Individualität und Identität. Zum aktuellen Diskurs der Identitätsproblematik


Hausarbeit, 2003

35 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

Vorwort

1. Begriffsklärung und Vorbetrachtung

2. Goethes Individualitätsbegriff (nach Georg Simmel)

3. Simmels Sicht auf den Individualismus

4. Die Bildung der Ich-Identität nach Erikson

5. Die Problematik der postmoderne Identitäten
5.1 Der Zustand der Gesellschaft als Ursache der Identitätssuche
5.2 Die Forderung der Gesellschaft nach Identität
5.3 Identitätsbildung durch Konstruktion der Biographie
5.4 Patchwork-Identität
5.5 Identität und Anerkennung
5.6 Rückzug in vorgefertigte Identitäten

6. Resümee

Primärquellen und Literaturhinweise

Vorwort

Die vorliegende Arbeit wurde im Rahmen des Seminars "Identitätskonstruktionen in der Netzwerkgesellschaft" verfasst.

Um sich mit der Konstruktion von Identitäten zu beschäftigen, muss man zuerst erforschen, was "Identität" überhaupt bedeutet, welche Rolle sie früher und heute gespielt hat bzw. spielt und welchen Einflüssen Individuen als auch Gesellschaft ausgesetzt sind, die durch verschiedene Identitäten erzeugt werden oder aber selbst verschiedene Identitäten erzeugen.

Zuvorderst werde ich mich mit der rein formalen Begrifflichkeit der "Individualität" und der "Identität" sowie weiterer, im Rahmen meiner Untersuchung immer wieder auftauchender Begriffe befassen, da es durchaus verschiedene Vorstellungen und Auffassungen vor allem im alltäglichen Sprachgebrauch gibt.

Nachdem die "Formalitäten" geklärt sind, werde ich kurz in die Geschichte eintauchen, um zu erkunden, welche Vorstellungen und Theorien Goethe (betrachtet durch die Augen Georg Simmels) und Simmel selbst von "Individualität" und "Individualismus" hatten. Auf den ersten Blick ein verschiedenes Thema, auf den zweiten erkennt man schnell, dass man "Identität" gar nicht erst zu diskutieren braucht, wenn man Individualität und das damit einhergehende Spektrum von Entwicklungsmöglichkeiten außer Acht lässt.

Danach werde ich auf Erik H. Eriksons Theorie der Identitätsbildung eingehen, die zu den Grundlagen der gegenwärtigen Identitätsforschung zählt.

Es folgt eine kurze Zustandsbeschreibung der heutigen Gesellschaft und ihrer Probleme, kurz, weil diese schon an vielen anderen Stellen und oft genug beschrieben und beklagt worden sind.

Nach einem kurzen Exkurs zu Herbert G. Meads komme ich dann endlich zum Diskurs der Identität in der Postmoderne, allerdings auch hier nicht erschöpfend, da der Begriff spätestens seit Beginn der 1990er Jahre Hochkonjunktur hatte und entsprechend viel Literatur produziert wurde. Ich glaube jedoch die wesentlichen Gesichtspunkte herausgegriffen zu haben

Einen wichtigen Punkt der Identitätsbildung, die Anerkennung, werde ich noch gesondert behandeln, bevor ich mich mit bereits vorgefertigten Identitäten ("von der Stange" sozusagen) beschäftige, die hochgradig attraktiv erscheinen für Individuen, denen die "postmodernen" Vorschläge einer Eigenkonstruktion zu anstrengend sind. Am Ende folgen eine Zusammenfassung sowie eine Schlussfolgerung.

Die Arbeit deckt ein weites Spektrum ab, muss sie notwendigerweise auch, da die Identitätsforschung so populär ist. Es ist jedoch unmöglich, in einem solchen Rahmen einen wirklichen Gesamtüberblick zu schaffen, es wird nur ein Ausschnitt bleiben, welcher Aspekte enthält, die ich persönlich als besonders erwähnenswert und diskussionswürdig empfinde.

1. Begriffsklärung und Vorbetrachtung

Quelle: Duden, Fremdwörterbuch, Mannheim 1997

I | den | ti | tät <lat.> die; -: a) vollkommene Gleichheit od. Übereinstimmung (in Bezug auf Dinge od. Personen); Wesensgleichheit; das Existieren von jmdm., etw. als ein Bestimmtes, Individuelles, Unverwechselbares; b) die als "Selbst" erlebte innere Einheit der Person (Psychol.)

i | den | ti | fi | zie | ren: 1. genau wieder erkennen; die Identität, Echtheit einer Person od. Sache feststellen. 2. a) mit einem anderen als dasselbe betrachten, gleichsetzen; b) sich -: jmds. Anliegen o. Ä. zu seiner eigenen Sache machen; aus innerer Überzeugung ganz mit jmdm., etw. übereinstimen; c) sich -: sich mit einer anderen Person od. Gruppe emotional gleichsetzen u. ihre Motive u. Ideale in das eigene Ich übernehmen

Schon hier ergeben sich erste Probleme: auf den ersten Blick erkennt man den vollkommenen Widerspruch – einerseits bedeutet Identität, dass jemand oder etwas absolut unverwechselbar, einzigartig, eindeutig sei, andererseits soll es Gleichheit oder Übereinstimmung bedeuten. Wie geht das zusammen? Wie wir später feststellen werden, ist "Identität" eine durchaus zweiseitige, wenn nicht zweischneidige Sache, einerseits etwas höchst individuelles, andererseits etwas unabdingbar kollektives. Man kann also von einer personalen und einer sozialen Identität sprechen, die in einem Individuum vereint sind (oder sein sollten), vereinfacht gesagt: einerseits wie ich mich sehe oder gern hätte und andererseits wie mich die anderen sehen oder gern hätten. Das bringt genau die Probleme hervor, die in der Arbeit behandelt werden sollen, denn selbst im günstigsten Falle können die beiden Identitäten nicht übereinstimmen, können nicht identisch sein. Sind sie es dennoch, liegt mit Sicherheit ein krankhafter Zustand vor, weswegen sich neben Philosophen vor allem Psychologen des Themas angenommen haben; Ziel ist und bleibt jedoch immer, diese beiden einander anzunähern, um das innewohnende Konfliktpotential zu verringern.

In | di | vi | du | um <lat.; "das Unteilbare"> das; -s, ...duen: 1. der Mensch als Einzelwesen [in seiner jeweiligen Besonderheit]. 2. (abwertend) Mensch von zweifelhaftem Charakter; in irgendeiner Hinsicht negativ eingeschätzte Person. 3. Pflanze, Tier als Einzelexemplar (Biol.). 4. kleinstes chemische Teilchen jeglicher Art (Chem.)

in | di | vi | du | a | li | sie | ren <lat.-mlat.-fr.>: die Individualtität eines Gegenstandes bestimmen; das Besondere, Einzelne, Eigentümliche [einer Person, eines Falles] hervorheben

In | di | vi | du | a | lis | mus <lat.-mlat.-nlat> der; -: 1. Anschauung, die dem Individuum und seinen Bedürfnissen den Vorrang vor der Gemeinschaft einräumt (Philos.). 2. Haltung eines Individualisten

In | di | vi | du | a | list der; -en:, -en: 1. Vertreter des Individualismus. 2. jmd., der einen ganz persönlichen, eigenwilligen Lebensstil entwickelt hat u. sich dadurch von anderen, ihren Verhaltens- u. Denkweisen abhebt.

In | di | vi | du | a | tion <lat.-nlat.> die; -:, -en: Prozess der Selbstwerdung des Menschen, in dessen Verlauf sich das Bewusstsein der eigenen Individualität bzw. der Unterschiedenheit von anderen zunehmend verfestigt; Ggs. ?Sozialisation

Auch hier verbergen sich unterschiedliche Bedeutungen in ein und demselben Wortstamm, besonders die "Individuation" wird gern mit "Individualisierung" verwechselt oder – bewusst oder unbewusst – gleichgesetzt. Erstere jedoch ist eine ausschließlich authentische Angelegenheit, während man letztere – entsprechend seinen Fähigkeiten – leicht fälschen oder vortäuschen kann.

"Individuation" wurde vor allem von Carl Gustav Jung geprägt; in seiner Theorie bezeichnet der Begriff eine Form des Zu-Sich-Selbst-Findens durch Vereinigung von Anima und Animus, des weiblichen und des männlichen Aspektes jedes Individuums, sowie bewusste Konfrontation mit verdrängten Konflikten, um diese in sein Selbstbild einzubeziehen – ein mitunter äußerst schmerzhafter Prozess.

"Individuum" und "Indivdualismus" haben immer auch einen negativen Beigeschmack – sicher aus Zeiten, in denen dem Kollektiv der Vorrang eingeräumt wurde (vornehmlich die kollektiven Wahnideen Faschismus und Kommunismus) und in denen "Individualisten" als Abweichler betrachtet wurden, ihnen Misstrauen, Verachtung oder offener Hass entgegenschlug.

Auch in der heutigen Zeit, in der Individualisierung vom Markt und der Gesellschaft geradezu gefordert und auch gefördert wird, werden Subjekte argwöhnisch betrachtet, wenn sie sich nicht bestimmten Vorgaben und Vorstellungen gemäß individualisieren. Zu stark oder zu eigenwillig individualisierte Personen stehen immer im Verdacht, die Gesellschaft subversiv untergraben zu wollen, weil sie diese in ihrer bestehenden Form ablehnen. Die Personen selbst verdächtigen, oftmals an der Grenze zum paranoiden oder bereits darüber hinaus, dass die Gesellschaft sich ihrer bemächtigen will, um ihnen mittels Gehirnwäsche oder Resozialisierung oder ähnlichen Maßnahmen die Flausen auszutreiben und sie zu einem funktionierenden Rädchen umprogrammieren will. Wie so oft haben natürlich beide Parteien Recht (übertreiben aber auch beide), wir werden später sehen, welche sozialen Mechanismen dafür verantwortlich sind.

Der Individualist muss aber auch die Gesellschaft ablehnen (erst recht, wenn er seine Individualität durch ein Mindestmaß an Individuation erlangt hat), da er erkennt, dass der größte Teil der Gesellschaft nur über eine Pseudo-Individualität verfügt. Er kann jedoch nicht ohne die Gesellschaft leben, und auch das weiß er. Deshalb trachtet er nicht selten bewusst nach einem ausgleichenden Verhalten, welches ihm das alltägliche Leben erträglich erscheinen lässt.

Die Gesellschaft wiederum muss sich vor dem Einzelgänger fürchten, weil er einen Alternativweg aufzeigt, der das Potential hat, den Weg der anderen existentiell in Frage zu stellen – und somit eine echte Bedrohung darstellt. Solange diese Alternative sich jedoch marktkonform verwerten lässt, sich also Geld damit verdienen lässt, ist auch diese Form der Individualisierung erwünscht – die Bedrohung wird als "Thrill" empfunden, welchem sich nach und nach weitere Individuen der Gesellschaft aussetzen (seien es Moden wie Bungee-Jumping, Tattoos oder Piercing). Dabei tritt der synergetische Effekt ein, dass die Individualität dessen, der damit begonnen hat, nicht nur akzeptiert, sondern auch integriert wird und er sie somit im Grunde genommen verliert. Jene jedoch, welche sich innerhalb der Gesellschaft dieser Form der Individualität bemächtigt haben, empfinden sich jetzt selbst als stärker individualisiert, ohne zu bemerken, dass wahre Individualität eben nicht durch Übernahme (also Identifikation) entsteht, sondern eben z.B. durch Individuation.

Besitzt der Weg des Individualisten jedoch kein Marktpotential, dann ist er meist auch für die anderen Mitglieder der Gesellschaft irrelevant. Als Außenseiter gebrandmarkt, wird er im besten Falle ignoriert oder belächelt, im schlimmsten Falle jedoch geächtet und bedroht, verfolgt als "Outlaw" der ungeschriebenen sozialen Gesetzmäßigkeiten.

In beiden Fällen jedoch wirken Gesellschaft und Individuum aufeinander ein – das eine kann nicht ohne das andere existieren, und im günstigsten Falle fördern sich beide gegenseitig in ihrer Entwicklung; grundsätzlich können immer beide voneinander lernen. Wie das genau vor sich geht und was das mit Identitäten zu tun hat, werden einige der nachfolgenden Kapitel beleuchten.

2. Goethes Individualitätsbegriff (nach Georg Simmel)

Leider ist es unmöglich, die gesamte Geschichte der Entwicklung der Individualität bzw. der Vorstellung davon nachzuzeichnen, ich möchte aber einen bedeutenden Wegbereiter herausgreifen, da er gewissermaßen einen Archetypus des Individualisten verkörpert: Johann Wolfgang von Goethe. Man darf allerdings nicht vergessen, dass er eine hohe Anzahl an Privilegien genoss und zu einem sehr kleinen Kreis der damaligen Zeit gehörte, welche sich überhaupt den Luxus des Individualismus leisten konnten.

Damals gab es hauptsächlich zwei allgemeine Auffassungen oder Strömungen, mit dem Inneren und der Einzigartigkeit jedes Einzelnen umzugehen. Die eine besagt, das Merkmal des Individuums sei das "(...) Gesammeltsein in dem selbständigen Punkt des Ich, die Gelöstheit eines für sich selbst verantwortlichen Daseins aus den Verschmelzungen, Bindungen, Vergewaltigungen von Geschichte und Gesellschaft."[1]

Damit wird deutlich, dass der soziale Kontext vollkommen und vorsätzlich außer Acht gelassen wird, Voraussetzung ist hier jedoch die Gleichheit aller vor der Natur und die prinzipielle Gleichheit untereinander.

Die andere Ansicht, später von den Romantikern weiter kultiviert, legt das Gewicht auf die Unterschiede der Qualitäten der Wesenskräfte und -äußerungen. Der Unterschied ist also, dass "(...) nicht die Selbständigkeit des Seins prinzipiell gleicher Wesen, sondern die Unverwechselbarkeit des So-Seins von prinzipiell ungleichen (...)"[2] Wahrheit und letzte Wirklichkeit sind, noch nicht verwirklicht zwar, aber erstrebenswert.

Einerseits geht es also um den Lebensprozess an sich, andererseits um dessen Inhalt. Goethe kann sich für keines der Konzepte klar entscheiden, sondern verbindet sie eher noch miteinander. Im Laufe seines Lebens äußert er sich zur Problematik durchaus verschieden. Kurz vor seinem Tode meint er, sein größtes Vermächtnis bestehe darin, den Deutschen und besonders den jungen Dichtern gezeigt zu haben, " (...) wie der Mensch von innen heraus leben, der Künstler von innen heraus wirken müsse, indem er, gebärde er sich, wie er will, immer nur sein Individuum zu Tage fördern wird."[3]

Das individuelle Leben wurzelt also immer im Individuum selbst, im Gegensatz zur theologischen Sichtweise (eine übergeordnete Macht teilt dem Individuum den Inhalt seiner Existenz zu), zur soziologistischen (das Individuum als Schnittpunkt von Einflüssen, seine Individualität als Ergebnis verschiedener Quantitäten und Qualitäten) oder zur naturalistischen (nicht der soziale, sondern der kosmisch-kausale Ursprung ist ausschlaggebend). Nein, für Goethe "(...) ist das Individuum ein letzter Quellpunkt des Weltgeschehens, (...) es [ist] seinem Wesen als Individuum nach schöpferisch; (...)"[4]

Er erkennt an, dass das Individuum den verschiedenen Einflüssen im Laufe seines Lebens ausgesetzt ist – wie sollte er auch nicht, erfährt er es wie jeder Mensch im Laufe seines Lebens doch am eigenen Leibe. Der Prozess der Individualisierung jedoch ist für ihn ein eigenständiger. Goethe setzt die Fähigkeit zur Individualisierung bei jedem Menschen von vornherein voraus, vermutet jedoch einen Unterschied der Intensität des jeweiligen eigenen inneren Antriebs. Der Prozess ist also bei jedem Menschen gleich oder ähnlich, er verläuft nur eben mal langsamer, mal schneller – mal intensiver, mal kraftloser. Für Goethe ist das Wollen, der eigene Antrieb das Wichtigste. Man könnte beinahe meinen, "(...) dass die formale Ausübung seiner Bewegtheit der Wert seines Daseins ist."[5] Oder, um es genau auf den Punkt zu bringen, "(...) der Zweck des Lebens ist das Leben selbst."[6]

Jedoch scheinen diese Ansichten seltsam inhaltsleer, scheinen sich in Formalität zu erschöpfen. Aber Goethe füllt diese Leere einfach, indem er konstatiert, "(...) dass der Mensch alles, was er erzeugt, auch ist."[7] Diese Produktivität des Lebens ist für ihn der eigentliche Gehalt.

Später geht er noch einen wesentlichen Schritt weiter: Das vom Menschen erzeugte dient wiederum anderen Menschen auf dem Weg ihrer Individualisierung, und so sieht er auch seine Aufgabe als Künstler: "Der Dichter soll das Einzelne – das heißt hier doch wohl: das einzelne eigne Erlebnis – so zum Allgemeinen erheben, dass die Hörer es wiederum ihrer eigenen Individualität anzueignen vermögen"[8]

Jedoch sind die von einem Individuum erzeugten Dinge oder Äußerungen nicht einfach auf andere übertragbar, vielmehr sind sie nur Anstoß, sind Hilfe auf dem eigenen Weg. Eine vollständige Identifizierung mit fremden, nur erworbenen Werten lehnt Goethe ab: "Ein Kind, ein junger Mensch, die auf ihrem eigenen Wege irre gehen, sind mir lieber als manche, die auf fremden Wege recht wandeln."[9]

Diese Ansichten werden uns später wieder begegnen, sie sind heute fest in unserer Vorstellung von individueller Entwicklung verankert. Auch wenn Goethe das eine oder andere unterbewertet hat – er hat Grundsteine gelegt für das Verständnis von Individualität und Identität.

3. Simmels Sicht auf den Individualismus

Das Interesse Simmels am Goetheschen Begriff der Individualität leitet sich von seinen eigenen Fragestellungen ab – als Mitbegründer der Soziologie interessierte ihn vor allem das Wechselspiel zwischen Individuum und Gesellschaft. Seine Perspektive schließt die Gedanken Goethes mit ein, er muss sie jedoch erweitern, um dem vollständig anderen Leben seiner Zeit Rechnung zu tragen. Dieses zeichnet sich vor allem durch Beschleunigung, Vermassung und Entfremdung aus, durch die Entstehung größerer Städte, großer Industrien, neuer Verkehrsmittel etc. Da er selber in Berlin wohnte, galt seine besondere Aufmerksamkeit eben dem Individuum in der Großstadt und dessen Anstrengung, seine Individualität zu finden und zu behaupten. Ganz sicher ist er jedoch, anders als die oben als erstes erwähnte Auffassung zu Goethes Zeiten, dass Individuum und Gesellschaft untrennbar miteinander verbunden sind: "Es [das Individuum] ist immer Glied und Körper, Partei und Ganzes, Vollkommenes und Ergänzungsbedürftiges."[10] Er bezeichnet als Individualität das, was diese doppelte Bedeutung in Einklang zu bringen vermag oder es zumindest versucht.

Innerhalb der Wechselbeziehung gibt es unterschiedliche Grade, also auch Extreme: während das eine Individuum sein Glück in der weitestgehenden Entfernung von Welt und Gesellschaft findet, sucht das andere seine Befriedigung in der Identifizierung mit anderen, der Angleichung an andere oder an Gruppen, der Einfügung in das übergreifende Ganze.

Die Möglichkeit der Individualisierung ist jedoch nicht allein vom Wollen und den Fähigkeiten des Individuums abhängig (im Gegensatz zur Goetheschen Ansicht), sondern vor allem auch von seinem sozialen Umfeld: "(...) jene Individualität des Seins und Tuns erwächst, im allgemeinen, in dem Maße, wie der das Individuum sozial umgebende Kreis sich ausdehnt."[11]

Ohne allzu detailliert auf Simmels diesbezügliche Betrachtungen eingehen zu können, lässt sich sagen, dass er also zu folgendem Schluss gekommen ist: Befindet sich ein Individuum innerhalb einer Gruppe (Gruppe auch im weitesten und allgemeinsten Sinne, so dass dies für beinahe jedes Individuum außer Eremiten gilt), so steht die Ausdehnung seiner Freiheit im proportionalen Verhältnis zur Größe und Ausdehnung der Gruppe – Ausdehnung bedeutet hierbei auch Offenheit anderen Gruppen gegenüber oder gar Verbindung mit ihnen. Umgekehrt heißt das: Je kleiner die Gruppe, desto stärker ist die Freiheit eingeschränkt, desto starrere Regeln und Normen gilt es zu befolgen, die zudem die Aufgabe haben, die eigene Gruppe von anderen scharf abzugrenzen. Die kleine Gruppe handelt und wirkt gleichsam wie ein Individuum, während die ihr angehörenden Individuen ihre Eigenarten und Bedürfnisse weitgehend einschränken müssen. "Oder in ganz kurzem Schema: die Elemente des differenzierten Kreises sind undifferenziert, die des undifferenzierten Kreises sind differenziert."[12]

[...]


[1] Simmel, Georg: Goethes Individualismus, in: LOGOS. Internationale Zeitschrift für Philosophie der Kultur, Band III, Tübingen 1912, 3.Heft, S.251

[2] ebenda, S.252

[3] ebenda, S.252

[4] ebenda, S.252

[5] ebenda, S.253

[6] ebenda, S.253

[7] ebenda, S.253

[8] ebenda, S.254

[9] ebenda, S.255

[10] Simmel, Georg: Individualismus, in: Marsyas. Eine Zweimonatsschrift, 1.Semesterband, Berlin 1917, S.33

[11] Simmel, Georg: Die Erweiterung der Gruppe und die Ausbildung der Individualität, in: ders.,: Soziologie. Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung, Berlin 1908, S.527

[12] ebenda, S.532

Ende der Leseprobe aus 35 Seiten

Details

Titel
Individualität und Identität. Zum aktuellen Diskurs der Identitätsproblematik
Hochschule
Fachhochschule Potsdam  (FB Soziologie)
Veranstaltung
Identitätskonstruktionen in der Netzwerkgesellschaft
Note
1,3
Autor
Jahr
2003
Seiten
35
Katalognummer
V18933
ISBN (eBook)
9783638231794
Dateigröße
619 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Individualität, Identität, Diskurs, Identitätsproblematik, Identitätskonstruktionen, Netzwerkgesellschaft
Arbeit zitieren
Falko Neubert (Autor), 2003, Individualität und Identität. Zum aktuellen Diskurs der Identitätsproblematik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/18933

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