Dialektik von Frage und Antwort in Platons Dialogen und in Gadamers Hermeneutik

Die Bedeutung der Subjektivität


Seminararbeit, 2007
18 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1. Die platonischen Dialoge und ihre Bedeutung für Gadamers Hermeneutik
2.2. Die Struktur der Offenheit bei Gadamer und Platon
2.3. Die platonischen Dialoge
2.4. Endlichkeit der Erkenntnis vs. Idee
2.5. Platons Schriftkritik
2.6. Hermeneutik als Methode?
2.7. Tradition und Autorität vs. Individualität
2.8. Unterschiede zwischen Gadamer und Platon
2.8.1. Dialogverständnis

3. Schlussteil
3.1. Zusammenfassung
3.1.1. Die Subjektivität bei Gadamer
3.1.2. Die Subjektivität bei Platon
3.2. Unterschiede bei der Bewertung der Subjektivität bei Gadamer und Platon

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Hans-Georg Gadamer verweist in seinem Werk Wahrheit und Methode auf die platonischen Dialoge, um deren dialektisches Verfahren als Vorbild für seine Hermeneutik, insbesondere für den Prozess des Verstehens, aufzuzeigen.

Zuerst soll Gadamers Verständnis der platonischen Dialoge in Bezug auf seine Hermeneutik dargestellt werden. Dies gelingt ihm seiner Hermeneutik gemäß recht gut, wie später noch gezeigt werden soll. Dennoch treten bei der Darstellung dieses Fundaments Fragen auf, welche ich zum Thema dieser Arbeit erhoben habe.

So wird auch erst die Frage nach der Bedeutung der Subjektivität ihren Sinn erhalten können. Die Frage nach der Bedeutung der Subjektivität ist sowohl für Gadamers Hermeneutik als auch für Platons Dialoge ein zentrales Kriterium, welches diese Arbeit herausstellen und erörtern möchte. Folgende Kriterien sind dieser Arbeit zu Eigen:

1. Welches Gewicht legt Gadamer auf die Subjektivität des Interpreten eines Textes? - Kommt dieser zu kurz oder zur vollen Geltung?
2. Wie steht Platon zur Subjektivität innerhalb der Dialoge?
3. Inwieweit unterscheiden sich diese beiden Auffassungen?

Nachdem diese Kriterien erörtert worden sind, sollen die möglichen Folgerungen erfasst werden.

Meine These lautet nun, dass Gadamer und Platon sich dahingehend unterscheiden, dass sie der Subjektivität des Individuums verschiedene Bedeutung zumessen. Das liegt zum größten Teil daran, dass beide verschiedene Sichtweisen über die Erkenntnis der Wahrheit haben. Diese These soll also anhand der oben aufgestellten Kriterien anschaulich gemacht und begründet werden.

2. Hauptteil

2.1. Die platonischen Dialoge und ihre Bedeutung für Gadamers Hermeneutik

Gadamers Hermeneutik sieht in dem Prozess des Verstehens, der sich vollzieht, wenn jemand einen Text liest und verstehen will, den gleichen Ablauf, wie er im Dialog der Frage und der Antwort zukommt.1 Gadamer spricht daher von einem Dialog zwischen Leser und Text. Dem Leser eröffnet sich durch den Text eine Frage, welche der Text dem Leser stellt. Diese Frage will beantwortet sein, und so soll sich der Leser gegenüber dem Text öffnen, um eine Antwort auf diese Frage zu finden. Diese Antwort ist nicht weniger, als wiederum die Frage zu erlangen, auf welche der Text eine Antwort sein will.

Der Leser ist also in einen Dialog mit dem Text getreten. Er fragt zuerst nach dem Sinn, welcher sich durch das Gelesene eröffnet. Ist dieser Sinn gefunden, so befindet sich der Leser zusammen mit dem Text in einem gemeinsamen Fragehorizont, welcher in einen Richtungssinn weist. Durch den Richtungssinn ist das Fragen nun bestimmt und kann sich eben in diesem Richtungssinn entfalten, ohne an der gefragten Sache vorüber zu gehen und abzuschweifen. Das ist ein Merkmal, das sich auch in Platons Dialogen wiederfindet. Auch dort ist der Dialog um der Sache willen zu führen.2

ÄEin Gespräch führen heißt, sich unter die Führung der Sache stellen, auf die die Gesprächspartner gerichtet sind.“3

2.2. Die Struktur der Offenheit bei Gadamer und Platon

Die Struktur der Offenheit, die das hermeneutische Bewusstsein kennzeichnet, stellt Gadamer nun den platonischen Dialogen gegenüber. Er erkennt in der Frage, welche nach Wissen verlangt, dieselbe Art und Weise, wie der Leser an einen Text herangehen soll. So ist es die hermeneutische Aufgabe, mit dem Text in das Gespräch zu kommen. Die Frage, die die Überlieferung dem Leser stellt, kann nur verstanden werden, wenn der Leser die Frage rekonstruiert, auf welche der Text eine Antwort liefert. Hier wird die Horizontverschmelzung deutlich, einmal durch das Zurückversetzen in den Horizont der Überlieferung und einmal durch den wahrgenommenen Horizont der Gegenwart anhand der Frage, die der Text dem Leser stellt. So steht die hermeneutische Erfahrung der Überlieferung in der Wirkungsgeschichte.

ÄDie Dialektik als die Kunst des Fragens bewährt sich nur darin, daß der, der zu fragen weiß, sein Fragen, und das heißt: die Richtung ins Offene, festzuhalten vermag.“4

2.3. Die platonischen Dialoge

Die Werke Platons sind durchgehend5 als Gespräche abgefasst, wobei innerhalb dieser Gespräche auch längere Monologe stattfinden können.

Die Gespräche finden an einem bestimmten Ort und zu einer bestimmten Zeit statt, und die beteiligten Gesprächspartner sind anschaulich dargestellt und meist auch historische Personen. Der Dialog hat einen Gesprächsführer, der bis auf wenige Ausnahmen ’Sokrates’ ist. Sokrates wird bisweilen etwas idealisiert dargestellt. In späteren Dialogen kann der Gesprächsführer auch andere Namen haben und steht nicht mehr so wie Sokrates im Blickpunkt.

Der Dialog findet nur zwischen zwei Gesprächspartnern statt, sollten mehrere Teilnehmer zugegen sein, so zergliedern sich die Dialoge in Gesprächsabschnitte. Dreiergespräche sind, wenn sie vorkommen, nur kurz.

Der Gesprächsführer redet zum Teil mit einem imaginären Partner, wenn der reale Partner nicht mehr willens ist, dem Gespräch zu folgen oder aber darum bittet.6 Der Gesprächsführer wird nie widerlegt und er kann alle Einwände beheben und Fragen beantworten. Einsichten, die weitere Erkenntnisse im Dialog bringen, werden von ihm dargetan, zwar nicht immer in direkter Art und Weise, sondern auch in maieutischer7 Form. Der qualitative Gehalt des Gespräches steigert sich plötzlich und nicht langsam anbahnend. Das Gespräch kommt nicht zu einem letztendlichen Abschluss, sondern es wird auf künftige Bereiche hingewiesen, die zur vollen Klärung des Sachverhalts notwendig sind. Diese Charakterisierung der platonischen Dialoge macht sichtbar, warum sie für Gadamers Hermeneutik fruchtbar gemacht werden können. Sowie der platonische Dialog zwischen zwei Gesprächspartnern verläuft, so ist das Verhältnis von Interpret und Text zu verstehen. Der Interpret geht fragend an den Text heran, um einen Dialog mit diesem zu eröffnen. Er sucht Antworten auf die Frage, die sich ihm in bezug auf den Text stellt. Der Text wiederum hat selbst Antworten auf Fragen bereit, die ihn bewegen. So werfen also die Antworten des Textes auf bestimmte Fragen dem Interpreten zuerst Fragen bezüglich dieser Antworten auf, um später selbst deren bestimmende Fragen zu durchdenken. In diesem Sinne findet ein Dialog im Bewusstsein des Interpreten statt, indem er denkend sich selbst Rede und Antwort gibt.

ÄDas eben charakterisiert das Gespräch - gegenüber der erstarrten Form der zur schriftlichen Fixierung drängenden Aussage -, daß hier die Sprache in Frage und Antwort, im Geben und Nehmen, Aneinandervorbeireden und Miteinanderübereinkommen jene Sinnkommunikation vollzieht, deren kunstvolle Verarbeitung gegenüber literarischer Überlieferung die Aufgabe der Hermeneutik ist.“8

Der Gefahr, durch Voreingenommenheiten den wahren Sachverhalt zu verkennen, möchte Gadamer vorbeugen, indem er die Offenheit der Frage postuliert. Das kann aber nur gelingen, wenn sich der Interpret dem Prozess des Verstehens bewusst ist, welcher kundgibt, dass der Interpret bei jeder Interpretation mit seinen Voreingenommenheiten, die ihm anhand der Wirkungsgeschichte zukommen, behaftet ist, und so gar nicht in der Lage ist, den Sachverhalt rein objektiv zu erörtern. Er muss diese Voreingenommenheiten bewusst aufs Spiel setzen und sie ins Offene stellen.

2.4. Endlichkeit der Erkenntnis vs. Idee

Das Verstehen spielt sich im Bewusstsein des Interpreten eines Textes ab, wobei der Text anregende Sachverhalte aufweist, durch die sich der Interpret anstoßen lässt und darüber seine eigenen Vorurteile gegenüber der Meinung im Text ins Spiel bringt oder gar mit ihr übereinkommt.

Was der Text hier leisten kann, ist allein die schriftlich festgelegte Überlieferung. Wie diese ausfällt, ist dem Verständnis und dem Wissen des Autors anheim gestellt. Allein auf die Fähigkeiten des Lesers kommt es an, das Geschriebene zu verstehen. Es ist nun zu fragen, ob wir mit Gadamer annehmen können, dass es allein auf den ÄZuwachs an Sein“ ankommt, welcher sich durch die wachsende Zahl der Leser einstellt. Gadamer möchte nicht, dass der Autor den Sinn vermittelt, sondern der Text solle dies tun. Der Text, der geschriebene Sprache darstellt, ändert und vermehrt den Sinninhalt durch die Interpretation des Lesers. Dies kommt zustande, erstens durch den Zeitenabstand, zweitens durch den Verstehenshorizont des Lesers und drittens durch das wirkungsgeschichtliche Bewusstsein.

Dies deckt sich mit der Annahme, dass ein jeder Leser nur das zu verstehen imstande ist, was ihm entspricht. Freilich nimmt Gadamer eine Endlichkeit der Erkenntnis an, was besagt, dass unsere Erkenntnis über eine Sache niemals eine wahrhafte werden kann. Das heißt, dass man nur immer mehr Abbilder erblicken kann, ohne das Urbild zu schauen. Dieser Vorgang ist für Gadamer aber nicht negativ, sondern positiv zu bewerten. Im Gegensatz hierzu steht Platon, der eine wahre Erkenntnis der Sache, der Idee, annimmt, wobei natürlich nur ein kurzes Verweilen bei dieser Schauung stattfindet, um alsbald wieder in die menschlichen Belange hinuntergezogen zu werden. Dieser Unterschied findet schon in Gadamers Verständnis der Hermeneutik und in Platons Schriftkritik seinen Grund.

2.5. Platons Schriftkritik

Gadamer sieht in den verschiedenen Interpretationen eines Textes einen Zuwachs an Sein, gleichsam einen Zuwachs an Abbildern, welche er begrüßt. Platon vermerkt im Phaidros, dass die Mängel der Schrift darin zu suchen seien, dass ein jeder sie zu lesen bekomme, ganz gleich, ob er in der Lage sei, sie zu verstehen oder nicht, und dass die Schrift auf Fragen schweige und sich nicht gegen falsche Auslegungen verteidigen könne.9 Hier erkennt man Platons Abneigung gegen solchen Zuwachs an Sein, der darin besteht, dass ein Jeder sein eigenes Urteil bildet, gleichwohl ob mit oder ohne Wissen. Die geschriebene Rede ist ein Abbild der lebendigen und beseelten Rede10, doch muss ein Autor einer solchen geschriebenen Rede in der Lage sein, in der lebendigen Rede der geschriebenen Rede Hilfe zu leisten, d.h. zu zeigen, dass das Geschriebene neben der lebendigen Rede weniger wert ist.11

Der Vorzug der lebendigen und beseelten Rede, also auch der Dialog, besteht in der Fähigkeit, sich so zu vermitteln, wie es der Zuhörer oder Gesprächspartner verlangt, eventuell zu schweigen, wenn der Gesprächspartner nicht aufnahmefähig ist (in intellektueller wie in moralischer Hinsicht), und auf Fragen zu antworten. Diese drei Punkte erfüllt die Schrift nicht.

[...]


1 Vgl. Gadamer, Hans-Georg: Wahrheit und Methode. Tübingen, 1975. S. 350. Im Folgenden durch WM angegeben.

2 Vgl. ebd. S. 345

3 ebd. S. 349

4 ebd.

5 Vgl. Szlezák, Thomas Alexander: Platon lesen. Stuttgart, 1993. S. 31f.

6 Vgl. Platon: Gorgias, 505 d-507 c. In: Platon. Die großen Dialoge. Aus dem Griech. v. R. Rufener. München / Zürich, 1991. (S. 294ff.) Kallikles fordert Sokrates auf, den Beweis selbst durchzuführen, entweder als Monolog oder aber indem er sich selbst antwortet.

7 Maieutisch: Sokrates’ berühmte Hebammenkunst, fremde Gedanken ans Licht zu heben. ~ 3 ~

8 WM 350

9 Vgl. Platon: Phaidros, 275 c - 276 a. In: Platon. Die großen Dialoge. München / Zürich, 1991. (S. 598)

10 Vgl. Platon: Phaidros, 276 a-d. (S. 599)

11 Vgl. Platon: Phaidros, 278 b-e. (S. 603)

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Dialektik von Frage und Antwort in Platons Dialogen und in Gadamers Hermeneutik
Untertitel
Die Bedeutung der Subjektivität
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Note
1,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
18
Katalognummer
V188653
ISBN (eBook)
9783656123552
ISBN (Buch)
9783656123880
Dateigröße
569 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gadamer, Plato, Dialog, Dialektik, Subjektivität, hermeneutischer Zirkel, Hermeneutik, Wahrheit und Methode
Arbeit zitieren
Magister Artium Abe Jarron (Autor), 2007, Dialektik von Frage und Antwort in Platons Dialogen und in Gadamers Hermeneutik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/188653

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