Angesichts der Tatsache, dass das Volksmärchen heute, abgesehen von der einschlägigen Forschung, fast ausnahmslos im Zusammenhang mit dem Kind als seinem hauptsächlichen Rezipienten gesehen wird, muss gefragt werden, worauf diese Zuordnung beruhen mag und unter welchen Bedingungen sie stattfindet. Aus der Beantwortung dieser und damit zusammenhängenden Fragen dürfte schließlich ein Beitrag zum didaktischen Aspekt des Märchens in der Grundschule zu gewinnen sein.
Inhaltsverzeichnis
1. Vorwort
2. Der Märchenbegriff
3. Die Entwicklung des Märchens
3.1.Märchen als Erwachsenen- oder Kinderliteratur?
4. Das Märchen in der Pädagogik
4.1. Gibt es ein Märchenalter?
4.2. Wirkung der Märchen auf Kinder
5. Bibliographie
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die historische Transformation des Volksmärchens hin zur Kinderliteratur sowie dessen didaktische Bedeutung und Auswirkungen im pädagogischen Kontext der Grundschule. Im Fokus steht dabei die Frage, wie Märchen als Modellangebote für soziales Verhalten fungieren und inwieweit eine kritische Auseinandersetzung mit ihren Inhalten im Unterricht zur Entwicklung sozialer Kompetenzen bei Kindern beitragen kann.
- Historische Entwicklung des Märchens vom Erwachsenenstoff zum Kindermärchen
- Die pädagogische Relevanz und Didaktik des Märchens in der Grundschule
- Das Konzept des "Märchenalters" und seine kritische Betrachtung
- Soziale Wirkungsweisen von Märchenmodellen auf das kindliche Verhalten
- Möglichkeiten einer reflektierten Märchenarbeit im Unterricht
Auszug aus dem Buch
3.1. Märchen als Erwachsenen- oder Kinderliteratur?
Es ist notwendig, sich diese historische Entwicklung klarzumachen, denn mehr noch als in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wird das Volksmärchen in der Gegenwart als Kindermärchen verstanden. Wenn es überhaupt noch als rezipierte Literatur existiert, dann, abgesehen vielleicht von wenigen erwachsenen Kennern, als Literatur für Kinder. Dass das nicht immer so war, ist sicher nicht nur von historischem Interesse. Das Volksmärchen als Bestandteil einer für den erwachsenen Hörer bestimmten Erzähl-Literatur ließ sich immerhin noch in der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts anhand von Relikten belegen, die geeignet waren, Unterschiede zwischen den Märchen je nach ihrer Zielgruppe sichtbar zu machen. So berichtet z.B. Karely Gaal über Märchenerzählungen in magyarischen Dörfern des südlichen Burgenlandes, also in homogenen, relativ abgeschlossenen sozialen Gruppen. Dort wurden Märchen noch in jüngster Vergangenheit in Erwachsenen Gemeinschaften erzählt, jedoch nur selten für Kinder. Über den Erzähl-Modus heißt es:
„In der Männgergemeinschaft steht das Zaubermärchen an erster Stelle (der Unterhaltungsstoffe, Vf.). In diesen Dörfern gibt es kein Kindermärchen. Das Kind hört nur Märchen, wenn es zufällig dabei ist. Verlangt es von einem Erzähler, er solle ihm Märchen erzählen, so tut er es sehr unwillig (meist nur, wenn er der Großvater ist) und erzählt ihm nur den Inhalt des Märchens, er trägt es ganz anders vor als in seiner Gemeinschaft“ (FEDERSPIEL, S.58).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Vorwort: Die Einleitung beleuchtet die heutige Verknüpfung von Märchen mit dem Kind als Rezipienten und formuliert das Ziel, didaktische Ansätze für die Grundschule zu explorieren.
2. Der Märchenbegriff: Dieses Kapitel definiert das Märchen literaturwissenschaftlich, grenzt es von anderen Erzählformen ab und diskutiert seine formale Struktur sowie die Transformation der Realität in das Fiktive.
3. Die Entwicklung des Märchens: Hier wird der historische Wandel nachgezeichnet, wie das Volksmärchen durch die Aufklärung und das Wirken der Gebrüder Grimm zunehmend als spezifische Kinderliteratur umgedeutet wurde.
3.1.Märchen als Erwachsenen- oder Kinderliteratur?: Das Kapitel belegt anhand historischer Relikte, dass Märchen ursprünglich nicht exklusiv für Kinder erzählt wurden, und analysiert die dabei auftretenden Adaptionsprozesse.
4. Das Märchen in der Pädagogik: Dieser Teil erörtert die pädagogische Einordnung von Märchen, unterstreicht die Notwendigkeit einer didaktischen Auswahl und warnt vor einer unkritischen Übernahme erzieherischer Direktiven.
4.1. Gibt es ein Märchenalter?: Kritische Auseinandersetzung mit der Reservierung von Märchen für eine bestimmte Altersstufe unter Berücksichtigung kognitiver und affektiver Entwicklungsphasen des Kindes.
4.2. Wirkung der Märchen auf Kinder: Fokus auf die soziale Wirkung von Märcheninhalten und die Identifikationsmöglichkeiten der Kinder mit den Konfliktlösungsstrategien der Märchenhelden.
5. Bibliographie: Auflistung der verwendeten Literatur und Quellen zur fundierten Untermauerung der Arbeit.
Schlüsselwörter
Märchen, Kindermärchen, Literaturpädagogik, Volksmärchen, Sozialisationsprozess, Grundschule, Didaktik, Gebrüder Grimm, Erzählkultur, Konfliktlösung, Identifikation, Märchenalter, Entwicklungspsychologie, Sozialverhalten, Überlieferungsgeschichte.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht den Wandel des Volksmärchens von einer ursprünglich für Erwachsene bestimmten Erzähltradition hin zu seiner heutigen Rolle als primäre Kinderliteratur und beleuchtet die pädagogischen Konsequenzen dieser Entwicklung.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zu den Schwerpunkten gehören die Begriffsbestimmung des Märchens, die historische Entwicklung der Märchenrezeption, die kritische Diskussion eines spezifischen "Märchenalters" sowie die Analyse von Märchen als Modellangebote für soziales Verhalten und Konfliktlösungen.
Welches primäre Ziel verfolgt die Autorin?
Ziel ist es, didaktische Anregungen für den Umgang mit Märchen im Grundschulunterricht zu gewinnen, indem die Texte nicht als statische Unterhaltungsobjekte, sondern als historisch bedingte Strukturen reflektiert werden.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit angewandt?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche und pädagogische Analyse, die auf der Auswertung historischer Befunde, fachwissenschaftlicher Literatur und didaktischer Richtlinien basiert.
Welche zentralen Aspekte werden im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung des Märchenbegriffs, die historische Genese des Kindermärchens sowie die pädagogische Reflexion über die Wirkung von Märchen auf die kindliche Persönlichkeits- und Sozialentwicklung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren den Text am besten?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Märchen, Kinderliteratur, Sozialisation, Pädagogik, Didaktik und Entwicklungspsychologie am treffendsten beschreiben.
Was sagt die Autorin zum sogenannten "Märchenalter"?
Die Autorin lehnt eine statische Festlegung auf ein "Märchenalter" ab und plädiert stattdessen für eine flexible, an den kognitiven Fähigkeiten des Kindes orientierte Behandlung im Unterricht, die auch über die Primarstufe hinausgehen kann.
Inwiefern beeinflussen Märchen das soziale Verhalten von Kindern?
Märchen dienen Kindern als Modell-Angebote für soziale Interaktionen. Da sie häufig Konflikte thematisieren, bieten sie Ansätze zur Identifikation, die pädagogisch genutzt werden können, um über alternative, kooperative Konfliktlösungsstrategien zu diskutieren.
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- Carina Hirschl (Author), 2002, Märchen als Kinderliteratur, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/18872