Distanz und Abhängigkeit im Verhältnis von Gott und Geschöpf in Meister Eckharts "Opus Tripartitum"


Essay, 2010

7 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Danach gefragt, welches die entscheidende Szene zur Entschlüsselung des Verhältnisses zwischen Gott und Geschöpf sei, würde ein bibel- und linientreuer Christ wohl im Brustton der Überzeugung antworten, dass es sich hierbei um jene prominenteste aller biblischen Episode handeln müsse, in der der Schöpfer-Gott seine Schöpfung aus der Taufe hebe. Hier, im Schöpfungsbericht, würde er insistieren, manifestiere und dokumentiere sich das grundsätzliche, später nur noch weiter ausbuchstabierte, Verhältnis von Gott und Geschöpf. Eine Analyse der Beziehung zwischen den beiden Größen sei daher - ein Zweifel sei in dieser Frage nicht möglich - mit einer möglichst akribischen, zugleich dem Wort getreuen und den Regeln der Hermeneutik verpflichteten Auslegung der entsprechenden Schilderungen im ersten Buch des Pentateuch zu erreichen.

Die Abweichung, die Meister Eckhart im Gegensatz hierzu bei der Bearbeitung dieser Frage macht, mag exemplifizieren, was an seinem Werk den Augen eines orthodoxen Christen im höchsten Maße suspekt erscheint und was ihn für den Inhaber derselben Augen zum bei der Beschreibung göttlicher Natur und himmlischer Vorgänge vom Wort der Bibel abweichenden, in dieser Weise gar vom wahren Glauben abfallenden, häretischen Mystiker macht.

In der Tat ist die Lehre Meister Eckharts in erster Linie eine der biblischen Geschichte vorangestellte Ontologie, erst in zweiter Linie ist sie eine von seinen ontologischen Axiomen abgeleitete, die biblische Geschichte unter diesen Vorzeichen deutende Theologie. Dementsprechend muss an erster Stelle der Analyse des Verhältnisses zwischen Gott und Geschöpf die Untersuchung der eckhartschen Ontologie, erst an zweiter Stelle eine Untersuchung seiner Exegese des biblischen Schöpfungsberichtes stehen.

Der entscheidende Satz, der die Weggabelung zur eckhartschen Abweichung vom biblischen Gottesbild markiert, findet sich in seinem „opus tripartitum“ in der Vorrede zum Werk der Thesen an exponierter Stelle. Wenn Meister Eckhart hier konstatiert „Das Sein ist Gott“1, schreibt er damit nicht nur einen Prolog zu seinem werkintern folgenden Thesenwerk, sondern gleichzeitig einen Prolog zu der biblischen Schöpfungsgeschichte.

„Das Sein ist Gott“, in seinem lateinischen Original „Esse est deus“ analysiert, macht unmissverständlich klar, welches einer der Aspekte an Meister Eckharts Onto-Theologie ist, der ihn in den Augen der Vertreter orthodoxer Lehrmeinungen zum Häretiker macht: so sehr der Satz zwar die deckungsgleiche Identität Gottes mit dem Sein und damit seine Eigenschaft als gar nicht universaler fassbares Prinzip zum Ausdruck bringt, so sehr transportiert er das Primat des Seins in der eckhartschen Lehre. Gott ist, in seiner Identität mit dem Sein, zwar universales Prinzip, er ist jedoch gleichzeitig nicht der erste, sondern erst der zweite Begriff, von dem aus die Beschaffenheit des Universums bestimmt wird - er ist, in den Begriffen lateinischer Satzanalyse gesprochen, nichts weiter als ein Prädikatsnomen, eine Benennung, eine sprachliche Spezifizierung des Seins.2

Das Sein an sich kann insofern umschrieben werden, als es die reine Positivität, die eine, allumspannende Größe ist.3 Genau diese Beschaffenheit des so bestimmten Gottesbegriffes engt die Möglichkeiten seiner Charakterisierung denkbar stark ein. Ein Begriff, der dadurch bestimmt wird, alles zu umfassen, hat in diesem Sinne keine „Eigen“-Schaften mehr. Es gibt schlichtweg keine Größe, gegen die er aufgestellt, kontrastiert und von der er differenziert werden könnte, ihm ist buchstäblich (nur) „nichts“ entgegengesetzt. Es bleibt so lediglich die einzige Bestimmung des von Meister Eckhart aufgestellten Gottesbegriffes, die Verneinung der Verneinung4 und die dergestalt stete Bejahung von schlichtweg und im umfassendsten Sinne Allem zu sein. Im ontologischen Sinne ist das freilich die reichste überhaupt zu denkende Bestimmung einer Größe, im Hinblick auf die sprachliche und verstandesmäßige Zugänglichkeit macht sie sowohl die Unfassbarkeit des von Meister Eckhart aufgestellten Gottesbegriffes, als auch, vermittels dieser erfahrbaren Unzugänglichkeit, die Entfernung auf plastische Weise deutlich, in die jener Gott für seine irdischen Geschöpfe rückt.

[...]


1 LW I, 166, 1

2 Diese Feststellung sei gemacht, obwohl Reiner Manstetten in Manstetten: S. 54 auf die

Austauschbarkeit von Subjekt und Prädikat vermittels der identitätsimplizierenden Kopula

hinweist. Die Lesweise, die hier vertreten wird, ist die, die Manstetten in Manstetten: S. 61, ff. als erste der drei Stufen in der Auslegung der entsprechenden Textstelle aufführt. Die am angegebenen Ort dargestellte Ausbaufähigkiet dieser Lesart wird hierdurch nicht bestritten. Dass die Formulierung Eckharts aus theologischer Sicht jedoch nicht unproblematisch ist, zeigt gerade seine eigene Auseinandersetzung mit der Herleitung des Satzes, wenn er etwa in LW I, 168, 5 Johannes von Damaskus mit der Feststellung zitiert, der erste Name Gottes sei das Sein. In sprachlicher Hinsicht ist hier nämlich das Sein Prädikat, Gott aber ist Subjekt.

3 LW I, 171, 11

4 LW I, 169, 6 und LW I, 175, 15

Ende der Leseprobe aus 7 Seiten

Details

Titel
Distanz und Abhängigkeit im Verhältnis von Gott und Geschöpf in Meister Eckharts "Opus Tripartitum"
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Philosophisches Seminar)
Veranstaltung
Hauptseminar "Meister Eckharts Opus Tripartitum"
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
7
Katalognummer
V189365
ISBN (eBook)
9783656136194
Dateigröße
398 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
distanz, abhängigkeit, verhältnis, gott, geschöpf, meister, eckharts, opus, tripartitum, ontologie, eckhart, mittelalter, scholastik
Arbeit zitieren
Lukas Rieger (Autor), 2010, Distanz und Abhängigkeit im Verhältnis von Gott und Geschöpf in Meister Eckharts "Opus Tripartitum", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/189365

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