkerem Subjektbezug und bezeichnenderweise wieder unter Berufung auf Hegel, am Ende von §46: „Die Doppelschlächtigkeit der Methode, welche der Hegelschen Phänomenologie unter vernünftigen Leuten den Ruf abgründiger Schwierigkeit eingetragen hat, nämlich die Forderung, gleichzeitig die Phänomene als solche sprechen zu lassen [...] und doch in jedem Augenblick ihre Beziehung auf das Bewußtsein als Subjekt, die Reflexion präsent zu halten “ (Adorno 1969, S.91; H.v.m.).

[8] Vgl. Dahms 1994, S.114.

[9] Horkheimer 1995, S.769.

[10] Und eine solche 'Form', die die Dialektik haben könne, wird ja von Horkheimer schon mit seinem Begriff einer „dialektischen Logik“ nahegelegt. Er tritt selbst nolens volens für eine Form-Inhalt-Trennung ein, wenn er im selben Aufsatz die klassische (aristotelische) Logik lobt, die er irrtümlicherweise für nicht formal hält (vgl. Dahms 1994, S.106); desgleichen, wenn er die Gültigkeit des Satzes vom ausgeschlossenen Widerspruch auch für die Dialektik fordert (Dahms 1994, S.110f.) - darin übrigens abweichend von Adorno, wie noch gezeigt wird. (Möglicherweise scheiterte das Projekt genau an diesem anti-positivistischen Entschluß, eine Form-Inhalt-Trennung trotz eigenen widersprechenden Intuitionen nicht zuzulassen.)

[11] Dahms schreibt: „Wann genau die Idee dazu entstand und die Arbeit daran aufgenommen wurde, ist nicht ganz klar“ (1994, S.108), er erwähnt aber Horkheimers Aufsatz „Zum Problem der Wahrheit“ von 1935 als „erste publizierte Skizze dessen, was Horkheimer sich unter 'dialektischer Logik' vorgestellt hat“ (1994, S.110) und datiert die letzte (briefliche) Erwähnung des Vorhabens auf den 30.8.1947. Erwähnenswert ist, daß „Aufzeichnungen über [einschlägige, SB.] Diskussionen mit Adorno aus dem Jahre 1946“ (1994, S.111) datieren, also aus jener Zeit, in der Adorno an „Minima Moralia“ gearbeitet hat.

[12] Dahms 1994, S.113.

[13] Dahms 1994, S.114.

[14] Das heißt eine Theorie sei zum einen subjektiv bedingt durch die Kommunikationsmittel (Sprache), durch welche die philosophischen Sätze realisiert werden, und zum andern bedingt durch den Erkenntnisapparat des Subjekts (Denken im allgemeinen, Elemente des Denkprozesses im besonderen), durch den der Wahrheitsanspruch eingelöst werden soll; diese im folgenden zentrale Unterscheidung wird im weiteren Verlauf in stiltheoretische Kategorien übertragen. - Diese subjektive Bedingtheit ließe sich auch als subjektive Vermittlung im deskriptiven, nicht-dialektischen Sinne des Wortes bezeichnen; Adornos als Kennzeichen der Dialektik beanspruchte 'Vermittlung' (also im präskriptiven Sinne) wäre somit gewissermaßen eine Vermittlung zweiter Stufe, die sich gerade auf die erstere, grundsätzliche Vermitteltheit durch das Subjekt rückbezieht und dieser Bedingtheit Rechenschaft zu tragen versucht, indem sie sie bewußt halten will (vgl. MM §46).

[15] Adorno selbst drückt diese Aufgabe als Paradoxon aus, wenn er sie vergleicht mit dem „Gestus Münchhausens, der sich an dem Zopf aus dem Sumpf zieht“ (MM §46; 1969, S.91).

[16] Womit bereits ein stilistischer Fachterminus genannt ist, den Sowinski (1999, S.77) unter die 'makrostilistischen Elemente' zählt und der bei der Stilanalyse der „Minima Moralia“ eine wesentliche Rolle spielen wird.

[17] Daß eine solche „dialektische Logik“ – als Gegenentwurf zur Logik, der dennoch nicht alogisch sein dürfe – überhaupt nicht explizierbar oder fixierbar ist, wäre eine mögliche Erklärung sowohl für das Scheitern dieses Projekts als auch dafür, daß Adorno, wie ich glaube, ein halbherziges dialektisches Verfahren anwendet, das sich oft auf den Stil, also die 'Darstellungsform' beschränkt, der sich dann teils im Gegensatz zur eben nicht dialektisch strukturierten 'Denkform' befindet. Ich werde versuchen, diese These im Verlauf der vorliegenden Arbeit zu stützen.

[18] Sanders 1977, S.11.

[19] Horkheimer 1995, S.769.

[20] Sanders 1977, S.18f.

[21] Sanders 1977, S.18.

[22] Ebd. (Eine Kritik dieser irreführenden Bestimmung nehme ich im 2.Kapitel dieser Arbeit vor.)

[23] Dabei ist zu beachten, daß nicht nur die Beschaffenheit einer Theorie von der Auswahl der Kommunikationsmittel abhängt, sondern auch ihre Wahrheit. Horkheimer macht das deutlich, wenn er sagt, daß die Formalisierung der Logik diese „zu Fall bringt“ (Horkheimer 1995, S.769), weil ihre strikte Trennung von Form und Inhalt mit der Sprache die Möglichkeit von Stil und damit einer dialektischen Darstellungsform ausschließt. Aber auch eine sprachliche Äußerung, die nicht dem dialektischen Darstellungskriterium entspricht, ihre eigene Bedingtheit auf irgendeine Art miteinzubeziehen, genügt dem dialektischen Wahrheitsbegriff nicht. Damit wird der (dialektische) Stil zu einem Kriterium für die Wahrheit eines Textes – und umgekehrt der Wahrheitsbegriff zu einer Determinante des Stils.

[24] Was historische oder sozioökonomische Bedingungen und Beschränkungen miteinschließt, denen das Subjekt und damit auch dessen Erkenntnisapparat ja unterliegt.

[25] Metasprache und Objektsprache würden damit also in eins fallen, sozusagen parallel gedacht werden müssen: man denkt etwas, während man im selben Denkprozess zugleich dieses Denken selbst bedenkt – diese „Vermittlung“ ist der Anspruch der Dialektik, wie Adorno sie formuliert. Sie beschreibt immer eine Verschränkung gedanklicher Ebenen, die in „positivisitschen“ Theorien getrennt sind (Inhalt-Form, Metaebene-Objektebene usf.), immer eine gedankliche Gleichzeitigkeit, kein sukzessives Verfahren. Dieses Ziel spiegelt sich in der 'konzentrischen' Schreibweise, einem später zu erläuternden Stilprinzip Adornos wider.

[26] Die „Bedingtheit menschlicher Erkenntnis“ (Adorno 1969, S.167) ist eine zentrale Prämisse der Adornoschen Dialektik-Konzeption. In MM §86 heißt es über die Beschäftigung des Intellektuellen mit Ökonomie:„Läßt er sich aber nicht darauf ein, so hypostasiert er seinen an der ökonomischen Realität, dem abstrakten Tauschverhältnis überhaupt erst gebildeten Geist als Absolutes, während er zum Geist werden könnte einzig in der Besinnung auf die eigene Bedingtheit “ (1969, S.173; H.v.m.). Auch §82 hat diesen Aspekt der Dialektik (und eine entsprechende Abgrenzung zum „Positivismus“) zum Thema; hier schreibt Adorno: “Der transzendierende Gedanke trägt seiner eigenen Unzulänglichkeit gründlicher Rechnung als der durch den wissenschaftlichen Kontrollapparat gesteuerte“ (1969, S.166; H.v.m.) und: „Indem er [der Anspruch des Unbedingten, den der transzendierende Gedanke habe; SB.] Unwahrheit auf sich nimmt, führt er an die Schwelle von Wahrheit im konkreten Bewußtsein der Bedingtheit menschlicher Erkenntnis “ (1969, S.167; H.v.m.).

[27] Auf die Mehrdeutigkeit der Adornoschen „Vermittlung“ weist auch Ricard (1993, S.5f.) hin, wie bereits erwähnt (vgl. Fußnote 6). Neben der für die vorliegende Arbeit irrelevanten ontologischen Vermittlung der Entitäten (vgl. Ricard 1993, S.5f.) kann man als stilrelevant unterscheiden: a) die 'Vermittlung' zwischen Form und Inhalt, wie sie Adorno in MM §§ 44 und 46 erläutert (1969, S.86 u. 91; vgl. Fußnote 7); b) die 'Vermittlung' als Prinzip der „dialektischen Logik“, also eine Selbstreflexivität des Denkens, das erwähnte „Bewußtsein der Bedingtheit“ (1969, S.167), das einer Form-Inhalt-Vermittlung noch vorausgeht, insofern die sprachliche Realisierung der Dialektik (die dialektische Darstellungsform) sie zwar voraussetzt, für ihre Anwendung aber nicht notwendig scheint; diese Vermittlung bleibt, nach stiltheoretischen Begriffen, auf der makrostrukturellen Ebene; c) 'Vermittlung' als spezifisches intellektuelles „Prinzip der Dialektik gegenüber einem bloß äußerlich, dualistisch oder disjunktiv, unterscheidenden Denken“ (Adorno 1974, S.142), welches darin besteht, „daß die beiden einander entgegengesetzten Momente nicht etwa wechselseitig aufeinander verwiesen sind, sondern daß die Analyse eines jeden in sich selbst auf ein ihr Entgegengesetztes als ein Sinnesimplikat verweist“ (ebd.); diese Art der Vermittlung entspricht also einem Verfahren, das die wechselseitige Durchdringung von Begriffs- und Gegensatzpaaren zeigt; d) zu beachten ist, daß Adorno auch nicht-dialektisches Denken als „vermittelnde[s] Denken“ (1969, S.86) bezeichnet, gerade weil es Form und Inhalt nicht vermittelt, sondern trennt, also den Inhalt durch externe Formen weitergibt; „vermittelnde Phrasen“ nennt er in MM §149 „den Verzicht auf den qualitativen Sprung“ (1969, S.314), also das Umschlagen von „Quantität in die Qualität“ (ebd.); diese nicht-dialektische Bedeutung des Verbs „vermitteln“ sei nur prophylaktisch erwähnt, um Mißverständnisse zu vermeiden; sie spielt in der vorliegenden Stil-Analyse keine Rolle. - Solche Bedeutungsunterscheidungen des Vermittlungsbegriffs sind natürlich ihrerseits nicht dialektisch, sondern nur sinnvoll im Rahmen des von Adorno geschmähten „disjunktiven Denkens“, das der Verfasser als notwendig für diese Arbeit erachtet. Daher ist die Unterteilung von 'Vermittlung' nur begrenzt durch Zitate Adornos selbst zu belegen, der eine solche trennscharfe Differenzierung gar nicht beabsichtigt (vgl. Ricard 1993, S.6), sondern nur logisch aus diesen Zitaten herzuleiten. Es sei dabei nochmals betont, daß dies keinesfalls zu dem Zweck geschieht, Adornos Dialektik adäquat zu erschließen, sondern einzig deshalb, um sie für die folgende Stilanalyse nutzbar zu machen, d.h. den Stil Adornos im Rückgriff auf seine dialektischen Grundlagen erschließen zu können, was eine gewisse Kompatibilität der Begrifflichkeiten voraussetzt.

[28] Eine solche „dialektische Logik“wäre natürlich nicht die Makrostruktur selbst, sondern nur ein wesentliches makrostrukturelles Prinzip, ähnlich wie etwa logisch-rationale Standards in argumentativen Texten ein solches makrostrukturelles Prinzip sind.

[29] Eine Begründung dieser methodisch wichtigen Zusatzannahme gebe ich in Kapitel 2.2.2.

[30] Das Wirklichkeitsmodell ist wohlgemerkt das des Autors, nicht eines Textes, d.h. es umfaßt Prämissen und Präsuppositionen zu allen von diesem Autor verfaßten Texten; vgl. Sanders 1977, S.16, der allerdings keine explizite Definition des bei ihm nur randständigen Begriffes gibt.

[31] Die Dreiteilung ist dadurch begründbar, daß Wirklichkeitsmodell – Makrostruktur – Mikrostruktur eine genetische Sukzession bilden, also einander bei der Textproduktion folgen und voraussetzen.

[32] In MM §44: „Zu den Aufgaben der dialektischen Logik gehört es, die letzten Spuren des deduktiven Systems zusammen mit der letzten advokatorischen Gebärde des Gedankens zu beseitigen“ (1969, S.87).

[33] Auf eine erneute Zusammenfassung meiner Argumentation am Schluß der Arbeit habe ich aus Platzgründen zugunsten weniger redundanter Textteile verzichtet.

Ende der Leseprobe aus 35 Seiten

Details

Titel
Stil und Dialektik in Adornos "Minima Moralia"
Hochschule
Universität zu Köln  (Institut für deutsche Sprache und Literatur)
Veranstaltung
Literarische Trauerarbeit: Exilliteratur 1933-45 und ihre Nachzeit
Note
1,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
35
Katalognummer
V188598
ISBN (eBook)
9783656123071
ISBN (Buch)
9783656124092
Dateigröße
680 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schriftlicher Kommentar des Dozenten Prof. Dr. Erich Kleinschmidt: "Eine ungewöhnlich aufwendige Hausarbeit, die durch Sorgfalt der Argumentation und den zugehörigen Reflexionsgrad nicht nur überzeugt, sondern beeindruckt. Eine vorzügliche, Eigenständigkeit markierende Leistung, die weit über dem Durchschnitt liegt, sachlich, 'dialektisch' und sprachlich! Anerkennung und Kompliment.
Schlagworte
Adorno, Dialektik, Stil, Stilistik, Essay, Antithesen, konzentrisches Schreiben
Arbeit zitieren
Sascha Becker (Autor), 2008, Stil und Dialektik in Adornos "Minima Moralia", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/188598

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