George Bryan Brummel: Der „Urdandy“ und seine gesellschaftlichen Einflüsse


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010

14 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Inhalt

Einführung

Hauptteil: George Bryan Brummel: Der Urdandy und seine gesellschaftlichen Einflüsse

Schluss

1. Einführung

„Die Anmut seiner Haltung war so staunenerrregend; seine Verbeugungen waren so exquisit. Alle anderen sahen neben ihm entweder protzig oder schlecht angezogen aus – einige geradezu schmutzig. Seine Kleider schienen mit der Vollkommenheit ihres Schnitts und der ruhigen Harmonie ihrer Farben ineinander zu verschmelzen. Ohne einen einzelnen Zug von Nachdrücklichkeit war alles vornehm – von seiner Verbeugung bis zu der Art, wie er seine Schnupftabakdose öffnete, ausnahmslos mit der linken Hand. Er war die personifizierte Frische und Reinlichkeit und Ordnung. Es ließ sich wohl vorstellen, daß er seine Sänfte in sein Ankleidezimmer bringen ließ und bei Almack’s abgesetzt wurde, ohne daß ein Windstoß seine Locken gestört oder ein wenig Schmutz seine Schuhe befleckt hätte. […] »Jene gewisse vortreffliche Schicklichkeit«, die Lord Byron an seiner Kleidung wahrnahm, prägte sein ganzes Wesen und ließ ihn kühl, kultiviert und charmant erscheinen […].“[1] (Virginia Woolf über Beau Brummel)

Solche und ähnliche Einschätzungen lassen George Bryan Brummel (*1778 in London; † 1840 in Caen, Frankreich) in erster Linie als jemanden erscheinen, der als Dandy vor allem durch seine makellose Kleidung und durch seine Vornehmheit Wirkung erzielte. Gab es darüber hinaus weitere Gründe, die jenseits dieser äußerlichen und vor allem sichtbaren Eigenschaften anzusiedeln sind und die für den großen Einfluss Brummels und seine Bezeichnung als „Urdandy“[2] mit verantwortlich sind? Gründe gesellschaftlicher Natur? Erschöpft sich das Phänomen Beau Brummel in seinem Kleidungsstil, oder repräsentierte er für viele seiner Zeitgenossen vielleicht mehr als ein makelloses Äußeres? Gibt es Zeichen in Brummels Erscheinung, die darauf hindeuten, dass er seine Individualität nicht unabhängig von damaligen gesellschaftlichen Tendenzen entwarf, sondern vielmehr in Abhängigkeit von diesen, auf diese durch seine Art zu sein reagierte und damit tiefer liegende Wahrnehmungsebenen ansprach als bloß den Sinn für Mode?

Hiltrud Gnüg stellt in Das Verschwinden des Dandys im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit der Kunst[3] die These auf, dass der Dandy ein Phänomen des 19. Jahrhunderts sei, für das es im 20. Jahrhundert nicht länger die grundlegenden Möglichkeitsbedingungen gäbe. Insbesondere „das Konzept autonomer Subjektivität“, das „die dandystischen Autoren in letzter Anstrengung noch entwickelten“[4] und das Gnüg als Voraussetzung für Dandysmus und als „geistige Grundlage des ästhetischen Selbstentwurfs des Dandys“[5] ansieht, sei heute (im 20. Jahrhundert) fragwürdig geworden.

Als Beleg hierfür zieht sie zwei Werke der Weltliteratur heran, in denen sich diese Entwicklung widerspiegeln würde. In Marcel Prousts A la recherche du temps perdu drücke sich ein neues Verständnis des Subjekts aus, und zwar darin, dass Prousts „ausholender Stil, der immer neue Details notiert und durch seine subtile Genauigkeit der Beobachtung [...] die beschriebenen Personen geradezu in Wahrnehmungspartikel“[6] auflöse. Das Subjekt erscheine in diesem Werk nicht mehr als eine fest umrissene Persönlichkeit, sondern vielmehr als ein „Ensemble flukturierender, divergierender Seelenzustände. [...] Das Ich zerfällt in die Vielzahl seiner Rollen.“[7] Ähnliches lasse sich am Werk James Joyces ablesen: Dieses sei „die Problematisierung eines geschlossen Subjekt-Entwurfs, der freien Subjektivität“, die, nach Gnüg, „der Dandysmus gerade voraussetzte.“[8] Obwohl in Prousts Recherche (einem Werk des beginnenden 20. Jahrhunderts) mit dem Baron de Charlus noch „ein Dandy größten Formats“[9] auftrete, lässt „der Wandel der gesellschaftlichen Verhältnisse“ dessen Dandytum als „antiquiert erscheinen, rückt es in ein komisches Licht.“ Er, der Baron de Charlus oder der Dandy ganz allgemein, stelle „immer mehr eine Kuriosität dar, ein interessantes Fossil einer vergangenen Zeit.“[10] Welche Gründe gibt es für diese Veränderung? Welche Entwicklungen stellten jenes Konzept autonomer Subjektivität in Frage, das Gnüg als notwendige Bedingung für Dandytum ausmacht?

Als Ursachen für den Niedergang des Dandytums und die diesen bedingenden Veränderungen im Zusammenhang mit dem Subjektbegriff zieht Gnüg mehrere, parallel laufende Entwicklungen in Betracht. Zum Einen nennt sie den Wegfall bestimmter Institutionen wie Clubs, Salons, literarischer Zirkel, ja, einer ganzen Caféhaus-Kultur, mit denen auch das Publikum verschwunden sei, das der Dandy brauche, um sich zu entfalten. Dies erscheint einleuchtend, wenn man wie z. B. Michael Müller in seinem Aufsatz A Very Stylish Boy. Der Dandy Beau Brummel als Modellfall performativ realisierter Individualität öffentliche Anerkennung als „lebensnotwendig“[11] für den Dandy erachtet und dieser sich einen Großteil seiner Zeit in Clubs und auf Bällen und Empfängen aufhielt. Zum Anderen hätten weitaus grundlegendere Prozesse wie z. B. die „Nivellierung der Gesellschaft“ seit dem 19. Jahrhundert „in radikalem Maße zugenommen“[12], was zur Folge gehabt hätte, das

„alles das, was den äußeren Habitus des Dandys ausmachte – die Distinktion durch elegante Outfits, erlesene Intérieurs, exquisite Dîners, elitärer Kunstgenuß, Reisen in exotische Fernen etc. – [...] heute weitgehend ›sozialisiert‹“ wurde und den Nimbus des Besonderen verloren“[13] habe.

Der Dandy aber habe einen „rigiden Subjektentwurf“, der sich explizit gegen „Uniformierung und utilitaristische Wertvorstellungen“[14] richte. Nivellierung, also das Einebnen von Unterschieden bedeutet allerdings gleichzeitig auch eine gewisse Art von Uniformierung. Andererseits stellt laut Gnüg der Dandysmus auch gewissermaßen die „geistesaristokratische Antwort [...] auf die nivellierende Wirkung einer Massengesellschaft“[15] dar; in gewisser Hinsicht ist letzterer Prozess damit also auch eine der Möglichkeitsbedingungen des Dandytums.

Als wesentlichere Ursache für das Verschwinden des Dandys erscheint mir das sich im Verlauf der beginnenden Moderne auflösende Konzept autonomer Subjektivität zu sein, das Gnüg mehrmals anspricht. Annähernd omnipräsente Massenkommunikationsmittel, [...] „denen sich der einzelne gar nicht entziehen kann“, hätten „eine Bewußtseins-Industrie geschaffen, die das Konzept autonomer Individualität in Frage stellt.“[16] Welchen Stellenwert aber besitzt autonome Individualität für den Dandy? Ist eine vollkommen freie und unabhängige, also autonome Individualität tatsächlich eine der Grundvoraussetzungen, die einen Dandy zum Dandy macht? Oder ist die Individualität eines Dandys nicht vielleicht vielmehr abhängig von der sie umgebenden Gesellschaft; macht das Wechselspiel von Individualität und Gesellschaft nicht vielmehr den Dandy überhaupt erst aus? Diesen Fragen möchte ich im Folgenden am Beispiel des „Urdandys Beau Brummel“[17] nachgehen.

[...]


[1] Virginia Woolf: Beau Brummel. In: Thomas Kastura: Dandys. München: Goldmann Verlag 2001. S. 62 f.

[2] Hiltrud Gnüg: Kult der Kälte: Der klassische Dandy im Spiegel der Weltliteratur. Stuttgart: Metzler 1988. S. 9

[3] in: Gnüg: Kult der Kälte. S. 313-320

[4] ebd. S. 320

[5] ebd. S. 318

[6] ebd. S. 313

[7] ebd. S. 313 f.

[8] ebd. S. 314

[9] ebd. S. 315

[10] ebd. S. 315

[11] Michael Müller: A Very Stylish Boy. Der Dandy Beau Brummel als Modellfall performativ realisierter Individualität. In: Performativität und Ereignis. Hg. v. Erika Fischer-Lichte [u.a.]. Tübingen; Basel: Francke 2003, S. 289

[12] Gnüg: Kult der Kälte. S. 316

[13] ebd. S. 317

[14] ebd. S. 16

[15] ebd. S. 318

[16] ebd. S. 316

[17] ebd. S. 9

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
George Bryan Brummel: Der „Urdandy“ und seine gesellschaftlichen Einflüsse
Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover  (Deutsches Seminar)
Veranstaltung
Dandys in Literatur und Popkultur
Note
2
Autor
Jahr
2010
Seiten
14
Katalognummer
V188641
ISBN (eBook)
9783656123590
ISBN (Buch)
9783656123927
Dateigröße
503 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
george, bryan, brummel, urdandy, einflüsse
Arbeit zitieren
Christoph Eyring (Autor), 2010, George Bryan Brummel: Der „Urdandy“ und seine gesellschaftlichen Einflüsse, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/188641

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