Latente Steuern – Ausgewählte Sachverhalte im Einzel- und Konzernabschluss


Bachelorarbeit, 2012

46 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Latente Steuern im Einzelabschluss
2.1 Ansatz von latenten Steuern
2.1.1 Ansatz von passiven latenten Steuern
2.1.2 Ansatz von aktiven latenten Steuern
2.1.3 Vom Timing- zum Temporary-Konzept
2.1.3.1 Abgrenzung nach dem Timing-Konzept
2.1.3.2 Abgrenzung nach dem Temporary-Konzept
2.1.4 Entstehung aktiver und passiver Steuerlatenzen
2.1.5 Abgrenzungsmethode
2.1.6 Steuerliche Verlustvorträge und vergleichbare Sachverhalte
2.1.6.1 Steuerliche Verlustvorträge
2.1.6.2 Vergleichbare Sachverhalte
2.2 Bewertung von latenten Steuern
2.2.1 Anzuwendender Steuersatz
2.2.2 Abzinsungsverbot
2.2.3 Werthaltigkeitsprüfung
2.3 Ausweis von latenten Steuern
2.3.1 Ausweis in der Bilanz
2.3.2 Ausweiswahlrechte
2.3.3 Stetigkeit der Wahlrechtsausübung
2.3.4 Ausweis in der Gewinn- und Verlustrechnung
2.4 Anhangangaben
2.5 Ausschüttungssperre

3. Latente Steuern im Konzernabschluss
3.1 Entstehung latenter Steuern im Konzernabschluss
3.1.1 Temporäre Differenzen
3.1.2 Verlustvorträge
3.2 Ansatz latenter Steuern
3.3 Bewertung latenter Steuern
3.4 Ausweis latenter Steuern

4. Sonderthemen
4.1 Latente Steuern bei Organschaften
4.1.1 Grundzüge der Organschaft
4.1.2 Besonderheiten der Steuerabgrenzung bei Organschaften
4.1.3 Grundlagen der Bilanzierung von latenten Steuern bei Organschaften
4.1.4 Bilanzierung von latenten Steuern bei Steuerumlage
4.2 Latente Steuern bei Personengesellschafen
4.2.1 Grundzüge der Mitunternehmerbesteuerung
4.2.2 Steuersatz
4.2.3 Ermittlung der temporären Differenzen
4.2.3.1 Zeitraum zur Auflösung
4.2.3.2 Gesamthandsbilanz
4.2.3.3 Ergänzungsbilanz
4.2.3.4 Sonderbetriebsvermögen

5. Fazit

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Fälle aktiver bzw. passiver latenter Steuern

Abbildung 2: Bilanzdifferenzen

Abbildung 3: Ermittlung Steuersatz

Abbildung 4: Beispielberechnung mit verschiedenen Steuersätzen

Abbildung 5: Position latenter Steuern

Abbildung 6: Unsaldierter Ausweis

Abbildung 7: Saldierter Ausweis Passivüberhang

Abbildung 8: Saldierter Ausweis Aktivüberhang

Abbildung 9: Saldierter Ausweis Wahlrecht

Abbildung 10: Abweichungen Konsolidierungsmaßnahmen

Abbildung 11: Grundstruktur Organschaft

Abbildung 12: Gesamtbilanz Personengesellschaft

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

Mit der Einführung des Bilanzrichtlinien-Gesetzes von 1985 gelang mit § 275 HGBa.F. erstmals die Steuerlatenzierung in der handelsrechtlichen Rechnungslegung. Diese Vorschrift spielte allerdings in der Praxis der Abschlussprüfung und Rechnungslegung eine untergeordnete Rolle.[1]

Mit dem Bilanzmodernisierungsgesetz (BilMoG) das zum 29.5.2009 in Kraft getreten ist, wurde das Handelsgesetzbuch (HGB) umfassend reformiert. Erklärtes Ziel dieser Reform war unter anderem die Weiterentwicklung des HGB zu einer den International Financial Reporting Standards (IFRS) vollwertigen, aber kostengünstigeren und einfacheren Alternative. Durch die Reform sollte auch die Informationsfunktion des Jahresabschlusses gestärkt und so die Aussagekraft des handelsrechtlichen Abschlusses verbessert werden. Um dieses Ziel zu erreichen findet nun auch die Steuerlatenzierung im Jahres- und Konzernabschluss praxisrelevante Bedeutung.[2] Bei der Bilanzierung latenter Steuern fand, in Anlehnung an die internationale Rechnungslegung, ein Konzeptionswechsel hin zum Temporary-Konzept statt. Damit hat sich der Gesetzgeber an eines der komplexesten Bilanzierungsthemen gewagt, dessen inhaltliche Ausgestaltung eines der zentralen Diskussionsthemen um die Anwendung des BilMoG darstellt. Hinzu kommt, dass durch das BilMoG weitestgehend die umgekehrte Maßgeblichkeit in § 5 Abs. 1 Satz 2 EStG aufgehoben wurde. Dies hat zur Folge, dass Handels- und Steuerbilanz nun stark voneinander abweichen. Die daraus resultierenden Differenzen sind in Bezug auf die Steuerlatenzierung zu betrachten. Für die Praxis hat die Bilanzierung von latenten Steuern stark an Bedeutung gewonnen.

Die nachfolgende Arbeit befasst sich mit der Konzeption latenter Steuern im Einzel- und Konzernabschluss. Speziell für den Einzelabschluss wird auf die Ansatz-, Bewertungs- und Ausweisvorschriften sowie auf die daraus folgenden Verpflichtungen eingegangen.

2. Latente Steuern im Einzelabschluss

2.1 Ansatz von latenten Steuern

- 274 HGB beinhaltet die Ansatzvorschrift für die im handelsrechtlichen Jahresabschluss anzusetzenden latenten Steuern. Diese gilt allerdings nur für mittelgroße und große Kapitalgesellschaften sowie diesen gleichgestellten haftungsbeschränkte Personengesellschaften i. S. des § 264a HGB. Kleine Kapitalgesellschaften sind gem. § 274a Nr. 5 HGB von der Vorschrift befreit.

2.1.1 Ansatz von passiven latenten Steuern

Gemäß § 274 HGB sind passive latente Steuern anzusetzen (Passivierungspflicht). Passive latente Steuern verkörpern erwartete künftige Steuerbelastungen, die aus dem gewinnerhöhenden Abbau zu versteuernder temporärer Differenzen entstehen. Sie besitzen den Charakter einer bedingten künftigen Steuerschuld gegenüber dem Fiskus.[3]

2.1.2 Ansatz von aktiven latenten Steuern

Entsteht ein Überhang aktiver latenter Steuern, so dürfen diese im Jahresabschluss angesetzt werden (Aktivierungswahlrecht). Wird dieses Wahlrecht ausgeübt, muss der gesamte Überhang der aktivierten latenten Steuern angesetzt werden. Ein Ausüben des Wahlrechtes für lediglich einen Teil der aktiven latenten Steuern ist nicht möglich.[4]

Voraussetzung eines aktiven Überhangs ist, dass mit einer hinreichenden Wahrscheinlichkeit künftige steuerpflichtige Einkünfte erwartet werden. Diese dazu notwendigen Wahrscheinlichkeitsüberlegungen sind unter der Beachtung des Vorsichtsprinzips[5] (Impartiätsprinzip)[6] anzustellen. Wirtschaftlich stellen aktive latente Steuern Ansprüche gegen den Fiskus auf Minderung der künftigen Steuerlast oder Rückerstattung gezahlter Steuern dar.[7]

2.1.3 Vom Timing- zum Temporary-Konzept

Der Gesetzgeber hat mit der Neufassung des § 274 HGB das GuV-orientierte Timing-Konzept zugunsten des international gebräuchlichen bilanz-orientierten Temporary-Konzept aufgegeben.[8]

2.1.3.1 Abgrenzung nach dem Timing-Konzept

Das Timing-Konzept ist GuV-orientiert, d.h. es werden nur diejenigen zeitlich begrenzten (timing differences) Bilanzierungs- und Bewertungsunterschiede zwischen Handels- und Steuerbilanz in die Steuerabgrenzung einbezogen, die sich sowohl bei ihrer Entstehung als auch bei ihrer Umkehrung in der Gewinn- und Verlustrechnung auswirken. Ziel des Timing-Konzepts ist die Darstellung des „richtigen“ Ergebnisses in der Gewinn- und Verlustrechnung. Das Timing-Konzept unterteilt Differenzen zwischen Handelsbilanz und der Steuerbilanz in zeitlich unbegrenzte Differenzen (permanent differences), zeitlich begrenzte Differenzen (timing differences) und quasi zeitlich unbegrenzte Differenzen.[9]

Von unbegrenzten Differenzen spricht man, wenn sich die Differenzen zu keinem Zeitpunkt ausgleichen. Diese Art von Differenzen liegt z.B. dann vor, wenn einzelne Aufwendungen nach den steuerrechtlichen Normen nicht als Betriebsausgaben anerkannt werden. Als Beispiel können hier nicht abzugsfähige Betriebsausgaben gem. § 4 Abs. 5 EStG sowie verdeckte Gewinnausschüttungen gem. § 8 Abs. 3 KStG genannt werden. Ebenfalls steuerfreie Erträge führen zu unbegrenzten Differenzen. Nach dem Timing-Konzept führen unbegrenzte Differenzen allerdings zu keinen latenten Steuern, da der Steueraufwand anderer Perioden nicht beeinflusst wird.

Zeitlich begrenzte Differenzen liegen vor, wenn die Differenz auf Grund unterschiedlicher Gewinnermittlungsvorschriften Aufwendungen und Erträge in unterschiedlichen Perioden in dem jeweiligen Rechenwerk erfasst werden und sich die hieraus resultierenden Differenzen über einen absehbaren Zeitraum ausgleichen bzw. umkehren. Folge daraus sind somit zwar voneinander abweichende Periodenerfolge; der Totalerfolg bleibt allerdings unverändert (Zweischneidigkeit der Bilanz).

Bei quasi-zeitlich unbegrenzten Differenzen gleichen sich die Ergebnisdifferenzen zwischen den der Betrachtung zugrunde liegenden Rechenwerken nicht über einen absehbaren Zeitraum, sondern erst nach längerer Zeit aus. Ein Beispiel dafür wäre der Verkauf des jeweiligen Vermögenswerts.[10] Faktisch handelt es sich dabei um zeitlich unbegrenzte Differenzen, die auch als solche zu behandeln sind. Das Timing-Konzept sieht daher keine Steuerabgrenzung auf quasi-zeitlich unbegrenzte Differenzen vor. Allerdings kann diese Art von Differenz auch zu einer zeitlich begrenzten Differenz werden. Aus diesem Grund sind die Differenzen jährlich darauf hin zu überprüfen, ob sie sich aufgrund der gesetzlichen Regelung in der überschaubaren Zukunft nicht doch noch ausgleichen werden.[11]

2.1.3.2 Abgrenzung nach dem Temporary-Konzept

Nach der Einführung des BilMoG wird das Temporary-Konzept im HGB angewandt. „Gemäß § 274 Abs. 1 Satz 1 HGB erfasst das bilanz-orientierte Konzept nicht allein die sich in der Gewinn- und Verlustrechnung auswirkenden Abweichungen zwischen dem handelsrechtlichen Jahresüberschuss und dem zu versteuernden Gewinn, sondern jede Bilanzierungs- oder Bewertungsabweichung zwischen der Handelsbilanz und der Steuerbilanz, also auch die erfolgsneutral direkt im Eigenkapital erfassten Abweichungen. Darin liegt der wesentliche Unterschied zum bisher angewandten GuV-orientierten Konzept. Da eine erfolgsneutrale Erfassung von Wertänderungen handelsrechtlich gegenwärtig grundsätzlich nicht zulässig ist, resultieren aus dem konzeptionellen Übergang vom GuV-orientierten Konzept auf das bilanz-orientierte Konzept für die Aufstellung des handelsrechtlichen Jahresabschlusses keine signifikanten Auswirkungen für den handelsrechtlichen Jahresabschluss. In die Ermittlung der abzugrenzenden Steuern sind – entsprechend der international üblichen Praxis – auch die quasi-permanenten Differenzen einzubeziehen.“[12]

2.1.4 Entstehung aktiver und passiver Steuerlatenzen

„Temporäre Differenzen sind nicht nur bei Vermögensgegenständen und Schulden in der Handelsbilanz vorzufinden, deren korrespondierende Wirtschaftsgüter (negative Wirtschaftsgüter) in der Steuerbilanz mit einem anderen Wert angesetzt sind (Bewertungsunterschied); temporäre Differenzen sind auch in solchen Fällen zu verzeichnen, bei denen ein Bilanzposten entweder nur in der Handelsbilanz oder nur in der Steuerbilanz angesetzt ist (Ansatzunterschied).“[13] Ausgenommen von dieser Betrachtung bleibt allerdings das Eigenkapital.[14]

Die folgende Abbildung zeigt typische Fälle, aus denen aktive bzw. passive latente Steuern entstehen können.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Fälle aktiver bzw. passiver latenter Steuern

Diese Differenzen führen bei Auflösung zu einer Steuerbelastung oder Steuerentlastung. Die Abbildung 2 zeigt die Kombination der Bilanzdifferenzen und die daraus resultierenden aktiven oder passiven latenten Steuern.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Bilanzdifferenzen[15]

2.1.5 Abgrenzungsmethode

Die Bilanzierung latenter Steuern erfolgt nach der Liability-Methode (Verbindlichkeitsmethode), da das bilanz-orientierte Temporary-Konzept ausschließlich mit der ebenfalls bilanz-orientierten Liability-Methode vereinbar ist. Die Liability-Methode stellt den richtigen Vermögens- und Schuldenausweis in der Bilanz in den Vordergrund.[16]

2.1.6 Steuerliche Verlustvorträge und vergleichbare Sachverhalte

An die aktiven latenten Steuern werden besondere Anforderungen gestellt. Die Realisierbarkeit der aktiven latenten Steuern ist abhängig von der Verwendbarkeit der Aufwendungen aus dem Abbau abzugsfähiger Differenzen bzw. der Nutzung der steuerlichen Verlustvorträge.[17]

2.1.6.1 Steuerliche Verlustvorträge

Gemäß § 10d Abs. 1 Satz 1 EStG i.V.m. § 8 Abs. 1 Satz 1 KStG darf bei der Ermittlung der Körperschaftssteuer ein Verlust bis zu einem Gesamtbetrag von 511.500 Euro mit dem Gewinn der vorangegangen Periode (Verlustrücktrag) verrechnet werden. Wurden die negativen Einkünfte nicht gemäß Satz 1 ausgeglichen, so sind diese in den folgenden Veranlagungszeiträumen bis zu einem Gesamtbetrag der Einkünfte von 1 Million Euro unbeschränkt, darüber hinaus bis zu 60 Prozent des 1 Million Euro übersteigenden Gesamtbetrags der Einkünfte vorrangig abzuziehen gem. § 10d Abs. 2 Satz 1 EStG (Verlustvortrag). Bei der Gewerbesteuer ist gem. § 10a GewStG nur ein Verlustvortrag möglich.

„Liegen während der Periode der temporary differences Verluste vor, die in vollem Umfang rückgetragen werden können, so haben die steuerlichen Verluste keinen Einfluss auf die Bewertung der latenten Steuern. Vielmehr führt ein steuerlicher Verlustvortrag in der Periode des Verlustes zur Realisierung eines Steuererstattungsanspruchs, der zur Bilanzierung einer Forderung führt.“[18] Daraus folgt, dass keine latente Steuer entsteht.

Verlustvorträge sind dagegen gem. § 274 Abs. 1 HGB unter bestimmten Voraussetzungen zu berücksichtigen. Grundlegend ist dies mit der Frage verbunden, ob ein zukünftiger wirtschaftlicher Vorteil – in Form einer Steuerentlastung – genutzt werden kann bzw. ob zu versteuernde Gewinne erwirtschaftet werden, mit denen die Verlustvorträge verrechnet werden können. Bei der Beurteilung des zukünftigen Gewinnpotenzials hat sich der Bilanzierende – unter Beachtung des Vorsichtsprinzips – von Wahrscheinlichkeitsüberlegungen leiten zu lassen. Daraus lässt sich schlussfolgern, dass eine Aktivierung nur dann in Frage kommt, wenn ein Ausgleich in Zukunft zumindest wahrscheinlich ist.[19] Sobald die Belastung bzw. Entlastung eintritt oder aber nicht mehr mir ihr zu rechnen ist, erfolgt die Auflösung der latenten Steuer.[20]

Diese Regelung wird in der Literatur teilweise als kritisch gesehen. Unternehmen sind gezwungen, eine Steuerplanung über fünf Jahre aufzustellen. Dies stellt eine zusätzliche Belastung für mittelständische Unternehmen dar. Des Weiteren sind die Planungs- und Analysemöglichkeiten der Unternehmen vielfach von ihrem Geschäftsfeld abhängig. Durch den fünfjährigen Planungshorizont wird nicht berücksichtigt, dass in bestimmten Geschäftsfeldern auch verlässliche Planungen über diesen Zeithorizont hinaus möglich sind.[21]

In diesem Zuge ist auch die Regelung des DRS 18 A6 kritisch zu betrachten. Sofern bei der Betrachtung des Fünfjahreszeitraums ein Passivüberhang verbleibt, soll es zulässig sein, in dieser Höhe auch aktive latente Steuern auf Verlustvorträge zu berücksichtigen, die sich erst nach der fünf Jahresfrist wieder umkehren.[22]

2.1.6.2 Vergleichbare Sachverhalte

Auch ohne eine ausdrückliche Vorschrift ist die Regelung des § 274 Abs.1 Satz2HGB auf vergleichbare Sachverhalte, also Steuergutschriften und Zinsvorträge, anzuwenden.[23] Steuergutschriften sind aufgrund ihrer geringen Relevanz in der Praxis zu vernachlässigen. Durch das Unternehmenssteuerreformgesetz 2008 wurde die Abzugsfähigkeit von Zinsaufwendungen für die Ermittlung des körperschaftsteuerlichen Einkommens sowie für die Ermittlung des Gewerbeertrags eingeschränkt (sogenannte Zinsschranke gem. § 8a KStG i.V.m. § 4h EStG). Die über die Zinsschranke hinaus gehenden Zinsaufwendungen sind nur in Höhe von 30% des steuerlichen Ergebnisses vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (EBITDA)[24] einkommensmindernd zu berücksichtigen, sofern das Unternehmen nicht bestimmte Ausnahmeregelungen in Anspruch nehmen kann.[25] Unter dem Zinsvortrag versteht man den Zinsanteil, welcher aufgrund der Zinsschranke nicht abziehbar ist und in die folgenden Wirtschaftsjahre vorgetragen wird.[26] Der Zinsvortrag stellt weder nach Handels- noch nach Steuerrecht einen Bilanzposten dar, so dass keine temporäre Differenz i.S.d. Temporary-Konzepts entsteht. Der Zinsvortrag hat indes ähnliche steuerliche Folgewirkungen wie ein Verlustvortrag, da beide Vorträge bei Ihrer (teilweisen) Auflösung zu einer niedrigeren steuerlichen Bemessungsgrundlage führen. Analog zu dem Verlustvortag muss auch der Zinsvortrag daraufhin untersucht werden, ob er mit hoher Wahrscheinlichkeit realisiert werden kann und somit zu aktiven latenten Steuern führt.[27]

2.2 Bewertung von latenten Steuern

2.2.1 Anzuwendender Steuersatz

Der Betrag der künftigen Steuerbe- bzw. -entlastung, also die Bewertung der zu bildenden latenten Steuer, ist gem. § 274 Abs. 2 HGB mit dem unternehmensindividuellen Steuersatz im Zeitpunkt der Umkehrung der Differenz, folglich dem zukünftigen Steuersatz zu ermitteln. Daher muss der Bilanzierende bei der Ermittlung der latenten Steuern nicht nur die voraussichtliche Umkehrung der entsprechenden Differenz an und für sich prüfen, sondern auch den Zeitpunkt der Umkehrung, damit eine sachgerechte Entscheidung über den der Steuerabgrenzung zugrunde zu liegenden Steuersatz getroffen werden kann.[28] Die Änderung des Steuersatzes ist oftmals von Wahlentscheidungen und bedingten Mehrheiten im Bundestag und Bundesrat abhängig und somit für die Unternehmen kaum prognostizierbar. Für die Berücksichtigung der Gewerbesteuer (GewSt) sind jeweils die gültigen individuellen GewSt-Sätze anzuwenden. Aus Verhältnismäßigkeits- und Wesentlichkeitsgesichtspunkten können ausnahmsweise Durchschnittssätze verwendet werden.[29]

Für eine deutsche Kapitalgesellschaft ergibt sich derzeit ein typisierter Steuersatz von ca. 30%, bei einem durchschnittlichen GewSt-Hebesatz von 400%. Die 30% setzen sich typisiert zusammen aus dem Körperschaftsteuersatz von 15%, dem darauf zusätzlich erhobenen Solidaritätszuschlag von 5,5% sowie dem Gewerbesteuersatz (4 x 0,035 = 0,14). Der Relevante Steuersatz wird in Abbildung 3 wie folgt ermittelt.

Abbildung 3: Ermittlung Steuersatz[30]

In der Abbildung 4 wird die Auswirkung veränderter GewSt-Hebesätze auf den Steuersatz und somit auch auf die latente Steuer dargestellt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4: Beispielberechnung mit verschiedenen Steuersätzen

2.2.2 Abzinsungsverbot

Die Abzinsung künftiger Steuerbe- bzw. -entlastungen bei der passivischen und bei der aktivischen Steuerabgrenzung ist aus grundsätzlichen Erwägungen unzulässig und resultiert schon aus dem Gesetzeswortlaut des § 274 Abs. 2 HGB. Zum einen würde eine Abzinsung die Kenntnis der genauen Zeitpunkte voraussetzen, zu denen mit der Umkehr der einzelnen Sachverhalte zu rechnen ist, damit auch rein rechentechnisch der Zeitraum ermittelt werden kann, für den die Abzinsung vorzunehmen ist.[31] Zum anderen würde eine Abzinsung gegen den Einzelbewertungs- und den Realisationsgrundsatz verstoßen, da die Abzinsung eines Passivpostens nach § 274 Abs.1 Satz 1 HGB einer Saldierung mit künftigen, noch unrealisierten Zinserträgen aus der Finanzierung des zukünftigen Steueraufwands gleich käme.[32] Durch DRS 10.27 wird das Abzinsungsverbot speziell für die Konzernbilanz bestätigt.

2.2.3 Werthaltigkeitsprüfung

Gemäß dem Wortlaut des § 274 Abs. 2 Satz 2 sind aktive und passive latente Steuerposten aufzulösen, sobald die Steuerbe- oder entlastung eintritt oder mit ihrer Auswirkung nicht mehr zu rechnen ist. Die Abgrenzung der latenten Steuern sind daher auf Basis der Verhältnisse[33] des jeweiligen Bilanzstichtags neu zu ermitteln.[34] Das Vorsichtsprinzip ist dabei stets zu beachten.[35]

2.3 Ausweis von latenten Steuern

2.3.1 Ausweis in der Bilanz

Gemäß § 274 Abs. 1 HGB sind latente Steuern unter gesonderten Posten in der Bilanz auszuweisen. Die aktiven latenten Steuern sind unter dem Posten „Aktive latente Steuern“ gem. § 266 Abs. 2 D. HGB und die passiven latenten Steuern unter dem Posten „Passive latente Steuern“ gem. § 266 Abs. 3 E. HGB auszuweisen. In der folgenden Abbildung wird die Position dieser Posten - im unsaldierten Zustand - ersichtlich.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 5: Position latenter Steuern

Der Grund für den Ausweisort für passive latente Steuern liegt in deren Natur. Zwar kommt ihnen auch teilweise der Charakter von Rückstellungen zu, so gilt das allerdings nicht für den Posten in seiner Gesamtheit.[36] Dies gilt insbesondere für den Bereich der nun auch zu berücksichtigenden quasi-permanenten Differenzen. Gerade bei diesen Differenzen kann nicht zweifelsfrei vom generellen Vorliegen der Tatbestandsvoraussetzungen gem. § 249 Abs. 1 Satz 1 HGB für den Ansatz von Rückstellungen ausgegangen werden.[37]

Besonders deutlich wird dies an dem Beispiel eines Grundstückes, welches in Handels- und Steuerbilanz abweichend bewertet wird. Resultierend aus der fehlenden planmäßigen Abschreibung des Vermögensgegenstands wird sich die temporäre Differenz regelmäßig erst bei Verkauf des Grundstückes abbauen. Der Verkauf oder das weitere Halten dieses Grundstückes liegt im Ermessen des Kaufmanns. Dadurch ist der Kaufmann am Abschlussstichtag weder rechtlich noch wirtschaftlich mit der Steuerschuld aus dem (potenziellen) künftigen Grundstücksverkauf belastet. Damit erfüllen die latenten Steuern die Vor-
aussetzungen für die Bildung einer Rückstellung gem. § 249 Abs. 1 Satz 1 HGB nicht.[38]

Der Ausweisort für aktive latente Steuern ist damit begründet, da weder eine Klassifizierung des Posten als Vermögensgegenstand, Rechnungsabgrenzungsposten oder Bilanzierungshilfe in Frage kommt.[39] Somit stellen aktive und passive latente Steuern einen „Sonderposten eigener Art“ dar.[40]

[...]


[1] Vgl. Hoffmann, Wolf-Dieter: Der Kriechgang der einzelbilanziellen Steuerlatenzierung, in: StuB 2011, S. 241

[2] Vgl. von Keitz, Isabel/Wenk, Marc Oliver/Jagosch, Christian: HGB-Bilanzierung nach BilMoG (Teil1), in: DB 2011, S. 2445

[3] Vgl. Kessler, Harald/Leinen, Markus/Paulus, Benjamin: Das BilMoG und die latenten Steuern (Teil 1), in: KoR 2009, S. 717

[4] Vgl. Baetge, Jörg/Kirsch, Hans-Jürgen/Thiele, Stefan: Bilanzen, 10. Auflage, Düsseldorf 2009, S. 532

[5] Vgl. Kozikowski, Michael: Beck’scher Bilanz-Kommentar, 7. Auflage, München 2010, § 274, Rz. 14

[6] Vgl. Karrenbrock, Holger: Zweifelsfragen der Berücksichtigung aktiver latenter Steuern im Jahresabschluss nach BilMoG, in: BB 2011, S. 683

[7] Vgl. Kessler, Harald/Leinen, Markus/Paulus, Benjamin: Das BilMoG und die latenten Steuern (Teil 1), in: KoR 2009, S. 716

[8] Vgl. Stollenwerk, Arnd/Scherff, Susanne: Latente Steuern im Einzelabschluss nach BilMoG, in: GmbH-Steuerberater 2009, S. 197

[9] Vgl. Coenenberg, Adolf G./Haller, Axel/Schultze, Wolfgang: Jahresabschluss und Jahresabschlussanalyse, 21. Auflage, Stuttgart 2009, S. 464

[10] Vgl. Petersen, Karl/Zwirner, Christian: BilMoG, 1. Auflage, München 2009, § 274, Teil III

[11] Vgl. Coenenberg, Adolf G./Haller, Axel/Schultze, Wolfgang: Jahresabschluss und Jahresabschlussanalyse, 21. Auflage, Stuttgart 2009, S. 465

[12] BMJ: Entwurf eines Gesetzes zur Modernisierung des Bilanzrechts, Bundestag-Drucksache 16/10067 vom 30.07.2008, S. 67

[13] Kühne, Erhard/Melcher, Winfried/Wesemann, Michael: Latente Steuern nach BilMoG – Grundlagen und Zweifelsfragen (Teil1), in: WPg 2009, S. 1007

[14] Vgl. Kirsch, Hanno: Latente Steuern im Jahres- und Konzernabschluss nach dem BilMoG, in: DStZ 2009, S. 512

[15] Vgl. Baetge, Jörg/Kirsch, Hans-Jürgen/Thiele, Stefan: Bilanzen, 10. Auflage, Düsseldorf 2009, S. 535

[16] Vgl. Baetge, Jörg/Kirsch, Hans-Jürgen/Thiele, Stefan: Bilanzen, 10. Auflage, Düsseldorf 2009, S. 538

[17] Vgl. Kessler, Harald/Leinen, Markus/Paulus, Benjamin: Das BilMoG und die latenten Steuern (Teil 1), in: KoR 2009, S. 717

[18] Coenenberg, Adolf G./Haller, Axel/Schultze, Wolfgang: Jahresabschluss und Jahresabschlussanalyse, 21. Auflage, Stuttgart 2009, S. 486

[19] Vgl. Küting, Karlheinz/Pfitzer, Norbert/Weber, Claus-Peter: Das neue deutsche Bilanzrecht, 1. Auflage, Stuttgart 2008, S. 469

[20] Vgl. Coenenberg, Adolf G./Haller, Axel/Schultze, Wolfgang: Jahresabschluss und Jahresabschlussanalyse, 21. Auflage, Stuttgart 2009, S. 486

[21] Vgl. Loitz, Rüdiger: Latente Steuern nach dem Bilanzrechtsmodernisierungsgesetz (BilMoG) – ein Wahlrecht als Mogelpackung?, in: DB 2009, S. 920

[22] Vgl. Wolz, Christian: Latente Steuern nach BilMoG: Analyse der konzeptionellen Neuregelung im Einzel- und Konzernabschluss, in: DB 2010, S. 2627

[23] Vgl. BMJ: Entwurf eines Gesetzes zur Modernisierung des Bilanzrechts, Bundestag-Drucksache 16/10067 vom 30.07.2008, S. 67

[24] Vgl. Bolik, Andreas: Verluste und Zinsschranke in der Bilanzierung latenter Steuern, in: DStR 2010, S. 1589

[25] Vgl. Kozikowski: Beck’scher Bilanz-Kommentar, 7. Auflage, München 2010 § 274, Rz. 51

[26] Vgl. Bohn, Alexander/Loose, Thomas: Prüfungsschema zum Grundtatbestand der Zinsschranke bei negativem EBITDA, in: DB 2011, S. 1247

[27] Vgl. Baetge, Jörg/Kirsch, Hans-Jürgen/Thiele, Stefan: Bilanzen, 10. Auflage, Düsseldorf 2009, S. 538

[28] Vgl. Petersen, Karl/Zwirner, Christian: BilMoG, 1. Auflage, München 2009, § 274, Teil III b

[29] Vgl. Kozikowski: Beck’scher Bilanz-Kommentar, 7. Auflage, München 2010 § 274, Rz. 61

[30] Vgl. Petersen, Karl/Zwirner, Christian: Abgrenzung und Erläuterung latenter Steuern nach dem BilMoG, in: StuB 2010, S. 216 - 217

[31] Vgl. Kühne, Erhard/Melcher, Winfried/Wesemann, Michael: Latente Steuern nach BilMoG – Grundlagen und Zweifelsfragen (Teil1), in: WPg 2009, S. 1011

[32] Vgl. Reiner, Günter: Münchner Kommentar zum Handelsgesetzbuch, 2. Auflage, München 2008, § 274, Rz. 30

[33] Vgl. Kirsch, Hanno: Latente Steuern im Jahres- und Konzernabschluss nach dem BilMoG, in: DStZ 2009, S. 516

[34] Vgl. Stollenwerk, Arnd/Scherff, Susanne: Latente Steuern im Einzelabschluss nach BilMoG, in: GmbH-Steuerberater 2009, S. 198

[35] Vgl. Kozikowski, Michael: Beck’scher Bilanz-Kommentar, 7. Auflage, München 2010, § 274, Rz. 65

[36] Vgl. Kessler, Harald/Leinen, Markus/Strickmann, Michael: Handbuch BilMoG, 1. Auflage, Freiburg 2009, S. 406

[37] Vgl BMJ: Entwurf eines Gesetzes zur Modernisierung des Bilanzrechts, Bundestag-Drucksache 16/10067 vom 30.07.2008, S. 67

[38] Vgl. Vgl. Kessler, Harald/Leinen, Markus/Strickmann, Michael: Handbuch BilMoG, 1. Auflage, Freiburg 2009, S. 407

[39] Vgl BMJ: Entwurf eines Gesetzes zur Modernisierung des Bilanzrechts, Bundestag-Drucksache 16/10067 vom 30.07.2008, S. 67

[40] Vgl. Petersen, Karl/Zwirner, Christian: BilMoG, 1. Auflage, München 2009, § 274, Teil III c

Ende der Leseprobe aus 46 Seiten

Details

Titel
Latente Steuern – Ausgewählte Sachverhalte im Einzel- und Konzernabschluss
Autor
Jahr
2012
Seiten
46
Katalognummer
V189141
ISBN (eBook)
9783656131267
ISBN (Buch)
9783656130758
Dateigröße
723 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Latente Steuern, Rechnungswesen, Steuern, latent, Einzelabschluss, Konzernabschluss, Buchführung, HGB, Einzel- und Konzernabschluss, BilMoG, accounting, Deferred tax
Arbeit zitieren
Felix Keß (Autor), 2012, Latente Steuern – Ausgewählte Sachverhalte im Einzel- und Konzernabschluss, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/189141

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