Hans Castorps "Besuch" auf Thomas Manns "Zauberberg" - warum aus drei Wochen sieben Jahre werden


Hausarbeit (Hauptseminar), 2009
25 Seiten, Note: 2

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Reise und Ankunft
2.1 Das Leben des Hans Castorp im „Flachland“
2.2 Das Unbehagen in der Kultur und die Parallelen zu Hans Castorps Leben
2.3 Madame Chauchat und die Wiederkehr des Verdrängten
2.4 Hans Castorps Interesse an Lodovico Settembrini

3. Schluss

1. Einleitung

„Ein einfacher junger Mensch reiste im Hochsommer von Hamburg, seiner Vaterstadt, nach Davos-Platz im Graubündischen. Er fuhr auf Besuch für drei Wochen.“[1]

Wie wir wissen, blieb Hans Castorp, der junge Mensch aus obigem Zitat, nicht nur für drei Wochen im „Internationalen Sanatorium Berghof“, sondern entschieden länger. Ganze sieben Jahre wurden es, die ihm von Thomas Mann „dort oben“ auf dem „Zauberberg“, in dessen gleichnamigem epochalen Roman Der Zauberberg von 1924, vergönnt sein sollten. Die Frage, die ich stellen möchte, lautet: Warum eigentlich? Warum bleibt Hans Castorp? Warum bleibt er, obwohl triftige Gründe dagegen sprechen? Was veranlasst ihn, seine Laufbahn „im Flachland“ nicht wie geplant und von allen Seiten erwartet anzutreten, sondern sich in „moralischen, geistigen und sinnlichen Abenteuern“[2] „bei denen da oben“ zu verlieren? Die Entscheidung zu bleiben; eine - wahrscheinlich sogar die bedeutsamste Entscheidung im Leben des jungen Hans Castorp - die Entscheidung also zu bleiben, den „Besuch“ von drei Wochen auf fast ein Jahrzehnt auszudehnen, wieso trifft Hans Castorp diese Entscheidung? Oder ist es vielmehr so, dass sie, die Entscheidung, für ihn getroffen wird? Zugespitzt gesagt, dass sie sich vielleicht „ganz von selbst“ trifft?

Unter Berücksichtigung sowohl aktueller Forschungsliteratur als auch zeitgenössischer Werke, vor allem aus dem Bereich der zu Beginn des 20. Jahrhunderts von Sigmund Freud entwickelten Psychoanalyse, welche Thomas Mann nachweislich stark beeindruckt hat, unter Berücksichtigung also vor allem psychoanalytischer Diskussionsansätze, aber ebenso unter Hinzuziehung textimmanenter Erklärungsansätze möchte ich versuchen, einer Antwort auf diese Fragen näherzukommen.

2. Reise und Ankunft

Unmittelbar auf die ersten beiden Sätze des Romans, die die knapp gehaltene Verkündung beinhalten, dass sich ein junger Mensch, Hans Castorp, von Hamburg nach Davos begebe und zwar auf Besuch für drei Wochen, unmittelbar hieran schließt sich bereits die erste Andeutung Thomas Manns bzw. des Erzählers, die Dauer des geplanten Aufenthalts betreffend: „Von Hamburg bis dort hinauf, das ist aber eine weite Reise; zu weit eigentlich im Verhältnis zu einem so kurzen Aufenthalt.“[3]

Zu weit eigentlich... Vor dem Hintergrund der Fragestellung gelesen, die mich durch diese Erörterungen führen soll, nämlich warum Hans Castorp seinen auf drei Wochen angesetzten Besuch auf eine so schier unermeßlich lange Zeitspanne ausdehnt, vor dem Hintergrund der Frage also, wer oder was den jungen Hans Castorp dazu veranlasst zu bleiben, scheint hier eine ganz allgemein gehaltene Antwort bereits zaghaft und Künftiges vorwegnehmend angedeutet zu werden: Diese Reise ist, unter den Voraussetzungen, unter denen sie angetreten wird, von vornherein schon per se so eigentlich nicht durchführbar. Sie ist - ihren räumlichen sowie den zeitlichen Gesichtspunkt zusammen betrachtet - zu weit. Thomas Mann scheint also bereits ganz zu Anfang das Augenmerk der Leser auf die Dauer des Aufenthalts bzw. auf die Fragwürdigkeit eines kurzen Aufenthalts dieses jungen Hanseaten im schweizerischen Hochgebirge lenken zu wollen.

Was für die Zugfahrt selber gilt, mit Hilfe derer sich Hans Castorp nach Davos begibt, soll im Übrigen auch für Castorps „Besuch“ auf dem „Zauberberg“ generell gelten: „Es gibt Aufenthalte und Umständlichkeiten. Die Reise „verzettelt sich [...].“[4] Überhaupt, so der Erzähler, setze ein solcher Ortswechsel Kräfte im Menschen frei, die zu „inneren Veränderungen“ führten und ihn in „einen freien und ursprünglichen Zustand“[5] versetzten. Zu welchen „inneren Veränderungen“ genau diese Reise bei dem jungen Ingenieur Hans Castorp führen soll, steht im Einzelnen auf den nächsten 980 Seiten des Romans. Hervorzuheben ist jedenfalls, dass sich bereits auf der Zugfahrt eine gewisse Wandlung des Helden Hans Castorp vollzieht und zwar seine Einstellung der ganzen Unternehmung gegenüber betreffend. Hatte er anfangs noch „nicht beabsichtigt, diese Reise sonderlich wichtig zu nehmen, sich innerlich auf sie einzulassen“[6], so muss er bald feststellen, dass er von den „Umständen“[7] doch mehr in Anspruch genommen wird, als er gedacht hatte. Erregung und eine „gewisse Ängstlichkeit“[8] umfangen ihn; auf den ersten Blick, weil von der Luftveränderung im Hochgebirge ohne ausreichende Akklimatisierung vielleicht schädliche Auswirkungen zu erwarten sind, vielleicht aber auch, weil Hans Castorp zu ahnen beginnt, in welche geistigen und emotionalen Höhen und Abgründe ihn diese Reise durch diese „extremen Gegenden“, durch „stockfinstere Tunnel“, an „Abgründen“, „Engpässen“, „Schründen und Spalten“ vorbei in diese „unangemessenen Sphären“[9] hinauf wirklich führen könnte.

Perplex und verdutzt erreicht Hans Castorp schließlich eher als erwartet sein Reiseziel. Fast weigert er sich auszusteigen.

Seinem Vetter Joachim Ziemßen wiederum gegenüber beeilt sich Hans Castorp noch, seine ursprüngliche Absicht, nämlich die eines kurzen Aufenthalts, deutlich herauszustellen. Ob er, Joachim, denn nach drei Wochen zusammen mit ihm hinunter käme, will dieser wissen. Als jener verneint und stattdessen angibt, er müsse wohl noch ein halbes Jahr im Sanatorium bleiben, reagiert Hans Castorp heftig: „Bist du toll? [...] Man hat doch nicht so viel Zeit -!“[10]

„Man hat doch nicht so viel Zeit – !“ Zeit wofür eigentlich bzw. was gibt es denn Wichtigeres zu erledigen, wovon ein ausgedehnter Aufenthalt in einer Kurklinik abhalten könnte? Hans Castorp lässt an dieser Stelle offen, was genau er meint. Wir können nur mutmaßen, dass er von seinem baldigen Eintritt als Volontär in die Werft „Tunder & Wilms“ spricht und von seinem Leben „im Flachland“ allgemein, seinem Leben, in das zurückzukehren er „als ganz derselbe“ beabsichtigt, „als der er abgefahren war“.[11] Ob dieses Leben jedoch nicht vielleicht bereits den Keim in sich trägt, der, zur Saat aufgegangen, ihn später, neben weiteren Umständen, veranlassen sollte, viel länger als geplant im schweizerischen Hochgebirge zu bleiben, wird sich zeigen lassen.

Fürs Erste aber lässt sich festhalten, dass Hans Castorp durchaus noch in seinem Entschluss gefestigt, nach drei Wochen Besuch wieder abzureisen, in Davos eintrifft. Seine Festigkeit allerdings wird löchrig und porös werden mit der Zeit, „löcherig und porös“ wie jenes „langgestreckte Gebäude mit Kuppelturm“[12], das „Internationale Sanatorium Berghof“, der „Zauberberg“.

2.1 Das Leben des Hans Castorp im Flachland

Interessanterweise scheint Hans Castorp ganz zu Beginn des Zauberbergs der festen Absicht zu sein, nach ein paar Tagen wieder abzufahren, wieder abzufahren und zurückzukehren in sein Leben im Flachland, und zwar unverändert zurückzukehren. Interessant insofern, als sich dieses Leben im Flachland als eines erweist, dem der junge Hans Castorp, „Familiensöhnchen und Zärtling“[13], durchaus ambivalente Tendenzen entgegenbringt, wie wir in einer näheren Betrachtung dessen erkennen können, was von seinen Lebensumständen im heimatlichen Hamburg erwähnt wird.

Hans Castorp verliert seine beiden Elternteile sehr früh, zwischen seinem fünften und siebten Lebensjahr. Der Großvater, dem Hans Castorp eine faszinierte Sympathie entgegenbringt, nimmt ihn auf, bis auch er stirbt. Castorp wechselt erneut seine Lebensumgebung, er kommt zu Konsul Tienappel ins Haus, seinem Vormund und Großonkel. Dieser verwaltet die Hinterlassenschaft der Familie Castorp und er ist es auch, der dem Jungen Hans Castorp eröffnet, dass dieser zwar ein beträchtliches Erbe antreten könne, aber dennoch „ordentlich dazuverdienen müsse“, wenn er „was vorstellen will in der Stadt und leben“[14], wie er es gewohnt ist. Und gewohnt ist Hans Castorp, wenn nicht gerade Luxus, so doch aber Behaglichkeit, unter der er vor allem gutes Essen, Zigarren und Mußestunden versteht. Womit er „ordentlich etwas dazuverdienen“ kann, darüber herrscht in dem Schüler Hans Castorp noch längere Zeit Unentschlossenheit - solange, bis Wilms, ein Freund der Familie, den Vorschlag macht, Hans solle Schiffbau studieren und später dann in dessen Werft „Tunder & Wilms“ anfangen zu arbeiten. Als sich diese Frage dann also entschieden hatte, „fühlte er [Hans Castorp] wohl, daß es sich ebensogut anders hätte entscheiden können.“[15] Gewissermaßen gab also der Zufall dem Leben des jungen Hans Castorp seine Richtung. Dass es Schiffbau wurde, lag wohl auch daran, dass Hans Castorp seit jeher mit solcherlei maritimen Eindrücken vertraut war wie Werften, Kräne und der Hafen sie darstellen; dies waren Dinge, die, „lauter Empfindungen gemütlich-heimatlicher Zugehörigkeit in ihm erweckend“[16] ihn mit einem tiefem Einverständnis der „Atmosphäre“ dieser Meerstadt gegenüber und mit „Wohlleben“ allgemein erfüllten. Hans Castorps „hübsche, wenn auch leidenschaftslose Begabung für Mathematik“[17] war sicherlich nicht unbedingt ausschlaggebend für die Wahl seines Studienfachs.

Nachdem Hans Castorp nach einem achtsemestrigem Studium in Danzig, Braunschweig und Karlsruhe seine Abschlussprüfung absolviert hatte, stellt er konsequenterweise fest, dass ihn die Arbeit doch mehr mitgenommen, als er gedacht hatte. Der Hausarzt der Familie, Dr. Heidekind, rät zu einer Luftveränderung und da sich Hansens Vetter Joachim Ziemßen zu dieser Zeit in Davos aufhält, liegt es nahe, dass Hans Castorp ihn dort besuchen solle.

Festhalten können wir also, dass es neben der Tatsache der guten Gelegenheit, seinen „sich halb zu Tode langweilenden“[18] Vetter zu besuchen auch noch gewisse weitere, medizinisch indizierte Gründe gab, warum Hans Castorp schließlich seinen Weg ins Sanatorium antritt. Angesetzt und von allen Seiten erwartet war ein Besuch für drei Wochen.

Ich sagte oben, die Arbeit für die Abschlussprüfung habe Hans Castorp konsequenterweise sehr angestrengt, denn dass es sich so verhielt war abzusehen, wenn wir einen etwas tieferen Blick auf das Wesen dieses jungen Schiffbauingenieurs, seine Einstellung zur Arbeit und seine Vorlieben ganz allgemein werfen.

Thomas Mann beschreibt Hans Castorp als einen Menschen, der sehr großen Respekt vor der Arbeit hat, vor der Arbeit als einem abstrakten Prinzip, aber gleichzeitig dieselbe nicht „liebt [...] und zwar aus dem einfachen Grunde, weil sie ihm nicht bekam.“[19] Trotzdem ist die Arbeit für ihn ein „Absolutum der Zeit“[20] ; der Zeit, in der er lebt und die herrschende Gegenwart ist für Hans Castorp nicht bloß etwas, was ausser seiner selbst läge und was sonst nichts weiter mit ihm zu tun gehabt hätte, sondern er fühlt sich auf gewisse Weise mit dieser seiner Zeit verbunden:

„Der Mensch lebt nicht nur sein persönliches Leben als Einzelwesen, sondern, bewusst oder unbewusst, auch das seiner Epoche und Zeitgenossenschaft, und sollte er die allgemeinen und unpersönlichen Grundlagen seiner Existenz auch als unbedingt gegeben und selbstverständlich betrachten und von dem Einfall, Kritik daran zu üben, so weit entfernt sein, wie der gute Hans Castorp es wirklich war, so ist doch sehr wohl möglich, daß er sein sittliches Wohlbefinden durch ihre Mängel vage beeinträchtigt fühlt.“[21]

Hans Castorp fühlt sich also auf irgendeine Art mit seiner Epoche verbunden oder sagen wir vielmehr, gewisse Umstände seiner Epoche beeinträchtigen ihn vage, beeinträchtigen, ja schädigen sogar vielleicht sein Wohlbefinden. Ich erwähnte weiter oben bereits, dass Hans Castorp die Behaglichkeit liebte, die freie Zeit, die Mußestunden usw. und nun verhält es sich derart bei ihm, dass die „Umstände seiner Epoche“ - genauer: die Arbeit, dieses „Absolutum der Zeit“ - ihm bei der Ausübung behaglicher Tätigkeit, etwa „dem ungetrübten Genuß von Maria Mancini [eine Zigarrenmarke] etwas im Wege war.“[22] Seine Ahnung davon, dass die von ihm so hoch respektierte Arbeit - oder allgemeiner: dass „alle Anstrengung und Tätigkeit“[23] - vielleicht in Wahrheit gar keinen Sinn haben könnten, diese Ahnung, die Hans Castorp offenbar hegt und die ihm von seiner Zeit und der in ihr lebenden Gesellschaft nicht ausreichend genommen oder beantwortet wird, diese Ahnung nun zeitige eine

„gewisse lähmende Wirkung [...], die sich auf dem Wege über das Seelisch-Sittliche geradezu auf das physische und organische Teil des Individuums erstrecken mag.“[24]

Hans Castorp ist schnell ermüdet von Arbeit, sie strengt ihn an, „zerrte an seinen Nerven [und] sie erschöpfte ihn bald.“[25] Wir wissen jetzt, warum.

Der Erzähler lässt Hans Castorp sinngemäß fragen: Wozu? Wozu Arbeit? Offenbar spürt Hans Castorp eine Art von unbehaglichem Spannungsverhältnis zwischen der ihm kulturell wichtig erscheinenden Institution Arbeit und den viel lustvolleren Regungen seines Herzens, dem Bedürfnis nach Muße, Behaglichkeit und des „Lebens derben Genüssen“, an denen er hängt „wie ein schwelgerischer Säugling an der Mutterbrust“.[26]

[...]


[1] Mann, Thomas: Der Zauberberg. 13. Auflage. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag 2000. S. 11

[2] Mann, Thomas: On Myself. In: Über mich selbst. Autobiographische Schriften. Frankfurt am Main: S. Fischer 1983

[3] Mann, Thomas: Der Zauberberg. 13. Auflage. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag 2000. S. 11

[4] Ebd. S. 11

[5] Ebd. S. 12

[6] Ebd. S. 12

[7] Ebd. S. 13

[8] Ebd. S. 13

[9] Ebd. S. 13

[10] Ebd. S. 16

[11] Ebd. S. 12

[12] Ebd. S. 17

[13] Ebd. S. 12

[14] Ebd. S. 51

[15] Ebd. S. 51

[16] Ebd. S. 47

[17] Ebd. S. 50

[18] Ebd. S. 56

[19] Ebd. S. 52

[20] Ebd. S. 52

[21] Ebd. S. 49 - 50

[22] Ebd. S. 53

[23] Ebd. S. 50

[24] Ebd. S. 50

[25] Ebd. S. 52

[26] Ebd. S. 48

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Hans Castorps "Besuch" auf Thomas Manns "Zauberberg" - warum aus drei Wochen sieben Jahre werden
Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover  (Deutsches Seminar)
Veranstaltung
Literaturtheorie
Note
2
Autor
Jahr
2009
Seiten
25
Katalognummer
V188639
ISBN (eBook)
9783656123613
ISBN (Buch)
9783656123941
Dateigröße
519 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
hans, castorps, besuch, thomas, manns, zauberberg, wochen, jahre
Arbeit zitieren
Christoph Eyring (Autor), 2009, Hans Castorps "Besuch" auf Thomas Manns "Zauberberg" - warum aus drei Wochen sieben Jahre werden, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/188639

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