Literatur gegen das Vergessen?

„Wenn wir schweigen, werden wir unangenehm, […], wenn wir reden, werden wir lächerlich“


Essay, 2011

6 Seiten, Note: 3,0


Leseprobe

„Wenn wir schweigen, werden wir unangenehm, […], wenn wir reden, werden wir lächerlich“

Literatur gegen das Vergessen?

Ein Essay von Luisa Viehe

Betrachtet man heute die aktuellen Literatur-Bestsellerlisten, ist festzustellen, dass sie eine wahre Flut von Memoiren, Biographien und Lebenserinnerungen beinhalten. Ob Joachim Fuchsberger sein Altwerden beschreibt, Altkanzler Helmut Schmidt eine Bilanz aus seinem Leben zieht, oder zwei Amerikaner ‚Die nie erzählte Geschichte vom Kampf ums Überleben in den Türmen des World Trade Centers‘ nun doch erzählen, sie alle haben etwas mitzuteilen. Natürlich. Jeder von uns hätte etwas mitzuteilen, doch nicht jeder von uns macht gleich ein Buch daraus. Aber die Nachfrage scheint groß. Was also sind die Beweggründe der unzähligen Autoren, ihr Innerstes nach außen zu kehren? Ist es der Kampf gegen das Vergessen? Und wenn ja: gegen wessen Vergessen? Das eigene oder das der anderen?

Die Tatsache, dass fast sämtliche Literatur-Nobelpreisträger der letzten Jahre und Jahrzehnte diese hohe Auszeichnung für Werke erhalten haben, die in nicht unerheblicher Art und Weise Beiträge zum geschichtlichen und politischen Verständnis darstellen, legt die Vermutung nahe, dass es die Vergesslichkeit jedes einzelnen von uns ist, der gegengesteuert werden soll.

Nadine Gordimer zum Beispiel, erhielt den Nobelpreis 1991für ihre Beschreibung des sozialen Unrechts in Südafrika, Günter Grass 1999 weil er "in munter schwarzen Fabeln das vergessene Gesicht der Geschichte nachgezeichnet" hat und Orhan Pamuk 2006 für seine Rolle als Vermittler zwischen Orient und Okzident.

Herta Müller, die diese hohe Auszeichnung im Jahr 2009 erhielt, beschreibt in ihren Büchern die untragbaren Zustände in Rumänien seit dem zweiten Weltkrieg, die sowohl das Schicksal der deutschen Bevölkerung in Siebenbürgen, als auch die Repressalien eines Nicolae Ceausescu beinhalten.

„Wenn wir schweigen, werden wir unangenehm, […], wenn wir reden, werden wir lächerlich“. Mit diesen Worten beginnt Herta Müllers Werk ‚Herztier‘, eine durchaus autobiographische Geschichte in deren Mittelpunkt vier junge Menschen stehen, die das totalitäre Regime Ceausescus der 80er Jahre erleben und versuchen, dieser Diktatur zu entkommen. Doch was hat die Autorin veranlasst, dieses Werk mit genau diesem Satz beginnen und enden zu lassen? Was hat sie überhaupt bewogen, dieses Buch zu schreiben?

Hat sie solange nicht über ihr Leben in Rumänien geredet, bis die Diktatur beendet war und so viele scheußliche Einzelheiten der willkürlichen Vorgehensweise des rumänischen Staatsapparates ans Licht kamen, dass ihr endlich Glauben geschenkt würde und sie nicht mehr Gefahr liefe, sich der Lächerlichkeit preiszugeben?

Hat sie solange geschwiegen, dass die Niederschrift ihrer eigenen, wenn auch fiktiv gestalteten, Geschichte, sie selbst vor dem Vergessen retten soll?

Oder will sie uns, die Leser, davor bewahren, derartige Zustände jemals wieder zuzulassen, uns ermahnen sie niemals in Vergessenheit geraten zu lassen? Damit erfüllte sie zugleich eine aufklärerische Funktion, denn das wirkliche Leben in einem totalitären Staat wie in diesem Falle Rumänien, wird uns in keinem Geschichtsbuch so detailliert und erschreckend vor Augen geführt wie in diesem Roman.

Wie die Autorin selbst, ist auch die Protagonistin in ‚Herztier‘ eine Angehörige der deutschen Minderheit der Banater Schwaben, doch steht diese Tatsache eher im Hintergrund der Handlung. Zwar wurde die deutsche Minderheit nach Ende des zweiten Weltkriegs mitverantwortlich für die Gräueltaten eines Adolf Hitler gemacht, enteignet, zu Zwangsarbeit verurteilt oder deportiert, einige Jahre später wurden diese Maßnahmen jedoch allmählich wieder gelockert. Mitte der 50er Jahre wurde den Siebenbürgen schließlich die volle Gleichberechtigung mit dem rumänischen Volk garantiert und nachdem Ceausescu 1965 die Macht ergriff gab es für keinen Bürger Rumäniens mehr rechtliche Sicherheit oder gar Freiheit. Nicolae Ceausescu, der sich selber gerne mit Julius Cäsar, Napoleon oder Peter dem Großen vergleichen ließ, baute während seiner Amtszeit eine stalinistische Diktatur auf und ließ sich gar zum ‚Führer‘ der Nation hochstilisieren. Im Laufe der Jahre machte er aus dem Geheimdienst ‚Securitate‘ ein streng nationales allgegenwärtiges Kontrollorgan, das nicht mehr mit offenem Terror agierte, sondern subtil gegen einzelne Personen oder Vereinigungen vorging. Der kommunistische Staat hielt mit Zensur und Bespitzelung alle im Griff. Auch wirtschaftlich betrachtet, hatten die Rumänien einiges zu erleiden. Fehlgeschlagene Pläne zur Umorientierung des rumänischen Außenhandels zwangen die Regierung zur Inanspruchnahme von Krediten, deren Rückzahlung sich als äußerst schwierig, wenn nicht gar unmöglich gestaltete. Leidtragende dieser erforderlichen Sparpolitik waren selbstverständlich in erster Linie die Bürger. Lebensmittel wurden rationiert und deren Horten unter Strafe gestellt. Gleichzeitig verordnete der Staat Kürzungen des privaten Energiekonsums. Die Menschen hungerten und froren ohne dass es zu relevanten Einsparungen gekommen wäre. Dieses katastrophale Absinken des Lebensstandards ließ, ebenso wie die permanente Unterdrückung, ein Klima allgemeiner Unzufriedenheit in allen Bevölkerungsschichten entstehen.

Von all dem gelangte natürlich so gut wie nichts zu uns hier in den Westen. Und das hatte zwei wesentliche Gründe:

Zum einen interessierte es nicht wirklich. Der Westdeutsche hatte ja ‚seine‘ DDR, einen deutschen Nachbarstaat mit dessen Bürgern er sich viel zugehöriger fühlte und dessen Missstände in den hiesigen Medien wesentlich präsenter waren. Er hörte und las immer wieder von Menschen, denen die Flucht misslang, von dissidierenden Künstlern, die ausgewiesen oder auch freigekauft wurden. Er machte vielleicht selber die eine oder andere Erfahrung mit der Volkspolizei wenn er über die Transitstrecke nach West-Berlin fuhr oder auch als Tourist Ost-Berlin erkundete. Er ließ sich auch erzählen, dass die ‚armen‘ Ostdeutschen jemals weder Bananen noch Orangen zu Gesicht bekommen hatten.

Der zweite Grund bestand in der Tatsache, dass die Verzweiflung selbst rumänischer Künstler, Intellektueller oder ehemaliger Funktionäre bis Anfang der 80er Jahre eher apathischer Natur war. Erst mit Verschärfung Ceausescus Austeritätspolitk, während der es neben der bereits erwähnten Restriktionen nun auch zur Ausplünderung der bäuerlichen Bevölkerung kam indem das Quotensystem wiedereingeführt wurde und Produkte zu Niedrigpreisen zwangsabgegeben werden mussten, schien die Grenze der Leidensfähigkeit der rumänischen Bevölkerung erreicht. Doch es waren anfangs eher die kleinen Leute, die den Mut der Verzweifelten, den Mut derer, die nichts mehr zu verlieren hatten bewiesen. Es kam zu ersten lokalen Revolten und spontanen Arbeitsniederlegungen in Fabriken und Bergwerken. Von Unmutsäußerungen der Studentenschaft und ersten offenen Ablehnungen aus Künstlerkreisen war erst danach und auch nur vereinzelt etwas zu spüren. Doch mittels Beschränkungen der Meinungsfreiheit, dem Kontaktverbot zu Ausländern und Einschränkung der Bewegungsfreiheit gelang es dem Regime lange Zeit erfolgreich die Koordination diese zunächst anarchischen, nur auf die eigenen Ziele gerichteten Proteste zu verhindern

[...]


Ende der Leseprobe aus 6 Seiten

Details

Titel
Literatur gegen das Vergessen?
Untertitel
„Wenn wir schweigen, werden wir unangenehm, […], wenn wir reden, werden wir lächerlich“
Hochschule
Pädagogische Hochschule Ludwigsburg
Note
3,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
6
Katalognummer
V188765
ISBN (eBook)
9783656125570
Dateigröße
421 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Ein Essay, das sich mit den Hintergründen der Autorin Herta Müller, ihrem Werk 'Herztier' und dem Regime des Diktators Nicolae Ceausescu beschäftigt.
Schlagworte
Herta Müller, Herztier, Ceausescu, Banater Schwaben
Arbeit zitieren
Luisa Viehe (Autor), 2011, Literatur gegen das Vergessen?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/188765

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