Franz Kafka, Eine kaiserliche Botschaft - Ausführliche Interpretation mit Sekundärliteratur


Wissenschaftlicher Aufsatz, 2012
13 Seiten

Leseprobe

Franz Kafka, Eine kaiserliche Botschaft

Versuch einer Interpretation – für Schüler und Studenten,

zusammengestellt von Gerd Berner, M. A., StD a. D.

1 Der Kaiser – so heißt es – hat dir, dem Einzelnen, dem jämmerlichen Untertanen,
2 dem winzig vor der kaiserlichen Sonne in die fernste Ferne geflüchteten Schatten,
3 gerade dir hat der Kaiser von seinem Sterbebett aus eine Botschaft gesendet.
4 Den Boten hat er beim Bett niederknien lassen und ihm die Botschaft ins Ohr ge-
5 flüstert; so sehr war ihm an ihr gelegen, dass er sich sie noch ins Ohr wiedersa-
6 gen ließ. Durch Kopfnicken hat er die Richtigkeit des Gesagten bestätigt. Und vor
7 der ganzen Zuschauerschaft seines Todes – alle hindernden Wände werden nie-
8 dergebrochen und auf den weit und hoch sich schwingenden Freitreppen stehen
9 im Ring die Großen des Reichs – vor allen diesen hat er den Boten abgefertigt.
10 Der Bote hat sich gleich auf den Weg gemacht; ein kräftiger, ein unermüdlicher
11 Mann; einmal diesen, einmal den anderen Arm vorstreckend schafft er sich Bahn
12 durch die Menge; findet er Widerstand, zeigt er auf die Brust, wo das Zeichen der
13 Sonne ist; er kommt auch leicht vorwärts, wie kein anderer. Aber die Menge ist so
14 groß; ihre Wohnstätten nehmen kein Ende. Öffnete sich freies Feld, wie würde er
15 fliegen und bald wohl hörtest du das herrliche Schlagen seiner Fäuste an deiner
16 Tür. Aber statt dessen, wie nutzlos müht er sich ab; immer noch zwängt er sich
17 durch die Gemächer des innersten Palastes; niemals wird er sie überwinden; und
18 gelänge ihm dies, nichts wäre gewonnen; die Treppen hinab müsste er sich käm-
19 pfen; und gelänge ihm dies, nichts wäre gewonnen; die Höfe wären zu durchmes-
20 sen; und nach den Höfen der zweite umschließende Palast; und wieder Treppen
21 und Höfe; und wieder ein Palast; und so weiter durch Jahrtausende; und stürzte
22 er endlich aus dem äußersten Tor – aber niemals, niemals kann es geschehen -
23 liegt erst die Residenzstadt vor ihm, die Mitte der Welt, hochgeschüttet voll ihres
24 Bodensatzes. Niemand dringt hier durch und gar mit der Botschaft eines Toten. –
25 Du aber sitzt an deinem Fenster und erträumst sie dir, wenn der Abend kommt.[1]

„In dem berühmt gewordenen kleinen Häuschen in der Alchimistengasse, das sich auf dem Hradschin an die Schlossmauer schmiegt, führt Kafka im Winter 1916/ 17 ein inselhaftes nächtliches Schreibleben, wobei er in der parabelhaften kleineren Er-zählkunst zu den paradoxen Gleichnissen seiner Lebens- und Daseinsanschauun-gen gelangt.“[2] Zu den dort entstandenen Geschichten gehört neben dem „Kübel-reiter“, dem „Brudermord“, dem „Schlag ans Hoftor, „Auf der Galerie“, dem „Nächsten Dorf“ und dem „Nachbarn“ auch die Parabel „Eine kaiserliche Botschaft“.

Diese findet sich im Kontext der unvollendeten Erzählung „Beim Bau der chinesischen Mauer“, wurde aber von Kafka herausgelöst und 1919 als Einzeltext veröffentlicht. In der Geschichte über den Mauerbau berichtet ein Ich-Erzähler vom Bau dieser Mauer und legt deren und dessen Bedeutung offen. Er ist als beteiligter Bauführer zugleich erzählte und erzählende Figur und nennt die „kaiserliche Bot-schaft“ eine „Sage“, die das „Verhältnis“ zwischen dem Kaiser und dem Volk beleuchte.[3]

Hier in der Parabel tauchen weder China noch der Mauerbau auf, auch weist das „Zeichen der Sonne“ (Z. 12/ 13) weniger auf China hin, das sich als Wappentier des Drachens bedient, sondern eher auf den japanischen Tenno. Schlingmann folgert da-raus, dass Kafka mit der „Sage“ nicht so sehr die geschichtliche Wahrheit, sondern mehr die Schaffung einer offenen Parabel intendiert habe, „deren Bildhälfte – die ihren Empfänger nie erreichende Botschaft eines Toten – auf eine Sachhälfte verweist, welche jeder einzelne Leser in sich selbst finden kann.“[4]

Hartmut Binder nennt „Eine kaiserliche Botschaft“ in seinem Kafka-Handbuch eine „schwer deutbare“, aber „häufig interpretierte Geschichte“[5] , und Peter Bekes sagt mit Recht, „für die Interpretation des Textes im Unterricht“ sei „es daher wichtig, dessen Kontext zu beschreiben und zumindest ansatzweise zu erläutern.“[6] Eine ähnliche Meinung vertritt die Freiburger Germanistin Barbara Neymeyr, sie vergleicht „Eine kaiserliche Botschaft“ mit „Vor dem Gesetz“ und stellt fest, beide Parabeln seien nicht nur selbständige Kurztexte, sondern auch „integrale Bestandteile einer größeren Einheit“, nämlich einmal des Romans „Der Proceß“ und dann der Erzäh-lung „Beim Bau der chinesischen Mauer“. Folglich hätten beide Parabeln dort eine kontextuelle beispielhafte Funktion, „weil sie durch die bildhafte Darstellung einer uni-versellen Aporie wesentliche Sinndimensionen des Gesamttextes besonders präg-nant gestalten.“[7]

Gleichwohl möchte ich „Eine kaiserliche Botschaft“, die mir „am Beispiel historisch entrückter Bereiche das Ausbleiben sozialer Kommunikation“[8] zu reflektieren scheint, zunächst ohne den Kontext zu deuten versuchen.

Der einleitende Satz „so heißt es“ (Z. 1) zeigt, dass die Existenz des Kaisers als sehr ungesichert angesehen werden muss. Verstärkt wird dieser Eindruck dadurch, dass Kafka den in der längeren Erzählung in Kommata eingekleideten Einschub in der Parabelfassung durch eine Parenthese hervorgehoben hat: das Volk vermutet eben bloß einen weit im geschichtlichen Dunkel befindlichen Kaiser, „wenn es ihn denn überhaupt gegeben hat.“[9]

Die Erzählerrede der Zeilen 1-9 berichtet, dass der sterbende Kaiser einer anderen erzählten Figur, die in den Formen der 2. Person Singular des Personalpronomens als „du“ (Z. 15 und 25) bzw. „dir“ (Z. 1 und 3) erscheint, „eine Botschaft gesendet“ (Z. 3) habe. Deren Empfänger wird durch drei Appositionen näher gekennzeichnet: er ist ein jämmerlicher Untertan, der „in die fernste Ferne“ geflüchtet ist und als schattenhaftes Wesen von der Existenz „der kaiserlichen Sonne“ (Z. 2) lebt. Allerdings wird das Machtgefälle zwischen dem Kaiser und dem nichtigen Untertanen etwas relativiert, da er als Einziger zum Empfänger der Botschaft bestimmt ist und ihm diese Singularität eine „besondere Dignität“[10] verleiht. Seine Besonderheit wird noch durch die emphatische Repetitio des Dativobjekts „gerade dir“ (Z. 3) hervorge-hoben. Die Botschaft muss wichtig gewesen sein; denn der Narrator erzählt, der Bote habe „niederknien“ müssen, der Kaiser habe sie ihm „ins Ohr geflüstert“, der Bote habe sie ihm „ins Ohr wiedersagen“ müssen und er habe „durch Kopfnicken … die Richtigkeit des Gesagten bestätigt.“ (Z. 4-6) Am Ende des ersten Sinnabschnittes hebt der Erzähler noch einmal die Bedeutung der Botschaft dadurch hervor, dass er betont, bei der Abfertigung des Boten seien „die Großen des Reichs“ (Z. 9) als „Zuschauerschaft seines Todes“ (Z. 7) und Zeugen für die auf den Weg geschickte Botschaft zugegen gewesen.

Bis dahin überwiegt beim Satzbau die Parataxe, es gibt nur einen konsekutiven Gliedsatz, als der Kaiser, um die Wichtigkeit des von ihm Gesagten hervorzuheben, sich den Inhalt „noch ins Ohr wiedersagen ließ“ (Z. 5/ 6). Alle bisher verwendeten Verba stehen, bis auf das „ließ“, im Indikativ Perfekt.

So geht es auch zunächst im zweiten Sinnabschnitt der Zeilen 10-13 weiter, wo der Leser erfährt, dass der Bote sich auf den Weg macht und sich „Bahn durch die Menge“ (Z. 11/ 12) schafft. Sein Aufbruch wird noch im Perfekt erzählt, ab Z. 11 bis Z. 13 wechselt der Narrator bei den Prädikatskernen ins Präsens. Aber alle Verba stehen noch im Indikativ, auch das Verb des ersten Konditionalsatzes (Z. 12), wo der Bote auftretenden Widerstand mit dem „Zeichen der Sonne“ (Z. 12/ 13) überwindet.

Mit dem adversativen „aber“ in Z. 13 beginnt der dritte Sinnabschnitt. Schien bis dahin dem Boten der Weg geebnet zu sein durch Niederreißen der „hindernden Wände“ (Z. 7) oder durch seine dem Auftrag entgegenkommende körperliche Dispo-sition („ein kräftiger, ein unermüdlicher Mann“ (Z. 10/ 11), so suggerierte dies „zu-nächst eine von Hindernissen nicht verstellte Marschroute.“10

Auch der Narrator bekräftigt das: „er kommt auch leicht vorwärts, wie kein ande-rer“ (Z. 13). Mit dem anschließenden „aber“ beginnt jedoch „das aporetische Ge-schehen.“[11] „Der ins Grenzenlose expandierende Weg“ werde „dem Boten zum Ver-hängnis“11, schreibt B. Neymeyr. Durch die Wahl der ab diesem Sinnabschnitt ein-setzenden Hypotaxe nimmt der Erzähler das Scheitern des Boten vorweg. Viermal häufen sich irreale Konditionalsätze (Z. 14-22): wenn sich freies Feld öffnete, wenn ihm dies gelänge, wenn er endlich aus dem äußeren Tor stürzte.

Der emphatische Aussagesatz „wie nutzlos müht er sich ab“ (Z. 16) wird verstärkt durch den zweimal wiederholten Hauptsatz des Konditionalgefüges im Konj. II „nichts wäre gewonnen“ (Z. 18/ 19) und durch die zweimalige Inversion des Adverbials „nie-mals“, es steht in Anfangs- statt in Endstellung nach dem Verbum: „niemals wird er sie überwinden“ (Z. 17) und „niemals, niemals kann (= wird) es geschehen“ (Z. 22). Der Indikativ des echten und des sinngemäßen Futurs drückt eine apodiktische Ge-wissheit aus. Der Blick des Erzählers in die Zukunft über den erfolglosen Botenlauf zeigt eine unwiderlegliche, eine unumstößliche Wahrheit.[12]

Der den Sinnabschnitt abschließende Aussagesatz vor dem Gedankenstrich am Ende der Z. 24 „Niemand dringt hier durch und gar nicht mit der Botschaft eines Toten.“ ist nicht erzähltes Geschehen, sondern ein Kommentar des Narrators zu dem vergeblichen Bemühen des Boten.

Der Erzähler verlässt dann auch den erzählten Ort der „Residenzstadt“, der „Mitte der Welt“, und wendet sich dem Empfänger der nicht ankommenden Botschaft zu, dem an der Peripherie des Reiches lebenden Untertanen. Der, als fiktives Du ange-sprochen, wartet auf „das herrliche Schlagen“ der „Fäuste“ (Z. 15) des Boten an seiner Tür. Den letzten Sinnabschnitt bildet die Z. 25 mit dem letzten Satz der Parabel und dem auslegungsbedürftigen Temporalsatz „wenn der Abend kommt.“ Soll man Abend vordergründig als Zeitangabe verstehen, oder liegt hier ein meta-phorischer Sprachgebrauch vor und der Lebensabend ist gemeint?

Viele Parabeln Kafkas, wie ich sie im Unterricht der gymnasialen Oberstufe behan-delt habe, weisen eine aporetische Struktur auf,[13] wenn ich das aus dem Griechi-schen stammende Wort Aporie richtig verstehe als die „Unmöglichkeit, in einer bestimmten Situation die richtige Entscheidung zu treffen oder zu einer passenden Lösung zu finden“.[14]

Etymologisch setzt sich „Aporie“ nämlich zusammen aus dem Nomen hò póros: Weg, Pfad, Brücke und einem Alpha privativum, so dass die wörtliche Übersetzung Weglosigkeit oder Ausweglosigkeit bedeutete. Kröners Philosophisches Wörterbuch erklärt daher Aporie auch als „Unmöglichkeit, zur Auflösung eines Problems zu gelangen, weil in der Sache selbst oder in den verwendeten Begriffen Widersprüche enthalten sind.“[15]

[...]


[1]) Franz Kafka, Beim Bau der chinesischen Mauer, in: Max Brod (Hrsg.), Franz Kafka, Beschreibung eines Kampfes, Fischer: Frankfurt/ M. o. J. (1964), S. 59 f. und in: Paul Raabe, Franz Kafka, Sämtliche Erzählungen, Fischer: Frankfurt/ M 1970, S. 138 f.

[2]) Editionen für den Literaturunterricht, hg. v. Dietrich Steinbach: Peter Beicken, Franz Kafka. Leben und Werk, Klett: Frankfurt/ M.1986, S. 106

[3]) Literaturwissen für Schule und Studium: Carsten Schlingmann, Franz Kafka, Reclam: Stuttgart 1995, S.123

[4]) Schlingmann, S. 124

[5]) Hartmut Binder, Kafka-Handbuch. Band 2: Das Werk und seine Wirkung, Kröner: Stuttgart 1979, S. 324

[6]) Anregungen für den Literaturunterricht, hg. v. Dietrich Steinbach: Peter Bekes, Verfremdungen. Parabeln von Bertolt Brecht, Franz Kafka, Günter Kunert, Klett: Stuttgart 1988, S. 20

[7]) Barbara Neymeyr, Eine kaiserliche Botschaft, in: Interpretationen: Franz Kafka. Romane und Erzählungen, hg. v. Michael Müller, Reclam: Stuttgart 2003, S. 346

[8]) Beicken, S. 114

[9]) Schlingmann, S. 125

[10]) Neymeyr, S. 348

[11]) Neymeyr, S. 348

[12]) Wahrig. Fremdwörterlexikon von Renate Wahrig-Burfeind, Wissen Media Verlag: Gütersloh/ München (vorm. Bertelsmann Lexikon Verlag) 2004, S. 71

[13]) Lesebuch. Vom Barock bis zur Gegenwart. Lehrerband, bearb. v. Hanns Frericks u. a., Klett: Stuttgart 1987, S. 288 und: Bekes, S. 15

[14]) Der Große Duden in 10 Bänden. Band 5: Fremdwörterbuch, Bibliographisches Institut: Mannheim 1966, S. 61

[15]) Philosophisches Wörterbuch, begr. v. Heinrich Schmidt, neu bearb. v. Georgi Schischkoff, Kröner: Stuttgart 1978, S. 32

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Franz Kafka, Eine kaiserliche Botschaft - Ausführliche Interpretation mit Sekundärliteratur
Autor
Jahr
2012
Seiten
13
Katalognummer
V189436
ISBN (eBook)
9783656152378
ISBN (Buch)
9783656152927
Dateigröße
445 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
erprobtes und bewährtes Material für Studienanfänger, ebenfalls geeignet für die gymnasiale Oberstufe und zur Vorbereitung auf das Abitur im Fach Deutsch
Schlagworte
eine, kaiserliche, botschaft, gymnasium, oberstufe, abitur, germanistik, studienanfänger, parabel, interpretation, textanalyse, die "Kaiserliche Botschaft" als Teil der unvollendeten Erzählung "Bau der Chinesischen Mauer", bildliche Darstellung einer universellen Aporie, ausführliche Textanalyse unter Beachtung der syntaktischen Kohärenz, Frage nach dem Inhalt der Botschaft wird nicht gestellt, die Einbettung der "Sage" in den Kontext des Mauerbaus, der beteiligte Bauführer als zugleich erzählte und erzählende Figur, der Kaiser und die Führerschaft als Ersatzinstanzen für eine verlorene Transzendenz?, das Tertium comparationis der misslungenen Kommunikation, die biographische Deutung sieht in dem Kaiser Kafkas Vater, die Parabel ein Ausdruck einer latenten metaphysischen Sehnsucht oder eines religiösen Zweifels, Kritik an der autoreflexiven Interpretation
Arbeit zitieren
M.A. Gerd Berner (Autor), 2012, Franz Kafka, Eine kaiserliche Botschaft - Ausführliche Interpretation mit Sekundärliteratur, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/189436

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