Vivere politico

Die republikanische Staatsform bei Niccolò Machiavelli


Seminararbeit, 2004

16 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

Einleitung

Die Kreislauftheorie vor dem Hintergrund des Geschichtsbildes Machiavellis

Die Mischverfassung als Idealtyp nach dem Vorbild Roms

Die Freiheit des Gemeinwesens als höchstes Gut des Staates

Virtú - Metaphysische Kraft zum politischen Handeln

Die Implementierung der Staatsgründung durch den Einzelnen

Die schlechte Natur des Menschen

Schluss

LITERATURVERZEICHNIS

Einleitung

Als der Umzug des Bundeskriminalamtes von Wiesbaden nach Berlin im Januar dieses Jahres der Öffentlichkeit bekannt gegeben wurde, musste sich Bundesinnenminister Otto Schily heftige Kritik anhören. Der Umzug sei ein Dekret von oben gewesen. ÄSie wandeln auf den Spuren Machiavellis“, lautete die Kritik des FDP-Abgeordneten Max Stadler.1 Das ist nur eines von vielen Beispielen aus dem täglichen Leben, die zeigen, womit die Person und Philosophie Niccolò Machiavellis in unserer heutigen Zeit assoziiert werden. Machiavelli ist zum Symbol für eigensinniges und kompromissloses Handeln geworden. Unter Machiavellismus versteht man laut Wörterbuch eine ÄPolitik, die Zweckmäßigkeit und Machtstreben über Moral stellt.“2 Zu Recht wird darauf verwiesen, dass diese Formulierung, die sich heute im allgemeinen Sprachgebrauch durchgesetzt hat, von den Gegnern Machiavellis stammt. Dieses Deutungsverständnis wird der politischen Philosophie Machiavellis nicht gerecht, was schon daran erkennbar wird, dass es sich vornehmlich auf Den Fürsten (‚Il Principe‘) beruft, der zwar herausragende Bedeutung innerhalb Machiavellis Werk besitzt, auf den sich Machiavelli aber keineswegs reduzieren lässt. Sein zweites großes Hauptwerk, die Discorsi, stellt Überlegungen zum Aufbau und Erhalt einer Republik in den Vordergrund. Es ist also festzuhalten, dass sich der Principe mit der Alleinherrschaft, die Discorsi mit der Republik auseinandersetzen. Wobei ein Irrtum darin besteht, Il Principe und Discorsi konträr gegenüber zu stellen. Genauso wäre es ein Fehler, Machiavelli Widersprüchlichkeit vorzuwerfen, denn eine ÄGegenüberstellung der ‚republikanischen‘ Discorsi und des ‚absolutistischen‘ Principe [beruht] auf einer falschen nämlich verfassungspolitischen Fragestellung [...], die für Machiavelli nichts weniger als zentral war.“3

Machiavellis Beurteilung von Verfassungen erfolgt nicht nach allgemeinen Normen, sondern situativ, der jeweiligen konkreten Lage entsprechend, wodurch er das Verfassungsproblem keineswegs relativiert, sondern vielmehr auf den Punkt bringt.4 Dies muss man sich bei der Betrachtung seines verfassungspolitischen Konzepts im Gedächtnis behalten.

Im Folgenden soll das republikanische Konzept, welches Machiavelli in den Discorsi entwickelt, anhand der populärsten wissenschaftlichen Sekundärtexte komprimiert dargestellt werden. Aufgrund der Schwierigkeit dieses Feld aus dem Gesamtwerk Machiavellis herauszulösen und der Problematik diverse detaillierte Nebenfelder mit einzubeziehen, wurden folgende Schwerpunkte gesetzt: Kreislauftheorie und Geschichtsbild, Mischverfassung und Freiheitsgedanke, Virtú-Begriff, Staatsgründung und Natur des Menschen. In den ersten 18 Kapiteln des ersten Buches entwickelt Machiavelli die Grundlagen der politischen Doktrin der Discorsi.1 Nachdem er die Gründung Roms und ihre Bedingungen untersucht, entwickelt Machiavelli im 2. Kapitel in Anlehnung an das Buch VI von Polybios einen Kreislauf der Verfassungsformen.

Die Kreislauftheorie vor dem Hintergrund des machiavellischen Geschichtsbildes

ÄDie Unveränderlichkeit der menschlichen Natur und die Gesetzmäßigkeit menschlichen Handelns zwingen nach Machiavelli der Geschichte einen Rhythmus auf, in dem sich die den Menschen kennzeichnenden Verhaltens- und Entwicklungsmöglichkeiten spiegeln.“2

Demnach durchlaufen alle Staaten einen Kreislauf von sechs verschiedenen Staatsformen: den drei guten - Monarchie, Aristokratie, Demokratie - stehen drei schlechte Staatsformen gegenüber: Tyrannei, Oligarchie, Anarchie. Da die guten Staatsformen aber mit den schlechten korrelieren, bewegt sich ein Staat im stetigen Übergang von guten und schlechten Verfassungsformen.

Machiavelli geht von einem anarchistischen Grundzustand der Welt zu Beginn des Kreislaufs aus. Hierin deutet sich schon sein Krisenbewusstsein an. Ähnlich wie bei Thomas Hobbes macht das soziale Chaos der Gegenwart die Reflexion auf den Urzustand der Menschheit und den Ursprung der Gesellschaft auch für Machiavelli notwendig, wobei er, im Gegensatz zu Hobbes, aus dem Naturzustand keine theoretische Lehre entwickelt.3 Dagegen zeigt Machiavelli, dass sich die Problematik der Entstehung neuer Staatsformen aus vorangegangenen Krisen entwickelt. Wie Polybios erklärt Machiavelli Chaos- und Krisenzeiten durch Pest, Hungersnöte und Überschwemmungen zu einer Art Äzweitem Naturzustande“, der selbstreinigend auf die Gesellschaft wirkt und zusammen mit dem Wechsel von Sprache und Religion die Erinnerung an die Vorzeit auslöscht.1 In der Theorie des mehrfachen Naturzustandes kommt die krisenanalytische Gesinnung in den Discorsi prägnant zum Ausdruck.2

Diesem Denkmuster entspricht auch Machiavellis Geschichtsverständnis, das auf dem Glauben an die Wiederholung der Geschichte basiert, und in dem sich Gesellschaften immer wieder neu konstituieren müssen.

ÄDas ausschließliche Vertrauen auf die geschichtliche Erfahrung bei der Aufstellung politischer Gesetzmäßigkeiten war eine Neuerung; politische Wissenschaft - so Machiavelli - muss auf der Untersuchung der geschichtlichen Abläufe aufbauen.“3

Machiavelli glaubt daran, aus der Geschichte Lehren ziehen zu können.

ÄUntersucht man also sorgfältig die Vergangenheit, so ist es ein leichtes, in jedem Staat die Zukunft vorherzusehen und die gleichen Mittel anzuwenden, die auch von den Alten angewandt wurden, oder bei ähnlichen Ereignissen neue auszudenken, wenn bereits erprobte Mittel nicht zur Hand sind.“4

Von diesem Standpunkt aus wird politisches Handeln zu einer systematischen, erlernbaren und vermittelbaren Technik.5 Hauptziel der Discorsi ist somit zum einen Ädie Gewinnung von Regeln, die auf politischem Felde zum sichern Erfolg führen“6, sowie zum anderen Ädie Ursache von Roms Erfolg [herauszufinden], [...] um ihn zu wiederholen.“7 Denn Rom ist für Machiavelli das große Vorbild eines idealen Staates, an dem er sich orientiert. Voraussetzung für die Anwendung politischer Lehren ist aber die Beständigkeit der menschlichen Anlagen und die Vergleichbarkeit der jeweiligen historischen Situationen in wesentlichen Punkten.8 Diese Überzeugung vertritt Machiavelli bereits in der Einleitung der Discorsi:

Ä...als ob sich der Himmel, die Sonne, die Elemente, die Menschen in Bewegung, in Gestalt und Wirksamkeit, von dem, was sie seit altersher waren, unterscheiden würden.“9

Doch zurück zum Grundzustand des Kreislaufs. Aus der Expansion der Menschen ergibt sich die Notwendigkeit einer Führungsfigur, der gegenüber man sich gehorsam zu verhalten hatte, um anerkannt zu werden. Durch die Herrschaftseinrichtung in Form der Monarchie kommt es zur Überwindung der Krise und Beendigung der Anarchie.1 Die Auswahl eines Führers nach Stärke und Mut basiert auf einer moralischen Beurteilung nach gut und böse. Ihr liegt der Anspruch einer bestmöglichen Verteidigung zugrunde. Durch die Einführung von Gesetzen und Sanktionen entsteht der Begriff der Gerechtigkeit, der Stärke und Mut bei der Wahl des Führers als bestimmende Kriterien ablöst.

ÄMachiavelli skizziert [...] eine psychologische Moraltheorie, die die moralischen Unterscheidungen auf Gefühle des Abscheus und Sympathie zurückführt und eine funktionalistische Rechtstheorie, die das Recht als verhaltensdisziplinierendes und koexistenzsicherndes soziales Instrument betrachtet und seine herrschaftsstabilisierende Funktion herausstellt.“2

Dadurch offenbart sich bereits die Ausrichtung des Systems am Gemeinwesen und nicht am Individuum.

Später wird das Oberhaupt durch Erbfolge bestimmt, was dazu führt, dass die Erben entarten und sich von Prunk, Zügellosigkeit und Lüsten leiten lassen. Dies entspricht Machiavellis Vorstellung von der Bösartigkeit und Schlechtigkeit des Menschen, die die Fortsetzung des Kreislaufs bedingt.

ÄDie Urbosheit der Menschen treibt die Staaten durch den Kreis von der ursprünglichen Anarchie über Monarchie, Aristokratie und Demokratie wieder zur Anarchie.“3

Durch diese Bösartigkeit des Herrschers entwickelt sich ihm gegenüber Hass im Volk, dem er aus Furcht mit Gewalttaten begegnet. Daraus ergibt sich der Übergang von der Monarchie zur Tyrannei, der die Großmütigen, Hochherzigen, Reichen und Vornehmen mit Umstürzen, Meutereien und Verschwörungen gegen das Staatsoberhaupt begegnen, dem sie die Ehre absprechen. Durch ihre Autorität erlangen sie die Unterstützung des Volkes, welches den Herrscher im bewaffneten Kampf besiegt und den Befreiern gehorcht. Am Ende der personenbezogenen Herrschaft steht die Konstituierung eines republikanischen und selbsterhaltungsfähigen Gemeinwesens.4

[...]


1 zit. nach Fried, Nico: ÄSchily bringt seine eigene Partei gegen sich auf“, In: Süddeutsche Zeitung, 15.1.04, S.1

2 Wahrig, Gerhard: ÄDeutsches Wörterbuch“, Bertelsmann, Gütersloh 1986, S.852

3 zit. nach Mittermaier, Karl: Machiavelli, Casimir Katz, Gernsbach 1990, S.79

4 Freyer, Hans: Machiavelli, 2.Aufl., VCH Verlagsgesellschaft Weinheim 1986, S.45f

1 Mittermaier: Machiavelli, S.86

2 Kersting, Wolfgang: Niccolò Machiavelli, 2.Aufl., C.H. Beck, München 1998, S.62

3 König, Rene: Niccolo Machiavelli, Zur Krisenanalyse einer Zeitenwende, Carl Hanser, München/Wien 1979, S.231f

1 Machiavelli, Niccolò: Discorsi, Gedanken über Politik und Staatsführung, 2.Aufl., Kröner, Stuttgart 1977, S.181ff

2 König: Niccolo Machiavelli, S.232

3 zit. nach Münkler, Herfried: Machiavelli, Die Begründung des politischen Denkens der Neuzeit aus der Krise der Republik Florenz, Fischer Taschenbuch, Frankfurt a.M. 1979, S.344

4 Machiavelli: Discorsi, S.107

5 Freyer: Machiavelli, S.49

6 ebd., S.50

7 Skinner, Quentin: Machiavelli zur Einführung, 3.Aufl., Junius, Hamburg 2001, S.80

8 Freyer: Machaivelli, S.51

9 Machiavelli: Discorsi, S.5

1 Kersting: Niccolò Machiavelli, S.66

2 ebd., S.69

3 König: Niccolo Machiavelli, S.234

4 Kersting: Niccolò Machiavelli, S.66

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Vivere politico
Untertitel
Die republikanische Staatsform bei Niccolò Machiavelli
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Geschwister-Scholl-Institut für Politikwissenschaft)
Veranstaltung
Grundkurs
Note
2,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
16
Katalognummer
V189235
ISBN (eBook)
9783656133483
ISBN (Buch)
9783656133551
Dateigröße
565 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
vivere, staatsform, niccolò, machiavelli
Arbeit zitieren
Benjamin Reichenbach (Autor:in), 2004, Vivere politico, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/189235

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