Die Funktion der Kunst in Niklas Luhmann`s Systemtheorie

Und wie sich diese Funktion durch die Einflussnahme der kunstsystemeigenen Institutionen und des Marktes auflöst.


Hausarbeit (Hauptseminar), 2011

20 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung

2. Entwicklung zum autonomen Kunstverständnis

3. Die Rolle der Kunst in Niklas Luhmann`s Systemtheorie
3.1. Die Kunst als autopoietisches Funktionssystem
3.2. System & Umwelt
3.2.1. Strukturelle Kopplung & Irritation
3.3. Die Funktion der Kunst
3.3.1.Kontingenz & Ordnung

4. Einflussnahme der systemeigenen Institutionen und des Kunstmarktes
4.1. Kunstmuseen & Kunstvereine
4.2. Kunstmarkt

5. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einführung

Die Kunst hat in den letzten Jahrhunderten mehrere Funktionswandel durchlaufen und ihre Stellung in der Gesellschaft immer wieder neu definiert und positioniert. Ihre Rolle in der Gesellschaft wurde in verschiedensten Publikationen von Niklas Luhmann thematisiert und er definierte sie explizit als Funktionssystem in seiner Systemtheorie. In der vorliegenden Arbeit möchte ich die Kunst in eben dieser Luhmannschen Systemtheorie darstellen und die ihr zugewiesenen Funktionen aufzeigen. Zuvor werde ich die Entwicklung zum autonomen Kunstverständnis kurz skizzieren und zeigen, wie Luhmann den Kunstbegriff in seiner Theorie grundlegend versteht. Unter Punkt 3 möchte ich die Kunst in sein Gesellschaftssystem einordnen und als weiterführende Fragestellung, die Institutionen des Kunstsystems beleuchten und darstellen, wie diese als Selektionsapparat intensiv in die Rezeptions- möglichkeiten für Kunst eingreifen. Ich beziehe mich dabei auf Museen und Kunstvereine, wohlwissend dass es noch andere Institutionen gibt, die jedoch keinen so hohen Anteil an der Kunst - und Kulturvermittlung in Deutschland haben und daher von mir ausgespart wurden. Außerdem gehe ich noch knapp auf den Kunstmarkt ein und thematisiere die Inszenierung der Kunst und des Künstlers für den Markt. Das Funktionspotential der Kunst ist durch die Einflussnahme der Institutionen und des Marktes gemindert und im Sinne der Luhmannschen Theorie nicht mehr umzusetzen. Darauf möchte ich in dem letzten Punkt weiter eingehen und ein kritisches Fazit ziehen.

2. Entwicklung zum autonomen Kunstverständnis

Die Auflösung des Klassensystems und der hierarchischen Gesellschaftsordnung, hin zu einer ausdifferenzierten hochfunktionalen Gesellschaft, führte auch in der Kunst zu großen Veränderungen und Funktionsanpassungen.

Vor dem 15. Jahrhundert war die künstlerische Produktion weitgehend auf den religiösen Bereich und nur in geringerem Maße auf die ästhetischen Bedürfnisse weltlicher Auftraggeber ausgerichtet. Die Kunst wurde als Handwerk verstanden und der Künstler trat in den Hintergrund.1 Selbst die Signatur der Werke war unüblich.

Auch die europäischen Königshäuser nahmen als Geldgeber der Künste eine dominierende Rolle ein und nutzten die Kunst als Repräsentationsmittel ihrer Macht und ihres Einflusses.

An die religiöse und repräsentative Funktion schloss sich die ästhetische Funktion der Kunst an. Das Kunstmonopol der Kirche und des Adels wurde aufgehoben und das sich zunehmend emanzipierende Bürgertum begann sich zu formieren und gründete Ende des 18. Jahrhundert die ersten Kunstvereine. Höfische und kirchliche Sammlungen gingen teilweise komplett in den staatlichen Besitz über oder wurden von reichen Bürgern aufgekauft und Kunstvereinen für Ausstellungen zur Verfügung gestellt. Die Kunst sollte nicht länger nur einem kleinen Teil der Gesellschaft zugänglich sein und auch der Wunsch nach einem Ort der Vermittlung wurde stärker. Daher kommt es im 19. Jahrhundert zu vielen Museumseröffnungen.

“Die Künstler begannen ganz eigenen Wertvorstellungen und ihrem künstlerischen Genius verpflichtet, für einen anonymen Markt zu produzieren und sich mit ihrer Kunst an ein mehr oder weniger unbekanntes, disperses Publikum zu richten.”2

Dieser Prozess, die Loslösung von Adel und Kirche und die Etablierung der Museen und kunstinternen Institutionen, ist als Autonomisierungsprozess der Kunst zu begreifen.

Die Autonomie der Kunst und des Künstlers war die fundamentale Bedingung, um sich als System funktional zu differenzieren. Daher ist dies die grundlegende Annahme die Luhmann in seiner Systemtheorie macht. Luhmann beschreibt die Teilssysteme, wie sie sich seit der Moderne in der Gesellschaft etablierten. Das Kunstverständnis, welches er dem Zugrunde legt ist daher nicht mehr von dem Abhängigkeitsverhältnis zu Adel und Kirche geprägt. Er sieht jedoch neue Abhängigkeitsverhältnisse in privaten Auftragsarbeiten und in der Ausrichtung an Käuferinteressen auf dem freien Kunstmarkt. Im Folgenden werde ich auf die Rolle der Kunst eingehen, die sie in Luhmann`s Gesellschaftstheorie übernimmt und die Funktionen herausstellen, die die Kunst laut Luhmann in der Gesellschaft vollbringen kann, da sie sich als autonomes System abgrenzt.

3. Die Rolle der Kunst in Niklas Luhmann´s Systemtheorie

3.1. Die Kunst als autopoietisches Funktionssystem

In Niklas Luhmann`s systemtheoretischem Ansatz wird die Gesellschaft in Funktionssysteme unterteilt. Die Funktionssysteme Recht, Wissenschaft, Religion und beispielsweise Wirtschaft sind Teilssysteme, die eine hohe Wichtigkeit in der Effizienz einer modernen Gesellschaft haben. Diese Ausdifferenzierung ist basal für die Leistungsfähigkeit einer modernen Gesellschaft und kennzeichnet den Entwicklungsstand einer Kultur. Auch die Kunst erbringt für Niklas Luhmann die Voraussetzungen, um ein eigenes Funktionssystem, neben den anderen gesellschaftlichen Funktionssystemen, darzustellen, denn es ist operativ geschlossen und selbstreferentiell.3 Die Teilsysteme sind voneinander abgegrenzt und kommunizieren nicht direkt miteinander. Diese Abgrenzung des Systems, bedeutet, dass es klare Definitionen aufstellt was innersystemisch ist, oder von Außen auf das System trifft. Ohne diese Grenze würde das System sich in den anderen Systemen auflösen.

„Systeme (…) können ihre Funktion dann und nur dann erfüllen, wenn sie äußere Komplexität reduzieren und innere, das heißt strukturelle Komplexität aufbauen. Ein System ohne hinreichende Abschirmung von den unendlich vielfältigen Vorgängen in seiner Umgebung würde aufhören, sich zu reproduzieren; es würde an einer nicht zu verarbeitenden Übermenge an Umwelteinflüssen zugrundegehen.“ 4

Autopoiesis ist ein weiteres Schlüsselwort in der Systemtheorie Luhmanns´, welches er ursprünglich von der Biologie aufgreift und in seine Theorie übersetzt. Ein autopoietisches System ist ein selbstreferentielles, sich selbst organisierendes, eigene Gesetzmäßigkeiten aufstellendes Gebilde. Auf die Kunst bezogen bedeutet dies, dass Kunst ein in sich geschlossenes Funktionssystem ist, welches sich an sich selbst orientiert und sich aus sich heraus erschafft:

„Operative Schließung also als ein Begriff, der (…) autopoietisch angelegt ist, das heißt, die Kunst produziert sich selbst. Wenn es keine Kunst gäbe, gäbe es auch keine Möglichkeit Kunstwerke zu schaffen.“5

Mit operativer Geschlossenheit meint Luhmann eben diese Grenzziehung zur systemexternen Umwelt, die ein System definiert und erst operativ effizient und leistungsstark macht. Operative Geschlossenheit ist laut Luhmann die Bedingung für die Offenheit eines Systems.

3.2. System & Umwelt

Wie kann es jedoch möglich sein als operativ geschlossenes System Impulse in die Umwelt zu senden und überhaupt zu wirken? Gerade im Funktionssystem Kunst stellt sich widerhallend die Frage, ob Kunst einen gesellschaftlichen Gebrauchswert hat. Obwohl die Systeme operativ geschlossen sind, stehen sie unter einander in Beziehung und agieren miteinander. Jedes Teilsystem verfügt über eine ihm spezifische Umwelt was Juliana Raupp wie folgt formuliert:

„Der Markt ist als wirtschaftssysteminterne Umwelt die Öffentlichkeit des Systems Wirtschaft, öffentliche Meinung ist als systeminterne Umwelt des Systems Politik dessen Öffentlichkeit, die Selbst - und Fremdbeobachtungen einer formalen Organisation sind die Öffentlichkeit diese Organisationen.“6

Entscheidend ist, dass jedes System unablösbar mit seiner Umwelt verbunden ist und erst durch die Differenz zu seiner Identität findet. Abgrenzung führt zur Form.7 Somit ist auch das Kunstsystem auf seine Umwelt angewiesen und steht mit dieser in Interaktion. Die Autonomie der Kunst ist wie schon zuvor angesprochen grundlegend für die Ausdifferenzierung des Systems Kunst. Doch eine totale Schließung gegenüber der Umwelt würde bedeuten, dass Kunst keinen Gebrauchswert hätte. Kunst existierte dann nur als Selbstzweck und hätte keinerlei Bezug zu der Gesellschaft.

Luhmann regelt die Zugehörigkeit oder Exklusion zu einem System durch einen spezifischen binären Code. Alle möglichen Operationen innerhalb des Systems werden nach diesem Code bestimmt.

„Die Codes sind also Unterscheidungen, mit denen ein System die eigenen Operationen beobachtet; sie bestimmen die Einheit des Systems. Sie ermöglichen es dem System, wiederzuerkennen, welche Operationen zu seiner Reproduktion beitragen und welche nicht. (…) Jedes System behandelt alle seine Kommunikation ausschließlich mit den Werten seines Codes.“8

[...]


1 Busch, W. (1987), S. 9 ff.

2 Hammer, B. (1983), S. 46

3 Vgl. Luhmann (1997), S. 142

4 Koschorke, A. (1999), S. 52 f.

5 Luhmann, N. (1997) S.142 f.

6 Raupp, J. (2000), S. 28

7 Vgl. Luhmann (1984), S. 234

8 Baraldi, C. (1997), S. 35 f.

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Details

Titel
Die Funktion der Kunst in Niklas Luhmann`s Systemtheorie
Untertitel
Und wie sich diese Funktion durch die Einflussnahme der kunstsystemeigenen Institutionen und des Marktes auflöst.
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Institut für Publizistik )
Note
1,3
Autor
Jahr
2011
Seiten
20
Katalognummer
V188888
ISBN (eBook)
9783656127307
ISBN (Buch)
9783656128663
Dateigröße
541 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Niklas Luhmann, Kunst, Systemtheorie
Arbeit zitieren
Sylvie Kremerskothen (Autor), 2011, Die Funktion der Kunst in Niklas Luhmann`s Systemtheorie , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/188888

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