Blind und sehend in einer Person

Versuch einer psychoanalytischen und neurologischen Betrachtung unter besonderer Berücksichtigung von S. Freud


Facharbeit (Schule), 2011

22 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltverzeichnis

Vorwort

1. Blind und sehend in einer Person, der Fallbericht

2. Psychoanalytische Betrachtung des Falls Ida K. nach Freud
2.1 Grundannahmen der Psychoanalyse
2.1.1 Systeme der Bewusstseinszustände
2.2.2 Instanzenmodell
2.2.3 Dynamik der Persönlichkeiten
2.2 Die psychogene Sehstörung in psychoanalytischer Auffassung 1910
2.3 Abwehrmechanismus Konversion

3. Neuropsychologische Betrachtung des Falls Ida K
3.1 Konversion unter neuropsychologischer Sicht
3.2 Wahrnehmungsverarbeitung im Gehirn
3.2.1 Visuelle Wahrnehmungsverarbeitung
3.2.2 Top-Down-Modulation

Resümee

Abbildungsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Literatur – und Quellenverzeichnis
a) Literatur
b) Zeitschriften / Magazine
c) Internetquellen
d) Sonstige Quellen

Vorwort

In dieser Seminararbeit geht es um einen Fallbericht einer Patientin, der unter psychoanalytischen und neuropsychologischen Gesichtspunkten betrachtet werden soll.

Die Abhandlung erläutert einen Teil der Krankheitsgeschichte einer Frau, die sich in psychotherapeutische Behandlung begab. Dort wurde eine multiple Persönlichkeitsstörung festgestellt und im weiteren Anamneseverfahren die Diagnose einer psychogenen Blindheit konstatiert. Diese Blindheit, die nach erfolgreicher Psychotherapie nur noch einige der Identitäten der Patientin betraf, wurde durch neurologische Methoden dokumentiert.

Da der behandelnde psychologische Psychotherapeut und Psychoanalytiker Dr. Bruno Waldvogel in seinem Aufsatz erwähnt, dass bereits von Freud und Charcot zum Thema „psychogen bedingter Verlust (bewusster) visueller Wahrnehmung“ Erkenntnisse gewonnen wurden, ist ein Vergleich dieser beiden wissenschaftlichen Bereiche naheliegend.

Es wird nun im Folgenden versucht, Freud’sche Thesen zum Thema Konversionsstörung und psychogener Blindheit aufzuzeigen und mit dem Fallbeispiel zu verknüpfen. Weiter werden im kleinen, verständlichen Rahmen neurologische Erkenntnisse und Forschungsmethoden zu diesem Fall beschrieben. Das Bemühen ist es, im Laufe der Arbeit zu erläutern, wie es zu dieser kortikalen Blindheit kommen konnte.

Die Fokussierung liegt somit auf dem Phänomen der psychogenen Blindheit / Konver-sion(sstörung); es lässt sich jedoch aus Verständnisgründen und Verknüpfungspunkten nicht vermeiden, in wenigen Erläuterungen auch auf die multiple Persönlichkeitsstörung (im Weiteren dissoziative Identitätstörung genannt) einzugehen.

1. Blind und sehend in einer Person, der Fallbericht

Es wird zunächst der Bericht mit seinen psychologisch und neurologisch wichtigen Merkmalen aufgezeigt, die dann später, vor dem Hintergrund der Theorie nach Freud und neurologischen Erkenntnissen, betrachtet werden sollen. Es wird von dem einzigartigen Fall einer jungen Frau berichtet (sie wird im Folgenden Ida K. genannt), die als 33-jährige blinde Patientin mit der Diagnose einer multiplen Persönlichkeitsstörung einer psychotherapeutischen Behandlung zugewiesen wurde. Der Autor B. Waldvogel beschreibt nur rudimentär den Hintergrund der gesamten Krankheitsgeschichte. Die Verfasserin hat daher weiter geforscht und ist auf einen Beitrag der Psychologin Beatrice Wagner gestoßen, der weitere wesentliche Fakten aufzeigt.[1][2] Die folgende Beschreibung ist daher eine Zusammenfassung der Berichte von B. Waldvogel und B. Wagner.

Ida K. hatte traumatisierende Erlebnisse während ihrer Kindheit. Diese Traumata führten zu einer dissoziativen Identitätsstörung (DIS). Es wird als mögliche Ursache große Brutalität, Gewalt und/oder sexueller Missbrauch genannt, verbunden mit ausgeprägter Lieblosigkeit. Die DIS geht u. a. auf Janet und Freud als „hysterische Dissoziation“ Ende des 19. Jahrhunderts zurück[3]. Janet bezeichnete sie „als Folge einer Überforderung des Bewusstseins bei der Verarbeitung traumatischer, überwältigender Erlebnissituationen [...], die in extremen Fällen zu sich verselbständigenden Teilpersönlichkeiten führen kann.“[4] Heute wird die DIS unter einer allgemeinen Definition im ICD-10[5] geführt.

Die DIS zeigte sich bei der Patientin Ida K. in über zehn verschiedenen Persönlichkeiten: Eigene Namen, unterschiedliche Geschlechtsidentitäten, Altersangaben, unterschiedliche Einstellungen und Neigungen, sowie Temperamentsunterschiede. Stimme, Gestik und Mimik waren deutlich unterscheidbar und sie sprach einmal deutsch, einmal englisch oder auch beides, sowie französisch.

Zudem erlitt Ida K. im Alter von 20 Jahren ein unfallbedingtes Schädel-Hirn-Trauma (SHT)[6], das zunächst eine erhebliche Sehbehinderung erzeugte, die später zu einer vollständigen Blindheit fortschritt. Die Blindheit wurde auch in einem Gutachten festgestellt, mit der Diagnose einer kortikalen Blindheit. Die kortikale Blindheit ist eine typische Folgeerscheinung bei einem SHT, bei dem die Sehrinde und das Sehzentrum geschädigt wurden.[7]

Im 4. Jahr der psychotherapeutischen Behandlung konnte die Patientin plötzlich in einem ihrer Identitätszustände einzelne Worte erkennen, jedoch nicht einzelne Buchstaben. Im weiteren Verlauf generalisierte sich die Fähigkeit auf die gesamte Wahrnehmungswelt und auch auf andere Persönlichkeitsanteile; Es existierten gleichzeitig Persönlichkeitsanteile die vollständig sehen konnten und andere, die vollständig blind waren. Die Zustände der Sehfähigkeit konnten sekundenschnell alternieren. Beatrice Wagner weist an dieser Stelle darauf hin, dass die Kopplung der Sehfähigkeit an strukturell dissoziierte Persönlichkeiten bisher noch nicht in der Literatur beschrieben wurde.

Mit Hilfe der Ableitung visuell evozierter Potenziale (VEP), untersucht durch Elektroenzephalogramm (EEG) (s. S. 15 f.), wurde nachgeprüft, ob die Angaben der Patientin (die fehlende subjektive Sehfähigkeit) der Wahrheit entsprachen, was ebenfalls verifiziert werden konnte.

Die kurzfristigen Wechsel zwischen blind und sehend schlossen eine Reorganisation synaptischer Verbindungen nach SHT aus, sodass auf eine psychogen bedingte Blindheit geschlossen wurde, wobei das SHT als eine Bahnung für diese psychogene Blindheit vermutet wurde.

Weiterhin wurde angenommen, dass die alternierenden Zustände der Sinnesbahnen im Thalamus geschaltet werden und in der Hirnrinde enden, wo die Reize interpretiert werden. Das ließ auf eine Top-Down-Modulation schließen, die dafür sorgt, dass unterschiedliche Persönlichkeiten mit unterschiedlichen neuronalen Aktivitätsmustern einhergehen. Diese würden in unterschiedlichen Netzwerkstrukturen abgespeichert, die mit den anderen Persönlichkeiten nicht vernetzt sind.

Am Ende der Psychotherapie war die Patientin in der Lage, mit allen verschiedenen Identitäten wieder sehen zu können.

2. Psychoanalytische Betrachtung des Falls Ida K. nach Freud

2.1 Grundannahmen der Psychoanalyse

Um sich dem Fall Ida K. nach psychoanalytischer Sichtweise zu nähern, werden zu Beginn die Grundannahmen seiner Theorien und die wesentlichen Ausführungen seines Triebmodells aufgezeigt.

2.1.1 Systeme der Bewusstseinszustände

Freud ging von drei Bewusstseinszuständen aus: Dem Bewussten (Bw), dem Vorbewussten (Vbw) und dem Unbewussten (Ubw). Bewusst sind dem Menschen alle seelischen Vorgänge, die der Mensch bemerkt und zu denen er unmittelbar Zugang hat. Als vorbewusst werden alle seelischen Vorgänge und Erlebnisse bezeichnet, zu denen der Mensch keinen unmittelbaren Zugang hat, die er sich jedoch wieder in das Bewusstsein rufen kann. Das Ubw macht den größten Teil der seelischen Vorgänge aus, zu denen der Mensch keinerlei Zugang mehr hat, die ihn jedoch in seinem Erleben und Verhalten maßgeblich beeinflussen und steuern. „Die grundsätzliche Idee des Unbewussten war schon seit Kant bekannt, das Wort wurde erstmals von Goethe 1777 verwendet und ist keineswegs eine Erfindung Freuds, sondern wurde von C. G. Carus entwickelt [...] jedoch ist Freud der Entdecker der gesetzmäßigen Dynamik des Unbewußten.“[8] Im Ubw wird auch Verdrängtes abgelegt, denn „Alles Verdrängte muss unbewusst bleiben [...] Das Unbewusste hat den weiteren Umfang; das Verdrängte ist ein Teil des Unbewussten.“[9]

[...]


[1] Vgl. Waldvogel, B. u.a., Blind und sehend in einer Person, in: Der Nervenarzt, 11/2007, S. 1303 – 1309.

[2] Vgl. Wagner, B., Gleichzeitig blind und sehend, 13.05.2008.

[3] Vgl. Freud, S., Über Psychoanalyse, Wien 1946, S. 16 ff.

[4] Fischer, G. u. a., Lehrbuch der Psychotraumatologie, München 2009, S. 37 f.; vgl. dazu auch Overkamp, B., Differenzialdiagnostik der dissoziativen Identitätsstörung (DIS) in Deutschland, München 2005, S. 33 ff.: Sie stellt das Konzept der Dissoziation von Janet und Freud gegenüber; und ebenso Eckhard-Henn, A. u.a., Dissoziative Bewusstseinsstörungen, Stuttgart 2004, S. 277 ff.: Sie sehen die Konzepte von Janet und Freud als komplementäre Konzepte, S. 118 ff.; vgl. auch Fiedler, P., Dissoziative Störungen und Konversion, Weinheim, Basel 2008, S. 54 ff.; Christ, H., Dissoziation als Leistung und Störung, in: Systeme 2/2005, S. 234 – 266.;
sowie Huber, M., Trauma und die Folge, Paderborn 2003, S. 64 f.

[5] ICD-10, F44.81.

[6] Vgl. Pinel, P., Biopsychologie, München 2007, S. 309 f.

[7] Vgl. Hartje, W. u. a., Kognitive Neurologie, Stuttgart, 2005, S. 10.

[8] Stangl, W., Freuds Hauptwerke, in: Sigmund Freud, 2011.

[9] Freud, S., Das Ich und das Es, Frankfurt, 2003, S. 119.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Blind und sehend in einer Person
Untertitel
Versuch einer psychoanalytischen und neurologischen Betrachtung unter besonderer Berücksichtigung von S. Freud
Hochschule
Staatliche Berufliche Oberschule Kitzingen
Note
1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
22
Katalognummer
V189297
ISBN (eBook)
9783656134794
ISBN (Buch)
9783656134886
Dateigröße
5882 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Arbeit ist sprachlich auffallend gut formuliert und im Ausdruck gewandt. Literatur und sonstige Quellen sind sehr vielfältig und umfangreich, werden sehr differenziert bearbeitet und ansprechend in Form von wörtlichen und indirekten Zitaten integriert. Das Literaturverzeichnis ist sehr umfangreich, klar strukturiert und wissenschaftlich überaus korrekt. Inhaltlich entspricht die Arbeit im besonderen Maße dem Anspruchsniveau. Es gelingt, das sehr komplexe und schwierige Thema auf den Umfang einer Seminararbeit zu reduzieren und die wesentlichen Aspekte herauszuarbeiten.
Schlagworte
Sigmund Freud, Konversionsstörung, Konversion, Dissoziation, psychogene Blindheit, kortikale Blindheit, Neuropsychologie, dissoziative Identitätsstörung, Waldvogel
Arbeit zitieren
Vanessa Eden (Autor), 2011, Blind und sehend in einer Person, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/189297

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