Zur Problematik der Einordnung von Walthers von der Vogelweide 'Frô welt, ir sult dem wirte sagen'


Hausarbeit (Hauptseminar), 2011
20 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung und Forschungslage

II. Text

III. Problemhorizont I: Die Einordnung des Liedes in die Gattung der Alters- lieder

IV. Problemhorizont II: Die Einordnung des Liedes in die Tradition religiöser Lieder

V. Zusammenfassung

I. Einleitung und Forschungslage

Bei der Literaturrecherche zum hier untersuchten Lied Walthers fällt auf, dass die Forschungslage eher dürftig ist. Bis einschließlich der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat es, von dem wohl gerade deshalb viel zitierten Aufsatz von Robert Priebsch1 abgesehen, kaum ausführliche Beachtung gefunden. Eine Antwort auf die Frage, warum dem so ist, hat Werner Hoffmann im Jahr 1975 gegeben: es dränge sich nach der Sichtung der vorliegenden Arbeiten die Annahme auf, die In- terpretation sei unproblematischer2 als diejenige solcher Lieder Walthers, die mehr Beachtung gefunden haben. Diese Annah- me findet Hoffmann denn auch bestätigt, wenn er feststellt, dass tatsächlich nahezu alles an dem Lied klar sei.3 In der Be- schäftigung mit L. 100, 24ff. schöpft sich sein Forschungsinter- esse gerade aus der Überzeugung, anhand eines Textes, des- sen interpretatorische Vorfragen, speziell der Überlieferung und der Textherstellung, unproblematischer sind, als die Vor- fragen, die in der Beschäftigung mit anderen lyrischen Orten Walthers begegnen, einen Schlüssel extrapolieren zu können, der eine interpretatorisch verlässliche Decodierung der von weiten Teilen der Forschung als im thematischen Zusammen- hang stehend begriffenen Lieder erlauben soll4 : die Verse L. 100, 24ff. bildeten gemeinsam mit Walthers Alterston und sei- ner sogenannten Elegie den fundamentalen Kern Walthers Al- terslyrik5, deshalb könne ihre Untersuchung einen Beitrag zur Entschlüsselung der beiden letztgenannten Lieder liefern.

Tatsächlich ist die Quellenlage verhältnismäßig eindeutig: die Strophen 1 bis 4 des vorliegenden Liedes sind in der Großen Heidelberger Liederhandschrift C6, Strophe 1 mit einigen, hin- sichtlich des gestifteten Sinnes jedoch unerheblichen7 Varian- zen in der Kleinen Heidelberger Handschrift A8 überliefert. Die ersten zwei Verse der Strophe, sowie ein Teil deren dritten Verses, finden sich außerdem auf einem Teil des Fragmentes wx9. Schon Priebsch hat darauf verzichtet, die Überlieferungs- lage des Liedes überhaupt nur zu thematisieren. Gemeinsam mit dieser aus sprechaktlicher Sicht recht eindeutigen Positio- nierung zum Grad ihrer Problemhaftigkeit ist Hoffmanns Prä- missen insoweit zuzustimmen, als die Konstitution des Textes kaum Fragen aufwirft.

Dieser richtigen, darüber hinaus aber auch der Annahme, dass auch bei der Interpretation selbst sehr Weniges diskussionsbe- dürftig sei, vertrauend und dem handwerklichen Ziel der Schlüsselherstellung verpflichtet, lässt Hoffmanns Interpretati- on in großen Teilen das Bewusstsein der dem Text innewoh- nenden Probleme und Unklarheiten vermissen. Hoffmann selbst ist dabei kaum ein Vorwurf zu machen, drückt sich in seiner Arbeit doch nur explizit aus, was die Walther-Forschung der vergangenen Jahrzehnte als wortwörtlich allzu stillschwei- gendes Urteil über das hier untersuchte Lied verhängt hatte. So ist es erst zwei offenbar nahezu zeitgleich verfassten Inter- pretationen aus der jüngsten Vergangenheit zu danken, einem solchen Problembewusstsein Vorschub geleistet zu haben.

Es handelt sich dabei um die beiden Arbeiten von Meinolf Schumacher10 und Dieter Kartschoke11. Über die bloße Vor- nahme einiger kritischer Randnotizen zur bisherigen Interpreta- tion hinaus, eröffnet jede der beiden Arbeiten mit ihrer jeweili- gen kritischen Grundthese einen eigenen Problemhorizont, aus dessen Perspektive eine Neubewertung der vorgefundenen Motive und der sich darauf konstituierenden Themen vorge- nommen werden kann, oder deren Möglichkeit zumindest ge- prüft werden muss.

Vor diesem Hintergrund verwundert es, dass die seit der Veröf- fentlichung dieser kritischen Auseinandersetzungen ins Land gegangenen Jahre keine hierauf Bezug nehmende Diskussi- onsbeiträge mit sich gebracht haben. Es ist sehr unwahr- scheinlich, dass entsprechende Repliken deshalb unterblieben sein sollen, weil die Beiträge in unzufriedenstellender Weise zur Kenntnis genommen worden wären. Doch die Alternative hierzu ist noch unbefriedigender: sollten die von Schumacher und Kartschoke vertretenen Thesen im Lichte der bis dato so einhelligen Auffassung in der Walther-Forschung für so absei- tig gehalten worden sein, dass sich jede Antwort darauf erüb- rigte?

Diese Arbeit im Rahmen eines mediävistischen Hauptseminars kann aus verschiedenen Gründen, nicht zuletzt der mangeln- den Routine des Verfassers dieser Arbeit im Umgang mit For- schungsgegenständen der Mediävistik wegen, nicht leisten, was in der Forschung innerhalb der vergangenen Dekade aus- gelassen worden ist. Sie leistet deshalb auch keine umfassen- de Neuinterpretation des Liedes im Ganzen. Sie wird jedoch darstellen, welche Probleme und Fragestellungen, die der wei- teren Aufmerksamkeit und literaturwissenschaftlichen Bearbei- tung verdienen, durch die benannten Beiträge aufgeworfen sind. Sie tut das, indem sie die in den benannten Arbeiten auf- gezeigten Problemhorizonte nachzeichnet und anhand eigener, nachvollziehender Interpretation des Primärtextes auf ihre Plausibilität prüft.

II. Text

Aus bereits benannten Gründen soll die Überlieferungslage des vorliegenden Liedes nicht ausführlich problematisiert wer- den. Eine Sichtung von Faksimiles der entsprechenden Origi- nalquellen, sowie ein Vergleich der hierzu vorgelegten Editio- nen, lässt zu dem Schluss kommen, dass folgender, aus der von Christoph Cormeau überarbeiteten Walther-Edition Karl Lachmanns entnommene Text12 als adäquadte Arbeitsgrundla- ge für die in dieser Arbeit verfolgten Zwecke dienen kann:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Eine Übersetzung im Privaten hat stattgefunden, wird hier je- doch aufgrund der speziellen Fokussierung der vorliegenden Arbeit nicht abgedruckt. Zu den wenigen in der Übersetzung problematischen Stellen - wo die Übersetzung jedoch proble- matisch ist, liegen im hier analysierten Lied stets Schlüsselstel- len vor - wird an gegebener Stelle Position bezogen.

[...]


1 R. Priebsch, MLR. 13 (1918) S. 465 - 473.

2 W. Hoffmann, ZDPh. 95 (1976) S. 356f.

3 W. Hoffmann, ZDPh. 95 (1976) S. 357.

4 W. Hoffmann, ZDPh. 95 (1976) S. 357.

5 W. Hoffmann, ZDPh. 95 (1976) S. 356.

6 eingesehen nach: W. Koschorreck (Hg.), Codex Manesse: die große Heidelberger Liederhandschrift, Bl. 129v. Online unter http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/manesse1979/0254, abge- rufen am 04.05.2011.

7 so z.B. W. Hoffmann, ZDPh. 95 (1976), S. 357., ebenso D. Kartschoke, in: Walther lesen, S. 154.

8 eingesehen nach: H. Brunner, U. Müller, F.V. Spechtler (Hg.), Walther von der Vogelweide, S. 112.

9 eingesehen nach: H. Brunner, U. Müller, F.V. Spechtler (Hg.), Walther von der Vogelweide, S. 289.

10 M. Schumacher, WW. 50 (2000) S. 169 - 188.

11 D. Kartschoke, in: Walther lesen, S. 147 - 166.

12 C. Cormeau (Hg.), Walther von der Vogelweide, S. 217f.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Zur Problematik der Einordnung von Walthers von der Vogelweide 'Frô welt, ir sult dem wirte sagen'
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Germanistisches Seminar)
Veranstaltung
Hauptseminar "Walther von der Vogelweide"
Note
1,3
Autor
Jahr
2011
Seiten
20
Katalognummer
V189362
ISBN (eBook)
9783656136200
ISBN (Buch)
9783656136453
Dateigröße
510 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
problematik, einordnung, walthers, vogelweide, gattung, alterslieder, tradition, dichtung, walther, religiös, forschungsstand, fro welt, frau welt
Arbeit zitieren
Lukas Rieger (Autor), 2011, Zur Problematik der Einordnung von Walthers von der Vogelweide 'Frô welt, ir sult dem wirte sagen', München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/189362

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