Interessensgruppen spielen bei den Verhandlungen in vielfacher Weise eine entscheidende Rolle. Besonders in Russland ist ein starkes Lobbyieren der Vertreter, durch Liberalisierung gefährdeter Industriezweige, festzustellen. Besonders in den letzten Jahren scheinen diese Bemühungen auch verstärkte Berücksichtigung in der Russischen Politik zu finden und führten mitunter zu der beschriebenen neuen Protektionismuswelle und einem kurzzeitigen Rückzug Russlands von den Beitrittsverhandlungen. Auf der Seite der EU, welche hauptsächlich offensive Ziele in den Verhandlungen anstrebt, spielen Interessensgruppen nur eine sehr untergeordnete Rolle. Hier lässt sich auch wieder jenes Phänomen ins Spiel bringen, dass eben nur in Gegenwart drohender Verluste, nicht aber möglicher Gewinne, mit verstärkten Lobbyaktivitäten zu rechnen ist (vgl. Dür 2007, 457).
Der Einfluss der Interessensgruppen auf die Dauer des Beitrittsprozesses ist alles in allem, zwar im steigen begriffen, aber dennoch als eher gering zu beschreiben. Das hauptsächliche Problem sind die ideologisch-technisch/systemischen und machtpolitischen-strategischen Differenzen zwischen Russland, der WTO und ihren Mitgliedsstaaten.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
Die Welthandelsorganisation (WTO)
…Forschungsleitende(r) Fragestellung und ergänzende(r) Fragen.
Hypothese
Abgrenzung der Forschung
2. Hauptteil
Sowjetunion/GATT. Eine Frage der Ideologie?
Die Verhandlungspartner: EU-Ru ein ungleiches Paar?
Verhandlung des Russischen Beitritts (I). Ziele und Taktik.
Verhandlung des Russischen Beitritts (II). Knackpunkte u. Themen
Resümee
3. Beantwortung der Fragestellung
Hypothese
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit analysiert die langwierigen WTO-Beitrittsverhandlungen Russlands unter besonderer Berücksichtigung der EU-Russland-Beziehungen und untersucht, inwiefern machtpolitische Interessen gegenüber ökonomischen Erwägungen dominieren.
- Entwicklung des WTO-Beitrittsprozesses Russlands seit 1993
- Rolle geopolitischer Strategien im Vergleich zu wirtschaftlichen Faktoren
- Analyse der EU-Verhandlungstaktiken (Issue Linkage)
- Russlands Streben nach machtpolitischer Einflussnahme auf der Weltbühne
- Identifikation zentraler Stolpersteine wie Energiepreise und Protektionismus
Auszug aus dem Buch
Die Verhandlungspartner: EU-Ru ein ungleiches Paar?
RUSSISCHE FÖDERATION. Der Systemwechsel, hin zur Demokratie und Marktwirtschaft, stellte (und stellt) in Russland einen langwierigen und schwierigen Prozess dar. Im Unterschied zu anderen Staaten des Ostblocks konnten die Nachfolgestaaten der UdSSR, darunter auch Russland, an keine marktwirtschaftlichen Traditionen anschließen. Zudem war das, auf zentrale staatliche Planung ausgelegte, Wirtschaftssystem im Kernstaat des Ostblocks weitaus tiefer verwurzelt als in der Peripherie. Nachwirkungen sind dadurch in manchen Bereichen und Strukturen auch 19 Jahre nach der Wende spürbar (vgl. Cooper 2008, 7). Besonders die, auf das Militär und dessen Anforderungen zugeschnittene und aufgeblähten Wirtschaftssektoren, sowie das Fehlen eines leistungsfähigen Dienstleistungssektors, bremsen die Reformen. Jegliche Einschnitte, etwa im Bereich unrentabel gewordener Mienen und Bergwerke, ziehen einen Anstieg der Beschäftigungslosigkeit nach sich, der wirtschaftlich kaum kompensiert und politisch nicht gerechtfertigt werden kann (vgl. Hare 2004, 21).
Allen Wiedrigkeiten zum Trotz schaffte es Russland eine Phase der Rezession in den 1990er Jahren hinter sich zu lassen und seit 1999 wieder überdurchschnittlich hohe Wachstumsraten und Handelsbilanzüberschüsse zu verzeichnen. Großteils erbracht werden die positiven Wirtschaftsdaten durch die, auf fossile Energieträger und Rohstoffe zugeschnittene und auf wenige Industrien begrenzte, Exportwirtschaft. Aus der daraus folgenden, geringen Diversifizierung ergibt sich auch eine sozial höchst ungleiche Verteilung der erwirtschafteten Gewinne zu Gunsten der politisch und gesellschaftlich einflussreichen Oligarchie (vgl. Cooper 2008, 6). Der Reichtum des Landes an natürlichen Ressourcen ist es auch, der im Zeitalter der weltweit knapp werdenden Erdölreserven das russische Selbstbewusstsein rasch wieder aufbaut, was nicht nur die Ukraine im jüngsten Gasstreit 08/09 vor Augen geführt bekam.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Dieses Kapitel führt in die Grundlagen der WTO ein, formuliert die Forschungsfrage bezüglich der langen Verhandlungsdauer des russischen Beitritts und stellt die Arbeitshypothese auf.
2. Hauptteil: Dieser Abschnitt analysiert historisch die Beziehungen der Sowjetunion zum GATT, beleuchtet die asymmetrische Partnerschaft zwischen der EU und Russland und untersucht detailliert die verschiedenen Phasen und Stolpersteine des Beitrittsprozesses.
3. Beantwortung der Fragestellung: Das abschließende Kapitel synthetisiert die Ergebnisse, bewertet den Einfluss von Interessensgruppen und verifiziert die eingangs aufgestellte Hypothese über die Machtpolitik Russlands.
Schlüsselwörter
Welthandel, WTO, Russland, EU, Beitrittsverhandlungen, GATT, Außenhandel, Geopolitik, Energie, Protektionismus, Liberalisierung, Machtpolitik, Systemtransformation, Marktwirtschaft, Interessensgruppen
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Hintergründe und Ursachen für die historisch außergewöhnlich lange Dauer des russischen Beitrittsprozesses zur Welthandelsorganisation (WTO).
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die zentralen Themen sind der Systemwechsel Russlands nach 1991, die Handelsbeziehungen zwischen der EU und Russland sowie die Verhandlungstaktiken beider Seiten im Kontext der WTO.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist zu analysieren, welche Interessenskonstellationen die Verhandlungen prägen und inwieweit diese mit der langen Verhandlungsdauer in Verbindung stehen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine politikwissenschaftliche Analyse der bilateralen Verhandlungsdynamiken, unter Einbeziehung von Strategiepapieren und wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine historische Analyse der Sowjet-GATT-Beziehungen, einen Vergleich der Akteure (EU vs. Russland) sowie eine Untersuchung der konkreten Verhandlungsphasen und strittiger Themen wie Energiepreise und Protektionismus.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Welthandel, WTO, Russland, EU, Beitrittsverhandlungen, Machtpolitik und Systemtransformation.
Wie bewertet die Arbeit die Rolle der Energieabhängigkeit?
Die Abhängigkeit der EU von russischen Energieexporten wird als zentrales Machtinstrument Russlands identifiziert, das die Verhandlungsposition Moskaus stärkt und als Druckmittel gegen die EU eingesetzt wird.
Warum wird der "Issue Linkage"-Ansatz der EU kritisiert?
Der Ansatz, den Beitritt an andere politische Forderungen zu knüpfen, wird kritisiert, da er lediglich Probleme aufschob und die russische Seite dazu motivierte, eine erpressungsresistente Haltung einzunehmen.
Hat Russland tatsächlich einen Beitritt zur WTO angestrebt?
Die Arbeit kommt zu dem Schluss, dass Russland zwar formell Beitrittsverhandlungen führte, das Streben nach machtpolitischem Einfluss und die Verteidigung nationaler Interessen jedoch zeitweise wichtiger waren als eine rasche Integration in das globale Handelssystem.
- Arbeit zitieren
- BA Markus Philipp Vogtenhuber (Autor:in), 2010, Beitrittsverfahren oder verfahrener Beitritt?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/189450