Bemerkenswert in Friedrich Dürrenmatts „Der Besuch der alten Dame“ ist die Thematik der Gerechtigkeit und Schuld, die dem Stück selbst nach über 60 Jahren Aktualität verleiht. Die Handlung wirft Fragen auf, mit denen sich auch die heutige Gesellschaft auseinandersetzen muss: Wo bleiben menschliche Werte wie Liebe und Moral in einer korrumpierbaren Welt, der ein kapitalistisches, finanziell gewinn-
orientiertes System zu Grunde liegt? Dürrenmatt selbst bezeichnet das Stück als „Eine tragische Komödie“ und weist Leser und Zuschauer somit auf die enthaltenen tragischen und komischen Aspekte hin. Zu Beginn dieser Arbeit werden daher der Begriff des Dramas und die wichtigsten Unterformen näher definiert, um die Einordnung der hier diskutierten tragischen Komödie zu verdeutlichen. Wie bereits der Untertitel andeutet, handelt es sich zwar nicht um eine Tragödie im klassischen Sinn, dennoch stimmen einige Strukturelemente mit dem Aufbau des antiken, tragischen Vorbilds überein. Die Differenzen zwischen Tragödien-Konzept der Antike und der Tragikomödie „Der Besuch der alten Dame“ ergeben sich zum Teil aus der Einstellung Dürrenmatts zum Theater. Die literarische Grundlage für diesen Vergleich besteht erstens aus Aristoteles‘ „Poetik“ und zweitens basiert die Darstellung von Dürrenmatts Theaterauffassung auf eine seiner Vortragsreihen, die unter dem Titel „Theaterprobleme“ ver-
öffentlicht wurde. Ziel ist es, die Unterschiede und Gemeinsamkei-
ten im Aufbau der jeweiligen Dramenform herauszuarbeiten. Diese Herangehensweise an die Dramenanalyse hat schließlich zum Ziel die von Aristoteles geprägten Begriffe Mythos und Logos auf Dürrematts Stück anzuwenden. Aufgrund dieser Fragestellung müssen der Aufbau der Handlung und die Art und Weise der stilistischen Umsetzung betrachtet werden. Der Hauptteil konzentriert sich dementsprechend auf die Untersuchung des dramatischen Aufbaus und auf die Handlungsumsetzung mithilfe stilistischer Mittel. Der Schwerpunkt in der Analyse der Stilmittel liegt auf der Verwen-dung von Paradoxie und Groteske, die sich durch das komplette Drama ziehen, wobei die Wirkung auf die Rezipienten von Bedeutung ist. Welche Effekte haben Groteske und Verfremdung auf Leser und Zuschauer des Dramas „Der Besuch der alten Dame“?
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Gattung Drama
2.1 Untergattungen: Komödie, Tragödie und Tragikomödie
2.2 Klassische Tragödie nach Aristoteles
2.3 Dürrenmatts Theaterauffassung
3 Analyse von „Der Besuch der alten Dame“
3.1 Aufbau des Stücks
3.2 Personen
3.2.1 Die Besucher
3.2.2 Die Besuchten
3.3 Paradoxie und Groteske
3.4 Sprache
3.5 Regieanweisungen
4 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit zielt darauf ab, Friedrich Dürrenmatts „Der Besuch der alten Dame“ als „tragische Komödie“ zu analysieren und dabei die dramaturgischen Mittel des Autors in den Kontext der klassischen Tragödientheorie nach Aristoteles sowie der Verfremdungsästhetik zu setzen. Zentrale Forschungsfrage ist dabei, wie Dürrenmatt durch eine spezifische Struktur, Figurenkonstellation und den Einsatz von Paradoxie und Groteske gesellschaftliche Missstände und moralischen Verfall thematisiert, ohne dabei in eine einfache Lehrmeinung zu verfallen.
- Vergleich des klassischen Dramenaufbaus nach Aristoteles mit Dürrenmatts moderner Dramaturgie.
- Untersuchung der Figurencharakterisierung im Spannungsfeld zwischen „Besuchern“ und „Besuchten“.
- Analyse der Wirkung und Funktion von Paradoxie, Groteske und Verfremdungseffekten.
- Bedeutung der Sprache und Regieanweisungen als Mittel der Manipulation und Distanzschaffung.
- Reflexion über die Aktualität der behandelten Themen wie Gier, Gerechtigkeit und soziale Korruption.
Auszug aus dem Buch
3.1 Aufbau des Stücks
Ein Überblick über die drei Akte verdeutlicht die geschlossene Form des Dramas, das an die Einheit von Ort, Zeit und Handlung angelehnt ist. Jede Szene ist eng mit den Nachbarszenen verknüpft, sodass ein Sinnzusammenhang aufgebaut wird, in dem keine Szene fehlen oder umgestellt werden kann.
Der erste Akt besteht aus der Exposition, die zu Beginn eines Dramas als Einführung des Lesers oder Zuschauers in die zeitlichen und örtlichen Verhältnisse dient. Dürrenmatt lässt sein Stück am Bahnhof der verfallenen Kleinstadt „Güllen“ beginnen, wo die Bürger auf die Ankunft der Milliardärin Claire Zachanassian, „der alten Dame“ aus dem Titel, warten. Von ihrem Besuch erhoffen sie sich finanzielle Unterstützung, da die Zachanassian als großzügige Spenderin gilt. Besonders wichtig im ersten Akt ist die Enthüllung der prekären Vorgeschichte in Form des manipulierten Prozesses, da diese Vorgeschichte die Voraussetzung für die weitere Handlung bildet. Das Angebot von einer Milliarde für den Tod Ills stellt das erregende Moment, eine steigende Handlung, dar. Die Ablehnung durch den Bürgermeister kann als Höhepunkt des ersten Akts verstanden werden.
Die anfangs strikte Verneinung des Mordes an Ill verändert sich im zweiten Akt. Die Güllener steigern trotz Geldmangels ihre Ausgaben und konsumieren, auch in Ills Laden, auf Kredit. Ill wird sich nach und nach seiner Situation bewusst und sucht Hilfe beim Polizisten und Bürgermeister, die seine Ängste aber ignorieren. Der Pfarrer erkennt die Lage und rät ihm zu fliehen. Als Ill abreisen will, versammeln sich die Güllener am Bahnhof und kreisen ihn ein. Die Bürger beschwichtigen ihn, doch Ill fühlt sich weiterhin bedroht. Als der Zug ankommt, bleibt Ill bewegungslos stehen und steigt nicht ein, obwohl ihn niemand direkt bedrängt oder festhält. Die gescheiterte Flucht bildet die Peripetie, den Wendepunkt im Schicksal von Ill.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung verortet das Werk im historischen Kontext und legt das Ziel der Analyse fest, die tragikomische Struktur des Dramas im Vergleich zur klassischen Tragödientheorie zu untersuchen.
2 Gattung Drama: Dieses Kapitel definiert die Grundlagen des Dramas und erläutert die theoretischen Konzepte von Aristoteles, insbesondere den Begriff der Katharsis, sowie Dürrenmatts spezifische Theaterauffassung.
3 Analyse von „Der Besuch der alten Dame“: Der Hauptteil untersucht detailliert den formalen Aufbau, die Rollen der Figuren, die stilistischen Mittel der Groteske und Paradoxie, die Sprache sowie die Bedeutung der Regieanweisungen.
4 Fazit: Das Fazit fasst zusammen, wie Dürrenmatt durch die Distanzierung der Zuschauer und die Nutzung grotesker Elemente eine kritische Reflexion über gesellschaftliche Werte und die Käuflichkeit von Gerechtigkeit anregt.
Schlüsselwörter
Friedrich Dürrenmatt, Der Besuch der alten Dame, Tragikomödie, Aristoteles, Groteske, Paradoxie, Verfremdungseffekt, Güllen, Rache, Moral, Gerechtigkeit, Konsumgier, Dramenanalyse, Regieanweisungen, Schuld.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit bietet eine umfassende Analyse von Friedrich Dürrenmatts „Der Besuch der alten Dame“ und untersucht, wie der Autor klassische dramatische Formen mit modernen, grotesken Elementen kombiniert, um gesellschaftliche Krisen darzustellen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind der moralische Verfall einer Gesellschaft unter dem Druck finanzieller Not, der Missbrauch von Gerechtigkeit, Rachegelüste und die Macht des Konsums.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es, die strukturelle Einordnung des Stücks als „tragische Komödie“ vorzunehmen und zu zeigen, wie Dürrenmatt durch die Abkehr von der aristotelischen Identifikation beim Zuschauer eine kritische Distanz schafft.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine literaturwissenschaftliche Dramenanalyse, die auf den Theorien von Aristoteles, Gustav Freytag und Bertolt Brecht basiert, um Dürrenmatts Text und Inszenierungsanweisungen zu deuten.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden der Aufbau des Stücks (Akte), die Charakterisierung von Claire Zachanassian und Alfred Ill, die Funktion von Sprache und Regieanweisungen sowie der gezielte Einsatz von Paradoxie und Groteske analysiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Groteske, Verfremdungseffekt, Gerechtigkeit, Käuflichkeit, Kollektivschuld und Dramenstruktur charakterisiert.
Wie unterscheidet sich Dürrenmatts Theaterauffassung von der des Aristoteles?
Dürrenmatt lehnt das aristotelische Ziel der Katharsis und Identifikation ab. Stattdessen nutzt er Verfremdungseffekte, um den Zuschauer zu distanzieren und eine kritische Auseinandersetzung mit der chaotischen Realität zu erzwingen.
Warum ist das Motiv des Konsums für die Analyse so wichtig?
Das Konsummotiv dient als Indikator für den schleichenden moralischen Verfall der Güllener Bürger, deren steigender Wohlstand direkt mit dem geplanten Mord an Ill verknüpft ist.
- Arbeit zitieren
- Jana Kazmierzak (Autor:in), 2012, Analyse des Dramas "Der Besuch der alten Dame. Eine tragische Komödie" von Friedrich Dürrenmatt, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/189417