Holocaust, Auschwitz, Shoah, „die Vernichtung der europäischen Juden“ oder „das große Morden“ sind einige Begriffe, die sich in unterschiedlichen Kontexten als Bezeichnungen für die Umsetzung der „Endlösung der Judenfrage“ etabliert haben. In den ersten Jahren der Bundesrepublik gab es noch keinen allgemein gebräuchlichen Ausdruck für dieses Thema. Theodor Adorno führte den Ortsnamen „Auschwitz“ als Bezeichnung für den Massenmord in den Diskurs in der BRD ein, um ihn zum Ausgangspunkt für die moralische Hinterfragung der deutschen Nachkriegsgesellschaft zu nehmen. Sein Diktum über Lyrik nach Auschwitz diente ihm zur Provokation und sollte aufrütteln, wurde jedoch häufig auf ein Darstellungsverbot reduziert. In dieser Arbeit soll gezeigt werden, wie Adornos Vorstellungen über eine Darstellbarkeit von Auschwitz aus seinen erkenntnistheoretischen Überlegungen der „Dialektik der Aufklärung“ abzuleiten sind. In einem zweiten Schritt soll verdeutlicht werden, dass Adornos Essays im Hinblick auf die gesellschaftliche Situation gelesen werden müssen. Anschließend stütze ich mich besonders auf die 2001 erschienene Dissertation von Stefan Krankenhagen, um die konkreten Vorstellungen Adornos über eine annähernd angemessene Form der literarischen Darstellung von Auschwitz zu erläutern. Dabei stellt sich allerdings heraus, dass ein Vorgehen im Sinne Adornos „sich nicht beliebig fortsetzen lässt.“ Daran anknüpfend stellt sich die Frage, wie mit der Repräsentation von Auschwitz forthin umgegangen werden kann. So wie das Gedächtnis eines Kollektivs als dynamisch vorgestellt werden muss, unterliegt auch die Erinnerung an Auschwitz Veränderungen mit jeder neuen Generation. Ich frage mich, inwiefern Adornos Vorstellungen zur Repräsentation für die Bildung des kollektiven Gedächtnisses heute noch Anwendung finden können. Welche Faktoren verändern den Rahmen der kollektiven Erinnerung? In welcher Form unterscheiden sich die Bedingungen heute von der konkreten Situation, auf die Adorno mit seiner Essayistik und seinen Radiovorträgen einzuwirken suchte?
Meine eigenen Einfälle zu diesen Veränderungen bringen mich auf die Idee, sie dem Konzept des kosmopolitischen Gedächtnisses von Daniel Levy und Natan Sznaider gegenüber zu stellen. Ich erhoffe mir dabei herauszufinden, inwiefern Adornos Thesen zur Darstellbarkeit ihre Relevanz behalten und inwiefern sie im Hinblick auf heutige Anforderungen zu relativieren sind.
Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG
2. ADORNOS VORSTELLUNGEN ÜBER DIE DARSTELLBARKEIT VON AUSCHWITZ
2.1 DIE „DIALEKTIK DER AUFKLÄRUNG“ ALS HINTERGRUND
2.2 ADORNOS EINDRUCK DER GESELLSCHAFTLICHEN SITUATION NACH SEINER RÜCKKEHR IN DIE NEUGEGRÜNDETE BRD
2.3 ADORNOS ANSPRUCH AN LITERATUR NACH AUSCHWITZ
2.4 GRENZEN DER UMSETZBARKEIT
3. VERORTUNG IM KOLLEKTIVEN GEDÄCHTNIS
3.1 VERÄNDERTE SITUATION
3.2 DAS KONZEPT DES KOSMOPOLITISCHEN GEDÄCHTNISSES
4. FAZIT
5. QUELLEN- UND LITERATURVERZEICHNIS
5.1 QUELLEN
5.2 LITERATUR
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die Möglichkeiten und Grenzen der literarischen Darstellung von Auschwitz im Kontext der kritischen Theorie Theodor Adornos und analysiert deren Wandel im kollektiven Gedächtnis Deutschlands unter den Bedingungen der Globalisierung.
- Adornos erkenntnistheoretische Grundlagen und das Diktum zur Lyrik nach Auschwitz
- Die Notwendigkeit einer ästhetischen Selbstreflexion in der Literatur
- Die Transformation kollektiver Erinnerungskulturen seit der Nachkriegszeit
- Die Anwendung des Konzepts des kosmopolitischen Gedächtnisses auf den Holocaust
- Das Spannungsfeld zwischen nationaler Identität und universeller Erinnerung
Auszug aus dem Buch
2.3 Adornos Anspruch an Literatur nach Auschwitz
Kunst bleibt für Adorno immer eingebunden in gesellschaftliche Prozesse, mit Bezug auf Auschwitz insbesondere in den gesellschaftlichen Schuldzusammenhang. Das trifft besonders deshalb zu, weil auch Kunst nicht ohne Rationalität auskommen kann: Ihr Material aus Sprache, Tönen, Form oder Farben wird erst durch Rationalität zu einer stimmigen Einheit zusammengestellt. Je mehr sie dabei in kanonischen Formen und Konventionen verharrt, desto mehr macht sie sich in Adornos Sinne schuldig.
Adorno legt deshalb ein entscheidendes Kriterium fest, das nicht nur für alle neugeschaffene Kunst nach Auschwitz gelten soll, sondern genauso für jede Betrachtung älterer Kunst: Sowohl Kunst als auch ihre Kritik müssen sich selbstreflexiv mit ihrer Begrenztheit auseinandersetzen. Einerseits hat Adorno den Anspruch, dass die Kunst sich um die Rettung des Vielfältigen und Nichtidentischen zumindest bemüht. Er zielt darauf ab, dass das Material der Kunst so zusammengefügt werden soll, dass es in seiner Stimmigkeit rätselhaft wird und somit in seiner Individualität hervortritt. Zugleich macht er aber klar, dass selbst diese Rettung des Nichtidentischen nur zum Schein erreicht wird. Es ist die einzige Möglichkeit, die in einer rational bestimmten Welt bleibt.
Verwirklicht sah Adorno diese Ansprüche besonders in den Dramen von Samuel Beckett, zu dem er sich mehrfach äußert. Aus Adornos „Versuch, das Endspiel zu verstehen“ lassen sich, nach Krankenhagen sowie Schmid Noerr, folgende Darstellungsmittel ableiten, die Adorno notwendig erscheinen: (1) Dramatische Dekonstruktion der Figur und des Subjektbegriffes, (2) Regredierende Sprache, (3) Verformung der Einheit von Zeit, Raum und Handlung.
Zusammenfassung der Kapitel
1. EINLEITUNG: Die Einleitung führt in die Problematik der sprachlichen und literarischen Erfassung des Holocaust ein und verortet Theodor Adorno als zentrale Instanz für die Frage nach der Darstellbarkeit des Verbrechens.
2. ADORNOS VORSTELLUNGEN ÜBER DIE DARSTELLBARKEIT VON AUSCHWITZ: Dieses Kapitel erläutert, wie Adornos philosophisches Fundament der „Dialektik der Aufklärung“ seine kritische Haltung gegenüber einer restaurativen Kultur in der jungen Bundesrepublik begründet.
2.1 DIE „DIALEKTIK DER AUFKLÄRUNG“ ALS HINTERGRUND: Hier werden die theoretischen Grundlagen dargelegt, nach denen rationale Vernunft und begriffliches Denken in autoritäre Herrschaft und Terror umschlagen können.
2.2 ADORNOS EINDRUCK DER GESELLSCHAFTLICHEN SITUATION NACH SEINER RÜCKKEHR IN DIE NEUGEGRÜNDETE BRD: Das Kapitel analysiert Adornos Enttäuschung über das restaurative Bedürfnis der deutschen Nachkriegsgesellschaft nach Normalität und ungebrochener Tradition.
2.3 ADORNOS ANSPRUCH AN LITERATUR NACH AUSCHWITZ: Es wird dargelegt, warum Kunst laut Adorno selbstreflexiv sein muss und wie Samuel Becketts Werk als Ausdruck dieser notwendigen ästhetischen Konsequenz verstanden werden kann.
2.4 GRENZEN DER UMSETZBARKEIT: Das Kapitel reflektiert die Pessimismen Adornos hinsichtlich der Wirksamkeit von Erziehung und Literatur bei der Verhinderung zukünftiger Katastrophen.
3. VERORTUNG IM KOLLEKTIVEN GEDÄCHTNIS: Der Fokus verlagert sich auf die zeitgenössischen Bedingungen der Erinnerung, die durch den Wandel von der Nachkriegsära zur globalisierten Moderne geprägt sind.
3.1 VERÄNDERTE SITUATION: Hier werden drei zentrale Faktoren (quantitative Präsenz, Verlust der Zeitzeugen, nationale Integration) identifiziert, die den heutigen Diskurs über den Holocaust verändern.
3.2 DAS KONZEPT DES KOSMOPOLITISCHEN GEDÄCHTNISSES: Das Kapitel untersucht das Modell von Levy und Sznaider, das den Holocaust als Ausgangspunkt für eine globale, über nationale Grenzen hinausgehende Erinnerungskultur betrachtet.
4. FAZIT: Das Fazit fasst zusammen, dass Auschwitz als Ausgangspunkt der Geschichte bleibt, während sich die Formen der moralischen Vermittlung durch Medien und Globalisierung notwendigerweise wandeln.
5. QUELLEN- UND LITERATURVERZEICHNIS: Dieses Kapitel listet sämtliche verwendeten Primärquellen und die weiterführende wissenschaftliche Literatur auf.
5.1 QUELLEN: Auflistung der Werke von Adorno und weiteren direkt zitierten Autoren.
5.2 LITERATUR: Zusammenstellung der wissenschaftlichen Sekundärliteratur zur historischen und literaturwissenschaftlichen Einordnung.
Schlüsselwörter
Auschwitz, Theodor Adorno, Kritische Theorie, Dialektik der Aufklärung, Nachkriegsliteratur, Holocaust, Kollektives Gedächtnis, Kosmopolitisches Gedächtnis, Darstellbarkeit, Samuel Beckett, Erinnerungskultur, Massenmedien, Globalisierung, Ethik, Ästhetik
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert das komplexe Verhältnis zwischen den historischen Verbrechen von Auschwitz und deren literarischer sowie gesellschaftlicher Aufarbeitung in Deutschland, wobei der Schwerpunkt auf den theoretischen Vorgaben von Theodor Adorno liegt.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zu den zentralen Themen gehören die Philosophie der „Dialektik der Aufklärung“, die Frage nach einer angemessenen ästhetischen Form für das Unbegreifliche und der Wandel der Erinnerungskultur unter den Bedingungen einer globalisierten Gesellschaft.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es zu untersuchen, wie Adornos Thesen zur Darstellbarkeit von Auschwitz heute zu bewerten sind und inwiefern aktuelle Konzepte – wie das des „kosmopolitischen Gedächtnisses“ – als Antwort auf die veränderten gesellschaftlichen Anforderungen dienen können.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Die Arbeit folgt einer theoretisch-analytischen Methode, die Adornos philosophische Schriften kontextualisiert, mit literaturwissenschaftlichen Analysen (insb. am Beispiel von Beckett) verbindet und diese mit aktuellen kulturwissenschaftlichen Diskursen über das kollektive Gedächtnis in Beziehung setzt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine intensive Auseinandersetzung mit Adornos erkenntnistheoretischen Annahmen zur Kunst nach 1945 und eine anschließende Prüfung, wie sich die Bedingungen für die kollektive Erinnerung durch Faktoren wie die Wiedervereinigung, den Verlust von Zeitzeugen und mediale Globalisierungsprozesse verschoben haben.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit wird maßgeblich durch die Begriffe Auschwitz, Adorno, Kritische Theorie, Erinnerungskultur, Kosmopolitisches Gedächtnis und Darstellbarkeit bestimmt.
Wie verhält sich das „kosmopolitische Gedächtnis“ zu Adornos ursprünglichem Ansatz?
Während Adorno den Holocaust als singulären moralischen Maßstab im nationalen Schuldzusammenhang betonte, erweitern Levy und Sznaider diesen auf eine globale Ebene, um angesichts zunehmender Distanz und Medialisierung neue Strategien der Identifikation und moralischer Solidarität zu ermöglichen.
Welche Rolle spielt die Massenkultur bei der Erinnerung an den Holocaust?
Die Arbeit kommt zu dem Schluss, dass massenmediale Angebote, wie etwa Spielfilme, zwar kritisch hinsichtlich einer Trivialisierung zu hinterfragen sind, jedoch auch die notwendige Konkretisierung von Geschichte bieten, um für ein breites Publikum einen Zugang zum Thema überhaupt erst herzustellen.
- Arbeit zitieren
- Arndt Schmidt (Autor:in), 2007, Die Nicht-Darstellbarkeit von Auschwitz und seine Verortung im kollektiven Gedächtnis, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/188869