Die Rolle Kanadas im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg


Masterarbeit, 2011
51 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Vorkriegsphase
2.1 Die kanadischen Kolonien im Profil
2.2 Die Auswirkungen der Acts seit 1764
2.2.1 Der Quebec Act 1774

3. Die Kriegsjahre 1775 – 1783
3.1 Die Invasion Kanadas
3.2 Weitere Kriegshandlungen im heutigen Kanada
3.3 Der Amerikanische Unabhängigkeitskrieg als Bürgerkrieg

4. Kanada als Sammelbecken der Loyalists

5. Kanada´s Option als 14. Gründungskolonie

6. Der Quebec Act nach 1783

7. Die Entwicklung von Gemeinsamkeiten und Unterschieden von Kanadiern und Amerikanern durch den Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg

8. Schlussbemerkungen und Fazit

9. Literaturverzeichnis

10. Quellenverzeichnis

11. Internetquellen

12. Weiterführende Literatur

1. Einleitung

Unbestreitbar ist die Geschichte Kanadas eng mit der Geschichte der Verei­nigten Staaten von Amerika verknüpft: Als „bad neighbors“[1] teilten Beide nicht nur eine gemeinsame Geschichte, ähnliche Profile und eine geogra­fische, wirtschaftliche und kulturelle Nähe, sondern unterstanden zudem beide der Britischen Krone. Während der Amerikanischen Revolution und damit während des Unabhängigkeitskrieges hat der mächtige Nachbar im Süden versucht, neben den dreizehn amerikanischen Gründungsstaaten auch die Gebiete des heutigen Kanadas in das neue Staatengebilde einzubinden.

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit eben dieser Phase, dem Ameri­kanischen Unabhängigkeitskrieg. Sie will jedoch den Fokus nicht auf die oft bedachte und in der Forschung breit diskutierte amerikanische, sondern auf die oft nur am Rande betrachtete kanadische Situation legen. Hier soll ins­besondere die Rolle, die Kanada in diesem amerikanisch–britischen Krieg zukommt, untersucht werden. Es soll folglich herausgearbeitet werden, wel­che Bedeutung den kanadischen Kolonien in Hinblick auf die Ereignisse, v.a. aber Folgen des Amerikanischen Unabhängigkeitskrieges zuge-sprochen werden kann.

Die vorliegende Arbeit teilt sich der Übersichtlichkeit halber sowie den in­haltlichen Zusammenhängen logisch folgend in drei größere Abschnitte: Zum einen die Untersuchung der Vorkriegsphase mit einer Bedingungs­analyse in Kapitel 2; zum anderen die eigentli­chen Kriegsjahre 1775–1783 mit der Untersuchung von Loyalitäten, militärischen Bewegungen und Kon­sequenzen in Kapitel 3. Der letzte Teil behandelt in weiteren, gesonderten Kapiteln die Optionen Kanadas als 14. Gründungskolonie der Vereinigten Staaten von Amerika sowie Überlegungen, Kanada als ein Sammelbecken für Loyalisten zu bezeichnen. Auch die Revision des Quebec Acts, dem im Kontext der Amerikanischen Revolution vor allem in Bezug auf die kana­dische Beteiligung eine zentrale Bedeutung zukommt, soll untersucht wer­den. Zudem bietet es sich durch auch heute noch präsente Konkurrenzen und Vergleiche der amerikanischen und kanadischen Nationen an, einmal genauer zu beleuchten, inwiefern sich gemeinsame und unterschiedliche Werte und Prinzipien aus der Revolutionszeit ableiten lassen.

Zunächst einmal werden jedoch die kanadischen Kolonien in Kapitel 2.1 im Profil dargestellt, um ihre wirtschaftlichen und sozialen Voraussetzungen, ihre Beziehungen zu den amerikanischen Staaten und damit ihre Motive, für oder gegen die Revo­lution einzustehen, besser nachvollziehen zu können. Hierbei werden auch die Auswirkungen der zahlreichen Steuer– und Zollge­setze auf ka­nadischem Boden näher beleuchtet, die die britische Regierung unter anderem in Reaktion auf die großen finanziellen Verluste durch den French and Indian War erließ. Diese Acts führten auf amerikanischem Bo­den zu massiven Protesten; die vorliegende Arbeit soll herausstellen, ob und inwieweit dies auch auf kanadischem Boden der Fall war. Hierbei steht vor allem der Quebec Act von 1774 im Mittelpunkt, der schon aufgrund seines geografischen Be­zugs vermuten lässt, Auswirkungen auf Kanada gehabt zu haben. Den zahlreichen Entwicklungen, die auf amerikanischem Boden letztlich zum Ausbruch des Revolutionary War führten, kann in dieser Ar­beit aufgrund des limitierten Rahmens nur bedingt Rechnung getragen wer­den; sie sollten jedoch bei der Lektüre dieser Arbeit und der Betrachtung der Vor­gänge auf kanadischem Boden im Bewusstsein des Lesers sein.

Im zweiten Hauptteil der Arbeit, der Betrachtung der Kriegsjahre in Kapitel 3, sollen neben der Untersuchung der Invasion Kanadas seitens der ameri­kanischen Kontinentalarmee Ende des Jahres 1775 auch weitere Kriegs­handlungen auf kanadischem Boden bedacht werden. Hierbei stehen die Fragen im Vordergrund, ob Kanada überhaupt eine aktive Rolle im Unab­hängigkeitskrieg der USA spielte, welche Position die kanadischen Staaten eingenommen haben und ob die Revolution unterstützt, toleriert oder gar abgelehnt wurde. Neben den Motiven so­wohl für die Invasion als auch für weitere Kriegshandlungen in Kanada soll auch die Rezeption der Ereignisse durch nicht–britische Teilnehmer der Revolution, d.h. der kanadischen In­dians und der French–Canadians geprüft werden. Zur Untersuchung steht hierbei, ob diese Gruppen in Kampfhandlungen verwickelt und welche Mo­tive ihnen bei ihrer Entschei­dung für oder gegen eine Parteinahme imma­nent waren. Zusätzlich soll der Charakter des Amerikanischen Unabhängig­keitskriegs als Bürgerkrieg einer Überprüfung unterzogen werden. Inwie­weit haben Patriots und Loyalists gegeneinander gekämpft? Hierbei können nicht die Bestrebungen der Kanadier zur Formung einer eigenen, kana­di­schen Identität unter Einfluss sozialer Bewegungen wie dem Great Awakening bedacht werden, die zu viel Raum einnehmen würden. Dennoch soll untersucht werden, wie sich die Bevölkerung Nordamerikas in Loyalists und Patriots teilte, wie ihre Größenverhältnisse sich gestalteten und inwie­weit Kanada als Hochburg der Loyalisten gelten kann.

Letztlich will die vorliegende Arbeit Kanadas mögliche Beteiligung an der Formung des neuen Staatenbundes nach Kriegsende untersuchen. Gab es ein Angebot seitens der neu gebildeten USA, die Kanadier aufzuneh­men? Wel­che Bedingungen wurden hierbei gestellt? Zusätzlich soll untersucht wer­den, inwiefern Kanada als Zufluchtsort für Loyalisten galt, ob diese dort mit offenen Armen empfangen wurden und wie sich die neue geografische und soziale Situation Kanadas allgemein gestaltete.

Ein abschließendes Fazit wird die Ergebnisse der Arbeit zusammenfassen und diskutieren, um letztendlich die Rolle Kanadas treffend zu charakteri­sieren.

Zu den formalen Aspekten dieser Arbeit sei zum Abschluss der Einleitung erwähnt, dass die Verfasserin aus naheliegenden Gründen nahezu aus­schließlich auf englische Literatur zurückgreifen wird. Begriffe, die sinn­vollerweise, vor allem im Rahmen der Diskussion von historischen Quellen sowie aus Gründen der Authentizität nicht in die deutsche Sprache übersetzt werden, werden im Rahmen der Arbeit kursiv gedruckt. Zudem werden wörtliche Zitate, sofern sie nicht paraphrasiert werden, nach Möglichkeit zur besseren Lesbarkeit in deutsche Sätze integriert. Zur Begrifflichkeit dieser Arbeit soll zudem auf die häufig kontroverse Bezeichnung der Ereignisse um die Jahre 1775–1783 hingewiesen werden. So wird der Amerikanische Unabhängigkeitskrieg bzw. die Ereignisse in seinem Kontext nicht nur als War of Independence, sondern auch als Revolutionary War oder in Bezug auf den größeren zeitlichen Rahmen als American Revolution bezeichnet. Letztere wiederum wurde von britischer Seite nicht als Revolution, sondern als Rebellion bezeichnet. Je nach Sichtweise verbergen sich in der jeweili­gen Bezeichnung unterschiedliche Konnotationen und Bewertungen. Die Verfasserin wählt für die vorliegende Arbeit den Begriff des Amerika­ni­schen Unabhängigkeitskrieges im Kontext der Amerikanischen Revolu­tion, ohne jedoch eine Wertung vornehmen zu wollen. Im Rahmen der Re­cherche wurden einige Artikel und Essays, aber auch Standardwerke und Monogra­fien benutzt und zu Rate gezogen, die jedoch nicht im Fließtext der Arbeit selbst zitiert werden – diese Literaturangaben werden abschließend unter der weiterführenden Literatur aufgelistet.

2. Vorkriegsphase

Das folgende Kapitel soll die Ereignisse und Bedingungen beleuchten, die die Vorkriegsphase prägten. Neben einer kurzen Vorstellung derjenigen Gebiete, die das heutige Kanada bilden, soll auch eine Darstellung darüber erfolgen, inwieweit diese Kolonien von den zahlreichen Gesetzesbeschlüs­sen und Erlassen, den Acts (insbesondere vom Quebec Act des Jahres 1774), betroffen waren, die die britische Regierung erließ. Diese Acts wurden in den 13 Gründungskolonien der Vereinigten Staaten von Amerika als sich in ihrer Abfolge intensivierende Provokationen aufgefasst und führten letztlich in der Entwicklung des zivilen und politischen Widerstands zum Ausbruch des Amerikanischen Unabhängigkeitskriegs. Wie Gassert ausführt, waren die Motive der zweierlei: Neben einer verstärkten Kontrolle über die nach 1763 neu erworbenen Gebiete in Nordamerika mit einer eingehenden Festi­gung der neuen Grenzen sollten aber auch die Kolonien selbst in finanziel­len Angelegenheiten betreffend ihrer Verwaltung und Verteidigung stärker zur Rechenschaft gezogen werden. Immerhin hatte der Krieg zu einem An­schwellen der britischen Staatsschuld auf über 130 Millionen Pfund Sterling beigetragen, die nun bewältigt werden sollte[2]. Die Einnahmen aus den neuen Steuergesetzen sollten daher sowohl den Staatshaushalt sanieren als auch die Kosten für die weitere Versorgung des britischen Militärs abdecken. Hier sah Großbritannien augenscheinlich die Kolonien selbst in der Verant­wortung, für deren Beibehaltung und Schutz die Britische Krone schließlich erfolgreich gekämpft hatte und deren Schutz sie noch immer aufrecht erhält.

Mit der Royal Proclamation[3] vom 7. Oktober 1763 entstanden drei neue nordamerikanische Kolonien unter britischer Herrschaft; nämlich Québec, Ost– und Westflorida. Außerdem wurde das Appalachen–Gebirge als west­liche Siedlungsgrenze festgelegt[4]. Gleichwohl wurde gerade dieser Aspekt der Proklamation in den folgenden Monaten und Jahren häufig missachtet – die Kolonisten sahen nicht ein, weshalb sie nicht in indianisch geprägtem Gebiet jenseits der Appalachen siedeln dürfen, wenngleich diese vor 1763 noch an französischer Seite gegen die britischen Kolonisten gekämpft hat­ten. Hier sah man eher einen Schutz der ehemaligen Feinde und Einschrän­kung des den Kolonisten innewohnenden Bestrebens die Frontier weiter nach Westen zu verlegen. Auch die Anlage großer, wirtschaftlich wichtiger Plantagen wurde durch die Proklamation verhindert, was den Unmut der amerikanischen Siedler nur zusätzlich nährte. Den Siedlern war es also nicht nur verboten, „any purchases or settlements whatever“ zu unternehmen so­wie „taking possession“ der Gebiete westlich der Appalachen – daneben mussten sie für den Handel mit Indianern, der prinzipiell „free and open to all our subjects“ war, spezielle Genehmigungen durch den governor oder commander–in–chief beantragen[5].

Die Proklamation zielte darauf ab, Québec zu einer britischen Kolonie zu machen und Siedler aus den südlichen Kolonien zur Migration nach Norden zu motivieren – allerdings wurde bei diesem Vorgehen seitens der britischen Regierung nur unzureichend die Tatsache bedacht, dass mehr als 90 Prozent der weißen Bevölkerung im betroffenen Siedlungsgebiet ehemalige franzö­sische Staatsbürger waren. Die unmittelbar nach Kriegsende in die nörd­lichen neuen Kolonien gezogenen Händler und Abenteurer beabsichtigten für sich größtenteils, die führende Klasse zu bilden, übersahen scheinbar ebenfalls die dort herrschenden Bedingungen und machten ihren Ärger durch Petitionen direkt nach London deutlich. Letztlich gipfelten die Pro­teste der Kolonisten und Auseinandersetzungen mit indianischen Siedlern im Kontext der Proklamation von 1763 in einem großen, nach einem der Hauptanführer aus dem Stamm der Ottawa als Pontiac´s War bezeichneten Aufstand von Indianerstämmen bei den Großen Seen, wo diese siedelten. Der Aufstand wurde zwar 1766 niedergeworfen, sorgte aber für zusätzliche, zeitlich ungünstige Belastungen der britischen Staatskasse. Zudem belaste­ten die Proteste seitens der Kolonisten als Reaktion auf die Bestimmungen der Proklamation zusätzlich das Verhältnis zwischen Kolonisten und Kolo­nialmacht. Diese Anspannung sollte sich in den kommenden Monaten und Jahren noch verstärken.

Eine Ausnahme in diesem angespannten Verhältnis bildeten in der Vor­kriegsphase die Mitglieder der sogenannten French Party. Obgleich der Name anderes vermuten lässt, bestanden ihre Teilnehmer aus Canadienne –freundlichen Mitgliedern der britischen Minderheit, die die Interessen der frankophonen Bevölkerungsmehrheit vertraten und, anders als letztere, in ihrer Position als britische Staatsbürger öffentliche Ämter bekleiden und dadurch politischen Einfluss nehmen konnten. Diese politischen Aktivitäten betrafen freilich nur eine begrenzte Menge an zivilen BürgerInnen, meist Mitglieder der oberen Gesellschaftsschichten. Für die große Mehrheit der Bevölkerung kann sowohl für die Vorkriegsphase als auch die Zeit des Amerikanischen Unabhängigkeitskriegs vorausgesetzt werden, dass ihr po­litisches Interesse und Engagement vielmehr bescheidener ausgeprägt war – sie waren in der Masse eher mit Angelegenheiten der täglichen Existenz beschäftigt als mit der großen Politik[6]. Diese wird erst dann die Aufmerksam­keit der Kolonisten des nordamerikanischen Kontinents erregt haben, wenn ihre privaten Existenzen bedroht waren.

2.1 Die kanadischen Kolonien im Profil

Bis zum Zeitpunkt des Ausbruchs des Amerikanischen Unabhängigkeits­kriegs kontrollierte Großbritannien, das sich nach dem Ende des French and Indian War auf dem „Höhepunkt seiner Macht“[7] befand, vier nordamerika­nische Kolonien, die nach dem Krieg zunächst British North America und letztlich das heutige Kanada formten: Neufundland, Prince Edward Island, Nova Scotia (heute Nova Scotia und New Brunswick) sowie Québec[8]. Die Bevölkerungsprofile der genannten Kolonien sollen im Folgenden kurz dar­gestellt werden.

Schließt man die frankophonen und indigenen Bewohner der kanadischen Kolonien in einem ersten Schritt zunächst aus der Betrachtung aus, dann ergibt sich ein hauptsächlich anglophones Bevölkerungsprofil, das in erster Linie englische und schottische, zudem irische Siedler protestantischen Glaubens umfasst. Die in England vorherrschende Anglikanische Kirche oder Church of England sah sich hingegen auf dem nordamerikanischen Kontinent mit vielen anderen Konfessionen in Konkurrenz –mit Puri­tanern, Methodisten, Baptisten, Presbyterianern, Quäkern und anderen[9]. Den bri-tischstämmigen Bewohnern der kanadischen Siedlungsgebiete war also eine gewisse protestantische Orientierung gemein.

Die englischen Siedler Kanadas im Speziellen werden durch die Forschung als unabhängig, geradezu respektlos gegenüber Autoritäten und häufig wi­derspenstig[10] charakterisiert. Diese Persönlichkeitsmerkmale sollen vor al­lem im späteren Vergleich mit den französischstämmigen Siedlern der ka­nadischen Kolonien noch eine wichtige Rolle spielen.

Die schottischen und irischen Siedler ihrerseits bildeten zwar eine Minder­heit der nordamerikanischen Bevölkerung – obgleich sie einen höheren Pro­zentsatz der kanadischen als der amerikanischen Bevölkerung ausmachten –ihnen sei aber dennoch ein bedeutender Einfluss auf die Entwicklung und Formung des amerikanischen Wertesystems zuzuschreiben. Sie gelten nach Grabb ua. als „prominent cultural force in Canada“[11]. Zudem sei mehr als die Hälfte der Iren, die in der Revolutionszeit nach Kanada kamen, wie die meisten der englischen und schottischen Siedler protestantischen Glaubens gewesen.

Prince Edward Island hatte lediglich etwa 13.000 Einwohner, die von Landwirtschaft und Fischfang lebten, und Neufundland war mit seinen 15.000 Einwohnern ebenso wie Prince Edward Island geografisch zu weit entfernt von den Ereignissen der Revolution und des Krieges, um von den ideologischen und militärischen Konflikten behelligt werden könnten[12].

Nova Scotias Wirtschaft basierte auf Landwirtschaft, Fischfang, Schiffsbau und dem internationalen Handel. Die Bevölkerung zeigte bezüglich ihrer Sprache, Religion und ethnischer Herkunft eher Verwandtschaften mit der Bevölkerung von Massachusetts als mit der Québecs; der Grund hierfür liegt in der Herkunft von mehr als der Hälfte der Einwohner, die als „yankee migrants“[13] oftmals aus den südlicheren Kolonien nordwärts zogen, um die Farmen der „French Acadians“[14] zu übernehmen, die in den 1750er Jahren vertrieben worden waren. Schon vor der Amerikanischen Revolution und dem Ausbruch des Unabhängigkeitskriegs der amerikanischen Kolonisten, nämlich während der 1760er Jahre, seien so circa 5.000 New Englanders nach Nova Scotia gezogen[15]. Diese Siedler hatten „strong cultural and economic ties with their former homeland“ und zeigten folglich „underlying sympathy for family and friends in New England“[16], was im weiteren Ver­lauf der Amerikanischen Revolution noch eine Rolle spielen sollte. Die Einwohner Nova Scotias werden von Grabb folglich als „actually Pro–Ame­rican“[17] eingeschätzt.

Québec war die bevölkerungsreichste und nach dem Quebec Act von 1774 auch geografisch die größte kanadische Kolonie. Vier Fünftel der europäischstämmigen Bevölkerung setzten sich aus Kleinbauern zusammen, die nach Prinzipien des Feudalsystems landwirtschafteten, was von der Bri­tischen Krone nach dem Pariser Frieden 1763 so belassen wurde. Mit die­sem Frieden vom 10. Februar 1763 trat das besiegte Frankreich Kanada und die Gebiete östlich des Mississippi und um die Großen Seen an Großbritannien ab und schied damit endgültig als Kolonialmacht in Nordamerika aus. Auch sprachlich spiegelte sich in Québec jedoch noch Jahrzehnte nach dem Frie­densschluss die französische Kolonialgeschichte wieder: Bis auf die Händ­ler in Montreal, sowie natürlich die britischen Soldaten und Beamten, war Québec französischsprachig und stark römisch–katholisch geprägt. Ein zent­raler Punkt, den es bei der Einschätzung der frankophonen Einwohner Nordamerikas zu bedenken gilt, ist, dass diese die Monarchie als selbstver­ständliches und zwingend notwendiges Zentrum der Macht ansahen – der König bzw. die Monarchie waren „the source and symbol of all power“[18]. Wer letztlich Inhaber des Königstitels war, war zweitrangig. An erster Stelle stand die Loyalität zum monarchischen Ideal – dadurch wurde König Georg III. nach dem Krieg auch ohne Proteste als neuer Herrscher anerkannt. Die­ses Denken war eng verknüpft mit ihrem katholischen Glauben; ohne die Aufrechterhaltung gottgewollter Monarchie kann es dieser Auffassung fol­gend keine funktionierende Gesellschaft geben. Dadurch erklärt sich auch, dass der Großteil der ehemals französischen Bevölkerung nicht nach Frank­reich emigrierte, sondern sich der neuen Situation und Regierung fügte. Auch wenn Frankreich 1763 seine Gebiete in Nordamerika verlor, ließ sich die ansässige Bevölkerung natürlich nicht einfach in britische, d.h. britisch denkende und fühlende Untertanen transformieren. Die frankophone Elite hingegen habe einen gewissen „spirit of open collaboration“[19] im Umgang mit der neuen Regierung gezeigt. Allerdings sei auch ein nicht unbeträcht­licher Teil dieser Elite, nämlich insgesamt mindestens 2.000 Canadienne in den ersten zehn Jahren nach Kriegsende zurück ins Mutterland Frankreich emigriert, da sie sich nicht der neuen Macht unterwerfen wollten. Die Mo­tive waren selbstverständlich nicht nur ideeller Natur, sondern brachten für die Rückkehrer auch praktische Vorteile: „royal pensions, access to public office, business relations with the capitalists of the metropolis, official pro­tection, contracts with the government“[20] etc. Die britische Regierung sei nach Kriegsende durchaus verständnisvoll und nachsichtig mit der franko­phonen Bevölkerung umgegangen. So habe diese, obgleich noch auf ein zukünftiges Wiedererscheinen Frankreichs auf dem nordamerikanischen Kontinent hoffend, doch ihren Frieden mit der neuen Regierungsmacht ma­chen können[21] – zumal diese den Bewohnern weite Zugeständnisse und eine Rückkehr zum Alltagsgeschäft ermöglichte; nach den Kriegsjahren sicher­lich eines der dringlichsten Bedürfnisse der zivilen Bevölkerung. Dennoch blieb den frankophonen Kanadiern der Zugang zu bestimmten öffentlichen Ämtern zunächst verwehrt, darunter Verwaltungsbehörden, die Armee und Marine sowie der Außenhandel. Dieser Umstand führte natürlich dazu, dass die „most ambitious and dynamic members [n]either the opportunity [n]or the means to win prestige in public life”[22] erhielten und die ansässigen Canadienne sich in Geduld und Bescheidenheit bezüglich ihrer beruflichen Entwicklung üben mussten. Dennoch kann den Erläuterungen Lipsets fol­gend davon ausgegangen werden, dass kanadische Siedler ein größeres Vertrauen in ihre Eliten gezeigt haben als dies bei britischstämmigen Sied­lern nachzuweisen wäre. Sie vertrauten eher darauf, durch die Regierung versorgt und unterstützt zu werden und zeigten so gewissermaßen größere Abhängigkeiten als britische Siedler[23]. Betrachtet man hingegen zum Zweck einer eingehenderen Untersuchung der Profile der kanadischen Kolonien die breite Masse der Bevölkerung, d.h. die einfache Bevölkerung, dann ergibt sich ein anderes Bild. Brunet betont, dass, wie dies in allen besiegten Ge­sellschaften für ihre einfache Bevölkerung der Fall sei, Autoritäts– und Prestigeverluste der vormals herrschenden Klasse die sofortige Konsequenz eines verlorenen Krieges seien. So sei dies auch für die französischen Ele­mente der Bevölkerung der Fall, denen eine „strong impression of having been betrayed by those in authority“[24] nachzuweisen sei. Sie sahen sich in einer Art Dilemma: Enttäuscht von der herrschenden Klasse, zunächst be­siegt auf dem Schlachtfeld, dann gezwungen mit der Siegermacht zu kolla­borieren und von dieser besetzt zu werden, sahen sie sich weiterhin Kirche und Lehnsherren ergeben, sodass sie wohl keine andere Wahl hatten, als den neuen britischen Herrscher zu akzeptieren. Was allerdings als eine für diese Bevölkerungsgruppe spezifische Reaktion bezeichnet werden kann, ist der passive Widerstand, den die breite Masse zeigte. Ein Beispiel dieser Passi­vität zeigte sich in den Jahren des Pontiac–Aufstandes, während dem es zu einer Aufstellung eines Freiwilligen–Bataillons kommen sollte[25]. Die franzö­si­sche Miliz sagte zwar zu, sah sich aber augenscheinlich nicht in der Pflicht, der Aufforderung wie gefordert zügig nachzukommen. So zeigten sie sich zwar als untertänige Staatsbürger Georgs III., aber gleichzeitig de­monstrierten sie mit einem solchen Vorgehen ihren Unwillen, den wirt­schaftlichen und kolonialen Interessen ihrer Eroberer entgegen zu arbeiten.

Ob und inwieweit die britische Bevölkerung die Revolution unterstützte, möglicherweise nur tolerierte oder gar ablehnte, und inwiefern die französischstämmige Bevölkerung in die britisch–amerikanischen Ausein­andersetzungen involviert war, unterliegt der weiteren Untersuchung.

2.2 Die Auswirkungen der Acts seit 1764

Im Unterschied zu den 13 Gründungskolonien der USA waren die Reaktio­nen seitens der kanadischen Kolonien auf die Reihe von Gesetzgebungen in den 1760er und 1770er Jahren eher verhalten. Auch wenn beispielsweise die neufundländischen Händler in den neuen Steuergesetzen verhalten einen „reason to grumble“ sahen, so gaben der Sugar oder auch der Stamp Act in keiner Weise genügend Anlass zu nennenswerter Gegenwehr oder gar Auf­ständen[26]. Der Stamp Act, der jährlich allein 60.000 Pfund einbringen sollte, verpflichtete die Kolonisten dazu, rechtliche Schriftstücke, Urkunden und Druck­erzeugnisse, aber auch Würfel– und Kartenspiele mit kosten-pflichtigen Marken bzw. Stempeln zu versehen[27]. Die unterschiedlichen Reaktionen auf diese Gesetze lassen sich leicht auf die unterschiedlichen Handelsprofile der Kolonien zurückführen. Neufundland etwa „had nothing in common with the continental colonies“, da es auf britischen Seewegen Handel mit dem Mittelmeerstaaten und den Westindischen Inseln betrieb und stets in engem Kontakt zur Royal Navy stand[28]. Auf das Handelsembargo des Kontinental­kongresses im Jahre 1774 reagierte Neufundland, das u.a. auf den Handel mit Neuengland angewiesen war, nur mit einer intensivierten Festigung der Verbindung zum Mutterland England[29]. Während die „affektiven Bindun­gen an König und Volk in England“ seitens der heute amerikanischen Kolo­nisten nach 1170 „immer schwächer“[30] wurden und gleichzeitig eine „deut­liche Radikalisierung des Denkens der Amerikaner feststellbar“[31] war, blie­ben die kanadischen britischstämmigen Siedler weiterhin der Britischen Krone verpflichtet.

Nova Scotia hingegen bot eher Qualitäten zur „fourteenth insurgent colony“[32] und „possessed the elements that could make revolution possible“[33] ; hier sorgte die Einrichtung des Stamp Acts 1765 für „slight disturbances“[34] in Halifax. Dort verschafften sich die Friends of Liberty Gehör und betonten, dass sie lediglich die große Abhängigkeit von der Bri­tischen Krone am „open protest“[35] hindere. Wenige Jahre später, nämlich 1768, lehnte Nova Scotia sodann auch die Einladung Massachusetts ab, „the other colonies in a united protest“ zu unterstützen[36]. Aus Yarmouth kam jedoch die Zusicherung, dass lediglich „self–preservation and that only“ die Einwohner Nova Scotias am Protest hindere; daher wurde Nova Scotia oft­mals dennoch zu den rebellierenden Staaten gezählt, obgleich es nicht aktiv an der Revolution beteiligt war[37].

Die Einwohner Québecs waren ohnehin nicht der Sache der Revolution ver­pflichtet, was auf das oben dargestellte ethnische Herkunftsprofil des Groß­teils der Bewohner und die britischstämmige Minderheit zurückzuführen ist. Verständlicherweise fühlten sich die frankophonen Kanadier den Auseinan­dersetzungen zwischen amerikanischen und britischen Mächten weniger verbunden und sahen in einer zurückhaltenden Einstellung am ehesten ihre Interessen gewahrt. Die französischstämmigen Einwohner Québecs forder­ten für sich selbst lediglich die freie Religionsausübung und zahlten mehr oder minder bereitwillig die ohnehin relativ niedrigen Steuern, die die Bri­tische Krone erhob. Ein Gesetz, das jedoch durchaus für Zorn unter den frankophonen Bewohnern der britischen Kolonien sorgte war der Test Act, der katholische Canadienne von Verwaltungsämtern ausschloss und ihnen eine Karriere im öffentlichen Verwaltungswesen verwehrte[38]. Dennoch kann hier kaum von Protesten gesprochen werden; auch hier zeigte sich die den frankophonen Bewohnern scheinbar innewohnende Tendenz, sich den Ob­rigkeiten zu fügen und statt offener Revolte bevorzugt stillen Protest in Form von passivem Verhalten zu zeigen.

Auch der Sugar Act aus dem Jahr 1764, der in den amerikanischen Kolonien zu massiven Protesten führte, hatte in den kanadischen Gebieten kaum Auswirkungen: Hier wurde kaum Melasse, ein Nebenerzeugnis aus der Zu­ckerproduktion und Grundlage für die Herstellung von Rum und anderen alkoholischen Getränken, produziert, die durch den Sugar Act versteuert wurde. Das Gesetz erhöhte zudem die Zölle auf raffinierten Zucker, Indigo, Kaffee, Madeirawein und andere ausländische Stoffe.

Der Currency Act aus demselben Jahr betraf eher den industriellen Norden sowie den landwirtschaftlichen Süden der nordamerikanischen Kolonien, nicht so sehr die kanadischen Gebiete mit zahlenmäßig geringer ausgepräg­ter Landwirtschaft. In besonderem Maße seien die Tabakpflanzer Virginias betroffen gewesen[39], wohingegen das Gesetz folglich keine nennenswerten Auswirkungen auf die kanadischen Kolonien hatte.

Die unterschiedlichen, sowohl ethnischen als auch sozialen und wirtschaft­lichen Voraussetzungen der kanadischen Kolonien trugen letztlich bei zur „failure of Newfoundland and Nova Scotia to participate in the movement of the 1760´s that led to the American Revolution“[40]. Während die zahlrei­chen Acts der britischen Regierung in den 13 Kolonien also als anhaltende und zunehmende Provokationen empfunden wurden und daraufhin entspre­chend heftiger werdende Protestaktionen seitens der kolonialen Revoluti­onsführer folgten, nahm man überspitzt formuliert in den kanadischen Ko­lonien kaum Notiz von den neuen Erlassen und zeigte der Sache der Revo­lution gegenüber eine Art „pragmatic neutralism“[41]. Zudem wurden eine Veränderung des bisherigen Prinzips des salutary neglect seitens der briti­schen Regierung in den kanadischen Kolonien scheinbar gelassener hingenommen als dies in den amerikanischen Kolonien der Fall war – letztere waren durch die als Willkür und Provokation empfundenen Gesetzgebungen jedoch auch aufgrund ihrer soziokulturellen, vor allem jedoch wirtschaftlichen Bedin­gungen und Gewohnheiten in stärkerem Ausmaß betroffen als erstere. Dadurch wurde hier der nach 1763 veränderte Umgang der Britischen Krone mit ihren Kolonien viel stärker bemerkt. Durch unterschiedliche Bedingungen in den Kolonien schien die Revolution und der ihr folgende Unabhängig­keitskrieg somit nicht von allen Kolonisten gleichermaßen gewünscht oder gar unterstützt, wie die weitere Untersuchung zeigen soll.

2.2.1 Der Quebec Act 1774

Das Gesetz mit den wohl bedeutendsten Konsequenzen für die kanadischen Kolonien war zweifelsohne der Quebec Act im Juni 1774[42]. Maßgeblich vorangetrie­ben wurden die ersten Überlegungen bis hin zum Gesetzentwurf durch den britischen General und – ab 1768 – Gouverneur Québecs, Sir Guy Carleton. Fähigkeiten und Charaktereigenschaften, die ihm zugeschrieben werden, umfassen „ambitious“, „authoritarian“ und „pliable“; zudem habe er über außerordentliche Fähigkeiten in Verwaltungsfragen und bei der Vermittlung zwischen unterschiedlichen Parteien verfügt[43]. Carleton wird zugeschrieben, erkannt zu haben, dass man die französische Bevölkerung mehr bedenken muss, will man die Kolonie erfolgreich leiten. Das Gesetz ordnete das Ver­waltungs– und Rechtssystem der ehemals französischen Kolonie neu an – hierfür dehnte es das Gebiet Québecs bis zum Ohio und Mississippi aus und erkannte die bereits bestehenden französischen Institutionen, so auch die katholische Kirche, die Zahlung des Zehnten sowie das Seigneurialsystem, das für Neufrankreich charakteristische Lehnssystem, an, ohne ein Reprä­sentativsystem vorzusehen[44]. Die gesamte legislative Macht sollte beim Gouverneur und die ihm durch die Krone zugewiesenen Ratsversammlung der Kolonie liegen, ohne folglich eine gewählte Versammlung vorzusehen[45]. Gleichwohl erhielt Carleton für seine pro–französische Politik die besondere Unterstützung seitens der höheren Geistlichkeit, die seinerzeit die einfluss­reichsten Repräsentanten der kanadischen Gemeinschaft bildeten[46]. Gemäß seiner vermuteten Intention konnte Carleton für seine Zwecke und Politik mit Ver­abschiedung des Quebec Acts auf die Unterstützung, Zusammenarbeit und das Vertrauen der kanadischen Elite, neben der höheren Geistlichkeit um­schloss diese auch die Grundherren bzw. seigneurs, zählen. Das von Carle­ton favorisierte Konzept entsprach selbstverständlich nicht im Geringsten der englischen Tradition. Die britischen Siedler des betroffenen Gebietes sahen sich von der britischen Regierung im Stich gelassen und betrogen[47]. Sie sollten fortan einem Gesetz Gehorsam leisten, das für sie niemals Gül­tigkeit besaß und einer Regierungsform folgen, die nicht die ihnen bekannte war. Entgegen der Organisation in den 13 übrigen Kolonien, in denen Repräsen-tativsysteme herrschten, sah das Gesetz für Québec keine Formen der Selbstverwaltung vor. Durch die gebietsmäßige Ausdehnung nach Süden kollidierte der zusätzlich „extremely ill–timed“[48] Quebec Act insbesondere nach dem vorläufigen Höhepunkt der Proteste, der Boston Tea Party am 16.12.1774, nun mit den territorialen Interessen der Kolonien Massachu­setts, New York, Pennsylvania und Virginia, die ebenfalls Ansprüche an das Ohiotal erhoben und im Quebec Act eine „flagrante Verletzung ihrer Land­ansprüche im Westen“[49] sahen. Hierbei haben vor allem „ökonomische Erwä­gungen“ seitens der „kolonialen Elite“ eine „erhebliche Rolle“ ge­spielt, die „seit langem an diesen Gebieten zwecks Landspekulation nach­drückliches Interesse hatten“[50], sodass die „vorgebrachte moralische Entrüs­tung tatsächlich eher zweifelhafter Natur“ gewesen sein mochte[51]. Während sich also die 13 amerikanischen Kolonien bereits auf dem Weg in den Krieg befanden und nur noch der sprichwörtliche zündende Funke für den Kriegsbeginn fehlte, wollte Carleton, wohlwissend um die angespannte po­litische und militärische Situation, mit dem Quebec Act eine sichere Basis für britische Truppen schaffen, falls es zu Kriegshandlungen kommen sollte[52]. Die britische Regierung vertraute, wenn schon nicht auf die Verteidi­gung der imperialen Macht, dann doch zumindest auf die Sicherung des Gebietes des Sankt–Lorenz–Stroms durch die französischen, obrig­keitstreuen Bewohner[53]. Diese Hoffnung lässt sich leicht durch die Unterstüt­zung seitens der geistlichen Führung und wirtschaftlichen und so­zialen Elite der kanadischen Kolonien erklären – sie gab Anlass zu obiger Hoffnung, ohne gleichzeitig das Risiko des passiven Widerstands der brei­ten Bevölkerung zu bedenken. Zudem wurde die legale Anerkennung der katholischen Kirche seitens der englischen Regierung sowie die Einrichtung des französischen Zivilrechts, das nach dem French and Indian War mit dem Frieden von Paris 1763 abgeschafft worden war, bei gleichzeitiger Bei­behaltung des englischen Common Law als Provokation, gar als „Sakrileg“[54] gegenüber den amerikanischen Siedlern empfunden, obgleich sie im betrof­fenen Québec deutlich in der Unterzahl waren (in Québec lebten 1774 etwa 70 000 französischstämmige und nur etwas weniger als tausend englisch­stämmige Siedler[55] ). Zu bedenken ist hierbei, dass Katholizismus in Großbri­tannien noch immer illegal war, als der Quebec Act verabschiedet wurde und „anti–Catholic prejudice [... ] common“[56] war. Insbesondere die briti­schen Händler, die eine durch das gesamte Volk gewählte Versammlung forderten, fühlten sich in ihren wirtschaftlichen und gewissermaßen auch sozialen Interessen hintergangen und sahen in der Stärkung der Gouver­neurs–Funktion eine Verletzung ihrer Rechte als britische Untertanen[57]. Unterstützer der American Revolution zählten den Quebec Act als „punitive measure“[58] zu den Intolerable (oder auch Coercive) Acts desselben Jahres, die als Antwort auf die eskalierenden Protestaktionen, vor allem der Boston Tea Party erlassen wurden. Die Intolerable Acts beinhalteten neben der Schließung des Bostoner Hafens für den Handel (Boston Port Act) auch das Versammlungsverbot in allen Städten sowie den Widerruf der Gründungs­urkunde Massachusetts (Massachusetts Gouvernment Act). Außerdem wur­den durch den Administration of Justice Act alle britischen Beamten der Rechtsprechung durch amerikanische Gerichte entzogen und den Kolonis­ten, d.h. insbesondere Gemeinden, Gastwirten und Fährleuten, zusätzlich befohlen, Quartiere für die britischen Soldaten zu stellen (Quartering Act)[59].

Der Quebec Act versprach hingegen der „French–Canadian elite of landhol­ders, the legal profession, and the Roman Catholic Church“ „political and economic stability“[60] und zeigte wohl in seiner höchst ungleichen Rezep­tion, Einschätzung und Bewertung aller beteiligten Kolonisten, „how far relations had deteriorated“[61] und wie sensibilisiert die Parteien gegenüber dem (Fehl–)Verhalten der jeweils anderen Partei waren: „Events by now had proceeded so far that the Colonists and British would believe almost anything about the other: provided it was critical“[62].

[...]


[1] Stewart: The American Response to Canada since 1776, 1992.

[2] Vgl. Gassert: Kleine Geschichte der USA, Stuttgart 2008, S. 108 (im Folgenden: Gassert: Kleine Geschichte der USA, 2008).

[3] Text siehe Anhang.

[4] Die Ausführungen dieses Absatzes folgen der Argumentation Gasserts: Geschichte der USA, 2008, S. 108.

[5] Proclamation of 1763, S. 3f.

[6] Grabb, Edward; Curtis, James; Baer, Douglas: Defining Moments and Recurring Myths. Comparing Canadians and Americans after the American Revolution, in: Canadian Review of Sociology & Anthropology 4 (2000), Jg. 37, S. 373–419, S. 401 (im Folgenden: Grabb: Comparing Canadians and Americans after the American Revolution, 2000).

[7] Gassert: Kleine Geschichte der USA, 2008, S. 109.

[8] Thompson, John Herd: Canada and the United States. Ambivalent Allies, Athens/ Georgia 1994, S.9 (im Folgenden: Thompson: Canada and the United States, 1994).

[9] Grabb: Comparing Canadians and Americans after the American Revolution, 2000, S. 387.

[10] Wood, Gordon: The Radicalism of the American Revolution, New York 1992, S. 12ff.

[11] Grabb: Comparing Canadians and Americans After the American Revolution, 2000, S. 388.

[12] Thompson: Canada and the United States, 1994, S.10.

[13] ebd.

[14] ebd.

[15] Grabb: Comparing Canadians and Americans after the American Revolution, 2000, S. 386.

[16] Rawlyk, George A.: The American Revolution and Canada, in: Greene, Jack (Hrsg.): The Blackwell Encyclopedia of the American Revolution, Cambridge 1991, S. 498 (im Folgenden: Rawlyk: The American Revolution and Canada, 1991).

[17] Grabb: Comparing Canadians and Americans After the American Revolution, 2000, S. 386.

[18] Brunet, Michel: French Canada and the early decades of British rule. 1760–1791, in: The Canadian Historical Association (Hrsg.): Historical Booklet (13), Ottawa 1981, S. 4 (im Folgenden: Brunet: French Canada and the Early Decades of British Rule, 1981).

[19] Brunet: French Canada and the Early Decades of British Rule, 1981, S. 4.

[20] Brunet: French Canada and the Early Decades of British Rule, 1981, S. 5.

[21] Brunet: French Canada and the Early Decades of British Rule, 1981, S. 3.

[22] ebd., S. 5.

[23] Lipset, Seymour Martin: Continental Divide, New York 1990, S. 13ff.

[24] Brunet: French Canada and the Early Decades of British Rule, 1981, S. 6.

[25] Brunet: French Canada and the Early Decades of British Rule, 1981, S. 6.

[26] Macnutt, William Stewart: The Atlantic Provinces. The Emergence of Colonial Society. 1712-1857, Toronto 1977, S. 76 (im Folgenden: Macnutt: The Atlantic Provinces, 1977).

[27] Gassert: Kleine Geschichte der USA, 2008, S. 113.

[28] Macnutt: The Atlantic Provinces, 1977, S. 76.

[29] Macnutt: The Atlantic Provinces, 1977, S. 76.

[30] Gassert: Kleine Geschichte der USA, 2008, S. 131.

[31] ebd., S. 130.

[32] Macnutt: The Atlantic Provinces, 1977, S. 77.

[33] ebd., S. 80.

[34] ebd., S. 77.

[35] ebd.

[36] ebd.

[37] ebd., S.81.

[38] Brunet: French Canada and the Early Decades of British Rule, 1981, S. 7.

[39] Gassert: Kleine Geschichte der USA, 2008, S. 110.

[40] Macnutt: The Atlantic Provinces, 1977, S. 76.

[41] Rawlyk: The American Revolution and Canada, 1991, S. 501.

[42] Text siehe unter: http://www.solon.org/Constitutions/Canada/English/PreConfederation/

qa_1774.html (Zugriff am 03.01.2011).

[43] Brunet: French Canada and the Early Decades of British Rule, 1981, S. 8.

[44] Gassert: Kleine Geschichte der USA, 2008, S. 122.

[45] Brunet: French Canada and the Early Decades of British Rule, 1981, S. 9.

[46] ebd.

[47] ebd., S. 13.

[48] Parkinson, Roger: The American Revolution, London 1971, S. 37 (im Folgenden: Parkinson: The American Revolution, 1971).

[49] Dippel, Horst: Geschichte der USA, 7.Aufl., München 2005, S. 23 (im Folgenden: Dippel: Geschichte der USA, 2005).

[50] ebd, S. 59.

[51] ebd.

[52] Brunet: French Canada and the Early Decades of British Rule, 1981, S. 9.

[53] ebd.

[54] Dippel: Die Amerikanische Revolution, 1985, S. 58.

[55] Gassert: Kleine Geschichte der USA, 2008, S. 122.

[56] Stewart, Gordon Thomas: The American Response to Canada since 1776, East Lansing 1992 (im Folgenden: Stewart: The American Response to Canada, 1992).

[57] Brunet: French Canada and the Early Decades of British Rule, 1981, S. 9.

[58] Parkinson: The American Revolution, 1971, S. 37.

[59] Gassert: Kleine Geschichte der USA, 2008, S. 121f.

[60] Thompson: Canada and the United States, 1994, S.12.

[61] Parkinson: The American Revolution, 1971, S. 37.

[62] ebd.

Ende der Leseprobe aus 51 Seiten

Details

Titel
Die Rolle Kanadas im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum  (Institut für Geschichtswissenschaft)
Note
1,7
Autor
Jahr
2011
Seiten
51
Katalognummer
V188956
ISBN (eBook)
9783656129271
ISBN (Buch)
9783656130284
Dateigröße
701 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
rolle, kanadas, amerikanischen, unabhängigkeitskrieg
Arbeit zitieren
M.Ed. Mareike Jacob (Autor), 2011, Die Rolle Kanadas im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/188956

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