Die Undine im Wandel der Zeit

Ein Vergleich von Fouqués Undine, Giraudoux’ Ondine und Bachmanns Undine geht


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008

28 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Undines Ahnfrauen
2.1 Die Staufenbergsage
2.2 Paracelsus: “Liber de nymphis, sylphis, pygmaeis et salamandaris et de caeteris spiritibus“

3. Friedrich de la Motte Fouqué: Undine
3.1 Die Figur der Undine bei Fouqué
3.1.1 Die natürliche Undine
3.1.2 Die beseelte Undine

4. Jean Giraudoux: Ondine
4.1 die Figur der Undine bei Giraudoux
4.1.1 die seelenlose Undine
4.1.2 Utopie der grenzenlosen Liebe

5. Ingeborg Bachmann: Undine geht
5.1 Die Figur der Undine bei Bachmann
5.1.1 Undine als Geliebte
5.1.2 Emanzipation der Undine
5.1.3 Endgültiger Abschied oder neuer Anfang

6. Fazit

1. Einleitung

Im Folgenden werde ich die Undine-Figuren in den Werken Undine von Friedrich de la Motte Fouqué, Ondine von Jean Giraudoux und Undine geht von Ingeborg Bachmann analysieren.

Zunächst einmal möchte ich einen Überblick über die Geschichte der Undine geben, die eine lange Tradition hat. Dabei werde ich mich auf die beiden für meine Analyse wichtigsten Werke konzentrieren: die Staufenbergsage von Egenolf von Staufenberg und das liber de nymphis, sylphis, pygmaeis et salamandris et caeteris spiritibus des Paracelsus.

Im Anschluss daran erfolgt eine genauere Analyse der Werke von Fouqué, Giraudoux und Bachmann in chronologischer Reihenfolge. Dabei werde ich immer wieder auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Werke hinweisen.

Im letzten Kapitel werde ich noch einmal auf die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Werke eingehen und die Ergebnisse meiner Arbeit zusammenfassen.

2. Undines Ahnfrauen

Das Motiv der Wasserfrau hat eine lange Tradition in der Literatur. Dabei lässt sich dieses Motiv in fast allen Kulturkreisen finden. Bereits der antike Homer berichtet im 12. Gesang in seiner „Odyssee“ von weiblichen Wasserwesen, den Sirenen. Dabei handelt es sich um „göttliche, verlockende und verderbenbringende Wesen, die dem Menschen überlegen sind“[1]. Was die Fouquésche Undine und ihre Ahnfrau Sirene verbindet, ist die Fähigkeit das Wetter zu beeinflussen. Was sie trennt, ist die Boshaftigkeit der Sirene, von der bei der romantischen Undine nichts mehr geblieben ist.

Seit dem Mittelalter gewinnt das Motiv der „gestörten Mahrtenehe“ immer mehr an Bedeutung. Als Mahrtenehe bezeichnet man die eheliche Verbindung einer „Jenseitigen“ mit einem sterblichen, zum Zeitpunkt der ersten Begegnung hilfebedürftigen, vom Wege abgekommenen Mann, der durch das höhere Wesen aus einer Notlage errettet wird.[2]

An diese Ehe ist für den irdischen Partner immer ein Tabu geknüpft. Das kann zum Beispiel sein, dass er seine Ehefrau nicht nackt sehen darf oder dass er sie samstags alleine lassen muss. Wird dieses Tabu gebrochen, muss der Mann sterben. Helga Trüpel-Rüdel nennt dies eine „Paktbeziehung“ zwischen der übernatürlichen Frau und dem irdischen Mann[3].

Als wichtigste Vorläufer des Undine-Mythos sind die Staufenbergsage und das liber de nymphis, sylphis, pygmaeis et salamandris et caeteris spiritibus von Paracelsus zu nennen. In beiden Werken wird die Mahrtenehe thematisiert, die auch bei Fouqué und Giraudoux zu finden ist.

2.1 Die Staufenbergsage

Bei der Staufenbergsage handelt es sich in der frühesten Form um eine Versnovelle. Als Autor gilt Egenolf von Staufenberg, der die mittelhochdeutsche Novelle um 1310 verfasst haben soll.

Erzählt wird die Geschichte des Ritters Peter von Staufenberg, der eine Verbindung mit einer überirdischen Frau eingeht. Er begegnet ihr, als er sich auf dem Weg zur Messe befindet, auf einem Stein. Auf die Frage, was sie denn allein an diesem ungewöhnlichen Ort mache, offenbart sie ihm, dass sie seine Schutzfee sei und kennzeichnet sich damit selbst als überirdisches Wesen. Ihre Schönheit zieht den Ritter an und er möchte mit ihr zusammen sein. Als Bedingung für eine Beziehung gibt die Frau an, dass der Ritter niemals heiraten dürfe. Sollte er es doch tun, müsse er sterben. Der Ritter willigt ein. Somit entsteht der für die Mahrtenehe typische Pakt. Die Beziehung der beiden verläuft nun eine Weile harmonisch, bis der Ritter auf einem Turnier auf einen König trifft, der ihn mit seiner Pflegetochter verheiraten möchte. Zunächst lehnt Peter von Staufenberg dies ab, erwähnt aber seine Geliebte und den Pakt, durch den er an sie gebunden ist. Als die anwesenden Geistlichen dies hören, befürchten sie, dass er seine Seele verlieren könne, sollte er an der Beziehung zu dem überirdischen Wesen festhalten. Aus Angst davor willigt der Ritter in eine Heirat mit der Pflegetochter des Königs ein. Damit hat er den Pakt gebrochen. Auf seiner Heimreise trifft er auf seine überirdische Geliebte, die ihm seinen Tod ankündigt. Während der Hochzeitsfeierlichkeiten werde ihr Fuß durch die Decke kommen und der Ritter werde sterben. Diese Prophezeiung erfüllt sich. Dass der Fuß kein Loch in der Decke hinterlässt, deuten die Hochzeitsgäste als Teufelswerk. Nach dem Tod des Ritters beschließt seine Braut ihr weiteres Leben in einem Kloster zu verbringen.

…der erotischen, heidnischen Frau (wird) die züchtige Braut kontrastiert… Die Erzählung endet mit einem christlichen Rat an die jungen Leute, nach Ehren zu werben, um ja nicht den Verlust der Seele zu riskieren.[4]

Sowohl bei Fouqué als auch bei Giraudoux wird das Motiv der Dreiecksbeziehung von einem Mann, der sich zwischen zwei Frauen befindet, aufgegriffen. Dieses Motiv ist für den Undine-Mythos kennzeichnend. „Die Zugehörigkeit eines Stoffes zum ‚Mythos Undine’ wird immer daran sichtbar, ob die Liebe durch eine Rivalin gestört wird (das Motiv ‚Mann zwischen zwei Frauen’).[5] “ Fouqué übernimmt zudem das Motiv der Offenbarung der überirdischen Frau. Genau wie bei Staufenberg gesteht Fouqués Undine Huldbrand sehr früh ihre wahre Herkunft. Dies „…gibt dem Dichter die Möglichkeit, die Auseinandersetzung mit der andersartigen Fremden auf gesellschaftlicher und psychologischer Ebene gleichzeitig auszutragen.“[6]

2.2 Paracelsus: “Liber de nymphis, sylphis, pygmaeis et salamandaris et de caeteris spiritibus“

Fouqué selbst gibt Paracelsus’ Werk als Quelle für seine Gestaltung des Undine-Mythos an:

In Nr 239 der Allg. Lit. Zeit. befindet sich eine sinnvolle Recension meiner Zeitschrift, die Jahreszeiten, wo der Wunsch geäußert wird, ich möge die Quellen angeben, aus welcher ich mein dort abgedrucktes Mährchen Undine genommen habe. Mit Vergnügen begegne ich der wohlwollenden Anfrage, berichtend, daß ich aus Theophrastus Paracelsus Schriften schöpfte.[7]

In seinem Liber de nymphis, sylphis, pygmaeis et salamandaris et de caeteris spiritibus berichtet Paracelsus von vier verschiedenen Arten von Elementargeistern: den Wasserleuten (undenae), den Bergleuten (gnomi), den Luftleuten (sylvestres) und den Feuerleuten (vulcani oder salamandri). Somit ist es Paracelsus, der den Wasserleuten den Namen “undenae” gibt, woraus sich bei Fouqué der Eigenname “Undine” entwickelt hat.

Mit seinem Werk wendet er sich gegen den Dämonenglauben im Mittelalter und “die Ausgrenzung bestimmter Phänomene als heidnisch und böse, indem der sie in sein Verständnis von Natur hinneinnimmt.”[8] Für ihn sind die Elementargeister ebenso von Gott geschaffen wie die Menschen und befinden sich auf einer Stufe zwischen “den körperlosen Geistern und den Menschen.”[9] Sie leben wie die Menschen, müssen essen und trinken und sind sterblich. Was ihnen allerdings fehlt, ist eine Seele. Doch sie haben die Möglichkeit ihre Welt zu verlassen und in die Welt der Menschen zu kommen. So kann eine Wasserfrau, eine Undine, eine Verbindung mit einem Menschenmann eingehen. Durch die Ehe mit diesem, erlangt sie eine Seele und kann nach ihrem Tode, dem christlichen Glauben entsprechend, erlöst werden. “Die Gabe der Seele ist Ausdruck für die Zivilisierung.”[10]

Auch die problematische Paktbeziehung zwischen Menschenmann und Wasserfrau, die für das Motiv der gestörten Mahrtenehe typisch ist, findet Eingang in Paracelsus` Werk. So ist dem Mann verboten seine undenische Frau in der Nähe des Wassers zu beschimpfen oder zu kränken. Tut er es doch, so muss sie in ihr Element zurückkehren. Wenn der Mann sich daraufhin mit einer anderen Frau verheiratet, kehrt sie ein letztes Mal zurück und tötet ihn.

Was also neu ist bei Paracelsus, und auch für die Fouquésche Bearbeitung des Undinestoffes eine entscheidende Rolle spielt, ist zum einen die Namensgebung, Seit Paracelsus gibt es den Namen Undine, der sich wohl aus dem Lateinischen „unda“ für Welle ableitet. Zum anderen entsteht bei ihm das Motiv des Seelenerwerbs, das einhergeht mit der Zivilisierung und Domestizierung der Wasserfrau.

3. Friedrich de la Motte Fouqué: Undine

Das Kunstmärchen Undine von Friedrich de la Motte Fouqué erschien erstmals 1811 in Berlin. Fouqué veröffentlichte die Erzählung in der von ihm herausgegebenen Zeitschrift „die Jahreszeiten“. Schon von Beginn an erfreute sich die Undine großer Beliebtheit und wurde recht bald übersetzt, unter anderem ins Italienische, Französische und Englische.

Als Quelle für seine Erzählung dient Fouqué wie bereits erwähnt das Liber de nymphis, sylphis, pygmaeis et salamandaris et de caeteris spiritibu “ von Paracelsus, aus dem er sowohl den Namen Undine übernimmt als auch das Beseelungsmotiv. Auch das Motiv der Mahrtenehe und die damit verbundene Dreierbeziehung «Menschenmann ziwschen Waserfrau und Menschenfrau» findet man in seinem Kunstmärchen.

Hauptthema des Märchens ist die Beseelung der Wasserfrau Undine durch die Heirat mit dem Ritter Huldbrand und ihre daraus resultierenden Schwierigkeiten sich in die menschliche Gesellschaft einzugliedern.

Fouqués Märchen lässt sich grob in zwei Teile gliedern: im ersten Teil finden sich die Geschehnisse, die vor der Heirat auf der idyllischen Landzunge stattfinden und als Hauptthema die Mahrtenehe und den Seelenerwerb der Wasserfrau haben. Im zweiten Teil geht es um das Leben Undines nach der Hochzeit in der Stadt beziehungsweise auf Burg Ringstetten, wo das Motiv „ein Mann zwischen zwei Frauen“ in den Vordergrund tritt.

[...]


[1] Trüpel-Rüdel, Helga: Undine. Eine motivgeschichtliche Untersuchung. Bremen, 1987. S. 11

[2] Stuby, Anna Maria: Liebe, Tod und Wasserfrau. Mythen des Weiblichen in der Literatur..Opladen: Westdt. Verl., 1992. S. 68

[3] Vgl. Trüpel-Rüdel, Helga: Undine. Eine motivgeschichtliche Untersuchung. Bremen, 1987. S. 20

[4] Trüpel-Rüdel, Helga: Undine. Eine motivgeschichtliche Untersuchung. Bremen, 1987. S. 25

[5] Malzew, Helena: Menschenmann und Wasserfrau. Ihre Beziehung in der Literatur der deutschen Romantik. Berlin: Weißensee Verlag, 2004. S. 195

[6] Vogel, Matthias: Melusine… das lässt aber tief blicken. Studien zur Gestalt der Wasserfrau in dichterischen und künstlerischen Zeugnissen des 19. Jahrhunderts. Frankfurt am Main: Lang, 1989. S. 126

[7] Guiterréz-Koester, Isabel: Ich geh nun unter in dem Reich der Kühle, daraus ich geboren war… Zum Motiv der Wasserfrau im 19. Jahrhundert. Berlin: Logos, 2001. S. 74

[8] Trüpel-Rüdel, Helga: Undine. Eine motivgeschichtliche Untersuchung. Bremen, 1987. S. 43

[9] Ebd. S. 42

[10] Ebd. S. 48

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Die Undine im Wandel der Zeit
Untertitel
Ein Vergleich von Fouqués Undine, Giraudoux’ Ondine und Bachmanns Undine geht
Hochschule
Universität des Saarlandes
Note
1,7
Autor
Jahr
2008
Seiten
28
Katalognummer
V188849
ISBN (eBook)
9783656125860
ISBN (Buch)
9783656126393
Dateigröße
603 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
giraudoux, undine, ingeborg bachmann, de la motte fouque
Arbeit zitieren
Kathrin Nasser (Autor), 2008, Die Undine im Wandel der Zeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/188849

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