Interpretation des 62. Kapitels von Petrons „Cena Trimalchionis“


Seminararbeit, 2008

14 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Allgemeines
1.2 Die Novelle

2. Hauptteil
2.1 Interpretation Kapitel 62, 1-9
2.2 Die crux ‹matavitatau›
2.3 Interpretation Kapitel 62, 9-14

3. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

1.1 Allgemeines

Die folgend analysierte Textstelle entstammt Petrons Roman Satyrica. Von diesem ist uns als längstes zusammenhängendes Stück die Cena Trimalchionis überliefert, in der die Abendteuer des Ich-Erzählers Enkolp und seiner Gefährten beim Gastmahl des Trimalchio dargestellt werden. Bei diesen Erzählungen handelt es sich um ein „Unikum“1, obwohl es an griechischen Vorlagen und Parallelen nicht mangelt,2 wie zum Beispiel für die Novellenerzählungen, die an einigen Stelle die Handlung unterbrechen und von denen das behandelte Kapitel eine ist.

Als „Kostbarkeit“3 der Satyrica gilt die Darstellung des Vulgärlateins, auf das in den folgenden Ausführungen an verschieden Stellen hingewiesen wird. Bis zum Kapitel 62 haben Enkolp und seine Freunde schon mancherlei Sonderbarkeiten bei Trimalchios Gastmahl erlebt, bei denen der Gastgeber keine Gelegenheit auslässt, um seinen Reichtum zu präsentieren und seine Gäste mit ungewöhnlichen Speisen zu schockieren. Während das Erstaunen bei Enkolp anfangs noch sehr groß ist, wirkt die Cena schon bald wie eine Inszenierung, die nicht zum ersten Mal aufgeführt wird. Die Wende, bei der sich das noch Humorvolle zum Geschmacklosen hin wendet, vollzieht sich in Kapitel 52. Die Vorgänge werden immer absonderlicher und die Gespräche absurder. In diesen Teil der Cena fallen auch die folgenden Ausführungen. Ich habe das 62. Kapitel für meine Bearbeitungen ausgewählt, weil ich die Textgattung der Novelle interessant finde und sich an ihr die sprachlichen Besonderheiten Petrons gut aufzeigen lassen.

Einen besonderen Schwerpunkt werde ich auf die crux ‹matavitatau› (62,9) legen, weil diese viel umstritten ist und oft Gegenstand wissenschaftlicher Aufsätze war. Ansonsten gehe ich bei der Interpretation chronologisch vor und bearbeite das Kapitel Satz für Satz, wobei ich die Gesamtzusammenhänge aufweise.

1.2 Die ovelle

Das von mir in den folgenden Ausführungen behandelte Kapitel erzählt eine Werwolfsgeschichte, die als einzige Novellenerzählung in der Cena Trimalchionis neben der Erzählung der Matrone von Ephesus (Kap. 111f.) auftritt.

Das Wort ‚Novelle’ ist abgeleitet vom Diminutiv des lateinischen Wortes ‚novus’ und bedeutet demnach ‚die kleine Neuigkeit’.4

Diese Textgattung tritt also als ‚neue Nachricht’ mit Wahrheitsanspruch auf, ist aber nie wahr. Vielmehr handelt es sich um bloße Erzählungen, die im Erzählen sogar den Weltbezug verlieren können.5 Dies liegt auch bei der folgend bearbeiteten Werwolfserzählung vor.

Als Merkmale einer Novelle gelten ein pyramidaler Aufbau mit einem Höhepunkt als Wendepunkt, der „eine unerhörte Begebenheit, die sich als Neuheit präsentiert“6, enthält.

Außerdem kann die Kürze dieser Textgattung als Merkmal hervorgehoben werden.7 Auch die vorliegende Novelle erstreckt sich nur über ein Kapitel.

2. Hauptteil

2.1 Interpretation Kapitel 62, 1-9

Die vorliegende Novelle wird vom Freigelassenen Niceros erzählt. Hier handelt es sich zum ersten Mal um einen Freigelassenen, der nicht von alleine das Wort ergreift, sondern von Trimalchio zum Sprechen aufgefordert wird.8 Nicht nur dieses Element hebt seine Erzählung von den Reden der anderen Freigelassenen ab, sondern auch ihr Inhalt. In den anderen Reden wurden bisher nur oberflächlich die Meinungen der Sprecher zu alltäglichen Dingen, wie z.B. das Wetter, selbstdarstellend vorgetragen.

Im ersten Satz des 62. Kapitels nennt Niceros den Schauplatz des Geschehens. Es ist Kapua, die Hauptstadt Kampaniens, und nicht Rom, wie man es für die märchenartige Erzählung vermuten könnte.9 Bei dieser Ortsbezeichnung Capuae fällt auch grammatikalisch etwas auf: Es wird nicht der grammatikalisch korrekte ablativus separativus gebraucht, sondern ein Genitiv benutzt. Diese grammatikalische Abweichung ist, wie viele folgende, ein Hinweis auf die mangelnde Bildung des Freien Niceros.

Eine weitere Wendung im ersten Satz ist auffällig: ad scruta scita. Die sich scheinbar widersprechenden Wörter bilden ein Oxymoron, das durch die Alliteration besonders unterstrichen wird, um in gesteigertem Maße die Aufmerksamkeit der Zuhörer für die folgende Novelle zu gewinnen. Alliterationen und andere auf die Laute bezogene Stilmittel waren dafür in der damaligen Zeit geeignet, da die Cena Trimalchionis meist mündlich weitergegeben wurde, und die Zuhörer durch ähnliche Wortklänge den Gesamtzusammenhang wahrscheinlich besser verstehen konnten. Andere, wie z.B. der Altphilologe George, eliminieren scita, weil sie es aufgrund des Widerspruchs für einen dittographischen Fehler halten.10

Der zweite Satz beginnt mit der hochsprachlichen Formulierung nactus ego occasionem, die wie von einem Historiker konstruiert scheint und somit den eigentlichen Beginn der Handlung kennzeichnet.11 Damit ist diese Textstelle ein erster Versuch Niceros’, die Glaubwürdigkeit seiner Erzählung zu unterstreichen, weil er mit dieser Wendung besonders sachlich und glaubwürdig erscheinen will. Im Laufe dieser Ausführungen werde ich noch einige andere Beglaubigungsapparate erläutern.

Auch in diesem Satz weicht Niceros von den grammatikalischen Regeln ab, indem er persuadeo mit dem Akkusativ (hospitem) anstatt mit dem Dativ konstruiert, und liefert hier wieder einen Hinweis auf seine mangelnde Bildung und unterstreicht den natürlichen Charakter des Gesagten. Niceros gebraucht in diesem Satz das historische Präsens, um die Spannung der Zuhörer auf das Folgende zu steigern. In seinen Ausführungen benutzt Niceros oft umgangsprachliche Fomulierungen, wie z.B. in diesem Satz bei der Beschreibung des ihn begleitenden Soldaten, der als fortis tanquam Orcus bezeichnet wird. Dieser Vergleich ist hier treffend gewählt, denn mit Orcus, der der Gott der Unterwelt ist, kehrt auch in diese Erzählung schon früh das Todesmotiv ein, welches wie ein roter Faden die ganze Cena Trimalchionis durchzieht.12

Die Spannung der Erzählung wird auch im nächsten Satz aufrechterhalten durch die Spitzenstellung des Prädikates apoculamus13 und die Reduktion der Syntax auf einfach gereihte Hauptsätze. Das Prädikat ist eines der vielen an die griechische Sprache angelehnten Worte in Petrons Cena Trimalchionis. Da es aus dem Vulgärlatein stammt und das griechische απο richtungsweisend ist, liegt die treffendste Übersetzung mit ‚wir verdrücken uns’ vor. Das Benutzen griechischen Vokabulars für alltägliche Begriffe galt als umgangssprachlich und ist ein Merkmal für Vulgärlatein.14

Die ganze Cena Trimalchionis spielt sich meist vor musikalischen Hintergrund ab. Immer wieder werden Musiker und andere akustische Signale erwähnt. Auch die Zeitangabe anhand des Hahnenschreis gallicinia schließt sich daran an. Mit der Alliteration luna lucebat und der Hyperbel tanquam meridie bedient sich Niceros wieder stilistischer Mittel, um seine Erzählung interessant zu gestalten, und kommt dann zum Hauptteil seiner Novelle.

Das Todesmotiv tritt mit der Ortsangabe inter monimenta wieder in Erscheinung. Es zeigt, dass sich das Geschehen direkt hinter der Stadt an einer der Via Appia ähnlichen Straße abspielt.

[...]


1 Fuhrmann, M. (2005): Geschichte der römischen Literatur, 378.

2 Vgl. Lefévre, E. (1997): Studien zur Struktur der "Milesischen" Novelle bei Petron und Apuleius, 86.

3 Fuhrmann, M. (2005): Geschichte der römischen Literatur, 380.

4 Vgl. Degering, T. (1994): Kurze Geschichte der Novelle, München, 7.

5 Vgl. Rath, W. (2000): Die Novelle, Göttingen, 59.

6 Ebd., 63.

7 Vgl. Freund, W. (1998): Novelle, Stuttgart, 11.

8 Vgl. Slater, N. W. (1990): Reading Petronius, Baltimore, 74.

9 Vgl. Jocelyn, H. D. (1971): Donatus ad Ter. Ad. 537, Mnemosyne 24, 91.

10 Vgl. George, P. A. (1967): Petroniana, CQ 17, 130.

11 Vgl. Blänsdorf, J. (1990): Die Werwolf-Geschichte des Niceros bei Petron als Beispiel literarischer Fiktion mündlichen Erzählens, in: Vogt-Spira, G. (ed.): Strukturen der Mündlichkeit in der römischen Literatur, Tübingen (ScriptOralia 19), 205.

12 Vgl. Müller, C.W. (2006): Legende, Novelle, Roman: dreizehn Kapitel zur erzählenden Prosaliteratur der Antike, 347.

13 Vgl. Blänsdorf, J. (1990): Die Werwolf-Geschichte des Niceros bei Petron als Beispiel literarischer Fiktion mündlichen Erzählens, in: Vogt-Spira, G. (ed.): Strukturen der Mündlichkeit in der römischen Literatur, Tübingen (ScriptOralia 19), 205.

14 Vgl. Fuhrmann, M. (2005): Geschichte der römischen Literatur, 380. 4

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Interpretation des 62. Kapitels von Petrons „Cena Trimalchionis“
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Klassische Philologie)
Veranstaltung
Lateinisches Proseminar: Petron
Note
2,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
14
Katalognummer
V188723
ISBN (eBook)
9783656124573
ISBN (Buch)
9783656134343
Dateigröße
586 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
interpretation, kapitels, petrons, cena, trimalchionis
Arbeit zitieren
Elisabeth Keppe (Autor), 2008, Interpretation des 62. Kapitels von Petrons „Cena Trimalchionis“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/188723

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Interpretation des 62. Kapitels von Petrons „Cena Trimalchionis“



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden