Volkssprache im katholischen Gottesdienst vor dem II. Vatikanum

Die liturgische Bewegung als Wegbereiterin des Konzils?


Seminararbeit, 2008

14 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Ausgangssituation
1.2 Liturgische Bewegung

2. Hauptteil
2.1 Versuche zur Einführung der Volkssprache in den katholischen Gottesdienst
2.2 Das Streben der Liturgischen Bewegung nach Volkssprache im Gottesdienst
2.2.1 Übersetzungen zur Mitfeier der Messe
2.2.2 Volkssprache im Gottesdienst
2.2.3 Die Krise der Liturgischen Bewegung und ihre Folgen bis zum II. Vatikanum
2.3 Das Zweite Vatikanische Konzil und seine Beschlüsse zur Liturgiesprache

3. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

1.1 Ausgangssituation

Wer heutzutage den Gottesdienst in einer katholischen Kirche besucht, wird in der Regel keine Sprachbarriere zu überwinden haben - die Feier wird fast immer in der Volkssprache abgehalten. Dies ist aber erst seit ungefähr vierzig Jahren der Fall. Bereits lange Zeit vorher gab es Bestrebungen dazu, die Volkssprache in den Gottesdienst einzuführen. Eine hierzu maßgebende theologische Strömung des 20. Jahrhunderts wird „Liturgische Bewegung“ genannt.

Um die Rolle der Liturgischen Bewegung bei der Einführung der Volkssprache in den Gottesdienst angemessen beurteilen zu können, ist es notwendig, sich einen Überblick über die historischen Begebenheiten zu verschaffen.

Seit 1570 lag ein durch Papst Pius V. reformiertes Missale[1] vor, das zugleich mit der Bestimmung verbunden war, „daß in Zukunft an der Messe nichts mehr geändert werden dürfe“[2].

Schon zuvor war im Mittelalter aus der Liturgie eine Klerusliturgie geworden, bei der die passive Teilnahme des Volkes an der Liturgie durch den Einbau des Lettners, die zunehmende Verschiebung des Altars in den hinteren Bereich der Kirche oder die vermehrt einseitige Kommunikation, indem nur der Priester sprach, entstand.[3]

Das oben genannte reformierte Missale, das Papst Pius V. in Ausführung des Konzilsbeschlusses von Trient vorlegte, behielt über Jahrhunderte hinweg seine Gültigkeit.[4]

Dieses Missale hatte die lateinische Sprache als Liturgiesprache vorgesehen, weil es die Konzilsväter nicht für richtig hielten, die Liturgie, wenn auch nur in seltenen Fällen, in der Volkssprache zu feiern, obwohl die Messe inhaltliche Anregungen für das Volk enthält.[5] Bis zur Liturgiereform im Rahmen des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-1965) war damit die lateinische „missa recitata“ vorherrschend, die „streng und ohne jedes Zugeständnis an Volkstümlichkeit gehalten“[6] wurde.

Befürworter der lateinischen Sprache als diejenige, die für die Liturgie vorgeschrieben war, begründeten dies zum Einen mit der „Majestät“ der lateinischen Sprache,[7] weil sie eine feierliche Atmosphäre schafft, zum Anderen mit der Fähigkeit des Lateinischen die Völker zu einen,[8] indem in allen katholischen Gottesdiensten auf jedem Erdteil die gleiche Sprache gesprochen werde, oder aber mit einer „Untauglichkeit“ der Volkssprachen fur das Anstimmen des Lobes Gottes, weil ihnen auch zu Jesu Zeiten noch nicht die Ehre zuteil geworden war, bei Jesus gesprochen worden zu sein.[9]

Die Liturgische Bewegung jedoch wollte den Versuch wagen, diese Fixierung auf die lateinische Sprache im katholischen Gottesdienst zu hinterfragen und zu verändern.

1.2 Die Liturgische Bewegung

Der Begriff der Liturgischen Bewegung ist nicht klar umrissen. Man kann sagen, dass die Liturgische Bewegung der Zusammenschluss all derjenigen war, die nach lebendiger Anteilnahme an der Liturgie und nach einem Leben aus der Liturgie strebten mit dem Ziel „eine vernachlässigte und erstarrte Liturgie wieder lebendig und fruchtbar zu machen“[10]. Sie war also die „Arbeit an der Erneuerung der Liturgie“[11].

Die Anfänge der Liturgischen Bewegung reichen bis ins späte Mittelalter zurück.[12] Erste deutliche Ansätze einer solchen zeigten sich im 17. Jahrhundert in Frankreich mit der Übersetzung des römischen Missales durch Voisin,[13] die jedoch von Seiten Roms durch Alexander VII. verurteilt wurde.[14] Hier kritisierte der Aufklärungskatholizismus die durch die für weite Teile unverständliche Liturgiesprache bedingte lediglich untätige Teilnahme des Volkes an der Liturgie und forderte „einfache, verständliche (deshalb muttersprachliche) und thematisch einheitlich durchgestaltete Meßformulare, volkssprachliche Gesänge“[15] und Ähnliches.

Als Ausgangspunkt der Liturgischen Bewegung kann man das sogenannte „Mechelner Ereignis“ sehen, mit dem die Liturgische Bewegung erstmals „Breitenwirkung“ zeigte und „in ihre pastorale Phase eintrat“[16] . Am 23.9.1909 forderte nämlich der Benediktiner Lambert Beauduin auf dem Katholikentag in Mecheln so leidenschaftlich das „Mittun der Gläubigen beim Gottesdienst der Kirche“[17] , dass er in den belgischen Gemeinden eine liturgische Erneuerungsbewegung auslöste, die bald auf andere Länder Übergriff und in Deutschland 1913 unter Abt Ildefons Herwegen in Maria Laach ihr Zentrum fand.[18]

Zu den renommiertesten Vertretern der Liturgischen Bewegung zählten Romano Guardini (1885-1968), Pius Parsch (1884-1954) und Ludwig Wolker (1887-1955).[19] Romano Guardini, der als der „bekannteste unter den Pionieren der Liturgischen Bewegung in Deutschland“[20] bezeichnet wird, löste 1918 mit seinem Buch „Vom Geist der Liturgie“ eine Diskussion aus, welche „mitten in die entscheidenden Fragen der liturgischen Erneuerung“[21] hineinführte.

Der Wunsch der Vertreter der Liturgischen Bewegung war es stets, die „aktive Teilnahme des Volkes an der Liturgie“[22] zu erlangen, denn sonst „würde die seelische Bewegung bald stocken“[23] . Sie forderten eine größere Einfachheit der Liturgie[24] , die im Laufe der Jahre immer komplizierter geworden war, eine „allgemeine aktive Teilnahme der Laien an der Liturgie, [...] den Vorrang der Liturgie gegenüber Privatgebet und Volksandachten“[25] , wünschten die Liturgie aus Sicht der Laien zu verstehen[26] und traten ein für den Gebrauch der Volkssprache im Gottesdienst[27].

Diese letzte Forderung soll in den folgenden Ausführungen näher behandelt werden.

2. Hauptteil

2.1 Versuche zur Einführung der Volkssprache in den katholischen Gottesdienst

Man kann sagen, dass es schon so lange Bestrebungen zur Einführung der Volkssprache in den Gottesdienst gab, wie die lateinische Sprache Liturgiesprache war.

Im 16. Jahrhundert trat beispielsweise Georg Witzel für den Gebrauch der Volkssprache im Gottesdienst ein, weil „die Liturgie und alle ihre einzelnen Riten [...] dem Volk erklärt werden“[28] sollten.

Ab der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts kam die Forderung nach der Volkssprache im Gottesdienst immer häufiger zu Sprache.

Norbert Korber wandte sich im Jahre 1782 mit dieser Bitte an die österreichischen Bischöfe. Er argumentierte u.a. damit, dass der Priester „in dem Gottesdienst nicht sich selbst, auch nicht für sich allein wie er es in eigenen Gebethen thut [sic!], sondern nach Paulus der ganzen Versammlung“[29] die heilige Messe nahezubringen habe. Seiner Meinung nach wäre die Einführung der Volkssprache sogar ein Schritt zur Einigung der Christen: „Die Volkssprache in öfentlichen [sic!] Gottesdienst wird uns einen Schritt näher bringen zu der Union der getrennten Christen.“[30]

Auch der Bautzener Domdekan und Bischof Franz Georg Lock (1751-1831) trat für die Volkssprache im Gottesdienst ein, ohne die lateinische Sprache ganz verdrängen zu wollen[31]. In seiner Arbeit „Uber die Einführung der Muttersprache bei der Liturgie“ gab er neun Gründe an, die für die Volkssprache im Gottesdienst sprechen: Erstens wolle die Sprache den Gläubigen etwas mitteilen, zweitens sei sie das, was die Gemeinschaft zusammenhält, drittens hätte die alte Kirche von der Volkssprache im Gottesdienst Gebrauch gemacht, außerdem sei Paulus gegen eine fremde und unverständliche Sprache gewesen[32] , darüber hinaus hätten sich spätere Persönlichkeiten, z.B. Papst Pius VI., über die Nützlichkeit der Volkssprache im Gottesdienst geäußert, weiterhin lasse die lateinische Liturgie selbst z.T. die Volkssprache zu, außerdem könnte eine fremde Sprache Aberglauben bei den Gläubigen erzeugen, die Erbauung der Gemeinde würde gefördert werden und zuletzt sei die deutsche Sprache momentan sehr geeignet für die Liturgie.[33] Diese Aspekte wurden auch bei späteren Argumentationen immer wieder aufgegriffen.

Im 19. Jahrhundert wurden vermehrt volkssprachliche Messformulare veröffentlicht. Im „Ersten deutschen, kritischen Meßbuch“ von Vitus Anton Winter aus dem Jahre 1810 fordert auch dieser die Volkssprache im Gottesdienst. Er erkennt, dass die lateinische Sprache „aufgehört hat, Muttersprache und der Mehrzahl verständlich zu sein“[34]. Seiner Meinung nach ist es nur noch eine Frage der Zeit und selbstverständlich, dass bald die Volkssprache Einzug in den Gottesdienst erhält, und verdeutlicht dies mit einer rhetorischen Frage:

„Werden es die kommenden Jahrhunderte (denn lange kann sich der widersinnige Gebrauch nicht mehr erhalten) wohl glauben können, daß die öfentliche [sic!] Gottesverehrung [...] mehr als ein Jahrtausend in einer Sprache gehalten wurde, die dem Volke ganz, dem Priester aber zum Theile [sic!] unzugänglich ist?“[35]

Auch in England gab es zu dieser Zeit unter Kardinal Wiseman (1802-1865) Bestrebungen, das Missale, das Rituale[36] und das Pontifikale[37] den Gläubigen in einer Übersetzung anzubieten.[38]

[...]


[1] Amtliches Messbuch.

[2] KOLBE, Liturgische Bewegung, 9 (In den Fußnoten werden Kurztitel verwendet; zu den Abkürzungen s. Literaturverzeichnis).

[3] Vgl. ebd., 6.

[4] Vgl. ebd., 9.

[5] Vgl. KOROLEVSKIJ, Liturgie, 140.

[6] GUARDINI, Berichte, 107.

[7] Vgl. PEHEM, Abhandlung, 19.

[8] Vgl. PEHEM, Abhandlung, 24.

[9] Vgl. ebd.,41.

[10] KOLBE, Liturgische Bewegung, 5.

[11] SELLE, Latein und Volkssprache, 27.

[12] MAAS-EWERD, Art. Bewegung, 992.

[13] Vgl. KOLBE, Liturgische Bewegung, 10.

[14] Vgl. ebd., 11.

[15] SCHMIDT-LAUBER, Art. Liturgische Bewegungen, 404.

[16] MAAS-EWERD, Art. Bewegung, 992.

[17] SCHMIDT-LAUBER, Art. Liturgische Bewegungen, 405.

[18] Vgl. ebd., 405.

[19] Vgl. SCHMIDT-LAUBER, Art. Liturgische Bewegungen, 405.

[20] KOLBE, Liturgische Bewegung, 47.

[21] Ebd., 43.

[22] PARSCH, Volksliturgie, 25.

[23] GUARDINI, Geist der Liturgie, 34.

[24] Vgl. KOLBE, Liturgische Bewegung, 7.

[25] Ebd., 13.

[26] Vgl. PARSCH, Volksliturgie, 26.

[27] SELLE, Latein und Volkssprache, 30.

[28] KOLBE, Liturgische Bewegung, 8.

[29] KORBER, Bitte an die Bischöfe, 58.

[30] KORBER, Bitte an die Bischöfe, 62.

[31] Vgl. KOLBE, Liturgische Bewegung, 15.

[32] Vgl. 1 Kor 14.

[33] Vgl. KOLBE, Liturgische Bewegung, 16.

[34] WINTER, Erstes Meßbuch, 185.

[35] Ebd.

[36] Liturgisches Buch für die Amtshandlungen des katholischen Priesters.

[37]Liturgisches Buch für die bischöflichen Amtshandlungen.

[38] Vgl. KOLBE, Liturgische Bewegung, 21.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Volkssprache im katholischen Gottesdienst vor dem II. Vatikanum
Untertitel
Die liturgische Bewegung als Wegbereiterin des Konzils?
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Katholisch-Theologische Fakultät)
Note
1,7
Autor
Jahr
2008
Seiten
14
Katalognummer
V188631
ISBN (eBook)
9783656123668
ISBN (Buch)
9783656134497
Dateigröße
439 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
volkssprache, gottesdienst, vatikanum, bewegung, wegbereiterin, konzils
Arbeit zitieren
Elisabeth Keppe (Autor), 2008, Volkssprache im katholischen Gottesdienst vor dem II. Vatikanum, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/188631

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