Heiliger Krieg im Islam


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007

22 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1. Bedeutung des Wortes Gewalt
2.2. Welche Gewalt kennzeichnet die Religionen?
2.3. Definition eines Heiligen Krieges
2.4. Überlegungen über die Herkunft der Meinung eines kriegerischen Islam
2.5. Bedeutung des Wortes Dschihad
2.6. Dschihad allein zur Verteidigung
2.7. ÄEs gibt keinen Zwang in der Religion.“
2.8. Alamiyyat al-islam
2.9. Staat und Religion
2.10. Vergleich: Gewalt im Christentum

3. Aussichten

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Diese Arbeit soll das Verhältnis der Gewalt zum Islam untersuchen. Dabei wird die Aufmerksamkeit besonders auf den sogenannten ÄHeiligen Krieg“ gerichtet. Dem Verfasser ist bewusst, dass es zu diesem Thema sehr vielfältige Meinungen gibt. Sie schwanken von einem Extrem zum anderen. Einerseits ist vom Islam als eine von Grund auf gewaltsame Religion die Rede, andererseits wird die Gewalt im Islam als eine Verirrung einiger weniger fundamentalistischer Individuen beschrieben. Zudem kommt noch das Problem der Politisierung der Religion hinzu, welches in allen Religionen bedacht werden muss. So ist die Herangehensweise einer Untersuchung von Gewalt in den Religionen sehr unterschiedlich und zudem überaus prekär. Obwohl man als Wissenschaftler oder beim Versuch, einer zu sein, objektiv bleiben sollte, ist wohl nie zu vermeiden, dass die subjektiven Annahmen mit im Spiel sind. Daher lege ich gleich offen, dass ich in Bezug auf die Religionen sehr wohlgesinnt bin und annehme, dass allen Religionen die Bemühung eines besseren Verständnisses der Welt und eines friedlichen Miteinanderlebens zu Eigen ist. Doch diese Annahmen stoßen allenthalben auf Widerstand und daher sehe ich mich gezwungen, diese meine Annahmen zum Teil zurückzunehmen. Liegt es etwa an den falschen Zeugen auf die man sich beruft? Es gibt so viele! Alle sind sie der Meinung, richtig recherchiert und das Material wahrheitsgemäß widergegeben zu haben. Wollte man dem entgehen und eigenständig die Quellen befragen, ergeben sich Fragen wie: Wurde die Quelle verfälscht? Wenn nicht, ist diese Quelle nicht selbst eine Widergabe eines Menschen? Man kann, ad fontes, die heiligen Schriften und ihre frühesten Kommentare studieren oder man lässt sich auf die jüngste Vergangenheit ein und analysiert zudem die Gegenwart. Außerdem kann man die ganze Geschichte einer Religion studieren (Religionsgeschichte). Hier zeichnen sich bereits Spezialisierungen von Wissenschaften ab, die in der Religionswissenschaft alle miteinbezogen werden müssen. Hinzu kommen noch die Religionspsychologie, Religionssoziologie und Religionsethnologie, um nur die wichtigsten zu nennen. Ein weites Feld ...

2. Hauptteil

2.1. Bedeutung des Wortes Gewalt

Zunächst ist das Bedeutungsfeld des Wortes Gewalt näher zu bestimmen, um dann genauer auf das Phänomen der Gewalt eingehen zu können.

Wenn man über Gewalt in den Religionen spricht, so sollte man sich erst einmal die Bedeutung des Wortes ÄGewalt“ vergegenwärtigen.

Das Zusammenleben der Menschen in einer Gesellschaft brachte eine Instanz hervor, welche dafür zuständig ist, die Rechte und Pflichten aller zu reglementieren. In einer Demokratie hat diese Instanz mit einer Macht ausgestattet zu sein, die es ihr erlaubt Gewalt eben dann anzuwenden, wenn die Grundrechte der Menschen in der Gesellschaft von etwas oder jemandem gefährdet werden. Diese Gewalt kann man die rechtliche, schützende Gewalt nennen, die dazu autorisiert worden ist. Gewalt, die jener autorisierten Gewalt gegenübertritt ist eine Willkür-Gewalt, eine Gewalt ohne Legitimation, die daher von jedem ergriffen werden könnte, ohne dazu aufgefordert oder gar berechtigt zu sein. Eine solche Willkür- Gewalt, von jedem beliebigen ergriffen, wenn es ihm gut dünkt, würde eine Lebenssituation herbeirufen, die einer Gesellschaft entspräche, in der das Recht des Stärkeren gelten würde. Eben um dies zu verhindern, wurde eine Instanz geschaffen, die jener Willkür-Gewalt Einhalt gebietet und darum als Schutz-Gewalt bezeichnet werden kann.

Die Schutz-Gewalt soll das Leben der Menschen vor Eingriffen schützen, so wie es die Menschenrechte fordern.

Diese Arten von Gewalt haben schon im Lateinischen ihre Entsprechung und werden dort als potestas und vis unterschieden.

Potestas ist eine auf auctoritas gegründete Amtsgewalt, die zumeist auf rechtlicher, aber auch hervorragender Kompetenz beruht.1

Jene Gewalt, die sich mittels Kraft, Macht, aber auch durch Zwang2 gegen andere durchsetzt, wenn es sein muss auch mit Gewaltsamkeit (violentia), wird lat. als Ävis“ bezeichnet.3 Genauer formuliert:

1. Die Gewalt, die befugt ist zu herrschen, wird potestas genannt, wobei die Befugnis vom Volk auf die Regierung übertragen werden kann usw., im Fall der monotheistischen Religionen wird die Befugnis als von Gott auf die entsprechenden Institutionen, die die Religion vertritt, herkommend legitimiert.
2. Die Gewalt, die sich gegen den Willen anderer mit Zwang durchsetzt, schlimmstenfalls auch mittels verletzender Gewalttätigkeit (violentia), wird als vis bezeichnet.

2.2. Welche Gewalt kennzeichnet die Religionen?

Ohne Zweifel ist es die erstere, welche wir oben als potestas bezeichnet haben, denn sowohl im Islam ist Allah die befugte Gewalt schlechthin als auch Gott im Christentum. Wenn sich nun der Islam und das Christentum auf eben diesen Gott als auctoritas berufen, mit der sie ihre potestas rechtfertigen, so ist damit folgendes verbunden: das Verständnis, welches der Islam und das Christentum von Gott hat und die daraus hervorgehende Verkündigung, Lehrmeinung und Setzung des Rechtes. Das Wirken der Christen in der Welt muss notwendig mit ihrem Verständnis Gottes zusammenhängen.

Im Islam wird die Herrschergewalt direkt als von Gott kommend angesehen und somit wird die Autorität durch die tatsächlich vorhandene Macht legitimiert.4

Es ist ersichtlich, dass von Gewalt in den Religionen nur dann gesprochen werden darf, wenn sich diese gegen den Willen der Menschen mittels Zwang oder Gewaltsamkeit aufdrängt (s.o. vis).

Natürlich kann ein rational denkender moderner Mensch sagen, dass Ädiese Gewalt Gottes als Projektion von Menschen verstanden werden (muss - V.H.), um im Namen Gottes selbst Gewalt auszuüben und Gottes Herrschaft als Herrschaftslegitimation zu gebrauchen“5, doch könnte eine solche Projektion ebenfalls von Gott gewollt sein6. Und wollte man Gott als ein Phantasma des Menschen abtun, so hätte und hat dieses Phantasma doch eine enorme Wirkungsgeschichte hervorgebracht. Außerdem müsste man dann weiterfragen, ob denn nicht sehr vieles, was den Menschen bewegt als Phantasma zu bezeichnen wäre. Die Tatsache allein bleibt bestehen, dass es Religion gibt, und im Folgenden soll untersucht werden, inwieweit sich der Islam bzw. der Koran mit dem Thema Gewalt und heiliger Krieg auseinandersetzt.

2.3. Definition eines Heiligen Krieges

ÄWas genau ‚heiliger Krieg’ ist, lässt sich weitaus schwieriger angeben als gemeinhin unterstellt wird. Die Extreme allerdings sind klar, nämlich einerseits der ‚gerechte Krieg’ zur Verteidigung rational überprüfbarer Ansprüche und mit ethisch abgeklärten Intentionen wie andererseits der Heilige Krieg als Einsatz von Waffengewalt für Gott.“7

So soll demnach der gerechte Krieg als eine säkular bestimmbare Gerechtigkeit, der heilige Krieg hingegen als für die Sache Gottes bestimmbar sein. Die Schwierigkeiten liegen in den vielfältigen Möglichkeiten der Vermischung dieser beiden Vorstellungen. Ist es legitim, einen gerechten Krieg als heiligen Krieg zu proklamieren, indem man diesem religiöse Riten beimengt, oder wie im Fall der Kreuzzüge, dass ein Papst den Segen für diesen Krieg gibt? Oder ist ein Krieg gerecht, nur weil er heilig ist?

Man sieht, welche Schwierigkeiten es bereitet, gerechte und heilige Kriege zu definieren. Der Kirchenhistoriker Arnold Angenendt spricht daher von einem religiösen Krieg, wenn die Waffen direkt für Gott erhoben werden und zwar gegen Menschen einer fremden Religion oder wenn sie Apostaten geworden sind.8

Wir folgen dieser Auslegung und überprüfen, wie sich der Islam dazu verhält.

2.4. Überlegungen über die Herkunft der Meinung eines kriegerischen Islam

Dem Islam wird oft unterstellt, seinen Glauben mit Hilfe eines heiligen Krieges, dem sogenannten dschihad, auszubreiten.

Der Islamwissenschaftler Reza Aslan sieht den Ursprung dieses tiefverwurzelten Stereotyps des Islam als Kriegerreligion in der päpstlichen Propaganda der Kreuzzugszeit. Im Mittelalter wäre der Islam aufgrund der bedrohlich näherrückenden Türken vom gebeutelten Heiligen Römischen Reich als Religion des Schwerts bezeichnet worden.9 Als schließlich die europäische Kolonisierung des 18. und 19. Jahrhunderts eine politische und religiöse Gegenreaktion hervorrief, Ä[«] die unter dem Begriff islamischer Fundamentalismus geläufig ist“10, sei das Bild des grausamen muslimischen Kriegers, der gegen jeden Ungläubigen vorgeht, zu einem Klischee geworden.11 Man kann also festhalten, dass anstelle der muslimischen Krieger der muslimische Terrorist ins Bewusstsein der (westlichen) Öffentlichkeit tritt, andererseits aber zu allen Zeiten offenbar vom heiligen Krieg die Rede ist. Islam und heiliger Krieg gehören scheinbar zusammen - doch zu unrecht, wie sich herausstellen soll. Denn im Koran (arabisch: Qur’an) ist allein vom dschihad die Rede, und eben das Wort dschihad wird nun oft als heiliger Krieg übersetzt.

Klaus Kienzler schreibt im Jahrbuch der Religionsphilosophie: Ä[«] zwischen den Heiligen Kriegen, welche diese Religionen Äim Namen Gottes“ führen oder geführt haben, ist ein Zusammenhang festzuhalten: den Anfang der Heiligen Kriege, oder des Dschihad, die wir heute so sehr befürchten, hat die Westkirche von Rom mit den Kreuzzügen gemacht. Die unseligen Kriege in der Folge sind (auch) Reaktionen darauf.“12

Herr Kienzler meint insbesondere den Kreuzzugsaufruf des Papstes Urban II. von 1095. Diesem Aufruf sollte dann 1097 der erste Kreuzzug folgen. Ein Auszug dieser Rede: ÄIhr also, Brüder, christliches Heer, eingeladenes Heer, das Jesus Christus als Heerführer hat, [«] kämpft für euer Jerusalem, beginnt die Schlacht und besiegt die Türken!“13 Hier wird also die Meinung vertreten, dass nicht der Islam, sondern das Christentum die Thematik des heiligen Krieges eingeführt hat, und erst als Reaktion darauf hätten sich die Muslime diese Thematik zu eigen gemacht.

Diese beiden Standpunkte, die den Islam stark machen wollen gegen eine einseitige Meinung des Islam als eine gewaltsame Religion, können aber auch dazu verführen, ebenfalls einseitig zu denken. Daher soll nun das vielgenannte Wort Ädschihad“, das auch als ÄHeiliger Krieg“ übersetzt wird, näher betrachtet werden, um so eventuell genauere Kenntnis der Sachlage zu gewinnen.

[...]


1 Evangelisches Kirchenlexikon: Bd. 2/4, S. 164

2 Lateinisch-deutsches Handwörterbuch: Bd. 2, S. 3515

3 Evangelisches Kirchenlexikon: Bd. 2/4, S. 164

4 Enders, Markus: Zum Verhältnis von Religion und Gewalt nach den Heiligen Schriften des Judentums (Thora), des Islams (Koran) und des Christentums (Neues Testament). In: Jahrbuch für Religionsphilosophie. Bd. 2. S.112

5 Uhde, Bernhard: ÄKein Zwang in der Religion“ (Koran 2, 256). Zum Problem von Gewaltpotential und Gewalt in den Ämonotheistischen“ Weltreligionen. In: Jahrbuch für Religionsphilosophie. Bd. 2. S. 88

6 vgl. ebd.

7 Angenendt, Arnold: Toleranz und Gewalt. S. 375

8 vgl. ebd. S. 375

9 vgl. Aslan, Reza: Kein Gott Ausser Gott. S.99f.

10 ebd. S. 100

11 vgl. ebd. S.100

12 Kienzler, Klaus: Religiöser Fundamentalismus? In: Jahrbuch für Religionsphilosophie. Bd. 2, S. 51f.

13 Tessore, Dag : Der Heilige Krieg im Christentum und Islam. S.52

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Heiliger Krieg im Islam
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Note
1,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
22
Katalognummer
V188600
ISBN (eBook)
9783656123064
ISBN (Buch)
9783656124085
Dateigröße
633 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Islam, Heiliger Krieg, Christentum, Religionsgeschichte, Religionswissenschaft, Gewalt
Arbeit zitieren
Magister Artium Abe Jarron (Autor), 2007, Heiliger Krieg im Islam, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/188600

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