Die Plünderung Roms im Jahre 410 und ihre Auswirkungen auf die römische Welt


Examensarbeit, 2011

47 Seiten, Note: 1,5


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Geschichte der Goten bis 382
2.1. Herkunft der Goten und Beziehungen zum Römischen Reich bis 376
2.2. Die gotische Einwanderung in das Römische Reich und die Schlacht von Adrianopel
2.3. Der Friedensvertrag mit Theodosius

3. Die gescheiterte Integration von Alarichs Goten
3.1. Die Loslösung vom Foedus von 382
3.2. Alarich zwischen den Fronten der kaiserlichen Höfe
3.3. Alarich wendet sich nach Italien

4. Alarichs Italienfeldzug und die Plünderung Roms
4.1. Der Italienfeldzug und die dreifache Belagerung Roms
4.2. „Manierlich“ oder „barbarisch“? - Hergang der Plünderung Roms im August

5. Die Plünderung im stadtgeschichtlichen Kontext
5.1. Rom in der Spätantike
5.2. Die Auswirkungen der Belagerungen und der Plünderung auf die Stadt

6. Die politischen Folgen
6.1. Die militärisch-taktischen Auswirkungen der gotischen Invasion in Italien
6.2. Die Ethnogenese der Westgoten unter Alarich

7. Die Plünderung Roms im Diskurs der Kirchenväter
7.1. Die Briefe des Hieronymus
7.2. Die Plünderung Roms bei Augustinus - Die Theodizee-Problematik in De civitate dei

8. Zusammenfassung

9. Literatur- und Quellenverzeichnis

1. Einleitung

Im August 410 stand eine gewaltige gotische Streitmacht vor den Toren der römischen Kapitale. Bereits zum dritten Mal innerhalb eines Zeitraums von weniger als zwei Jahren belagerten die Barbaren die antike Metropole. Zweimal ließen sie von der Stadt ab. Doch dieses Mal sollten sie nicht einfach wieder abziehen. Alarich, der Anführer der Goten, gab den Befehl, die Stadt zu plündern. Erstmals seit dem Galliersturm, der sich etwa 800 Jahre zuvor ereignete, war die Stadt, von der aus die römische Macht einst den gesamten Mittelmeerraum erobert hatte, von einer fremden Armee genommen und geplündert worden.

Die Plünderung Roms kann wohl als eines der markantesten Ereignisse der Völkerwanderungsepoche gelten, jener Zeit, in der sich das Weströmische Reich allmählich auflöste und die Antike in Europa langsam dem Mittelalter weichen sollte. Die vorliegende Arbeit will sich genauer mit der Plünderung Roms auseinandersetzen, ihrer Bedeutung und ihren Auswirkungen nachgehen sowie eine Reihe von Fragen rund um das Ereignis beantworten. Zu Beginn der Arbeit steht die Frage, wer die Goten überhaupt waren, woher sie kamen und wie sie in das Imperium und schließlich, nachdem sie sich schon über 30 Jahre auf dem Reichsgebiet befanden, bis an die Mauern Roms gelangen konnten.

Danach soll der Hergang der Plünderung Roms in den Mittelpunkt der Betrachtung geraten, denn die Meinungen über den Ablauf des Ereignisses variieren nicht nur in den Quellen, sondern auch im Urteil der Historiker. Handelte es sich also tatsächlich um eine „manierliche“ Plünderung, wie teilweise behauptet wurde, oder waren die Goten grausam und blutrünstig, wie man es von unzivilisierten, brandschatzenden Barbaren vielleicht hätte erwarten können?

Die diesen Untersuchungen nachfolgenden Kapitel, namentlich Kapitel 4 bis 7, werden sich dann genauer mit der Frage nach den Folgen des Ereignisses auseinandersetzen. Welche Auswirkungen hatte die Plünderung auf die Stadt Rom und ihre weitere Entwicklung? Lassen sich mit diesem punktuellen Ereignis in irgendeiner Weise überhaupt gewichtigere politische und militärische Folgen verbinden? Und inwieweit wurde die Plünderung Roms in gelehrte Diskurse, insbesondere die der Kirchenväter Hieronymus und Augustinus, aufgenommen?

Um all diese Fragen zu beantworten und ein möglichst umfassendes Bild von der Plünderung Roms und ihrem Kontext zu gewinnen, wurde eine Reihe wichtiger antiker Quellen1 ebenso berücksichtigt, wie die einschlägige Forschungsliteratur, die sich sowohl aus älteren und schon als Klassikern zu bezeichnenden Werken wie Edward Gibbons Decline and Fall of the Roman Empire, als auch aus aktuellen Untersuchungen, etwa jenen von Peter Heather oder Michael Kulikowski, zusammensetzt.

2. Die Geschichte der Goten bis 382

2.1. Herkunft der Goten und Beziehungen zum Römischen Reich bis 376

Jordanes, der im 6. Jahrhundert lebte und mit seiner Getica, die auf der Grundlage eines früheren Werkes von Cassiodor basiert, einen Abriss der Geschichte der Goten verfasste, verortete die Ursprünge der Goten auf die Insel Skandza, die heute als Skandinavische Halbinsel bekannt ist. Unter ihrem König Berig seien sie dann von Skandinavien aus auf den Kontinent gesegelt und hätten die Ulmeruger und die Wandalen unterworfen. Fünf Generationen später, unter König Filimer, sei dann die Auswanderung der Goten nach Skythien erfolgt.2 Die Migration der Goten im Barbaricum ging also, nach Jordanes, in zwei Hauptschritten vonstatten: Erstens von Skandinavien an die Südküste der Ostsee und zweitens aus dem Ostseeraum in die Region nördlich des Schwarzen Meeres.

Die weiteren Herkunftserzählungen aus Jordanes‘ Getica wurden von den meisten Gelehrten schon seit der Renaissance mit Skepsis betrachtet, zumal viele ihrer Episoden aus einer wilden Vermischung von römischen, griechischen, biblischen und nahöstlichen Quellen hervorgegangen sind, die offensichtlich jeglicher historischer Authentizität entbehren. Allein die von Jordanes geschilderte Migrationsgeschichte beschäftigt viele Historiker noch bis heute, sodass zumindest die Wanderung der gotischen Gruppe aus dem südlichen Ostseeraum in die Gebiete nördlich des Schwarzen Meeres als historisch real angenommen wird.3 Unterstützt wird diese Annahme durch archäologische Funde. Im Gebiet rund um die Weichselmündung verorteten Archäologen anhand von Gräberfunden eine materielle Kultur, die als Wielbark-Kultur bezeichnet wird. In dem Areal zwischen den Karpaten, dem Fluss Donez, der Donau und der nordwest-ukrainischen Region Wolhynien wurde eine archäologische Kultur bekannt, die den Namen Tschernjachow-Kultur trägt. Sie liegt im Siedlungsraum der Goten im 4. Jahrhundert, wird auf eben diesen Zeitraum datiert und daher häufig als materielle Kultur der Goten interpretiert. Diverse Ähnlichkeiten der Wielbark-Kultur und der Tschernjachow-Kultur, speziell bei Fibeln und Keramik, führten dazu, beide Kulturen im Zusammenhang zu betrachten und auch die Wielbark-Kultur, die zeitlich vor der Tschernjachow-Kultur zu lokalisieren ist, als gotisch zu interpretieren. Das wiederum könnte auf eine Wanderung von der Weichselmündung in den nördlichen Schwarzmeerraum schließen lassen. Die von Jordanes angedeutete gotische Migration scheint damit archäologisch bestätigt.4

Dennoch sind die Wurzeln der Goten noch immer umstritten. Während zahlreiche Historiker, wie jüngst wieder Peter Heather5, eher für die Migration einer gotischen Gruppe in die Gebiete nördlich des Schwarzen Meeres eintreten, existiert auch die These - vertreten von Michael Kulikowski - dass die Goten erst im 3. Jahrhundert im Gebiet der Tschernjachow- Kultur durch politische und gesellschaftliche Neuorganisation der dortigen Bevölkerung entstanden seien.6

Wo immer auch die Anfänge der Goten liegen, erstmals in das Licht der Geschichte traten sie jedenfalls im Jahre 238, als sie die römischen Provinzen südlich der Donau plünderten. In der Folgezeit kam es immer wieder zu Gefechten zwischen Römern und Goten, etwa 250/251 in Moesien und Thrakien oder 268/269, als die Goten den Balkan, Kleinasien und die Ägäis mit einer großen Flotte von der See aus angriffen. Kaiser Claudius II. und Kaiser Aurelian konnten im späten 3. Jahrhundert entscheidende Siege gegen die Goten verbuchen und erhielten daher erstmals vom Senat den Triumphaltitel Gothicus.7 Ein einschneidender Sieg über die gotische Gruppe der Terwingen gelang Konstantin I. im Jahr 332. Konstantins Sieg mündete in einem Bündnisvertrag mit den Terwingen, die gegen Geldzahlung von nun an Soldaten stellen mussten, aber auch wieder mit dem Römischen Reich Handel betreiben durften. Der glänzende militärische Sieg Konstantins und das abgeschlossene Foedus erleichterten in der Folge eine politische Verständigung mit den Goten, die sich z.B. darin äußerte, dass gotische Fürsten von Rom ausgezeichnet wurden und die Provinzen südlich der Donau zunächst als vor den Goten sicher gelten konnten.8

348 und von 367 bis 369 kam es erneut zu kriegerischen Handlungen, die wohl vor allem religionspolitisch motiviert waren, da etwa zeitgleich gotische Christenverfolgungen stattfanden.9

2.2. Die gotische Einwanderung in das Römische Reich und die Schlacht von Adrianopel

Das Jahr 376 stellt eine wichtige Zäsur in der Geschichte der Goten und Römer dar, denn es ist das Jahr, in dem die Goten in das Territorium des Imperium Romanums strömten, welches sie überdies auch nicht wieder verlassen sollten. Den Hauptauslöser für die gotische Bevölkerungsverschiebung in Richtung der Balkanprovinzen hat der römische Historiker Ammianus Marcellinus in seiner Römischen Geschichte, die zugleich als Hauptquelle für die folgenden Ereignisse gelten kann, festgehalten: „Totius autem sementem exitii et cladum originem diuersarum, quas Martius furor incendio insolito miscendo cuncta conciuit, hanc comperimus causam. Hunorum gens monumentis ueteribus leuiter nota ultra paludes Maeoticas glacialem oceanum accolens omnen modum feritatis excedit.”10 Im Folgenden schildert der Geschichtsschreiber die außerordentliche Wildheit und Rohheit der Hunnen, die er als „Saat des Verderbens“ identifiziert hat. Ammianus berichtet, dass die Hunnen zunächst die Siedlungsgebiete der Alanen überrannten und später auch die benachbarten Goten angriffen. Zunächst schlugen sie, zusammen mit Truppen der unterworfenen Alanen, die gotischen Greuthungen unter ihren Königen Ermanarich und Widimir, die beide den Tod fanden. Unter den Anführern Alatheus und Safrax zogen sich die Greuthungen schließlich bis an den Dnjestr zurück, wo sich zu diesem Zeitpunkt auch eine Streitmacht der ebenfalls gotischen Terwingen mit ihrem Herrscher Athanarich befand. Athanarich wurde von den Hunnen später aus einem Hinterhalt heraus angriffen und zum Rückzug in die Berge, vermutlich die Karpaten, gezwungen. Jene Terwingen, die Athanarich nicht folgten, suchten nun Zuflucht im Römischen Reich, zogen an die Donau und schickten Boten zu Kaiser Valens um die Aufnahme ins Reichsgebiet zu erbitten, versprechend, friedlich zu leben und bei Bedarf Truppen zu stellen.11 Kaiser Valens gewährte die Bitte der terwingischen Goten, welche daraufhin über die Donau setzten um in Thrakien zu siedeln.12 Den Greuthungen unter Alatheus und Safrax, die inzwischen das gleiche Ansinnen hatten und ebenfalls um Aufnahme ins Reich baten, erbot Valens dagegen eine abschlägige Antwort. Es gelang ihnen jedoch später ohne seine Einwilligung auf römisches Territorium überzusetzen und sich mit den Terwingen zu verbünden.13

Schon bald kam es zu Feindseligkeiten zwischen Goten und Römern. Ammianus schildert, wie gierig die beiden Heerführer Lupicinus und Maximus die Notlage der Goten, die nach dem Übersetzen über die Donau an Hunger litten, ausnutzten und persönlichen Profit herausschlugen.14 Ein später von Lupicinus in Marcianopel abgehaltenes Bankett, zu dem die Anführer der Terwingen, Alaviv und Fritigern, eingeladen waren, geriet zum Desaster. Anscheinend kam es während des Gelages zwischen den Einwohnern der Stadt und den Goten, die vor ihren Toren lagerten, zu Streitereien und tätlichen Auseinandersetzungen. Lupicinus, der davon unterrichtet wurde, ließ die Begleiter ermorden, die Alaviv und Fritigern zum persönlichen Schutz mitgebracht hatten, worauf die gotische Schar vor den Toren der Stadt noch weiter zürnte und Drohungen gegen die Römer ausstieß. Man ließ Fritigern frei,15 um seine Untertanen zu beschwichtigen.16 Doch es war bereits zu spät. Die widrigen Umstände des Banketts und der noch immer andauernde Hunger der Goten entluden sich in Plünderungen und kriegerischen Handlungen, die die folgenden Jahre Thrakien und den Balkan bestimmen sollten.

Am 9. August 378 kam es zur Entscheidungsschlacht zwischen Kaiser Valens‘ Heer und den Goten unter Fritigern bei Adrianopel. Die Schlacht endete verheerend für die Römer. Valens war zu voreilig in den Kampf gezogen. Die entsandten Spähtrupps hatten die Zahl der gotischen Streitmacht unterschätzt, sodass Valens nicht mehr auf die zur Hilfe eilenden Streitmächte Kaiser Gratians, dem Augustus des westlichen Reichsteils, warten wollte.17 Hinzu kamen die sengende Hitze des Sommertages und der von den Goten in der Umgebung entfachten Feuer, die den römischen Soldaten schwer zusetzte, sowie eine taktische Überraschung, die Alatheus und Safrax mit ihrer Reiterei gelang, als sie für die Römer unvermittelt inmitten des laufenden Schlachtgeschehens auftauchten.18 Kaiser Valens fiel in der Schlacht, vermutlich durch einen Pfeilschuss verwundet, während es nur etwa einem Drittel der römischen Soldaten gelang, lebend vom Schlachtfeld zu kommen.19

Die Goten konnten sich nun den Rest des Jahres 378 in Thrakien schadlos halten, bevor sie in den westlichen Balkan zogen, wo sich Greuthungen und Terwingen im Jahr 380 wieder trennten. Die Greuthungen bewegten sich Richtung Norden nach Pannonien und wurden anscheinend von Kaiser Gratians Truppen zurückgeschlagen. Die Terwingen zogen in die südlichen Regionen der Balkanhalbinsel, wurden 381 aber von weströmischen Militärverbänden nach Thrakien zurückgetrieben. Valens‘ Nachfolger Theodosius schloss im Oktober 382, etwa sechs Jahre nachdem die Feindseligkeiten losgebrochen waren, einen Friedensvertrag mit den Goten ab.20

2.3. Der Friedensvertrag mit Theodosius

Die Römer feierten den Friedensvertrag als einen Sieg über die Goten. Der berühmte Rhetor Themistios verfasste eine Lobrede, in der er in pathetischer Weise beschreibt, wie demütig sich die Anführer der Barbaren vor Theodosius niederwarfen und seine Knie umschlangen, bis dieser ihnen in gnädig vergab.21 Freilich handelt es sich bei Themistios‘ Rede um eine typisch panegyrische Ausstaffierung und der Friedensvertrag, den die Römer mit den Goten schlossen, war noch längst kein Sieg über die Goten. Im Gegensatz zu manch anderen Verträgen zwischen Römern und Barbaren war dieser Frieden sogar äußerst günstig für die Goten. Die Zugeständnisse, die ihnen gewährt wurden, lassen auf ihre noch immer starke Verhandlungsposition schließen, wenngleich sie inzwischen einige militärische Rückschläge gegen Theodosius erlitten hatten.22

Der Vertrag beinhaltete im Wesentlichen, dass die Goten als Foederati in Moesien, südlich der Donau und vermutlich auch in Makedonien angesiedelt wurden. Der herausragende Punkt des Vertrages war die gewisse Autonomie, die man ihnen gewährte. Sie durften nach ihren eigenen Gesetzen und unter eigenen Anführern leben und erhielten Siedlungsland, das von Steuern befreit war. Zudem wurden Jahresgelder bezahlt. Allerdings hatten die Goten dafür auch Waffenhilfe zu leisten, wenn Rom dies verlangte.23 Aber selbst dabei durften sie in geschlossenen Verbänden und unter ihren eigenen Anführern kämpfen.24

Mit ihrem Status als quasi autonomes politisches Gebilde im Römischen Reich war der erste Schritt auf dem Weg zur Bildung des späteren westgotischen Volkes getan. Unter den auf dem Balkan angesiedelten Goten versuchten schließlich nicht wenige eine Karriere im Dienste des Reiches zu beginnen, ob nun im Militär oder an einem der kaiserlichen Höfe. Auch Alarich war einer dieser aufstrebenden Goten. Allerdings strebte er weniger nach einer Position im Dienste Roms, als vielmehr nach einer führenden Position innerhalb seines Volkes.25

3. Die gescheiterte Integration von Alarichs Goten

3.1. Die Loslösung vom Foedus von 382

Alarich, der aus dem Geschlecht der Balthen stammte, tritt im Jahr 391 erstmals in den Quellen auf. Unter seiner Führung zog eine Gruppe von Goten aus Moesien in Richtung des südlichen Balkans, womit nach neun Jahren das Foedus mit Theodosius gebrochen wurde. Der Kaiser stellte Alarich in einer Schlacht, wurde aber von den Goten geschlagen. Um ein Haar wäre Theodosius im Kampf gefallen, hätte sein Heermeister Promotus ihn nicht gerettet. Promotus führte nach der Schlacht den Kampf gegen die Goten weiter, fiel aber noch im gleichen Jahr. Nachfolger des Promotus wurde Stilicho, der von nun an der Hauptkonkurrent aber auch Hauptverhandlungspartner Alarichs sein sollte. Stilicho konnte Alarichs Goten 392 entscheidend schlagen, er ließ den gotischen Anführer allerdings auf Befehl von Theodosius wieder ziehen. Dennoch wurde mit dem militärischen Sieg Stilichos der Vertrag von 382 erneuert.26

Warum Alarich im Jahr 391 den Aufstand probte, kann nur vermutet werden. Möglich wäre es, dass es zu Versorgungsengpässen gekommen war und die Forderung nach besserem Siedlungsland laut wurde. Mit der militärischen Demonstration seiner Macht könnte Alarich vermutlich auch versucht haben, ein hochgradiges militärisches Amt von Rom verliehen zu bekommen. Vielleicht war es aber einfach auch der Versuch, seine Führungsposition unter den Goten zu stärken, wofür ein erfolgreicher Beutekrieg natürlich ideal geeignet war.27

Mit der Wiederherstellung der alten Verhältnisse durch Stilicho hatten die Goten jedenfalls auch wieder Waffenhilfe zu leisten, die Theodosius 394 prompt einforderte, denn der Kaiser hatte mit einem Usurpator namens Eugenius zu kämpfen. Am 5. und 6. September des Jahres kam es zur Schlacht am Fluss Frigidus. Die Goten kämpften in der Vorhut der kaiserlichen Armee und erlitten im Kampf gegen die Truppen des Usurpators fürchterliche Verluste; angeblich war die Hälfte der gotischen Abteilung gefallen. Die großen Verluste dürften der ausschlaggebende Punkt gewesen sein, aus dem alten Foedus „auszusteigen“ bzw. wenigstens bessere Bedingungen auszuhandeln. Zwar blieben die überlebenden Goten, die am Frigidus gekämpft hatten, noch bis Anfang 395 ruhig und geordnet im Verbund der römischen Armee, doch schon auf dem Rückweg, der wahrscheinlich unter der Führung Alarichs stand, lösten Versorgungsprobleme des gotischen Hilfstrupps Plünderungen in Illyrien und Dalmatien aus. Theodosius‘ Tod am 17. Januar 395 dürfte den bestehenden Vertrag ohnehin aufgelöst haben. Alarich zog also mit seinen Goten zurück in das gotische Siedlungsland in Moesien und Thrakien, das just zu diesem Zeitpunkt von Hunnen verwüstet und geplündert wurde.28 Es dürften gleichsam die Unsicherheit der nördlichen Balkanprovinzen aber auch der Wunsch in einem Gebiet zu siedeln, das wirtschaftlich genug zum Leben abwarf, als entscheidende Gründe angenommen werden, die die Goten unter Alarichs Führung nun veranlassten, ihre alten Siedlungsräume zu verlassen. Ihr erstes Ziel war Konstantinopel, wo Alarich Verhandlungen mit dem oströmischen Hof anstrebte, um ein neues Abkommen zwischen den Goten und Römern zu schließen.29

3.2. Alarich zwischen den Fronten der kaiserlichen Höfe

Mit Theodosius‘ Tod 395 gelangten dessen noch minderjährige Söhne Arcadius und Honorius auf den Thron. Arcadius wurde Kaiser der Osthälfte, Honorius der der Westhälfte. Sie regierten jedoch nur nominell und unterstanden der Vormundschaft und Leitung hoher Beamter der kaiserlichen Höfe, von denen sie sich auch im höheren Alter nicht richtig trennen konnten.

Das Mehrkaisertum ist ein wichtiges Charakteristikum des spätantiken Regententums. Markpunkt für dessen Entstehen war die Einführung der Tetrarchie durch Diocletian im Jahr 293, der damit nicht nur dem bestehenden Wunsch nach mehr Kaisernähe in allen Teilen des Reiches nachkam, sondern - nach den Wirren der Soldatenkaiserzeit mit ihren zahlreichen Usurpationen - auch ein stabileres Kaisertum zu etablieren suchte.30 Ein wesentlicher Grund war aber auch die Erhaltung der Grenzsicherheit. Der Druck, den die Barbaren an den Grenzen Galliens und die Perser im äußersten Osten des Römischen Reichs ausübten - also in Gebieten, die für die antike Welt in beträchtlicher Entfernung voneinander lagen - machte eine Gewaltenteilung sinnvoll.31

Obwohl es also schon lange vor den beiden Abkömmlingen des Theodosius in der Regel einen Augustus im Osten und einen im Westen gab, wurde und wird das Jahr 395 häufig als Jahr der „Reichsteilung“ des Römischen Imperiums bezeichnet. Staatsrechtlich wurde die Reichseinheit von den Römern jedoch auch nach Theodosius nicht angezweifelt; der Begriff erscheint damit unangebracht.32 Allerdings spitzten sich die Konflikte zwischen beiden Höfe seit dem besagten Jahr doch deutlich zu, wie Alarich und seine Goten, die mehr als einmal zwischen die Fronten gerieten, noch bemerken sollten.

[...]


1 Quellen, die in altgriechischer Sprache abgefasst sind, werden in dieser Arbeit, anders als die lateinischen Texte, konsequent in einer deutschen Übersetzung zitiert.

2 Vgl. Jord. Getica 25-27.

3 Vgl. Kulikowski, Michael: Die Goten vor Rom, Darmstadt 2009, S. 56f. 4

4 Vgl. ebd., S. 68-70.

5 Seine Argumentation, die er im Zusammenhang mit Kulikowskis These diskutiert, findet sich hier: Heather, Peter: Invasion der Barbaren. Die Entstehung Europas im ersten Jahrtausend nach Christus, Stuttgart 2011, S. 114-121.

6 Zu Kulikowskis These und Argumentation gegen eine Migration der Goten siehe: Kulikowski, Michael: Die Goten vor Rom (wie Anm. 3), S. 68-75.

7 Vgl. Wolfram, Herwig: Die Goten und ihre Geschichte, München 2001, S.32f.

8 Vgl. ebd., S. 36.

9 Vgl. ebd., S. 45f.

10 Amm. 31, 2, 1.

11 Vgl. Amm. 31, 3, 1-8; 31, 4, 1.

12 Vgl. Amm. 31, 4, 5.

13 Vgl. Amm. 31, 4, 12-13; 31, 5, 3-4.

14 Vgl. Amm. 31, 4, 9-11.

15 Alaviv wird hierbei und auch in Folge nicht mehr erwähnt.

16 Vgl. Amm. 31, 5, 5-8.

17 Vgl. Amm. 31, 12, 3-7.

18 Vgl. Amm. 31, 12, 13-17

19 Vgl. Amm. 31, 13, 18-19; 31, 14, 1-3.

20 Vgl. Heather, Peter: Der Untergang des Römischen Weltreichs, Stuttgart 2007, S. 220.

21 Vgl. Them. Or. 16, 210 b/c.

22 Vgl. Leppin, Hartmut: Theodosius der Große, Darmstadt 2003, S. 50.

23 Vgl. ebd., S. 50f.

24 Vgl. Demandt, Alexander: Geschichte der Spätantike, München 2008, S. 100. 8

25 Vgl. Meier, Mischa: Alarich und die Eroberung Roms im Jahre 410. Der Beginn der „Völkerwanderung“, in: Meier, Mischa (Hg.): Sie schufen Europa. Historische Portraits von Konstantin bis Karl dem Großen, München 2007, S. 47.

26 Vgl. Wolfram, Herwig: Geschichte der Goten. Von den Anfängen bis zur Mitte des sechsten Jahrhunderts. Entwurf einer historischen Ethnographie, München 1979, S. 160-162.

27 Vgl. Meier, Mischa: Alarich und die Eroberung Roms im Jahre 410 (wie Anm. 25), S. 48f.

28 Vgl. Wolfram, Herwig: Geschichte der Goten (wie Anm. 26), S. 163f.

29 Vgl. ebd., S. 165.

30 Vgl. Elbern, Stephan: Usurpationen im Spätrömischen Reich, Bonn 1984, S. 2.

31 Vgl. Demandt, Alexander: Geschichte der Spätantike (wie Anm. 24), S. 21.

32 Vgl. ebd., S. 500.

Ende der Leseprobe aus 47 Seiten

Details

Titel
Die Plünderung Roms im Jahre 410 und ihre Auswirkungen auf die römische Welt
Hochschule
Technische Universität Dresden
Note
1,5
Autor
Jahr
2011
Seiten
47
Katalognummer
V189082
ISBN (eBook)
9783656129523
ISBN (Buch)
9783656129905
Dateigröße
653 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
plünderung, roms, jahre, auswirkungen, welt
Arbeit zitieren
Patrick Baumbach (Autor), 2011, Die Plünderung Roms im Jahre 410 und ihre Auswirkungen auf die römische Welt, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/189082

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Die Plünderung Roms im Jahre 410 und ihre Auswirkungen auf die römische Welt



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden