Der Dekabristenaufstand 1825 und das Regime von Nikolaus I.

Piotr Tschaadajew - ein verhinderter Dekabrist?


Seminararbeit, 2009
29 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Dekabristen
2.1. Definition
2.2. Hintergründe und Vorgeschichte des Aufstandes

3. Die Verfassungsentwürfe des Nord- und Südbundes
3.1. Nordbund (Nikita M. Murav’ev)
3.2. Südbund (Pavel I. Pestel)

4. Der Dekabristenaufstand
4.1. Ziele, Durchführung und Ablauf
4.2. Unmittelbare Folgen
4.3. Gründe des Scheiterns

5. Das Regime von Nikolaus I. (1825-1855)
5.1. Nikolaus I. und die russische Innenpolitik
5.2. Die Herausbildung intellektueller Zirkel unter besonderer Berücksichtigung des Stankewitsch-Kreises
5.3. Tschaadajew und die Dekabristen

6. Fazit

Literaturverzeichnis

1 . Einleitung

Diese Arbeit wird sich mit dem Dekabristenaufstand des Jahres 1825 in Russland auseinandersetzen.

Einleitend soll erst einmal klargestellt werden, wer die Dekabristen überhaupt sind und woher sie stammen. Folgen sollen die Hintergründe des Dezemberaufstandes. Wie konnte es zu dem Aufstand kommen, warum handelten die Dekabristen so und was wollten sie eigentlich damit erreichen? Dabei soll vor allem auf die Formierung in verschiedenartigen Bünden eingegangen werden, die schließlich zur Gründung der Nördlichen bzw. der Südlichen Gesellschaft führten.

Der zweite Teil wird die beiden Verfassungsentwürfe von Nikita Murav’ev bzw. von Pawel Pestel im Detail beleuchten. Dabei sollen ferner die Originaldokumente verwendet und analysiert werden. Die Frage nach der Staatsform soll dabei genauso betrachtet werden wie gesellschaftliche und soziale Anliegen. Murav’evs Verfassungsentwurf und Pestels „Russische Wahrheit“ spiegeln die gegensätzlichen Ansichten des Nordbundes und des Südbundes über die Zukunft Russlands wider. Der folgende Abschnitt der Arbeit wird sich mit dem Aufstand selbst beschäftigen und soll dabei klar auf den Ablauf und die Folgen eingehen. Vor allem die Maßnahmen des Zaren sollen in den Vordergrund rücken. Im Folgenden sollen zudem einige Ursachen für das Scheitern des Aufstandes benannt werden.

Der nachfolgende Teil wird sich mit dem Zaren Nikolaus I., seiner Regierungszeit und vor allem mit den Auswirkungen seiner Politik auf die Dekabristen auseinandersetzen. Dabei soll vornehmlich erst einmal auf die Persönlichkeit Nolkolaus’ I. eingegangen werden um seine Handlungen erklären zu können. Seine innenpolitischen Schritte sollen im Folgenden erklärt werden, da sich vor allem für die russische Intelligenz daraus enorme Konsequenzen ergaben, welche auch Beachtung finden sollen. Auch die Formel von Bildungsminister Uwarow

„Autokratie, Orthodoxie und Volkstümlichkeit“ soll dabei näher erläutert werden. Eine Konsequenz für die Dekabristen war die Unterdrückung mit dem daraus folgenden Rückzug in private Literaturzirkel, da nur so noch ein Austausch untereinander möglich war. Einer dieser Zirkel, der Kreis um Nikolaij Stankewitsch, welchem besondere Aufmerksamkeit zuteil wurde, soll dabei genauer betrachtet werden. Zuletzt soll auf Piotr Tschaadajew, ein Mitglied des Stankewitsch-Zirkels genauer eingegangen werden und dabei vor allem seine Sicht auf die Dekabristen

beleuchtet werden. Des Weiteren soll die Frage geklärt werden, inwieweit man ihn

als „verhinderten“ Dekabristen bezeichnen kann.

Am Schluss wird zusammenfassend ein Fazit stehen, wo auch ein kurzer Ausblick auf die weiteren Chancen der Dekabristen gegeben werden soll.

Was die Literatur betrifft, so ist festzustellen, dass ausreichend Literatur zum Dekabristenaufstand und seiner Vorgeschichte existiert. Zudem sind auch die Verfassungsentwürfe von Murav’ev und Pestel im Original bekannt. Was bis jetzt allerdings wenig Beachtung in der Forschung gefunden hat, ist die Zeit der 1830er und 1840er Jahre, als die Dekabristen ins Private flüchteten und sich in Privatzirkeln engagierten. Dies betrifft hauptsächlich den Kreis um Nikolaij Stankewitsch.

2 . Die Dekabristen

2.1. Definition

Der Begriff „Dekabristen“ leitet sich aus dem russischen Wort „dekabr“ ab, welches für Dezember steht.1 Dadurch ist auch die Bezeichnung als Dezembristen ist für die Dekabristen legitim. Als Dekabristen werden die Teilnehmer des Dezemberaufstandes von 1825 bezeichnet, welcher aus den Unstimmigkeiten um die Thronfolgefrage nach dem unerwarteten Tod des Zaren Alexander I. hervorgegangen ist.2 Die Dekabristenbewegung gilt als erste revolutionäre russische Bewegung. Mitglieder dieser Bewegung waren überwiegend junge Adlige und Armeeoffiziere, welche bereits erste Kriegserfahrungen 1812 im Krieg gegen Napoleon machten und später auch an den westeuropäischen Feldzügen mitwirkten und Teil der russischen Besatzungsarmee in Frankreich waren. Die Bewegung der Dekabristen zählte mehrere hundert Teilnehmer und Sympathisanten, welche jedoch nicht homogen sein konnte, da die sich die Bewegung selbst in mehrere Strömungen unterteilte.3 So betrachtete zum Beispiel Rozkov die Dekabristen unter ideologischem Aspekt und unterteilte sie in Bürokraten, Aristokraten, den mittleren Adel, den Kleinadel, eine Gruppe die zwischen dem Mittel- und Kleinadel einzuordnen ist und in den Adel, welcher nach dem Bürgertum strebt. Allerdings ist Rozkovs Einteilung nicht realisierbar, da sich die verschiedenen Gruppen selbst nicht voneinander abgrenzten.4

2.2. Hintergründe und Vorgeschichte des Aufstandes

Erste Zweifel an den sozialen und politischen Zuständen in Russland übten die jungen Offiziere, die bei den Feldzügen gegen Napoleon einen eigenen Blick auf Europa bekommen konnten.5 Die Bedeutung dieser Feldzüge liegt vor allem darin, dass dadurch die Chance geboten wurde, das geistige, politische und soziale Leben in

Westeuropa intensiv kennen zu lernen.6 Als besonders beeindruckend stellten sich

dabei die Gesetzgebung, der Aufbau des Staates, die Befreiung der Bauern, das preußische Städtewesen, aber auch die politischen Ideen des Auslandes heraus.7

„Nicht umsonst gehört der Ausspruch von M. I. Murav’ev-Apostol „Wir waren die Kinder des Jahres 1812“ zu den heute am meisten zitierten Aussprüchen der Dekabristen.“8 Jedoch ist zu bemerken, dass nur ein kleiner Teil der Dekabristen selbst bei den Napoleonfeldzügen teilnehmen konnte, da der Großteil der späteren Angeklagten zum Zeitpunkt der Feldzüge 1812 noch nicht einmal 15 Jahre alt war.9

Als jedoch Russland nach den Befreiungskriegen eine bedeutsamere Rolle zugeschrieben bekam, wurden die Zweifel noch zu einer klaren negativen Meinung zum russischen Leibeigenschaftsrecht und der zaristischen Verfassung verstärkt.10

Die Reaktion des Zaren Alexander I. auf Freiheitsbestrebungen im Ausland führten dazu, dass immer mehr Liberale die Auffassung vertraten, dass die Staatsordnung verändert werden muss um den Menschen Wohlbefinden zu ermöglichen, auch wenn die mit einer Revolution umgesetzt werden müsse.11

Die Napoleonischen Kriege 1812 gelten als Schlüsselereignis für die Dekabristen, da

auch diejenigen, die selbst nicht am Krieg teilgenommen hatten, spätestens mit dem Eintritt in den Militärdienst, der Zutritt in derartige Offiziergesellschaften oder in neugegründete Geheimgesellschaften ermöglicht wurde. In solchen Vereinigungen äußerten sich dann auch die Kriegserlebnisse der Älteren: die immer stärker werdende Unzufriedenheit mit den Zuständen in Russland, eine ernste Befassung mit politischen Themen, ein Streben vor allem nach westlicher Bildung und die Lektüre von Zeitungen. Es ist zudem anzumerken, dass die engen verwandtschaftlichen

Beziehungen vieler Dekabristen untereinander, zu einer festeren Bindung führten. 12

Im Jahre 1816 kam es in St. Petersburg zur Gründung des „Bundes der Rettung“, in dem sich sechs junge kriegserfahrene Gardeoffiziere zusammenschlossen. Sich selbst verstanden sie als eine „Gesellschaft der echten und treuen Söhne des Vaterlandes“.13

Der Rettungsbund, dessen Anführer Nikita Murav’ev war, hatte anfangs romantische Ziele, aus denen schnell politische Ansprüche wurden. Beispiele dafür sind unter anderem Bürger- und Menschenrechte, eine konstitutionelle Monarchie und auch die

Abschaffung der Leibeigenschaft.14 Des Weiteren sollte aber auch der Einfluss von

Ausländern in Russland eingedämmt werden.15 Jedoch gab es innerhalb des Bundes Streitigkeiten darüber, wie man diese Ziele erreichen wolle. Üblicher Thronwechsel und sogar Mord standen zur Debatte.16 Bis zu seiner Auflösung im Jahre 1817 zählte der Rettungsbund an die 30 Mitglieder,17 darunter auch Pavel Pestel. Ein Jahr später kam es dann erneut zur Bildung eines Bundes, des Wohlfahrtbundes.18 Dieser war

„eine nach aussen hin reformerische und auf Aufklärung sowie Wohltätigkeit ausgerichtete Organisation, die jedoch im geheimen einen inneren Zirkel mit Filialen in verschiedenen Orten des europäischen Russlands umfasste.“19 Der Bund war als eine Militärgesellschaft konzipiert und versammelte fast die gleichen Teilnehmer wie schon der Rettungsbund ein Jahr zuvor,20 insgesamt konnte er aber schon etwa 200

Mitglieder vorweisen. Vorrangiges Ziel des Wohlfahrtbundes unter der Leitung von Pavel Pestel war es, Kritik öffentlich machen zu können und Reformen einzuleiten, die schrittweise zur einer geistigen und sozialen Neuerung des russischen Volkes enden sollte. Allerdings wurde im inneren Zirkel auch der Gedanke eines Umsturzes

in Betracht gezogen.21 Insgesamt ist die große Mitwirkung von Künstlern und

Dichtern in den Bünden auffällig.22 Aber auch dieser Bund löste sich 1821 wieder auf, die die Entdeckungsgefahr zu groß geworden war. Allerdings kam es im selben Jahr noch zur Gründung einer Nördlichen und einer Südlichen Gesellschaft, die zwar regional voneinander entfernt waren, aber dennoch enge Kontakte untereinander pflegten. Der Nordbund, welcher seine Zentrale in St. Petersburg hatte, sowie der Südbund, dessen Zentrum der Standort des zweiten Armeekommandos in Tulcin südlich von Kiew war, waren beide zusammen mit der „Gesellschaft der vereinigten Slawen“, welche sich 1825 dem Südbund anschloss, Träger des

Dekabristenaufstandes.23 Die anfängliche Hoffnung der Liberalen, ihre Ziele mit der

Hilfe des Zaren umsetzen zu können, wurde spätestens 1822 mit der Schließung aller

Freimaurerlogen begraben.24

Die verschiedenen Bünde der Dekabristen arbeiteten zwar hauptsächlich politische

Projekte aus und diskutierten sie anschließend, aber sie verfolgten zudem auch noch

philanthropische Ziele, welche denen der Freimaurer stark ähnelten. Aber auch die wechselseitige Fortbildung, sowie die Lektüre poetischer Werke und auch die Geselligkeit im Allgemeinen, die im Freundes- und Offizierskreis galt, waren Mittelpunkt ihrer Tätigkeit. Festzuhalten ist dabei auch, dass sich innerhalb der Dekabristenbünde ein starkes Gemeinschaftsgefühl ausprägen konnte, welches das einer normalen Militärkameradschaft überstieg.

Innerhalb der Bewegung der Dekabristen gab es unterschiedliche Richtungen, deren beide Pole vor allem Nikita M. Murav’ev aus der Nördlichen Gesellschaft und Pavel I. Pestel, der sich der Südlichen Gesellschaft verschrieben hatte, verkörpern.25 So stellte Pavel Pestel seine Russische Wahrheit Anfang 1830 im Wohlfahrtsbund vor und wurde von Nikita Murav’ev kritisiert, da dieser einen weitaus gemäßigteren Vorschlag anzubieten hatte, welche eine konstitutionelle Monarchie zum Ziel hatte.26

Es gibt zudem Bedenken Dekabristenbewegung als eine Einheit zu betrachten, da gleichzeitig der Verdacht besteht, dass die Bewegung auf unterschiedlichen Denkweisen basiert.27

3 . Die Verfassungsentwürfe des Nord- und Südbundes

3.1. Nordbund (Nikita M. Murav’ev)

Der Verfassungsentwurf des Nordbundes, deren Verfasser Nikita M. Murav’ev ist, gilt als gemäßigt. Murav’ev strebte darin eine konstitutionelle Monarchie an, die eine starke Gewaltenteilung beinhalten sollte. Diese sollte aus einer Zweikammerlegislative bestehen, welche nach dem Zensuswahlrecht gewählt werden und den Bürgern vollwertige Bürgerrechte und Gleichheit vor dem Gesetz gewähren sollte.28

Im Folgenden soll etwas genauer auf den Inhalt des Verfassungsentwurfes

eingegangen werden. Murav’ev strebte einen föderative Regierung an, an deren

Spitze sich der Monarch befindet, welcher aber keine größeren Machtbefugnisse haben sollte, da keinesfalls zugelassen werden sollte, dass das Volk seinem

Monarchen blind gehorsam ist. Zudem sollte sich der Monarch genauso wie sein Volk an die Gesetze halten. Des Weiteren sollte eine gesetzgebende Versammlung unter der Aufsicht des Monarchen einberufen werden, die sich mit Staatsbelangen beschäftigt. In den Provinzen sollte nach dem gleichen Prinzip vorgegangen werden und gesetzgebende Provinzversammlungen einberufen werden.

Der Entwurf gliedert sich in drei Kapitel und 42 Unterpunkte.

Das Erste Kapitel beschäftigt sich mit dem russischen Volk und der Regierung. Es sagt aus, dass jeder Russe frei und unabhängig ist und er kein Eigentum ist. Zudem gehe die oberste Gewalt vom Volke aus, da nur das Volk selbst die Grundgesetze schaffen kann. 29

Der Bürger steht im Mittelpunkt des Zweiten Kapitels. Staatsbürgerschaft wird

definiert, da nur ein Staatsbürger, das Recht hat an der Regierung mitzuwirken. Dies kann er mittelbar, durch das Wählen von Wahlmännern oder Beamten, oder unmittelbar, wenn er sich selbst in ein Amt wählen lässt, tun. Zudem werden die Vorraussetzungen aufgezählt, welche erfüllt sein müssen, um sich als vollberechtigten russischen Bürger zu bezeichnen. Darunter zählt Murav’ev beispielsweise ein Mindestalter von 21 Jahren, geistige Gesundheit und auch die Zahlung von Steuern. Des Weiteren wird in den Unterpunkten sechs bis acht darauf eingegangen, ab wann ein Ausländer ein Staatsbürger sein kann. So spielen vor allem die Fähigkeit die russische Sprache zu sprechen und die Dauer der verbrachten Lebenszeit in Russland eine wichtige Rolle, wenn ein Ausländer die russische Staatsbürgerschaft beantragen möchte. Im nächsten Unterpunkt wird außerdem noch darauf eingegangen in welchen Fällen die Staatsbürgerschaft zeitweilig oder endgültig aberkannt werden kann. So kann etwa bei einer gerichtlich festgestellten Geisteskrankheit oder bei der Verurteilung nach einem Kriminalverbrechen mit

Konsequenzen gerechnet werden.30

Das dritte Kapitel nimmt Stellung zur sozialen Situation und den persönlichen Rechten und Pflichten von Russen. Die Punkte zehn bis fünfzehn beschreiben die soziale Stellung der Russen. Gleichheit vor dem Gesetz, die Abschaffung von Sklaverei und Leibeigenschaft, sowie der Zünfte und Innungen sind nur einige wichtige Punkte daraus. Ab dem folgenden bis zum letzten Punkt des dritten Kapitels, und damit auch des Verfassungsentwurfs generell, setzt sich Murav’ev mit

den Rechten und Pflichten des Staates und der Bürger auseinander. Freie Wahl des

Handwerks, welches man gern ausüben möchte, die Abschaffung der Staatsgefängnisse, die Unantastbarkeit des Eigentums und die Abschaffung der Standesbezeichnungen31 sind da nur einige bedeutsame Punkte, die Erwähnung

finden sollten.32

Außerdem gab Murav’ev den Anstoß, einen föderativen Zusammenschluss, nach dem Vorbild der USA, zu gründen, der die Teilung Russlands in mehrere Teilstaaten beabsichtigte, welche jeweils ihre eigenen exekutiven und legislativen Organe haben und auch Autonomie gewährleisten sollte. Falls die Situation eintreten sollte, in der die Zarenfamilie diese Verfassung ablehnen würde, sollte die Familie des Landes verwiesen und Russland zur Republik erklärt werden.33

Was die Bauernbefreiung, das Festhalten am Zaren oder den Wahlzensus betrifft, so

verleiht der Verfassungsentwurf des Nordbundes dem Nordbund die Eigenschaft eines Bündnisses unter Adligen.34 Vielen Mitgliedern des Nordbundes war Murav’evs Verfassungsentwurf aber zu milde, was dazu führte, dass viele für einen Ausbau der demokratischen Elemente in der Verfassung plädierten.35

Murav’ev selbst war einer der ersten Dekabristen, da er bereits dem Rettungsbund angehörte. Außerdem nahm er 1813 am Napoleonfeldzug teil und beschäftigte sich vor allem in Paris erstmals mit politischen Fragen um seine Bildung, die er an der Universität in Moskau und im Justizministerium erhalten hatte, auszuweiten.36

3.2. Südbund (Pavel I. Pestel)

Im Gegensatz zum Verfassungsentwurf des Nordbundes, ist der des Südbundes radikaler, da er von Anfang an eine Republik zum Ziel hat. Als bedeutendstes Mitglied des Südbundes gilt Pavel I. Pestel, auf dessen Werk mit dem Titel

„Russische Wahrheit“37 der Verfassungsentwurf des Südbundes basiert.38

Im Folgenden soll genauer auf den Inhalt der „Russischen Wahrheit eingegangen werden, welche sich in zwölf Paragraphen gliedert.

Der erste Paragraph besagt, dass jede Gesellschaft ein Ziel hat und die Mittel zur Erreichung dieses Ziels selbst wählt. Die Mitglieder einer Gesellschaft müssen zu einer Einigung kommen, um das Ziel erreichen zu können. Wenn diese Einigung nicht gelingt, muss die Gesellschaft aufgelöst werden, um somit einem Streit, wo jeder seine eigenen Vorstellungen und Meinungen verwirklichen will, aus dem Weg zu gehen.

Im zweiten Paragraph erfolgt die nötige Einteilung der Mitglieder in Gehorchende und Befehlende, da es jemanden geben muss, der über die Mittel und Verfahrenstechniken entscheiden muss, welche zur Erreichung des gemeinsamen Ziels führen sollen. Auswahlkriterium kann neben einer moralischen Überlegenheit auch die Bestimmung aus der eigenen Mitte sein. Die Einteilung in Befehlende und Gehorchende wird als natürlich und überall existent angesehen und gilt als unabwendbar. Folge dieser Einordnung sind die sich daraus ergebenden verschiedenen Rechte und Pflichten.

Der folgende Paragraph teilt den Staat in Regierung und Volk ein. Der Staat wird als eine Gesellschaft von Bürgern definiert, die sich selbst eine Verordnung gegeben hat. Das Ziel des Staates liegt darin, für das Allgemeinwohl, aber auch für den Segen jedes Einzelnen zu sorgen. Um dieses Ziel zu erreichen, muss es bestimmte Handlungen und Mittel geben, die sowohl die gesamte Gesellschaft als auch jede einzelne Person betreffen können. Die Befehlenden sind somit diejenigen, die diese allgemeinen Handlungen ausführen. Die Gehorchenden dagegen führen nur Einzelhandlungen aus. Wenn sich eine Gesellschaft der Bürger als Staat ansieht, sind die Gehorchenden das Volk und die Befehlenden die Regierung. Somit können diese

beiden Elemente auch als die Basis eines Staates angesehen werden.39

Auf die Wechselbeziehungen zwischen dem Volk und der Regierung wird im vierten Paragraphen eingegangen. Es ist die Aufgabe des Staates, die öffentlichen Angelegenheiten zu regeln und für das Wohlbefinden des Volkes zu sorgen. Der Regierung kann somit das Recht zugesprochen werden, vom Volk Untertänigkeit zu verlangen, wobei das Volk das gehorchende Element darstellt. Aber das Volk bekommt damit auch wiederum das Recht, den Staat zum Streben nach öffentlichem und privatem Reichtum zu verpflichten. Deshalb darf der Staat auch nur dann

Befehle geben, wenn dies unbedingt nötig ist um den Wohlstand zu erreichen.40

„Einzig und allein auf solchem Gleichgewicht der gegenseitigen Pflichten und

Rechte beruht die Existenz eines jeden, wie auch immer gearteten Staates.“41 Das Hauptziel von Pestels Verfassungsentwurf ist somit neben der Konsolidierung dieses Gleichgewichtes auch die Sicherung der Gesetzgeberpflichten.

Paragraph fünf sagt aus, dass jedes Recht aus einer vorherigen Pflicht hervorgeht. Als erste Pflicht, und somit als der Ursprung aller Pflichten eines jeden, ist das Recht auf Selbsterhaltung anzusehen. Ein Recht, welches nicht aus einer Pflicht herrührt hat keinerlei Bedeutung und kann in der Regel, das heißt ohne Machtmissbrauch oder Gewalt, nicht umgesetzt werden.42

Mit den Grundbegriffen des staatlichen Wohlbefindens und den damit

einhergehenden Pflichten beschäftigt sich der sechste Paragraph eingehend. Es ist die bedeutsamste Pflicht eines Staates seine Pflichten, die aus den Zielen, welche der Staat hat, hervorgehen, selbst zu erkennen. Somit ist alles eine Pflicht, was dem Staat zum Wohlstand verhilft. Es gibt heilige Pflichten, welche die geistige Welt betreffen und durch die Heilige Schrift verbreitet werden und Pflichten, die die wirkliche Welt betreffen. Diese Art von Pflichten ist der Menschheit durch Naturgesetze bekannt. Gott gilt somit gleichzeitig als der Erschaffer der Naturgesetze und des Weltalls, da sich alle an die gleichen Gesetze halten müssen. Daraus folgt, dass sämtliche Bestimmungen des Staates mit den unveränderlichen Naturgesetzen und der christlichen Lehre übereinstimmen müssen. Eine weitere Art der Pflichten geht aus der Bildung des Staates hervor. Insgesamt sind fünf Regeln, die miteinander übereinstimmen müssen, zu befolgen, damit der Staat den besten Erfolg für alle seine Bürger erreichen kann. Nur wenn die folgenden Regeln Beachtung finden, kann der größtmögliche Erfolg für alle erreicht werden. Das Wohl der Allgemeinheit muss mit den Naturgesetzen und der heiligen Schrift übereinstimmen. Eine Zuwiderhandlung dessen würde als Verbrechen gelten. Des Weiteren ist es wichtig, private Interessen hinter die Interessen der Gesamtheit zu stellen, da nur dadurch eine Vielzahl von Menschen erreicht werden kann. Zudem dürfe die Wohlfahrt eines Einzelnen aber auch nicht der Wohlfahrt eines Anderen schaden.

[...]


1 Vgl. Utechin, Sergej V.: Geschichte der politischen Ideen in Russland, Stuttgart 1966, S. 68.

2 Vgl. Lemberg, Hans: Die nationale Gedankenwelt der Dekabristen, Köln 1963, S. 20.

3 Vgl. Utechin: Geschichte der politischen Ideen in Russland, S. 68.

4 Vgl. Lemberg: Die nationale Gedankenwelt der Dekabristen, S. 27.

5 Vgl. Tschižewskij, Dmitrij: Russische Geistesgeschichte, 2. erweiterte Auflage, München 1974, S. 209 f.

6 Vgl. Lemberg: Die nationale Gedankenwelt der Dekabristen, S. 28.

7 Vgl. Haumann, Heiko: Geschichte Russlands, Zürich 2003, S. 227.

8 Lemberg: Die nationale Gedankenwelt der Dekabristen, S. 28.

9 Vgl. Ebd., S. 28f.

10 Vgl. Tschižewskij: Russische Geistesgeschichte, S. 209f.

11 Vgl. Haumann: Geschichte Russlands, S. 228.

12 Vgl. Lemberg: Die nationale Gedankenwelt der Dekabristen, S. 30f.

13 Vgl. Ebd., S. 21.

14 Vgl. Torke, Hans- Joachim: Einführung in die Geschichte Russlands, München 1997, S. 149.

15 Vgl. Beyme, Klaus von: Politische Theorien in Russland 1789-1945, Wiesbaden 2001, S. 295.

16 Vgl. Torke: Einführung in die Geschichte Russlands, S. 149.

17 Vgl. Lemberg: Die nationale Gedankenwelt der Dekabristen, S. 21.

18 Vgl. Haumann: Geschichte Russlands, S. 228.

19 Ebd.

20 Vgl. Lemberg: Die nationale Gedankenwelt der Dekabristen, S. 21.

21 Vgl. Torke: Einführung in die Geschichte Russlands, S. 149f.

22 Vgl. Haumann: Geschichte Russlands, S. 228.

23 Vgl. Lemberg: Die nationale Gedankenwelt der Dekabristen, S. 21.

24 Vgl. Thun, Alphons: Die Geschichte der revolutionären Bewegungen in Russland, Leipzig 1971, S.

25 Vgl. Lemberg: Die nationale Gedankenwelt der Dekabristen, S. 22ff.

26 Vgl. Haumann: Geschichte Russlands, S. 228.

27 Vgl. Lemberg: Die nationale Gedankenwelt der Dekabristen, S. 27.

28 Vgl. Utechin: Geschichte der politischen Ideen in Russland, S. 69f.

29 Vgl. Murawjow, Nikita: Verfassungsentwurf, in: Dudek, Gerhard (Hrsg.): Die Dekabristen. Dichtungen und Dokumente, Leipzig 1975, S. 211f.

30 Vgl. Ebd., S. 212ff.

31 Anstelle der Standesbezeichnungen Adlige, Kleinbürger, Einzelhöfner und besitzende Bürger tritt die Bezeichnung Bürger bzw. Russe. (Drittes Kapitel, 29. Punkt)

32 Vgl. Murawjow: Verfassungsentwurf, S. 214ff.

33 Vgl. Utechin: Geschichte der politischen Ideen in Russland, S. 70.

34 Vgl. Lemberg: Die nationale Gedankenwelt der Dekabristen, S. 25f.

35 Vgl. Haumann: Geschichte Russlands, S. 230.

36 Vgl. Lemberg: Die nationale Gedankenwelt der Dekabristen, S. 25.

37 Pestels „Russische Wahrheit“ ist ein Hinweis auf das mittelalterliche Gesetzbuch „Russkaja

Prawda“.

38 Vgl. Utechin: Geschichte der politischen Ideen in Russland, S. 70.

39 Vgl. Pestel, Pawel: Russische Wahrheit, in: Dudek, Gerhard (Hrsg.): Die Dekabristen. Dichtungen und Dokumente, Leipzig 1975, S. 222ff.

40 Vgl. Ebd., S. 224f.

Ende der Leseprobe aus 29 Seiten

Details

Titel
Der Dekabristenaufstand 1825 und das Regime von Nikolaus I.
Untertitel
Piotr Tschaadajew - ein verhinderter Dekabrist?
Hochschule
Technische Universität Chemnitz  (Institut für Politikwissenschaft)
Veranstaltung
Zwischen Aufklärung und Terror: Russland vor der Oktoberrevolution
Note
1,7
Autor
Jahr
2009
Seiten
29
Katalognummer
V188943
ISBN (eBook)
9783656127987
ISBN (Buch)
9783656128359
Dateigröße
569 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Ausgelöst vor allem durch die Erlebnisse der Napoleonfeldzüge und Gegebenheiten in Europa kam es überwiegend in der russischen Adelsschicht zu Unzufriedenheiten. Reformen und Freiheiten sollten in Russland nach europäischem Vorbild eingeführt werden. Zwischen 1816 und 1821 formierten sich diese, überwiegend adligen, Offiziere in verschiedenen Geheimgesellschafen.
Schlagworte
Dekabristen, Nikolaus I., Russsland, Tschaadajew, Čaadaev, 1825, Nordbund, Südbund, Ideengeschichte, Geschichte, Russische Geschichte, Dekabristenaufstand
Arbeit zitieren
Katja Schaffrath (Autor), 2009, Der Dekabristenaufstand 1825 und das Regime von Nikolaus I., München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/188943

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Der Dekabristenaufstand 1825 und das Regime von Nikolaus I.


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden