Kreuzzug gleich Kreuzzug?

Der Erste Kreuzzug und der Abschluss der Reconquista – ein Vergleich


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007

20 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Rahmenbedingungen des Ersten Kreuzzugs: Großes Schisma; das Hilfeersuchen des byzantinischen Kaisers an den Westen
2.1 Die Motive der Kreuzfahrer

3. Die Rahmenbedingungen des Abschlusses der Reconquista: Ein grober Abriss der Ereignisse vom 8. bis ins 15. Jahrhundert
3.1 Die Motive der iberischen Könige

4. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Eine letztgültige, allgemein anerkannte Definition des Begriffs ,Kreuzzug‘ liegt bis dato nicht vor; dementsprechend herrscht auch Uneinigkeit darüber, welche Kriege oder kriegsähnlichen Auseinandersetzungen unter diesem Begriff zu fassen sind: „Lange standen sich hier zwei Lehrmeinungen gegenüber: Während die erste nur die Unternehmungen in den Vorderen Orient als Kreuzzüge bezeichnete, vertrat die zweite eine weitere Definition, die auch andere Gebiete einschloss.“[1] Ein entscheidender Grund für die Uneinigkeit ist unter Umständen, dass der Begriff Kreuzzug ein nachträglich entstandener, also ahistorischer Begriff ist, um verschiedene Phänomene damit zu fassen, die keineswegs homogen gewesen sind und zum Zeitpunkt ihres Stattfindens von den beteiligten Zeitgenossen auch nicht als Kreuzzüge bezeichnet wurden.

Ein gewisser Konsens kann z. B. darin gefunden werden, unter Kreuzzügen „alle von Päpsten ausgerufene[n] und mit der Zusage eines Ablasses ausgestattete[n] Kriegszüge gegen Feinde des Glaubens und der Kirche [zu verstehen] – also auch die Unternehmungen gegen Ketzer, gegen die Muslime auf der Iberischen Halbinsel oder gegen die Heiden an der Ostsee.“[2] Diese Definition eignet sich sicherlich, um das komplexe Phänomen Kreuzzüge überblicksartig zu fassen, indem sie eine eher formale Gemeinsamkeit benennt – der jeweiligen Spezifik und Unterschiedlichkeit der unter ihr zusammengefassten Unternehmungen wird sie jedoch nicht gerecht. Die von Päpsten ausgerufenen und mit der Zusage eines Ablasses verbundenen Kriegszüge des Mittelalters unterschieden sich erheblich voneinander, vor allem, was ihre Ursachen und die Motive der Beteiligten angeht. Anhand eines Vergleichs des Ersten Kreuzzugs mit dem Abschluss der Reconquista in den 80er Jahren des 15. Jahrhunderts möchte ich die Inhomogenität dieser Kreuzzüge näher untersuchen. Im Zusammenhang mit beiden Ereignissen gab es eine päpstliche Kreuzzugsbulle mit bestimmten Privilegien; dennoch scheinen die jeweiligen Hintergründe, Entstehungsbedingungen und Motive vollkommen verschieden gewesen zu sein. Welche Motive können als konstitutiv angesehen werden für den Ersten Kreuzzug, welche für den Abschluss der Reconquista? Diese Frage wird in der Forschung kontrovers diskutiert; ich werde versuchen, die wesentliche Positionen zusammenzufassen. Letztendlich möchte ich zeigen, dass beide Unternehmungen zwar als Kreuzzüge gelten, dabei aber erhebliche Unterschiede aufweisen.

2. Die Rahmenbedingungen des Ersten Kreuzzugs: Großes Schisma; das Hilfeersuchen des byzantinischen Kaisers an den Westen

Als ein das Entstehen der Kreuzzüge beeinflussender Faktor kann die sich über mehrere Jahrhunderte entwickelnde Entfremdung zwischen der west- und der oströmischen Kirche angesehen werden, als deren vorübergehender Höhepunkt das Große oder Morgenländische Schisma von 1054 gilt, wobei der Charakter dieser Ereignisse als einer entscheidenden Zäsur umstritten ist.[3]

Die zunehmende Entfremdung der beiden Kirchen voneinander hatte vielfältige Ursachen; es handelte sich um ein komplexes, prozesshaftes Phänomen, wobei dessen Grundkonflikt offenbar in einem in West und Ost unterschiedlichen Verständnis vom Aufbau der kirchlichen Struktur wurzelte. Insbesondere der päpstliche Primatsanspruch barg Konfliktpotential.[4] Hinzu kam, dass „im Laufe des 5. und 6. Jh. [...] in Rom die Kenntnis der griechischen Sprache, wie auch in Konstantinopel die der lateinischen, immer weiter zurückgegangen [war]“[5], was einen theologischen Austausch zumindest erschwerte. Wichtige theologische Werke, wie Augustinus` Ausführungen bellum iustum über das Wesen des gerechten Krieges, die die theologische Grundlage bildeten für die später stattfindenden Kreuzzüge, wurden erst nach dem Ersten Kreuzzug ins Griechische übersetzt. Dies ist sicherlich einer der Gründe dafür, dass dem byzantinischen Kaiser sowie den Patriarchen der sich entwickelnde Kreuzzugsgedanke, in dessen Namen die Kreuzfahrer nach Byzanz kamen, grundsätzlich fremd war und blieb; auf weitere Gründe für das Fehlen eines Verständnisses des Kreuzzugsgedankens in Byzanz wird später noch einzugehen sein, wenn es um die Frage der byzantinischen Beteiligung am Ersten Kreuzzug geht.

Um das Jahr 1053 entzündete sich der Konflikt zwischen beiden Kirchen an Fragen der Liturgie[6] und mündete letztendlich in die gegenseitige Exkommunikation kirchlicher Gesandter, was – wie erwähnt umstrittenerweise – als zentrale Zäsur des Schismas angesehen wird. Es folgten in den nächsten Jahren Annäherungsversuche und schließlich eine Verschärfung der Spannungen während des Ersten Kreuzzugs.

Das Schisma kann insofern als ein wichtiger Rahmen für den Ersten Kreuzzug angesehen werden, weil die Möglichkeit zu dessen Überwindung Papst Urbans II. Reaktion auf das Hilfeersuchen Kaiser Alexios Komnenos` I. mit Sicherheit beeinflusst hat: „Folgendes [darf] als gesichert gelten. Urban II. hoffte, Rom genieße beim Patriarchat nach einer erfolgreichen Hilfeleistung ein so hohes Ansehen, daß über alle Divergenzen hinweg ein Kirchenfrieden zustande kommen könne.“[7]

Das Schisma scheint wenigstens indirekt auch für das Vorgehen von Byzanz im Vorfeld des Kreuzzuges eine Rolle gespielt zu haben – oder vielmehr einer der Kernpunkte der Auseinandersetzung, der päpstliche Primatsanspruch – und zwar insofern, als „mit dem Hilfeersuchen an das Papsttum intendiert [war], seinen Anspruch, für die gesamte Christenheit verantwortlich zu sein, zugunsten von Byzanz auszunutzen.“[8] Ralph-Johannes Lilie merkt im Zusammenhang seiner Ausführungen über die byzantinische Gesandtschaft, die Alexios` Hilfeersuchen dem Papst in Piacenza übergab an, dass hierbei möglicherweise auch Verhandlungen, die Kirchenspaltung betreffend, stattfinden sollten.[9] Das Schisma war also ein zeitgenössischer Umstand, dessen Wirkung zumindest auf die päpstliche sowie die kaiserliche Motivation in Bezug auf den Ersten Kreuzzug in Betracht gezogen werden muss.

Das Hilfeersuchen des byzantinischen Kaisers wird generell als ein konstitutiver Anlass für den Ersten Kreuzzug angesehen, weil zwischen diesem und dem päpstlichen Kreuzzugsaufruf einige Monate später in Clermont eine direkte Verbindung unterstellt wird. Allerdings ist der exakte Inhalt des Aufrufs nicht überliefert; die Zeugnisse darüber, die sich erheblich voneinander unterscheiden, sind nach Axel Bayer deshalb „als irrelevant für die Frage anzusehen, ob zwischen dem Ersuchen des Alexios I. in Piacenza und dem Kreuzzugsappell von Clermont ein Zusammenhang besteht.“[10] Gemeint ist natürlich ein direkter und unmittelbarer Zusammenhang; dass der Kreuzzugsaufruf vollkommen unabhängig vom byzantinischen Hilfeersuchen geschah, ist eher unwahrscheinlich; die Frage ist ja gerade, inwiefern genau er sich auf diesen bezog – ob der Papst etwa bloß einer Bitte nach Unterstützung nachkam oder ob er vielmehr weitergehende Interessen verfolgte. Eines dieser Interessen Urbans II., die er mit dem Aufruf verfolgte, scheint dasjenige gewesen zu sein, durch den Aufruf die durch das Schisma entstandenen Verhältnisse in seinem Sinne zu beeinflussen.

Überlagert wird dieser Zusammenhang dadurch, dass die konkreten Auswirkungen des Kreuzzugsappells die vermuteten Erwartungen Urbans II. übertrafen. Der enorme Widerhall, den der Appell fand, scheint so nicht vorhergesehen worden zu sein[11] und muss von der ursprünglichen Motivation Urbans getrennt betrachtet werden, um nicht aus späteren Ereignissen Rückschlüsse zu ziehen auf anfängliche Intentionen. Es ist insbesondere umstritten, inwiefern Jerusalem, das letztendliche Ziel des Ersten Kreuzzugs, in Urbans Clermonter Kreuzzugsaufruf explizit eine Rolle gespielt hat. Walter Zöllner weist darauf hin, dass Jerusalem als Ziel zwar in den Clermonter Konzilsakten erwähnt sei, er bezweifelt aber, dass Urban dieses im Aufruf selbst erwähnt hat[12], wohingegen Klaus Herbers dies nicht ausschließen möchte, aber zu bedenken gibt, dass „Urbans Intentionen und die Assoziationen der teilnehmenden Krieger nicht in allem deckungsgleich waren.“[13] Gerade diesen Punkt, dass die päpstliche Interessenlage und diejenige der Kreuzfahrer nicht zwingendermaßen übereinstimmen mussten, gilt es im Zusammenhang mit dem Schisma zu betonen: „So wie das Zerwürfnis von 1054, waren auch die späteren Spannungen zwischen den beiden Kirchen nur wenigen in Westeuropa bekannt geworden. Von den Anführern der Kreuzzugsheere hat lediglich Boemund von Tarent [...] mit Sicherheit Genaueres gewußt.“[14] Ein Zusammenhang von Schisma und Kreuzzug kann also nicht als für alle Beteiligten geltend angenommen werden, sondern muss für die einzelnen Akteure gesondert untersucht werden.

Ungewöhnlich war im Übrigen das Hilfeersuchen des byzantinischen Kaisers nicht; es hatte bereits mehrmals derartige Anfragen gegeben; – u. a. 1054, zum Zeitpunkt der gegenseitigen Exkommunikation der kirchlichen Gesandtschaften, hatte der damalige byzantinische Kaiser um militärische Unterstützung gegen in Teile seines Reiches einfallende Normannen gebeten; auch hatte es schon Anfragen um Unterstützung gegen die Byzanz bedrängenden Seldschuken gegeben.[15] Ungewöhnlich war stattdessen der große Widerhall des Kreuzzugsaufrufes, mit dem weder der Papst noch Alexios Komnenos gerechnet haben dürften.

Das Hilfeersuchen Alexios` im Vorfeld des Ersten Kreuzzugs bezog sich denn auch erneut auf Unterstützung gegen die Seldschuken, die Teile des byzantinischen Reichs bis kurz vor dessen Hauptstadt Konstantinopel erobert hatten.

„Gedacht war dabei sicher nicht an eine direkte Hilfeleistung, da Urban II. nicht über die Mittel hierzu verfügte, sondern wahrscheinlich daran, den Papst als Mittler zu gewinnen, der das byzantinische Anliegen im Abendland möglichst effektiv zu verbreiten vermochte. [...] Wahrscheinlich hat Alexios versucht, mit Hilfe des Papstes im Abendland Truppen zu rekrutieren, die ihm gegen die Seldschuken helfen sollten.“[16]

Die byzantinische Motivation für das so oft erwähnte Hilfeersuchen, das – unmittelbar oder mittelbar – als konstitutiver Anlass für den Ersten Kreuzzug gilt, war also eine von taktischen und militärischen Überlegungen geprägte. Religiöse Motive scheinen Nebensache gewesen zu sein, und zwar aus mehreren Gründen. Zwar impliziere „eine Gesandtschaft an den Papst natürlich eine stärkere Hervorhebung der religiösen Komponente“[17], aber dies scheint eben eher taktische Gründe gehabt zu haben. Das Hauptargument für die Annahme, dass Byzanz in erster Linie ,weltliche‘ Gründe dafür hatte, ein derartiges Hilfeersuchen zu senden, besteht darin, dass in Byzanz die Idee eines religiösen Krieges ganz einfach fremd war[18] ; eine Idee, die sich im weströmischen Reich gerade zu entwickeln begann und im Ersten Kreuzzug zur Ausführung kam.

Byzanz war im ausgehenden 11. Jahrhundert von nichtchristlichen Mächten umgeben, „man führte Kriege gegen Ungläubige nicht, weil diese ungläubig waren, sondern ausschließlich aus »materiellen« Gründen, wie sie unter benachbarten Staaten, christlichen wie nichtchristlichen, üblich waren: Um sich gegen Invasionen zu verteidigen oder um selbst anzugreifen und Gewinne zu machen.“[19] Das Verhältnis der Byzantiner zu den ,Ungläubigen‘ war „eher von gegenseitigem Respekt geprägt als von Abneigung oder Hass“[20], was sich u. a. darin zeigt, dass Moscheen im Reich geduldet wurden.[21]

[...]


[1] Jaspert, Nikolas: Die Kreuzzüge. Darmstadt 2003. S. IX.

[2] Ebd. S. IX.

[3] Vgl. z. B. Suttner, Ernst Christoph: Die Kirche in einer zueinander rückenden Welt. Würzburg 2003.

[4] Vgl. Bayer, Axel: Spaltung der Christenheit. Das sogenannte Morgenländische Schisma von 1054. Köln, Weimar, Wien 2002. S. 9.

[5] Ebd. S. 18.

[6] Vgl. ebd. S. 63.

[7] Ebd. S. 167.

[8] Ebd. S. 166.

[9] Vgl. Lilie, Ralph-Johannes: Byzanz und die Kreuzzüge. Stuttgart 2004. S. 33.

[10] Bayer: Spaltung der Christenheit. S. 165.

[11] Vgl. z. B. Zöllner, Walter: Geschichte der Kreuzzüge. Berlin 1987. S. 55.

[12] Ebd. S. 50.

[13] Herbers, Klaus: Die Eroberung Jerusalems 1099: Ergebnisse und Perspektiven. In: Bauer, Dieter; Herbers, Klaus; Jaspert, Nikolas (Hg.): Jerusalem im Hoch- und Spätmittelalter. Frankfurt am Main 2001. S. 441.

[14] Bayer: Spaltung der Christenheit. S. 167.

[15] Vgl. Lilie: Byzanz und die Kreuzzüge. S. 33.

[16] Ebd. S. 33.

[17] Ebd. S. 33.

[18] Vgl. ebd. S. 25.

[19] Ebd. S. 25.

[20] Ebd. S. 26.

[21] Vgl. ebd. S. 26.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Kreuzzug gleich Kreuzzug?
Untertitel
Der Erste Kreuzzug und der Abschluss der Reconquista – ein Vergleich
Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover  (Historisches Seminar)
Veranstaltung
Die Kreuzzugsbewegung
Note
1
Autor
Jahr
2007
Seiten
20
Katalognummer
V188634
ISBN (eBook)
9783656123248
ISBN (Buch)
9783656123972
Dateigröße
511 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
kreuzzug, erste, abschluss, reconquista, vergleich
Arbeit zitieren
Christoph Eyring (Autor), 2007, Kreuzzug gleich Kreuzzug?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/188634

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