Notwendigkeit der Elternarbeit in der Heimerziehung

Bei Kindern bis zum 10 Lebensjahr und nach der Heimaufnahme


Hausarbeit, 2011

32 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Entstehung der Heimerziehung
2.1. Historische Entwicklung der Heimerziehung
2.2. Formen der Elternarbeit im Kontext der Heimerziehung (ausgewählte Beispiele)
2.2.1. Familientherapie
2.2.2. Elternberatung
2.2.3. Hausbesuche

3. Familiärer Hintergrund in der Herkunftsfamilie
3.1. Situation in der Herkunftsfamilie
3.2. Probleme der Kinder in der Familie
3.3. Unterstützende Netze

4. Bedeutung der Elternarbeit in der Heimerziehung
4.1. Notwendigkeit der Elternarbeit
4.1.1. Erhaltung der Bindung zwischen Eltern und Kind
4.1.2. Elternarbeit als Prävention
4.2. Voraussetzung für Elternarbeit
4.2.1. Einstellung und Qualifikation der Heimmitarbeiter
4.2.2. Struktur des Heims
4.2.3. Finanzierung
4.3. Hindernisse in der Elternarbeit
4.3.1. Mangelnde Einbeziehung der Eltern
4.3.2. Zeitprobleme und räumliche Distanz
4.3.3. Fehlende Kommunikation oder Verweigerung

5. Zusammenfassung

6. Quellen

1. Einleitung

Als generelle Ziele der Elternarbeit gelten „...die Herstellung, Erneuerung

bzw. Vertiefung des Kontaktes zwischen Eltern und Kind, die Aktivierung und Stützung eines Prozesses der Selbstbestimmung der Eltern, um sie zu neuen Einsichten in Bezug auf Eigenart, Eigenwert und die Erziehung des Kindes zu führen, sowie gemeinsames Erarbeiten neuer Erziehungswege und Erziehungspraktiken.“ (Brem-Gräser, 1975, S. 73)

Es ist jedoch schwierig, allgemeingültige Zielvorgaben für die Elternarbeit festzulegen, da sich die Zielsetzungen immer am Einzelfall orientieren müssen. Je nach der individuellen Problemstellung einer Familie müssen die Ziele definiert und entsprechende Lösungsstrategien entwickelt werden.

Deshalb möchte ich in dieser Arbeit aufzeigen, wie Eltern und Familienarbeit in der Heimerziehung unter Einbeziehung der Beteiligten aussehen kann und sollte. Hierbei wird auf die Formen der Eltern- und Familienarbeit eingegangen sowie auf die familiären Hintergründe und die Notwendigkeit dieser. Erforderliche Voraussetzungen und auch Hindernisse der Eltern- und Familienarbeit sollen anschließend näher beleuchtet werden.

2. Entstehung der Heimerziehung

Bei vielen löst Heim und Heimerziehung auch heute noch immer Vorurteile hervor und

wird mit negativen Eigenschaften assoziiert. Heim wird als notwendiges Übel gesehen. Zwar gab es schon einige Überlegungen, Heime ganz abzuschaffen, jedoch zählen sie noch immer zu einem wichtigen Bestandteil der öffentlichen Jugendhilfe. Auch der Gesetzgeber versucht,

den Begriff Heim möglichst zu umschreiben. Im §34 SGB VIII wird es umschrieben als

Erziehungshilfe in einer Einrichtung über Tag und Nacht. Aufgrund der differenzierten und

vielfältigen Formen, die sich in den letzten Jahren entwickelt haben, spricht der

Gesetzgeber heute von Heimerziehung und sonstigen betreuten Wohnformen über Tag und

Nacht.

Heim ist von seinem Wortsinn eigentlich etwas sehr Positives. Heim – oder auch Heimat – ist ein Ort, an dem sich jeder wohl fühlt. Ein Ort, der heimisch ist und an dem man gerne

sein möchte. Das Heim als Stätte, in der eine Atmosphäre herrscht, in der wir uns wohl

fühlen, in der wir uns angenommen fühlen und in der wir zu Hause sind. Heim bezeichnet

das, was uns vertraut ist, wo wir uns auskennen und wo wir gerne wieder hinkommen. Es

gibt womöglich zwei wesentliche Ursachen, warum der Begriff Heim so belastet ist:

- aus dem historischen Kontext heraus, in dem Heim und Heimanstalten durch

Zwangserziehung gekennzeichnet waren und

- die Tatsache, dass die Heimerziehung gem. §34 SGB VIII stets eine Trennung

zwischen Eltern und Kind bzw. Jugendlichen beinhaltet und das Heim hier nun die Familie ersetzen soll. Auch die beste Heimerziehung bleibt ein künstliches Gebilde und ein solcher Eingriff in die Familie ist ein besonders schicksalhafter (vgl. Post 2002, S.12).

Heimeinrichtungen sind eine klar abgegrenzte Institution von der Familie des Kindes.

Es erfolgt eine räumliche Trennung zwischen Eltern und Kind. Das Heim wird auch als „Ersatzfamilie“ bezeichnet. Heime werden sehr häufig nach familienähnlichen Gesichtspunkten gestaltet und eingerichtet. Es soll eine freundliche und offene Wohnatmosphäre geschaffen werden, um den Bewohnern möglichst einen angenehmen Aufenthalt zu ermöglichen. In Heimen arbeiten pädagogische Mitarbeiter, meist Erzieher und Sozialpädagogen, die die Betreuung der Bewohner rund um die Uhr sicherstellen.

2.1. Historische Entwicklung der Heimerziehung

Wenn wir heutzutage von Heimerziehung sprechen, dürfen wir diese nicht mit den

früheren Sichtweisen von Heimerziehung im Sinne von Waisenhäusern / Findelhäusern

verwechseln. Damals ging es vor allem darum, diese Kinder am Leben zu erhalten

und sie zu Arbeitsamkeit, Gottesfurcht und Demut hinzuführen. Eine andere Möglichkeit war, dass verwaiste Kinder in Familien gegeben wurden, die sie als billige Arbeitskräfte nutzten und ihnen keine Bildung zukommen ließen. Im 16. Jahrhundert entstanden die ersten Waisenanstalten in den Reichsstädten. Die ersten Waisenhäuser wurden 1546 in Lübeck, 1567 in Hamburg, 1572 in Augsburg eröffnet.

Einen hohen Bekanntheitsgrad besaßen die „Hallischen Anstalten“, die von Herrmann

Francke gegründet wurden. Sie wurden durch eine strenge pietistische Erziehung Geprägt. (vgl. Günder 2007, S. 15)

Nach dem 30-jährigen Krieg gab es eine Vielzahl an verwaisten Kindern, mit der die Anstalten nicht fertig wurden. Ein großes Problem stellten die finanziellen Mittel dar. Der Aufenthalt in einem Waisenhaus war beispielsweise im Jahre 1862 in Berlin dreimal so teuer wie in der Familienpflege. (ebd., S.16)

In der Diskussion um Waisenanstalten wurde klar, dass die Erziehung in Heimen ohne familiäre Bezugspersonen nicht in diesem Stil weitergehen könne. Erst mit Beginn der Aufklärung und mit allgemeinen Veränderungen in der Betrachtung des Wertes der Kindheit und einer kindorientierten Erziehung hielten in der Beeinflussung durch Rousseau und Pestalozzi pädagogische Ideen in größerem Umfang in die damaligen Institutionen für elternlose Kinder Einzug. (ebd., S.18)

Aus dieser neuen pädagogischen Richtung heraus entwickelte sich die „Rettungshausbewegung“. Erstmals wurde der Schwerpunkt auf die Kinder als Individuum

gesetzt. Ein wichtiger Vertreter der Rettungshausbewegung war Johann Hinrich Wichern. Im Jahre 1883 gründete er das „Rauhe Haus“ in Hamburg. Die vier Grundprinzipien dieses Hauses waren: selbstbestimmte Ordnung, nützliche Beschäftigung, Gebrauch des göttlichen Wortes und Liebe. (ebd., S.19)

Auf diesem Wege versuchte Wichern die Erziehung der verwaisten Kinder in eine neue Richtung zu lenken. Jedoch waren damals viele Anstalten mit sehr strengen Hausordnungen versehen, die Strenge, Strafen, Schweigen und Ruhe beinhalteten. Dies gab den Kindern keine Möglichkeiten zur persönlichen Entfaltung. Begriffe wie „Zucht und Ordnung“ waren an der Tagesordnung.

Im Zuge des 3. Reiches wurde in den Erziehungsanstalten viel Wert auf ideologisches

Gedankengut und auf „gute“ und „schlechte“ Gene gelegt. Die meisten Jugendlichen

landeten in der so genannten „Bewahrung“. Diese unterlag den Wohlfahrtsbänden.

Daraus ergaben sich jedoch einige Probleme, weil Bewahrung keiner fachlichen Qualifikation bedurfte und in Masseneinrichtungen geschehen konnte, sahen sich die Wohlfahrtsverbände infolge auszubleibender staatlicher Hilfen gezwungen, ihr qualifiziertes Personal abzubauen und mit wenigen unausgebildeten Mitarbeitern die in ihrer Obhut befindlichen Menschen in Großgruppen von oft über 30 Personen zu betreuen. Die Mitarbeiter waren somit mit der Vielzahl der Kinder überlastet und es konnte auch keine individuelle Unterstützung stattfinden.

Durch Andreas Mehringer in der frühen Nachkriegszeit und von anderer Seite durch die

SOS – Kinderdorfbewegung wurde ein weiterer Versuch weg von der Anstaltserziehung

hin zu einem familienanalogen Prinzip in Bewegung gesetzt. Ziel war es, den Kindern eine familienähnliche Atmosphäre und Umgebung zu schaffen. Diese Formen der neuen Heimerziehung setzten sich aber erst mit Beginn der 70er Jahre in breiterer Form durch. Es entstanden Kinderhäuser, Außenwohngruppen und Wohngruppen.

Generell wurde den Missständen in den Anstalten mehr Bedeutung beigemessen. Besonders linke Studentengruppen versuchten die Not der Kinder und Jugendlichen an die Öffentlichkeit zu bringen. Darüber hinaus kam hinzu, dass die allgemeine Einstellung zur Erziehung [unterlag] in diesem Zeitraum Veränderungstendenzen unterlag, die im Zusammenhang mit den politischen und gesellschaftlichen Reformen gesehen werden können. (ebd., S.23)

Nach Günder (2007) lassen sich folgende Veränderungstendenzen in der Heimerziehung

bemerken. Es wird viel Wert darauf gelegt, dass in den Heimen pädagogisch ausgebildetes Personal arbeitet und keine einfachen Arbeitskräfte. Auch das Problem von über 30 Kindern in einer Gruppe hat sich dadurch gelöst, dass die Gruppengröße auf 8-10 Kinder verringert wurde. Somit haben die Pädagogen mehr Zeit sich um die einzelnen Kinder und Jugendlichen zu kümmern. Der negative Effekt ist jedoch der, dass die Personalkosten sehr hoch sind und somit ein Heimaufenthalt einen hohen Kostenfaktor darstellt. Um diesem Punkt entgegenzuwirken wird versucht, so viel wie möglich präventive Arbeit zu leisten. Darunter wird verstanden, dass Kinder bei Schwierigkeiten ambulant oder teilstationär aufgenommen werden.

Das am 3. Oktober 1990 in den neuen und am 1. Januar 1991

in den alten Bundesländern in Kraft getretene Kinder- und Jugendhilfegesetz brachte

für die Heimerziehung neue gesetzliche Grundlagen und qualitative Inhalte mit sich.

2.2 Formen der Elternarbeit im Kontext der Heimerziehung (ausgewählte Beispiele)

Nachdem in früheren Phasen der Heimgeschichte (bis in die 60er Jahre) die Eltern oft als

störende Einflüsse im Heimalltag betrachtet wurden, die Elternkontakte daher nur dosiert

und kontrolliert stattfanden konnten, wurde die Notwendigkeit der Elternkontakte für die Entwicklung der in Heimen untergebrachten Kinder mehr Beachtung geschenkt. Die Einrichtungen wurden für die Eltern geöffnet und Eltern wurden als die Bezugspersonen der Kinder stärker als vorher in den Alltag integriert. Bis heute entstehen aus dieser Entwicklung heraus immer mehr Methoden, Formen und Möglichkeiten in der Gestaltung der Elternarbeit.

Grundvoraussetzung aller Methoden in der Elternarbeit ist es, dass der Herkunftsfamilie die Notwendige Beachtung und Haltung entgegengebracht wird und die Kinder bei den Mitarbeitern ein Gefühl der Achtung und Akzeptanz ihrer Eltern erfahren (vgl. Conen 1991).

2.2.1 Familientherapie

Eine der intensivsten Form der Arbeit mit der Familie und des Kindes stellt sicherlich die

Familientherapie dar. In die Familientherapie werden die gesamte Familie bzw. die

wichtigsten Bezugspersonen der Familie integriert. Alle Teilnehmer sind an der Lösung

des Problems beteiligt.

Eine Definition von Familientherapie gestaltet sich sehr schwierig, da es eine Vielzahl von

unterschiedlichen Ansätzen und Formen dieser Arbeitsform gibt. Im Allgemeinen geht es

RQERWEBWEWnicht um die Veränderung einzelner Familienmitglieder, sondern um Veränderungen im

familiären Kontext. In der Familientherapie kommen die Familienmitglieder an einem Ort

zusammen und versuchen mit Hilfe des Therapeuten, Erneuerungen zu ergründen, damit

die Familie wieder ohne fremde Hilfe miteinander leben kann.

Das Kind in der Einrichtung kann als Symptomträger oder identifizierter Patient gesehen

werden. Durch die Fremdunterbringung des Kindes einer Familie in eine stationäre Einrichtung zeigt sich, dass eine Dysfunktion innerhalb des familiären Kontextes vorliegt

(vgl. Minuchin 1997, S.133). Minuchin führt weiter aus, dass ein Mitglied in der Familie

als Symptomträger bezeichnet oder hingestellt wird und das System Familie dazu beiträgt,

dass diese Symptomatik weiter aufrechterhalten bleibt (ebd. S.133). Damit soll verdeutlicht

werden, dass es bedeutend ist, das gesamte Familiensystem mit einzubeziehen und eben

nicht nur dem Kind Hilfe zu unterbreiten.

Voraussetzung für die familientherapeutische Arbeit ist zum einen, dass qualifiziertes Personal in der Einrichtung zur Verfügung steht, um diese Arbeit durchzuführen, zum

anderen eben aber, und das ist das Entscheidende, dass die Familie das Bedürfnis und die

Notwendigkeit für so eine Therapie für sich erkennt und akzeptieren kann, auch wenn

ihnen dieses Angebot von Seiten des Heimes unterbreitet wird. Die Freiwilligkeit und das

Streben nach Veränderung im familiären Kontext müssen eben auch in gewisser Weise aus

den Reihen der Familien kommen und sollte keine aufgedrängte, aufgezwungene Maßnahme von außen sein. Deshalb erscheint es sinnvoll, dieses Therapieangebot auch

nicht an den Anfang einer Heimunterbringung als Unterstützungsangebot zu stellen. Es

sollte erst mit anderen Angeboten gearbeitet werden, um ein vertrauensvolles

Zusammenarbeiten mit der Familie als Grundlage zu schaffen. Hier zeigt sich auch schon,

in welcher Rolle der Therapeut fungiert. Nur die Familie selbst kann ihre Probleme lösen.

Der Therapeut ist nur eine Unterstützung, eine Hilfe (vgl. Conen 1991, S.74). Er kann als

Moderator, als Lenker oder Lotse in den Wirren der familiären Verhältnisse agieren, wird

aber nie die Probleme der Familie (auf-)lösen können. So lässt der Therapeut die

Familienmitglieder in ihrer Verantwortung und diese fühlen sich dadurch ernst genommen

und werden als Partner angesehen. Dies impliziert, dass der Therapeut davon ausgeht, dass

in der Familie genug Ressourcen vorhanden sind, um die Probleme zu lösen oder ihnen

durch (neu) entwickelte Lösungsmöglichkeiten begegnet werden kann.

Die Ziele der Familientherapie können sehr unterschiedlich sein. Im Allgemeinen sollen

sie Hilfestellung geben bei Problemen, die die Familien allein nicht lösen können. Bestehende Interaktions- und Kommunikationsmuster sollen verändert werden. Durch die

Aktivierung der Ressourcen innerhalb der Familie sollen Kompetenzen entwickelt oder

wiedererlernt werden mit dem Ziel, dass die Familienmitglieder nach der Therapie ihren

Alltag wieder eigenständig und ohne wieder in alte Verhaltensmuster zu verfallen, regeln

können (vgl. Conen 1991, S.73f.). Neue Handlungsweisen sollen erlernt werden, um entwicklungshinderliche Umstände in der Familie verbessern zu können (vgl. Seiler/Kotrel-Vogel).

Damit verbunden bleibt das oberste Ziel nach wie vor die Rückführung des Kindes in den

Haushalt seiner Familie bzw. der Personensorgeberechtigten. Dabei können auch ein

Verbleib des Kindes in stationärer Betreuung und damit die Ablösung von seiner Herkunftsfamilie Ziel einer solchen Therapie sein. Wichtig erscheint, dass belastende

Erfahrungen und Missstände innerhalb des Systems der Familie geklärt oder zumindest der

Versuch unternommen wird, diese Missstände zu beseitigen. Dies wird nicht immer gelingen und deshalb kann das Ziel nicht immer automatisch Rückführung lauten. Jedoch soll der Familie die Chance gegeben werden, Veränderungen zu schaffen, um sich somit die Möglichkeit der Rückführung ihres Kindes zu erhalten.

2.2.2 Elternberatung

Die ersichtlichste und üblichste Form der Eltern- und Familienarbeit ist das Beratungsgespräch. Es stellt die wichtigste Form dar, mit den Familien der Heimkinder in

den Austausch zu treten. Häufig kommt es zu Beratungsgesprächen, wenn es Probleme

oder Unstimmigkeiten gibt (vgl. Conen 1991, S.64). Allerdings sollten Konfliktgespräche

nicht die überwiegende Form von Beratungsgesprächen einnehmen, denn sonst begegnen

sich Mitarbeiter der Einrichtung und Eltern bzw. Familien auf der Plattform von Auseinandersetzungen. Vielmehr sollten Beratungsgespräche geführt werden, um Informationen von den Familien zu erhalten.

Elternberatung basiert auf Gesprächen mit den Eltern, bei denen Eltern allgemeine Hinweise zur Organisation des familialen Zusammenlebens oder zum Erziehungsverhalten gegeben werden. Dabei lassen sich folgende Aspekte unterscheiden:

- Auswahl: Aufgrund der Schilderungen der Eltern werden kurze Episoden aus alltäglichen Interaktionssituationen, die von den Eltern als konflikthaft und belastend erlebt werden, für eine Analyse ausgewählt.
- Rekonstruktion: Ort und Qualität der interaktiven Beziehungen zwischen Eltern und ihren Kindern werden im Gespräch rekonstruiert.
- Verstehen: Es werden unterschiedliche Ziele von Eltern und Kindern und das "Verstehen" des Kindverhaltens erarbeitet.
- Ursachen: Die Ursachen für das Entstehen der Interaktionen und die

Bedingungen für deren Verlauf werden analysiert. Ziel ist es, dass die Eltern sich mit möglichen Ursachen ihres eigenen Verhaltens auseinandersetzen (Selbstreflexion) und versuchen, die Perspektive ihres Kindes zu übernehmen und mögliche Gründe und Bedingungen seines Verhaltens zu erkennen.

- Auswirkungen: Die durch die Interaktion ausgelösten Gefühle und Reaktionen der Eltern werden analysiert und deren Auswirkung auf die Eltern-Kind-Beziehung wird thematisiert. In ähnlicher Weise werden auch die Reaktionen der Kinder analysiert.
- Neugestaltung: Es werden für die Neugestaltung der Interaktionen mit den Eltern neue Ziele für den Umgang mit dem Kind erarbeitet.
- Umgangsformen: Es werden neue Formen des Umgangs der Eltern mit ihrem Kind entwickelt, bei denen entwicklungsförderliche Verhaltensweisen der Eltern im Mittelpunkt stehen. Außerdem wird die Umsetzung dieser neuen Interaktionsformen erarbeitet.
- Wirkung: Die Bewertung der Wirkungen des veränderten Elternverhaltens auf die Entwicklung des Kindes werden gemeinsam mit den Eltern differenziert beschrieben. Durch diese "Evaluation" sollen Eltern in der Veränderung ihres Verhaltens verstärkt werden.
- Wirkung: Die Bewertung der Wirkungen des veränderten Elternverhaltens auf die Entwicklung des Kindes werden gemeinsam mit den Eltern differenziert beschrieben. Durch diese "Evaluation" sollen Eltern in der Veränderung ihres Verhaltens verstärkt werden.

(Helmut Adler, 2001)

Der Heimmitarbeiter sollte sich ein umfassendes Bild von der Familie machen können und sich in den Gesprächen und darüber hinaus mit der Lebenswelt und der Sichtweise der Familie auseinandersetzen. Erst, wenn der Mitarbeiter des Heimes sich in die Lage und Lebenswelt der Eltern oder Familie hineinbegibt, kann er gezielt auf ihre Bedürfnisse und Interessen eingehen und sie mit den Interessen des Heimes versuchen zu vereinbaren. Beratungsgespräche zeigen auch ein Interesse des Heimmitarbeiters an den Umständen und der Situation der Familie und das schafft ein Vertrauensverhältnis zu den Familien, welches bedeutend sein kann für eine kontinuierliche Zusammenarbeit. Durch die Beratungsgespräche soll Einfluss auf das Erziehungsverhalten der Eltern und Familien genommen werden und mit der Herkunftsfamilie gemeinsam soll nach Möglichkeiten und Optionen geforscht werden, wie es zu Veränderungen im Umgang mit dem Kind kommen kann. Wichtig dabei sind die Vermittlung und Stärkung oder Aktivierung der Kompetenzen von Eltern und Familienangehörigen. Das Erkennen und Verstehen von Verlaufskurven sollte dabei zentrales Thema sein, um den Familien die Möglichkeit zu geben, nach Ursachen für den Verlauf ihrer Vergangenheit zu suchen. Weiterhin soll es auch um einen Perspektivwechsel gehen. Eltern sollen in die Lage versetzt werden, sich mit der Sichtweise der Lebenssituation ihrer Kinder auseinanderzusetzen. Oft sind Eltern mit sich selbst sehr beschäftigt und sehen nur ihre Probleme. Durch Beratungsgespräche soll der Blick aber auch auf das Erleben der Kinder gerichtet werden. Diese Perspektive muss sich erst entwickeln und kann sicher nicht in den ersten Gesprächen thematisiert werden, stellt jedoch eine wichtige Grundlage dar für das weitere Erziehungshandeln der Eltern (vgl. Faltermeier/Glinka/Schefold 2003, S.170).

Heimmitarbeiter müssen anfangs sehr viel Geduld aufbringen, um ein Vertrauensverhältnis

zu schaffen, um dann später bestimmte Themen und Probleme in den Fokus zu rücken.

Deshalb sollten die Ansprüche der Mitarbeiter nicht zu hoch sein und es sollte je nach

individuellen Möglichkeiten der Familie gearbeitet werden. Dabei ist eine etappenweise

Arbeitsweise notwendig, um eine Überforderungssituation der Familien zu vermeiden.

2.2.3 Hausbesuche

Eine weitere Methode der Eltern- und Familienarbeit können Hausbesuche bei den

Familien darstellen. Dabei kann die Lebenswelt und die Lebenssituation der

Herkunftsfamilie besser kennengelernt werden. Zudem kann den Eltern und Familien in

ihrer gewohnten Umgebung begegnet werden. In ihrer Lebenswelt fühlen sich Eltern meist

sicherer und begegnen daher den Besuchern in anderer Art und Weise. Der

Heimmitarbeiter kann die häusliche Atmosphäre erfahren und die beobachteten familiären

Kontexte für seine Arbeit mit dem Kind nutzen. Er macht sich ein Bild von den familiären

Umständen und den Personen, die hier leben (vgl. Conen 1991, S.56).

Eine in diesem Zusammenhang häufig auftretende Frage ist die, wer denn diese

Hausbesuche eigentlich durchführen soll. Für die Arbeit mit dem Kind und dessen Familie

ist es für die Heimmitarbeiter sicherlich hilfreich, die Lebenswelt der Herkunftsfamilie

kennenzulernen. Hieraus können sich behilfliche Möglichkeiten ergeben in der Arbeit mit

dem Kind oder Jugendlichen der Familie. Des Weiteren ist es häufig so, dass Sozialarbeiter

aus dem Jugendamt schon Hausbesuche bei der Familie durchgeführt haben, um sich ein

Bild von der Familie machen zu können. Letztendlich ist eine Kooperation und

Organisation der Besuche zwischen Heim und Jugendamt zu vereinbaren.

3. Familiärer Hintergrund in der Herkunftsfamilie

Betrachten wir die historische Entwicklung der Heimerziehung, so können wir erkennen,

dass in den Anfängen Kinder und Jugendliche zumeist elternlos waren und infolgedessen

in einer Einrichtung betreut wurden. Dies ist heutzutage nur noch sehr selten der Fall. Die

Gründe, warum Kinder und Jugendliche heutzutage in Heimen oder sonstigen

Wohnformen über einen längeren Zeitraum ihr Leben verbringen, sind sehr

unterschiedlich. Sie kommen zumeist aus schwierigen oder schwierigsten Verhältnissen

und jeder bringt seine individuell belastende Lebensgeschichte mit.

3.1 Situation in der Herkunftsfamilie

Wirft man einen Blick auf die Herkunftsfamilien, so lässt sich feststellen, dass „die

überwiegende Zahl der Herkunftseltern in schwierigen sozialen und ökonomischen

Verhältnissen lebt“ (Faltermeier/Glinka/Schefold 2003, S.79). Die Kinder erleben in diesem Umfeld oft traumatische und missbräuchliche (Gewalt-) Erfahrungen und ihr Lebensweg ist bis zur Ankunft in einem Heim schon von viel Leid und Schmerz geprägt. In den letzten Jahren fiel insbesondere die Zunahme von sexueller Gewalt auf.

„Die Kinder stammen in der Regel aus unterprivilegierten Bevölkerungsschichten, der

Ausbildungsgrad und der berufliche Status ihrer Eltern sind gering“ (Günder 2007, S.31).

Hinzu kommen häufig noch Suchterkrankungen und psychische Auffälligkeiten, die die

angespannte Situation der Familie noch verschärfen.

Wenn man sich die Familienzusammensetzungen betrachtet, aus denen die Heimbewohner

kommen, so lässt sich feststellen, dass die meisten Kinder aus Scheidungs-, Trennungs- und Patchworkfamilien kommen. Auch Alleinerziehende, meist Mütter, stellen eine große Gruppe dar. Zudem leben in den Familien meist mehr Kinder als im Durchschnitt und die Mütter sind im Vergleich bei der Geburt ihres ersten Kindes jünger.

Die intellektuelle Bildung der Herkunftseltern und der berufliche Status sind eher im

unteren Bereich anzusiedeln. Dazu kommen die schwierigen sozioökonomischen Verhältnisse und die daraus resultierenden geringen materiellen Einkommen sowie

Erwerbslosigkeit und die Abhängigkeit von staatlichen Transferleistungen in diesen

Familien. Abgesehen von den sozioökonomischen Verhältnissen gibt es eine Kombination

mit soziostrukturellen Benachteiligungen. Dies bedeutet, dass das Beziehungsgefüge in

den Familien von vielen Konflikten geprägt ist. (vgl. Hamberger 1998, S.208)

Die Gesundheit der Familienmitglieder ist oftmals beeinträchtigt. Besonders bei den Kindern wurde festgestellt, dass sie im Vergleich überdurchschnittlich häufig krank, behindert, verhaltensauffällig, entwicklungsverzögert und insgesamt auffälliger sind. Infolgedessen ergibt sich ein erhöhter Aufwand für die Eltern, der mit viel Zeit verbunden ist. Herkunftseltern müssen mit ihren Kindern häufiger zu Ärzten und Fachärzten und sind häufiger in Auseinandersetzungen mit Institutionen und Behörden (wie Schule, Kita, Jugendamt, Sozialamt, Arbeitsamt) anzutreffen (vgl. Faltermeier/Glinka/Schefold 2003, S.79f.). Erschwerend kommt hinzu, dass sie nur über begrenzte handlungskompetente Ressourcen im Umgang mit Behörden verfügen. Es fällt ihnen oftmals schwer, sich in Konfrontationen richtig auszudrücken und ihre Position darzustellen. Häufig können sie den Ansprüchen und Anforderungen, die an sie gestellt werden, nur bedingt folgen.

Außerdem fühlen sich Familien im Umgang mit Behörden und Institutionen oft unwohl

und unsicher. Sie glauben, dass die Personen der Institutionen sich gegen sie verbündet

haben, dass ihnen Informationen vorenthalten werden und sie verspüren, dass sie oft nicht

ernst genommen werden (Faltermeier/Glinka/Schefold 2003, S.86ff.). Hierbei ist es egal, in welcher Angelegenheit die Familien mit einer Institution zu tun haben. So machen sich bei den Eltern fremduntergebrachter Kinder oftmals auch Ängste breit um die Zukunft.

Zu diesen hier aufgeführten schwierigen Familienverhältnissen kommen oft noch weitere

unerwartete Problematiken hinzu, die nicht mehr ausreichend bewältigt werden können.

Konflikte mit dem Partner, mit Freunden und Nachbarn oder formellen Institutionen, aber

auch die eigene Alkohol- oder Drogenproblematik gehören hier dazu. Herkunftsfamilien

verwenden viel Energie und Aufwand, um ihr Leben möglichst im Gleichgewicht zu

halten, auch wenn sie sehr labil sind. Krisen und Probleme stehen ständig auf der

Tagesordnung.

[...]

Ende der Leseprobe aus 32 Seiten

Details

Titel
Notwendigkeit der Elternarbeit in der Heimerziehung
Untertitel
Bei Kindern bis zum 10 Lebensjahr und nach der Heimaufnahme
Hochschule
SRH Hochschule für Gesundheit Gera
Veranstaltung
Konzepte der Familienarbeit
Note
2,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
32
Katalognummer
V189105
ISBN (eBook)
9783656129424
ISBN (Buch)
9783656129806
Dateigröße
487 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
notwendigkeit, elternarbeit, heimerziehung, kindern, lebensjahr, heimaufnahme
Arbeit zitieren
Katharina Prügner (Autor), 2011, Notwendigkeit der Elternarbeit in der Heimerziehung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/189105

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