Darf man den firmeneigenen Angaben trauen, so gehören weltweit über 800 Millionen Menschen dem sozialen Onlinenetzwerk Facebook an. Die Hälfte der Mitglieder loggt sich dort tagtäglich ein und umgibt sich mit einem Kreis von 130 virtuellen Freunden. Seit der Gründung im Jahre 2004 ist damit aus Facebook, einem anfangs auf die Harvard University beschränkten Studentenprojekt, ein globales Phänomen geworden. Die Seite ist in zahlreichen Sprachen verfügbar und erfreut sich – zumindest mit Blick auf die wachsenden Nutzerzahlen – weiterhin steigender Beliebtheit.
Doch obwohl immer mehr Menschen immer mehr Zeit bei und mit Facebook verbringen, scheint das Onlinenetzwerk von seinen eigenen Mitgliedern nicht sonderlich gemocht zu werden. So kam beispielsweise der von der University of Michigan entwickelte, standardisierte und regelmäßig erhobene American Consumer Satisfaction Index zu dem Ergebnis, dass es in den USA – branchenübergreifend – im Jahre 2011 nur 13 von 225 Unternehmen gab, deren Kundenzufriedenheit noch geringer ausfiel als die von Facebook.3 Schlagzeilen, dass das Netzwerk zu den zehn am meisten gehassten Großunternehmen in den USA gehöre, machten daraufhin die Runde.
Wie sind diese pradoxen Beobachtungen zu erklären? Warum treten immer mehr Menschen Facebook bei und bleiben dort aktiv, obwohl sie mit dem Onlinenetzwerk nicht sonderlich zufrieden sind? Diesen Fragen widmet sich die vorliegende Hausarbeit. Aus der soziologischen Perspektive des methodologischen Individualismus – konkret anhand von Hartmut Essers multilinearer Evolutionstheorie sozialen Wandels – soll versucht werden, für die ursprüngliche Entstehung und kontinuierliche Reproduktion des sozialen Phänomens Facebook eine Erklärung anzubieten. Zu Beginn wird dazu Essers Theorie samt des ihr zu Grunde liegenden Akteurmodells dargestellt, um daran anknüpfend das Beispiel Facebook analytisch zugänglich zu machen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Essers multilineare Evolutionstheorie sozialen Wandels
2.1 Grundannahmen der Rational-Choice-Theorie
2.2 Das RREEMM-Akteurmodell
2.3 Das Grundmodell der soziologischen Erklärung
2.4 Sozialer Wandel als multilineare Evolution
3. Das Facebook-Paradoxon
3.1 Logiken in der Gründungsphase
3.2 Logiken in der Wachstumsphase
3.3 Logiken in der Sättigungsphase
3.4 Prozesse des sozialen Wandels
4. Fazit
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Diese Arbeit untersucht das sogenannte „Facebook-Paradoxon“ – den Umstand, dass die Nutzerzahlen des Netzwerks trotz hoher Unzufriedenheit der Mitglieder weiter steigen – mithilfe der multilinearen Evolutionstheorie sozialen Wandels von Hartmut Esser.
- Analyse des methodologischen Individualismus und der Rational-Choice-Theorie
- Erläuterung des RREEMM-Akteurmodells
- Anwendung des Makro-Mikro-Makro-Erklärungsmodells auf soziale Netzwerke
- Untersuchung von Entscheidungsprozessen in verschiedenen Phasen der Netzwerkentwicklung
- Erklärung der Dynamik von sozialem Druck und Kostenvermeidung bei der Nutzung von Facebook
Auszug aus dem Buch
3.3 Logiken in der Sättigungsphase
In dem Maße, in dem immer mehr Personen aus dem sozialen Umfeld eines Akteurs Mitglied bei Facebook wurden, veränderte sich die Logik der Situation für noch Außenstehende stark. Wie erste empirische Ergebnisse belegen, scheint Facebook die Kommunikationsprozesse seiner Mitglieder deutlich zu beeinflussen. „Bei der Frage nach der Veränderung des Kommunikationsverhaltens durch die Nutzung des Online Social Networks sind immerhin fast die Hälfte (48%) der Nutzer davon [sic!] ‚eher schon‘ bzw. ‚voll und ganz‘ von einer allgemeinen Veränderung überzeugt.“ Gleichzeitig scheint Facebook aber keinen negativen Einfluss auf klassische Kommunikationsformen zu haben, sondern sorgt eher für zusätzliche Interaktionen.
Wenn sich also das Kommunikationsverhalten von Facebook-Mitgliedern intensiviert, Nichtmitglieder aber außen vor bleiben, steigt der auf ihnen lastende Beitrittsdruck potentiell an. Es ist deshalb davon auszugehen, dass sich in einer solchen Situation die Logik der Selektion für die Akteure verändert und die Entscheidung für die Handlungsalternative ‚Mitgliedschaft‘ weniger freiwillig ausfällt als zuvor. Schließlich scheinen mit einer Nichtmitgliedschaft soziale Restriktionen bzw. Nachteile verbunden zu sein, die viele Akteure nicht auf sich nehmen möchten. Dies beeinflusst das Verhältnis von Kosten und Nutzen jedoch radikal: War es bei den ersten Mitgliedern vor allem der Nutzen, der nur geringen Kosten gegenüberstand, so scheinen die bisher außen vor gebliebenen Akteure nun vor allem daran interessiert zu sein, die sozialen Kosten, die mit einer Nichtmitgliedschaft verbunden sind, zu vermeiden. Durch die Dominanz von Facebook im eigenen sozialen Umfeld schätzen die Akteure die Kosten einer Nichtmitgliedschaft somit höher ein, als die Kosten eines Beitritts zum Onlinenetzwerk. Der Nutzenaspekt spielt für sie daher kaum noch eine Rolle.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in das Facebook-Paradoxon und Darlegung der forschungsleitenden Fragestellung auf Basis der soziologischen Perspektive von Hartmut Esser.
2. Essers multilineare Evolutionstheorie sozialen Wandels: Theoretische Fundierung durch Erläuterung der Rational-Choice-Theorie, des RREEMM-Modells, des Makro-Mikro-Makro-Erklärungsmodells sowie der Typologie sozialen Wandels.
3. Das Facebook-Paradoxon: Empirische Anwendung der Theorie auf die Gründungs-, Wachstums- und Sättigungsphasen von Facebook zur Erklärung des Nutzerverhaltens.
4. Fazit: Zusammenfassung der Ergebnisse, wonach sich die Akteurslogik von ursprünglicher Nutzenmaximierung hin zur Vermeidung sozialer Kosten entwickelt hat.
Schlüsselwörter
Facebook-Paradoxon, Hartmut Esser, Rational-Choice-Theorie, RREEMM-Akteurmodell, methodologischer Individualismus, sozialer Wandel, Nutzenmaximierung, Kostenvermeidung, Logik der Situation, Logik der Selektion, Logik der Aggregation, soziale Netzwerke, Pfadabhängigkeit, Transformation, Transition.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert das paradoxe Phänomen, dass Nutzer Facebook trotz deutlicher Unzufriedenheit treu bleiben und das Netzwerk stetig wächst.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder sind die Soziologie des digitalen Wandels, die Rational-Choice-Theorie sowie die Analyse von sozialen Netzwerken als dynamische Systeme.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Wie lässt sich das wachsende Nutzerverhalten bei gleichzeitig geringer Kundenzufriedenheit auf Basis der multilinearen Evolutionstheorie von Hartmut Esser soziologisch erklären?
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt den methodologischen Individualismus und das Makro-Mikro-Makro-Erklärungsmodell, um individuelle Handlungsentscheidungen in den sozialen Kontext einzubetten.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Herleitung der Esser'schen Modelle und deren Anwendung auf die verschiedenen Entwicklungsphasen von Facebook.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Neben Facebook und dem Paradoxon sind Begriffe wie RREEMM, Kostenminimierung, Nutzenmaximierung und die Logiken der Situation, Selektion und Aggregation zentral.
Warum steigen die Nutzerzahlen, wenn die Zufriedenheit so niedrig ist?
Laut der Analyse wechseln die Akteure von einer Strategie der Nutzenmaximierung zu einer Strategie der Kostenvermeidung, da eine Nichtmitgliedschaft im sozialen Umfeld zunehmend mit sozialen Nachteilen verbunden ist.
Welche Bedeutung hat das RREEMM-Modell in diesem Kontext?
Es dient als synthetisiertes Akteurmodell, das den Menschen als ressourcenreich, restriktionsunterworfen, erwartungsgeleitet und nutzenmaximierend beschreibt, was ein detailliertes Verständnis der Entscheidungssituation erlaubt.
- Arbeit zitieren
- Florian Philipp Ott (Autor:in), 2012, Das Facebook-Paradoxon, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/188845