Über die Notwendigkeit einer bürgerlichen Religion im rousseauschen Staat und der Versuch ihrer Anwendung durch den Nationalkonvent


Hausarbeit, 2008
19 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

ANMERKUNGEN ZUR ZITIERWEISE

I. EINLEITUNG

II. ROUSSEAUS THEORIE ÜBER DIE RELIGION
a) Religion und Gesetz
b) Die Priesterreligion
c) Religion des Bürgers
d) Religion für den Menschen
e) Zivilreligion und bürgerliches Glaubensbekenntnis

III. PRAXIS EINER ZIVILEN RELIGION: DIE FRANZÖSISCHE REVOLUTION
a) Historische Betrachtungen
b) Robespierres Rede vor dem Konvent am 7. Mai 1794

IV. ZIVILREIGION - MACHTMITTEL DES STAATES

LITERATURVERZEICHNIS

ANMERKUNGEN ZUR ZITIERWEISE

Alle Zitate werden beim ersten Mal bibliographisch vollständig in den Fußnoten zitiert, im Weiteren werden bereits zitierte Autoren und Werke in gekürzter bibliographischer Fassung zitiert.

Bezieht sich das unmittelbar folgende Zitat auf dieselbe Textstelle oder Seite, wird es mit Ebd. (ebenda) abgekürzt.

Ein weiteres Zitat, das sich auf den unmittelbar vorhergehend zitierten Autor und dieselbe Ausgabe, aber auf eine andere Textselle bezieht, wird mit Ders. (derselbe) benannt und die genaue Textstelle wiedergegeben.

I. EINLEITUNG

Bekanntermaßen enthielt Rousseaus Urfassung des Contrat social im ersten Druckverfahren noch nicht jenes achte Kapitel des vierten Buches über die bürgerliche Religion, welches die Grundlage dieser Analyse sein wird. Erst in der weiteren Auflage wurde es von Rousseau in Eile, wie die Darreichungsform zeigt - er hatte es auf die Rückseite des Kapitels über den Gesetzgeber notiert - nachgereicht.

Dementsprechend unabhängig scheint der Inhalt des achten Kapitels zur übrigen Staatstheorie Rousseaus zu stehen: es finden sich im gesamten Contrat kaum Hinweise über eine staatliche Religion oder abgesehen von der Moralität, Gesinnung und Tugend des Menschen, der zum Bürger wird, zu Religiosität überhaupt. Einzig das Kapitel über den Gesetzgeber selbst enthält Andeutungen über die Rolle des Glaubens im Verhältnis von Staat und Religion: “ Das ist es, was die Väter der Nationen zu jeder Zeit zwang, ihre Zuflucht zum Himmel als Mittler zu nehmen ( … ), damit die Völker ( … ) frei gehorchen und das Joch desöffentlichen Glücks tragen, ohne zu murren. ” 1 Und zwar “ Damit ein werdendes Volk die gesunden Grundsätze der Politik schätzen ( … ) kann ( … ) ” 2 .

Zu untersuchen sind also Rousseaus Typologie der Religionen im allgemeinen, seine Bewertungen darüber und im Besonderen die von ihm vorgesehene Funktion der Religion im Staate. Daher muss also zunächst eine genaue Analyse der entsprechenden Textstelle, Kapitel acht des vierten Buches nebst den vorgeschobenen Hinweisen über die funktionelle Religion in Kapitel sieben aus Buch zwei, mit dem Versuch einer Interpretation vorgenommen werden. Darüber hinaus stellt sich die Frage nach der Möglichkeit, das rousseausche Ideal der “ ( … ) positiven Dogmen ” 3 in einem Staate zu realisieren: hinsichtlich dieser Untersuchung soll die Rede Robespierres am 7. Mai 1794 vor dem Nationalkonvent “Ü ber die Beziehungen der religiösen und moralischen Ideen zu den republikanischen Grundsätzen, undüber die nationalen Feste. ” 4 herangezogen werden und auch geschichtliche Hintergründe der französischen Revolution betrachtet werden.

II. ROUSSEAUS THEORIE ÜBER DIE RELIGION

Rousseau schien zunächst zu erwägen, das Kapitel über die bürgerliche Religion zurückzuhalten: empfand er es als zu kontrovers? Eine solche Annahme ist hinsichtlich verschiedenster aufklärerischer Ansätze - wie etwa Hegels Auseinandersetzung mit Religion oder Voltaires und Hèberts Kirchenkritik - eher unwahrscheinlich.

Womöglich vermutete er potentielle Einwände, die auf der Frage basieren, weshalb der rousseausche Staat überhaupt einer Religion bedürfe und darüber hinaus noch einer staatlichen angesichts des gesamten freiheitlichen Staatskonstrukts, das Rousseau konzipiert hat. Allen möglichen Widersprüchen ungeachtet aber fügte er also das Kapitel seiner Theorie zu und so ist anzunehmen, dass seiner Meinung nach grundsätzlich kein religionsloser Staat existieren kann. Dies zeigen auch eindeutige Bezüge auf Machiavellis Staatstheorie, wie beispielsweise seine Anmerkung in Buch zwei, Kapitel sieben: “ In der Tat gab es noch nie einen auß ergewöhnlichen Gesetzgeber in einem Volk, der sich nicht auf Gott berufen hätte ( … ) ” 5 oder sein Gegenargument zu Pierre Bayle im Kapitel über die bürgerliche Religion: “ Man wird ( … ) beweisen, daß [sic!] nie ein Staat gegründet wurde, dem die Religion nicht als Grundlage gedient hätte ( … ) ” 6 . Die Religiosität der Menschen muss sogar funktionalisiert werden, um diese mit den staatlichen Prinzipen in Einklang zu bringen, um der höchsten Priorität - der Konstitution und Erhaltung des Staates - genüge zu leisten. Es bedarf eines Instruments, das dem Bürger hilft, “ ( … ) nicht nur zu erkennen, was im Sinne des Gemeinwohls ist, sondern es auch zu wollen. ” 7 Inwiefern sich dies Instrument gestaltet und als nützlich erweist, soll im hiesigen Kapitel eruiert werden.

a) Religion und Gesetz

Wie bereits erwähnt tritt das achte Kapitel erst als Ergänzung des vierten Buches im Gesellschaftsvertrag in Erscheinung. Das nachträgliche Hinzufügen aber, sowie letzte Bemerkungen Rousseaus im Kapitel über den legislateur weisen wohl auf eine gewisse Notwendigkeit von Religion bei der Staatenbildung im Sinne Rousseaus hin. So ist schon selbst der Gesetzgeber auf eine Art Unterstützung angewiesen, wenn er “ ( … ) sozusagen die menschliche Natur zuändern ” 8 hat. Und Rousseau empfiehlt, “ ( … ) daß [sic!] er seine Zuflucht zu einer Autorität anderer Ordnung nimmt, die ohne Gewalt mitreiß en und ohne zuüberredenüberzeugen kann. ” 9 Der Gesetzgeber muss hier auf mystische Methoden zurückgreifen, um selbst jene, “ ( … ) die menschliche Klugheit nicht zu bewegen vermöchte ” 10 von seinen Entscheidungen und den notwendigen Gesetzen zu überzeugen, wobei er selbst bereits als “ ( … ) große Seele ( … ) ” 11 nur handeln kann und gänzlich dem menschlichen Charakter mit seinen Egoismen und Leidenschaften entrückt ist, um schließlich nach getaner Arbeit den Schauplatz zu verlassen.

Abschließend betont Rousseau in diesem Kapitel über den Gesetzgeber sogar noch, dass Religion und Politik sozusagen Hand in Hand gehen bei der Staatsgründung, indem “ ( … ) beim Ursprung der Nationen die eine der anderen als Werkzeug dient. ” 12

Kapitel acht, Buch IV, beginnt sodann mit einem Überblick der seit jeher gegebenen Zusammenhänge von Politik und Religion: “ Anfangs hatten die Menschen keine anderen Könige als die Götter und keine andere Regierung als die theokratische. ” 13 Bei den polytheistischen Völkern sieht Rousseau die Identität von Gott und König gegeben, woraus er folgert, “ ( … ) daß [sic!] es so viele Götter gab wie Völker. ” 14 und damit aber ergibt sich zugleich die Kongruenz von religiöser und weltlicher Intoleranz: Mitglieder eines Staates konnten nur ihrem Gott (ihren Göttern) dienen, wenn sie ihre Bürgerpflichten liebten und befolgten. Damit folgert er auch zugleich umkehrt: dass es keine religiös motivierten Kriege gab, [kam, A.Z.] gerade daher ( … ), daß [sic!] kein Staat, der sowohl einen eigenen Kult als eine eigene Regierung hatte, zwischen seinen Göttern und seinen Gesetzen unterschied. Der politische Krieg war auch religiös ” 15 . Ein Zeichen für die enge Verbundenheit beider Systeme und des sich daraus ergebenden Respekts gegenüber der fremden Völker mit deren fremden Göttern: “ Es scheint mir, daß [sic!] dies eine voll anerkannte Gleichheit zwischen den Rechten des Gottes Chamos und denen des Gottes Israels darstellte. ” 16 Damit bedeutete “ ( … ) ein Volk zu bekehren, ( … ) es zu unterwerfen ( … ) ” 17 , da jede Niederlage hieß, den Kult des Eroberers anzuerkennen.

So kam es schließlich durch das römische Imperium, dass ein breiter Landstrich demselben oder ähnlichem Kult huldigte18 und “ ( … ) das Heidentum ( … ) eine einzige und gleiche Religion ” 19 wurde und “ ( … ) den Menschen ermöglicht, in vollkommenem Einklang mit dem Gemeinwesen, dem sie angehörten, zu leben. Durch die Identität von Politik und Religion kam kein Zweifel auf, welche Regel man befolgen, welchem Anführer man gehorchen sollte ( … ) ” 20 .

[...]


1 Rousseau, Jean-Jacques: Gesellschaftsvertrag, Zweites Buch, Kapitel 7, S.46; bibliographisch überarbeitete Ausgabe 2003. ©1977 Philipp Reclam jun. GmbH & Co, Stuttgart

2 Ebd.

3 Ders.: Gesellschaftsvertrag, Viertes Buch, Kapitel 8, S. 151

4 Robespierre, Maximilien: Referat vor dem Nationalkonvent, „Ausgewählte Texte“, S.653; 2. Auflage, Gifkendorf 1989. © MERLIN VERLAG Andreas Meyer VerlagsGmbH & Co KG

5 Rousseau, Jean-Jacques: Gesellschaftsvertrag, Zweites Buch, Kapitel 7, S.46 Anmerkung

6 Ders.: Gesellschaftsvertrag, Viertes Buch, Kapitel 8, S.145

7 Rehm, Michaela: Bürgerliches Glaubensbekenntnis- Moral und Religion in Rousseaus politischer Theorie, S.116.; © Wilhelm Fink Verlag GmbH & Co. München 2006

8 Rousseau, Jean-Jacques: Gesellschaftsvertrag, Zweites Buch, Kapitel 7, S.43

9 Rousseau, Jean-Jacques: Gesellschaftsvertrag, Zweites Buch, Kapitel 7, S.46

10 Ebd.

11 Ders: Gesellschaftsvertrag, Zweites Buch, Kapitel 7, S.47

12 Ebd.

13 Ders.: Gesellschaftsvertrag, Viertes Buch, Kapitel 8, S. 140

14 Ders.: Gesellschaftsvertrag, Viertes Buch, Kapitel 8, S. 141

15 Ebd.

16 Ders.: Gesellschaftsvertrag, Viertes Buch, Kapitel 8, S. 142

17 Ebd.

18 Rehm, Michaela: Ein rein bürgerliches Glaubensbekenntnis: Zivilreligion als Vollendung des Politischen?, vgl. S. 216 „Vom Gesellschaftsvertrag oder Prinzipien des Staatsrechts“, Hrsg. Brandt, Reinhard und Herb, Karlfriedrich; © Akademie Verlag GmbH Berlin 2000

19 Rousseau, Jean-Jacques: Gesellschaftsvertrag, Viertes Buch, Kapitel 8, S.143

20 Rehm, Michaela: Ein rein bürgerliches Glaubensbekenntnis: Zivilreligion als Vollendung des Politischen?, S. 216 „Vom Gesellschaftsvertrag oder Prinzipien des Staatsrechts“

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Über die Notwendigkeit einer bürgerlichen Religion im rousseauschen Staat und der Versuch ihrer Anwendung durch den Nationalkonvent
Hochschule
Universität Passau  (Philosphicum )
Veranstaltung
PS Rousseau und Robespierre - Vordenker und Exekutor der französischen Revolution
Note
1,7
Autor
Jahr
2008
Seiten
19
Katalognummer
V188819
ISBN (eBook)
9783656126072
ISBN (Buch)
9783656126591
Dateigröße
452 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Rousseau, Robespierre, bürgerliche Religion, Staat, Nationalkonvent, französische Revolution, Politik, Zivilreligion
Arbeit zitieren
Astrid Jana Zellner (Autor), 2008, Über die Notwendigkeit einer bürgerlichen Religion im rousseauschen Staat und der Versuch ihrer Anwendung durch den Nationalkonvent, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/188819

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