Das Verhältnis von Mensch, Natur und Religion in der Lyrik Lamartines


Hausarbeit, 2008
19 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhaltverzeichnis

1. Einleitung

2. Die französische Romantik

3. Alphonse de Lamartine

4. Méditations poétiques
4.1 Le Lac
4.2 Le Vallon
4.3 L’Isolement
4.4 L’Immortalité
4.5 Le poète mourant

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts setzt sich die Romantik in Frankreich durch und löst die Epoche der Aufklärung und des Klassizismus ab. Mit dieser literarischen Bewegung erlebt die Lyrik in Frankreich erstmals seit der Renaissance wieder eine Blütezeit. Zu den herausragenden Personen der französischen Romantik gehört Alphonse de Lamartine. Er war Politiker und Dichter, ein Adeliger, der sich für die Demokratie einsetzte, ein Mann des Handelns in seiner diplomatischen und politischen Laufbahn, aber auch jemand, der Muße und Lebensgenuss zu schätzen wusste. Aufgrund seiner Erziehung fühlte er sich zur katholischen Kirche gehörig. Er neigte sich jedoch mehr und mehr einem Deismus voltairscher Art zu, der die Präsenz Gottes in der Natur sucht und findet. Als Dichter steht Lamartine am Beginn der französischen Romantik. Die Entdeckung und Bedeutung des "Ich", ein wesentlicher Charakterzug der Romantik, die Beschreibung persönlicher Gefühle und Befindlichkeiten, sowie der Bezug des Menschen zur Natur spiegelt sich in der Lyrik des Dichters wider. Seine im Jahre 1820 veröffentlichte Gedichtsammlung Méditations poétiques macht Lamartine zu einem der erfolgreichsten und bedeutendsten Dichter der französischen Romantik.

In der vorliegenden Seminararbeit werde ich Lamartines Auffassung zur Naturerfahrung und der Empfindsamkeit des lyrischen Ichs, seine Einstellung zur Gesellschaft und seine Religiosität und Charakteristika seiner Poetik anhand von vier Gedichten aus den Meditations Poétiques (1820) und einem Gedicht aus den Nouvelles méditations poétiques (1823) verdeutlichen. Zu Beginn werde ich in Kapitel 2 versuchen den Begriff romantisme auf der Grundlage von Primär- und Sekundärliteratur zu definieren. Hierbei werde ich v. a. auf die Entstehung der Romantik in Frankreich sowie deren wichtigste Vertreter eingehen. Es folgt eine Biographie von Alphonse de Lamartine, die für die im Anschluss folgende Gedichtanalyse relevant ist. Die Informationen zur Vita des französischen Dichters habe ich überwiegend Internetquellen entnommen. Das vierte Kapitel bildet den Hauptteil dieser Arbeit. Zunächst werde ich die Meditations poétiques kurz vorstellen und die Auswahl der Gedichte für die anschließende Interpretation begründen. Anschließend werde ich in den Gedichten Le Lac, Le Vallon, L’Isolement, L’Immortalité und Le Poète Mourant primär auf das Verhältnis von Mensch, Natur und Religion eingehen. Im Schlussteil erfolgt als Fazit eine Würdigung der Poesie Lamartines mit einigen Anmerkungen zur Rezeption seines lyrischen Werkes in seiner Zeit.

2. Die französische Romantik

Die Romantik ist eine europäische künstlerische Bewegung, die in Deutschland und England als Reaktion auf die französische Aufklärung und auf die Strenge des durch die Antike inspirierten Klassizismus entstanden ist. Laut Jürgen Grimm sei die Romantik in Frankreich jedoch nicht nur als „simple Reaktion gegen die Aufklärung, als der Triumph von Gefühl und Individualität gegen Rationalismus und Vernunftglauben“ (GRIMM 2006: 262) zu verstehen. Romantik bedeutet vielmehr die Abwendung von der Antike und von klassischen Vorbildern. Als Romantiker werden infolgedessen die Autoren bezeichnet, die sich von den klassischen Formen abwenden und über Themen aus ihrer eigenen Kultur und Geschichte schreiben. Ihr primäres Ziel ist die Einbeziehung aller Aspekte der menschlichen Natur. Die Dichter der Romantik verstehen sich selbst als école moderne. Diese Bezeichnung ist in den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts als Synonym zu romantisme üblich. Baudelaire nennt die Schule später „expression de la société moderne“. (ebd.).

Als Beginn der Romantik in Frankreich wird als historische Festlegung i. d. R. die Niederlage Napoleons im Jahre 1815 angeführt. Weitere entscheidende historisch-politische Daten für die Periodisierung der literarischen Entwicklung sind die Julirevolution von 1830 und der Untergang der II. Republik im Staatstreich Louis Napoleons im Jahre 1851 (vgl. GRIMM 2006: 263). Als erste Manifestation der Romantik in Frankreich betrachtet man in der Literaturgeschichte eine Reihe von Veröffentlichungen. Chateaubriand, der als Begründer der Romantik in Frankreich gilt, regte mit seiner Apologie Le Génie du Christianisme (1802) die geistige und literarische Bewegung der Romantik an. Ein weiterer Meilenstein für die Entstehung der Romantik in Frankreich ist die Abhandlung De la littérature considérée dans ses rapports avec les institutions sociales (1800) von Mme de Staël. Die Blütezeit der französischen Romantik beginnt jedoch erst nach der Begegnung mit der zeitgenössischen deutschen Literatur. In ihrem Werk De l’Allemagne (1813) versucht Mme de Staël, die zeitweise mit August Wilhelm Schlegel liiert war, den Franzosen ein stark idealisiertes Deutschland als Kontrast und als Vorbild für das von Napoleon zentralistisch und diktatorisch regierte Frankreich zu zeigen. (http://www.frankreich-experte.de/fr/6/lit/stael.html). Die gesamteuropäische Romantik erhält wiederum richtungweisende Impulse durch die Poetologie Victor Hugos, der sich in seinem Vorwort zum Drama Cromwell (1827) gegen das strenge Stilprinzip der französischen Klassik ausspricht und die Befreiung der Kunst von «l e despotisme des systèmes, des codes et des reglès » (GRIMM/ HAUSMANN/ MIETHING 1997: 64). fordert. La Préface de Cromwell (1827) wird seither als Manifest der französischen Romantik betrachtet. (vgl. ebd.).

Die großen Dichter der Romantik sehen sich in der Bewegung des romantisme als Repräsentanten einer modernen Kunst. Lamartine definiert sie in seiner Antrittsrede zur Aufnahme in die Académie française (Discours de réception à l'Académie française, 1830) als Aufbruch einer neuen Generation mit neuen Ideen: «Le romantisme, c'est la montée d'une nouvelle génération où les idées et l'esprit vont régner sur le monde.» (CHASSANG/ SENNINGER 1958: 199). Im Jahre 1830 wird die Romantik von Victor Hugo als Liberalismus in der Literatur bezeichnet: «Le romantisme … n’est que … le libéralisme en littérature.» (GRIMM 2006: 267). Vier Jahre später setzt er die Romantik mit dem Sozialismus gleich: «Romantisme et socialisme, c’est le même fait.» (ebd.: 263). In seinem Werk William Shakespeare (1864) sieht Victor Hugo im 19. Jahrhundert als Reaktion auf die Französische Revolution im romantisme den Aufbruch in ein neues literarisches Zeitalter: «La révolution a clos un siècle et commencé l'autre.» (http://www.site-magister.com/romantis.htm). Stendhal hebt die Romantik von der Klassik ab, indem er Zeitnähe und Modernität der Romantik betont:

Le romanticisme est l'art de présenter aux peuples les œuvres littéraires qui, dans l'état actuel de leurs habitudes et de leurs croyances, sont susceptibles de leur donner le plus de plaisir possible. Le classicisme, au contraire, leur présente la littérature qui donnait le plus grand plaisir à leurs arrière-grands-pères. (ebd.).

Baudelaire hebt die Gefühlsebene in der romantischen Lyrik hervor. Er definiert die Romantik wie folgt: «Le romantisme n’est précisément ni dans le choix des sujets ni dans la vérité exacte, mais dans la manière de sentir.» (BAUDELAIRE 1947-1976: 421). Die Romantik bedeutet für ihn der Ausdruck des Schönen: « […] le romantisme est l’expression la plus récente, la plus actuelle du beau.» (ebd.). Darüber hinaus betrachtet Baudelaire die Romantik als moderne Auffassung von Kunst und Literatur: «Qui dit romantisme dit art moderne […] » (ebd.)

Im Allgemeinen versteht man unter romantisme die Hinwendung zu Natur, Gefühl, Sensibilität, Traum, Unbewusstem, Sublimen, Vergangenheit und Exotischem. Die Grundsteine der Romantik sind Gefühl, Individualität und individuelles Erleben sowie Seele - v. a. die psychisch gequälte Seele. Inhaltliches Kennzeichen der Romantik ist die Exaltation des lyrischen Ichs. Man kann die Romantik als eine Ästhetik des Ichs (esthétique du "Moi") bezeichnen. Im Gegensatz zur Klassik, die die Unpersönlichkeit des Kunstwerkes betont, geht es sich in der Romantik darum, die eigene Sensibilität, die Eigenheit der Person, die Darstellung von Leidenschaft und Trauer darzustellen. Die Irrationalität des Menschen wird hervorgehoben, das Individuum der Gesellschaft gegenübergestellt. Der Romantiker sucht in der Natur und in entlegenen Landschaften Zuflucht vor den Leidenschaften, die ihn aufrühren. Die Darstellung der Gefühle, die die Naturschönheiten oder exotische Landschaften evozieren, zeichnet besonders die Lyrik aus. Flucht, aber auch trotzige Reaktion auf leidvolle Erfahrung sind ihre inhaltlichen Kennzeichen. (vgl. FOREST/ CONIO 1993: 187-188, Aron/ Saint-Jacques/ Viala 2002: 534-535).

Durch die Verbindung von Poesie und christlicher Religiosität in der Naturerfahrung manifestiert sich in der Lyrik der Romantik eine künstlerische Sensibilität. Gleichzeitig manifestiert sich aber auch v. a. bei Lamartine und Victor Hugo die Verherrlichung christlicher Werte und das Bewusstsein sozialer Verantwortung. Lamartines christliche Ideale fanden nicht den Beifall der Kirche; sie waren zu sehr der Freiheit des Individuums und der Schönheit der Natur zugewandt. Als Politiker setzte sich Alphonse de Lamartine ebenso wie Victor Hugo gegen Diktatur und Staatsautorität zur Wehr. Lamartine zog für sich daraus die persönliche Konsequenz und verzichtete auf politische Ämter unter Napoléon Louis Bonaparte. Die Aufnahme Victor Hugos in die Académie française am 7. Januar 1841 trägt letztendlich zum Triumph der Romantik in Frankreich bei (http://www.academie-francaise .fr/immortels/index.html).

3. Alphonse de Lamartine (1790 – 1869)

Alphonse Marie Louis Prat de Lamartine wurde am 21. Oktober 1790 als einziger Sohn einer adligen Familie in Mâcon geboren. In seiner Kindheit wird er von seiner streng katholischen Mutter Alix de Lamartine erzogen. Bis 1800 besucht Alphonse de Lamartine die Schule der Pfarrei von Bussière, wo er von dem Abbé Dumont unterrichtet wird. Anschließend wird er auf ein Internat in Lyon geschickt, welches er aber nach zwei Jahren verlässt. Seine restliche Schulzeit verbringt er auf einem Jesuitenkolleg in Belley, in dem er eine liberalere Erziehung erfährt, durch die er seine Empfindsamkeit, seine Naturliebe und seine Religiosität entwickeln kann. Hier schreibt er seine ersten Verse. Von 1808 bis 1819 verlebt er in seiner Familie eine Zeit der Muße, in der er sich vielerlei Studien zuwenden kann: Er liest u. a. die Bibel, Chateaubriand, Mme de Staël und Rousseau (www.comptoirlitteraire.com/uploads/2007/07/lamartine.doc). Im Alter von 21 Jahren unternimmt Lamartine mit seinem Freund Aymon de Virieu eine Bildungsreise in das zu dieser Zeit von Frankreich beherrschte Italien. Er hält sich insbesondere in Rom und noch längere Zeit in Neapel auf, wo er eine junge Frau namens Antoniella Jacomino kennen und lieben lernt, die er später in seinem Roman Graziella (1852) verarbeitet (http://www.etudes-litteraires.com/lamartine-biographie.php). Im Jahre 1812 wird Alphonse de Lamartine mit seinen gerade 22 Jahren zum Bürgermeister von Milly ernannt. Nach dem Sturz Napoleons (1814) und der Rückkehr der Bourbonen auf den französischen Thron dient er dem damaligen König Louis XVIII. als Gardeoffizier in Beauvais und Paris. Seine militärische Laufbahn gibt Lamartine jedoch nach einem Jahr wieder auf. (http://www.anthologie. free.fr/anthologie/lamartine/lamartine.htm). Im Oktober 1816 lernt er während eines Kuraufenthaltes in Aix-les-Bains eine weitere für seine Dichtung bedeutende Person kennen. Am See von Bourget verliebt er sich in die Pariserin Mme Julie Chales (geb. Bouchaud des Hérettes), die dort wegen einer Tuberkuloseerkrankung kuriert. Die Begegnung der jungen Frau mit Alphonse de Lamartine wird vor allem in dem Gedicht Le Lac thematisiert. Zur verabredeten neuen gemeinsamen Kur im Jahre 1817 kommt es jedoch nicht mehr, da Mme Charles aufgrund ihrer Erkrankung noch im selben Jahr stirbt. Lamartine ist zutiefst erschüttert von dem frühen Tod seiner Geliebten. In seiner Lyrik äußert der Dichter seine Trauer und Verzweiflung in elegischen Versen (www.comptoirlit teraire.com/uploads/2007/07/lamartine.doc). Am 5. Juni 1820 heiratet Lamartine die protestantische Engländerin Mary-Anne-Elisa Birch in Chambéry, die er ein Jahr zuvor auf der Hochzeit seiner Schwester kennengelernt hat. Als Dichter ist Lamartine zu dieser Zeit äußerst erfolgreich. Im März 1820 erscheint ein Sammelband mit Gedichten aus den vorangegangenen Jahren mit dem Titel: Méditations poétiques (poetische Betrachtungen). Diese relativ kleine Gedichtsammlung, die etwa 118 Seiten umfasst, ist zu dieser Zeit überaus erfolgreich und macht Lamartine schlagartig bekannt. Die Méditations poétiques bedeuten zugleich den Durchbuch der romantischen Lyrik in Frankreich, d. h. einer Lyrik, die sich nicht mehr vorwiegend an den gebildeten Intellekt und Schönheitssinn richtete, sondern an Leidenschaften, Stimmungen, erotische und religiöse Sehnsüchte, Träumereien und Natureindrücke. Drei Jahre später versucht Lamartine mit dem Band Nouvelles méditations poétiques an den Erfolg der Vorgängersammlung anzuknüpfen, was ihm jedoch nur teilweise gelingt. Darüber hinaus veröffentlicht er im Jahre 1830 die Gedichtsammlung Harmonies poétiques et religieuses (http://www.anthologie.free.fr/anthologie/ lamartine/lamartine.htm).

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Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Das Verhältnis von Mensch, Natur und Religion in der Lyrik Lamartines
Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen  (Institut für Romanistik)
Veranstaltung
Seminar: Die französische Lyrik der Romantik
Note
2,3
Autor
Jahr
2008
Seiten
19
Katalognummer
V189482
ISBN (eBook)
9783656136019
ISBN (Buch)
9783656136675
Dateigröße
548 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Lamartine, Religion, médiations poétiques, Natur, Lyrik, Romantik
Arbeit zitieren
Anni St. (Autor), 2008, Das Verhältnis von Mensch, Natur und Religion in der Lyrik Lamartines , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/189482

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