Vergleich der Migrationsregime Kanadas und Deutschlands

Kanada als Vorbild für die deutsche Migrationspolitik?


Bachelorarbeit, 2011
47 Seiten, Note: 1,6

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Begriffe
2.1 „Ausländer_innen“
2.2 Bildungsausländer_innen
2.3 Migrant_innen
2.4 Regime

3. Kulturelles Kapital und der Kampf um Anerkennung
3.1 Axel Honneths „Konzept der Anerkennung“
3.2 Pierre Bourdieus Kulturtheorie

4. Situation in Deutschland
4.1 Anzahl der Einwander_innen
4.2 Das deutsche Zuwanderungsgesetz
4.3 Aufenthaltsgesetz

5. Situation in Kanada
5.1 Anzahl der Einwander_innen
5.2 Das kanadische Migrationsregime im Wandel der Zeit
5.3 Das kanadische Punktesystem
5.4 Integrationsprogramme als Erleichterung des Einstiegs in den Arbeitsmarkt
5.5 Probleme des kanadischen Modells

6. Schwierigkeiten der Übertragung

7. Kanadische Grenze vs. Schengen-Raum

8. Fazit

Literatur

1. Einleitung

Nicht erst seit Thilo Sarrazins heiß diskutiertem Buch „Deutschland schafft sich ab“ ist das Thema Einwanderung in den deutschen Medien überdurchschnittlich präsent. So sorgte es nicht nur für einen empörten Aufschrei eines großen Teils der politischen Elite, sondern stieß im Gegensatz dazu vor allem in der Bevölkerung auf teils breite Zustimmung. Besonders die stark polemisch vorgetragene Ablehnung der Zuwanderung von Menschen aus mehrheitlich islamisch geprägten Gesellschaften zeichnet eine deutliche Trennlinie: Während Bundespräsident Christian Wulff den Islam als Teil des deutschen Gemeinwesens und damit nicht negierbare Realität charakterisiert1, attestiert CSU-Chef Horst Seehofer, „dass wir keine zusätzliche Zuwanderung aus anderen Kulturkreisen brauchen.“ 2

Gleichzeitig schafft es mit dem von verschiedenen Akteur_innen3 prognostizierten Fachkräftemängel in der deutschen Industrie ein weiteres Thema immer wieder auf die Agenda der politisch Handelnden, auch wenn die Auseinandersetzung darum ähnlich kontrovers geführt wird, wie im Fall der Islamdebatte. Gerade mit Blick auf den beispielsweise vom Statistischen Bundesamt prognostizierten Demographischen Wandel ist zukünftig von einem Mangel an hinreichend qualifizierten Arbeitnehmer_innen und einer ernsthaften Gefährdung des Wirtschaftsstandortes Deutschlands auszugehen.4 Während das Fehlen qualifizierter Arbeitskräfte sowie die drohende Überalterung der Gesellschaft — 2060 soll „dann jeder Dritte mindestens 65 Lebensjahre durchlebt haben – jeder Siebente wird sogar 80 Jahre oder älter sein“ 5 — an sich im allgemeinen als Konsens betrachtet werden können, entzündet sich der Streit vor allem an den unterschiedlichen Ansichten, wie diesen begegnet werden kann. So wird zwar immer wieder versucht, gerade technische Ausbildungs- und Studiengänge für Schulabsolvent_innen attraktiver zu gestalten, gleichzeitig findet sich hier jedoch eine starke inhaltliche Überschneidung zur Einwanderungspolitik speziell in der Frage, ob die gezielte Anwerbung von Zuwander_innen als eine adäquate und politisch vermittelbare Lösungsstrategie für die Probleme des Arbeitsmarkts betrachtet werden kann. Eine entsprechende Richtung gab die Bundesregierung spätestens auf ihrer Klausurtagung in Merseburg am 23./24. August 2007 vor, als beschlossen wurde, den Fachkräftemängel verstärkt in den Blick zu nehmen und mittels eines umfangreichen Monitorings eine Ermittlung des Bedarfs an Fachkräften durchzuführen und daraus ein Konzept der arbeitsmarktadäquaten Zuwanderungsregulierung zu entwickeln.6 Dabei handelt es sich um eine Überlegung, die, wenn man den Blick auf klassische Einwanderungsgesellschaften wie beispielsweise Kanada richtet, keinesfalls ein rein deutsches Phänomen beschreibt. Bereits in den 1960er Jahren setzte die kanadische Regierung eine Neugestaltung der staatlichen Immigrationssteuerung um, deren Kern die Ansicht bildet, „dass Einwanderer entscheidend zum Wohlstand des Gemeinwesens beitragen und volkswirtschaftlicher Erfolg eng an den Zuzug von qualifizierten Ausländerinnen und Ausländern geknüpft ist.“ 7 Auch in Deutschland stellen hochqualifizierte Bildungsausländer_innen8 trotz der bis auf wenige Ausnahmen, wie beispielsweise die „Greencard-Initiative“ zur Anwerbung von IT-Spezialist_innen ab dem Jahr 2000, fehlenden gezielten Anwerbung eine nicht zu vernachlässigende Größe dar. Deutlich wird dies darin, dass bereits jetzt 7,84 % der Hochqualifizierten im Alter von 31 bis 45 sogenannte Bildungsausländer_innen sind.9

Anders als in Kanada steht der Bundesrepublik Deutschland die Umstellung auf ein Organisationsprinzip, dessen zentrale Maxime und primäre politische Legitimationsgrundlage ökonomischer Wohlstand und wirtschaftlicher Nutzen sind, noch bevor bzw. stellt sich die Frage, ob dieses überhaupt gewollt ist. Zweifellos jedoch hat es nicht nur entscheidende Auswirkungen auf die Gestaltung der Einwanderung, sondern benötigt vor allem einen „Multikulturalismus, der sich als staatliche Praxis des Schutzes kultureller Identität wie auch als Ethos der Pluralität und der zwanglosen Integration von Immigranten beschreiben lässt.“ 10 So wurde im kanadischen „Multiculturalism Act“ aus dem Jahr 1988 neben der rechtlichen Festschreibung, dass die Anerkennung und Förderung von verschiedenen Kulturen ein Rechtsgut sei, der Schutz sprachlicher und ethnisch-kultureller Minderheiten auf eine Ebene mit dem Schutz der Vielzahl individueller Freiheitsrechte gebracht.11 Entscheidend für die gute Situation der Einwander_innen speziell in Kanada ist neben der Erteilung des entsprechenden Aufenthaltsstatus die gute Integration in den Arbeitsmarkt, welche durch das überdurchschnittlich hohe Bildungsniveau der zugewanderten Personen stark erleichtert wird.12 Eine Tatsache, die besondere Bedeutung gewinnt, wenn man bedenkt, dass beispielsweise in Deutschland fast 50 Prozent der im Ausland geborenen Bevölkerung lediglich über einen einfachen Schulabschluss verfügt.

Dabei hat sich die kanadische Einwanderungspolitik in den vergangen vier Jahrzehnten einem bedeutsamen Wandel unterzogen, ging diesem Ethos der Pluralität doch die „Idee des nation building“ 13 voraus, also die Orientierung an der Schaffung und Erhaltung einer homogenen „nationalen Gemeinschaft“ und der damit verbundenen ethnisch-kulturellen Identität nach dem Vorbild europäischer Nationalstaaten. Eine Idee, die gerade in Deutschland noch nicht überwunden scheint.

Zukünftig werden sich weder die Bundesrepublik Deutschland im Speziellen noch die Europäische Union im Allgemeinen dagegen verweigern können, gezielt um den Zuzug hochqualifizierter Arbeitnehmer_innen aus dem Ausland zu werben. Längst ist ein Wettbewerb um die am besten ausgebildeten Fachkräfte entstanden, dem zwar beispielsweise die Europäische Kommission mit einer „Blue Card“-Initiative, die den europäischen Arbeitsmarkt für ausgewählte Gruppen Hochqualifizierter öffnen soll, begegnet, die deutsche Politik jedoch mehr oder weniger ratlos gegenübersteht. So forderte zwar jüngst die Partei Bündnis 90/Die Grünen die Bundesregierung auf, die Einwanderung sowie die Anwerbung ausländischer Fachkräfte zukünftig mittels eines Punktesystems nach dem Vorbild der USA und Kanada zu organisieren14, gleichzeitig besteht jedoch immer noch kein politischer und öffentlicher Konsens darüber, dass Deutschland ein „Einwanderungsland“ sei.

Es stellt sich also nicht nur die Frage, wie Migration in den beiden Ländern organisiert ist, sondern auch unter welchen Bedingungen diese Gegenwärtig schon stattfindet. Dazu sollen die Migrationsregime Kanadas und Deutschlands vergleichend betrachtet und die Frage nach einer möglichen Übertragbarkeit untersucht werden. Spezielles Augenmerk gilt neben den reinen Zahlen von sich im Land aufhaltenden Migrant_innen dabei den Verfahren und gesetzlichen Regelungen für den Zuzug und die Anwerbung hochqualifizierter und gut ausgebildeter Fachkräfte, die nicht in Deutschland geboren worden sind. Diese Reduzierung auf einen Ausschnitt der einwandernden Menschen wird notwendig, da verschiedene Migrationsmotive nicht unwesentlich über die Integration in den Arbeitsmarkt im Vergleich zum mitgebrachten Bildungsabschlusses stehen. So sind beispielsweise Menschen, deren Motiv zum Verlassen des Herkunftslandes Flucht ist, eher bereit, eine Inklusion in den Arbeitsmarkt weit unterhalb ihres akademischen Niveaus hinzunehmen, als sogenannte „economic immigrants“, welche aus Erwerbsgründen migrieren.15 Weiterhin gilt der Blick nicht nur dem formalen Prozess der Anwerbung und Einreise, sondern auch dem Aufenthaltstatus sowie der Frage nach dem Zugang zum Arbeitsmarkt. Dabei werden unter Anwendung des Kulturkonzepts von Pierre Bourdieu sowie des Anerkennungskonzepts Axel Honneth‘s wichtige Grundlagen und Voraussetzungen einer gelungenen Integration als nächster Schritt der Einwanderung beschrieben. Gerade mit Blick auf die Anerkennung von Bildungstiteln sollen die Überlegungen Bourdieu‘s angelegt werden, der kulturelles Kapital als vorläufigen Endpunkt der Verwertung von Wissen und Können, also die adäquate Nutzung des erreichten Bildungsniveaus beschreibt.16 Dabei gilt es auch zu untersuchen, ob die Beschränkung der Verfestigung des Aufenthalts von Migrant_innen nicht nur formalrechtlich behindert, sondern durch unterschiedlichste Mechanismen der Exklusion, speziell die erschwerte Generierung sozialer Anerkennung beschränkt wird.

2. Begriffe

2.1 „Ausländer_innen“

Die rechtsstaatliche Definition, nach der Menschen in Deutschland als „Ausländer_innen 17 gelten, lässt sich ohne Weiteres aus Artikel 116 Absatz 1 des Grundgesetzes ableiten: „Deutscher im Sinne dieses Grundgesetztes ist vorbehaltlich anderweitiger gesetzlicher Regelung, wer die deutsche Staatsangehörigkeit besitzt oder als Flüchtling oder Vertriebener deutscher Volkszugehörigkeit oder als dessen Ehegatte oder Abkömmling in dem Gebiete des Deutschen Reiches nach dem Stande vom 31. Dezember 1937 Aufnahme gefunden hat.“ 18 Als „Ausländer_innen , also als „Nicht- Deutsche“, werden folglich — anders als Deutsche, die gleichzeitig eine zweite Staatsanhörigkeit besitzen — auch staatenlose Personen bzw. Menschen, deren Staatsangehörigkeit ungeklärt ist, bezeichnet und entsprechend in der Bevölkerungsstatistik erfasst. Nicht gezählt werden jedoch Mitglieder der Stationierungsstreitkräfte sowie von diplomatischen und konsularischen Vertretungen, da diese nicht den Bestimmungen des Aufenthaltsgesetzes unterliegen.19

Tatsächlich wird der Begriff „Ausländer_in“ im öffentlichen Sprachgebrauch oft sehr diffus gebraucht, so werden darunter von vielen Menschen generell Personen subsumiert, die ihnen als „nicht-deutsch“ erscheinen, wie beispielsweise Deutsche mit so genanntem Migrationshintergrund oder Personen, deren äußeres Erscheinungsbild nicht dem mehrheitlich als deutsch wahrgenommenen Durchschnitt entsprechen — sofern es diesen verifizierbar gibt. Wenn in dieser Arbeit die Rede von „Ausländer_innen“ ist, sind dabei tatsächlich jedoch nur die Menschen gemeint, die nach dem Grundgesetz als solche zu bezeichnen sind.

2.2 Bildungsausländer_innen

Das Begriffspaar „Bildungsausländer_in“ – „Bildungsinländer_in“ referiert auf den Ort des Erwerbs der Hochschulzugangsberechtigung, in Deutschland beispielsweise des Abiturs. Als Bildungsausländer_innen werden folglich Studierende und Absolvent_innen ohne deutsche Staatsbürgerschaft bezeichnet, die ihre Hochschulzugangsberechtigung im Ausland erworben haben und zwecks eines Hochschulstudiums nach Deutschland reisen. Von ihnen unterschieden werden so genannte Bildungsinländer_innen, „die über eine deutsche Hochschulzugangsberechtigung verfügen, zu einem großen Teil in Deutschland geboren sind, aber nicht die deutsche Staatsangehörigkeit besitzen und in diesem Sinne keine Migranten sind.“ 20

75,4 Prozent der im Wintersemester 2008/2009 an deutschen Hochschulen immatrikulierten Studierenden ohne deutsche Staatsangehörigkeit waren Bildungsausländer_innen, was in absoluten Zahlen 180.222 Bildungsausländer_innen gegenüber 58.921 Bildungsinländer_innen entspricht.

2.3 Migrant_innen

Im Vergleich zum Begriff der „Ausländer_innen“, betrifft die Definiton von „Migrant_in“ deutlich mehr Menschen. Sie umfasst alle Personen, „die nach 1949 in das heutige Gebiet der Bundesrepublik Deutschland zugezogen sind [...] und alle in Deutschland als Deutsche Geborene mit zumindest einem zugezogenen oder als Ausländer in Deutschland geborenen Elternteil.“ 21

Generell meint Migration eine Wanderungsbewegung von Individuen, Gruppen oder ganzen Gesellschaften, die, gleich welcher Verursachung, stets mit einem dauerhaften oder vorübergehenden Wechsel des Wohnsitzes verbunden ist.22 Sie stellt dabei in aller Regel den Versuch dar, die eigene Lebenslage zu verbessern, indem ein Entkommen aus den widrigen Bedingungen der jeweiligen sozialen Umwelt angestrebt wird. Unterschieden werden kann sie hinsichtlich verschiedenster Faktoren wie des Migrationsmotivs — Flucht vs. Arbeitsmigration —, in Bezug auf betroffene politische Einheiten, genannt seien grenzüberschreitende und Binnenmigration, sowie hinsichtlich einer Wiederholung von Aus- bzw. Einwanderungsbewegungen im Sinne einer mehrfachen oder gar saisonalen Pendelwanderung.

Eine Steuerung findet auf der Ebene der Migrant_innen hinsichtlich Ausmaß und Richtung durch Push- und Pull-Faktoren statt: So schieben Push-Faktoren, wie beispielsweise Übervölkerung, Armut oder Verfolgung die Menschen aus ihrer ursprünglichen Heimat heraus, während tatsächlich vorhandene oder zumindest angenommene Pull-Faktoren wie Wohlstand, Freiheit und Sicherheit einen Zug hin zur Gesellschaft geben, die das Ziel der Einwanderungsbestrebungen darstellt.23

2.4 Regime

Ursprünglich als neutrale Bezeichnung erstmalig während der Französischen Revolution zur Bezeichnung des „Ancien Régimes“ genutzt, ist der Begriff des Regimes im Sinne einer Regierungsform heute stark negativ konnotiert, da er oftmals mit verschiedenen Formen der Gewaltherrschaft in Verbindung gebracht wird.

Von dieser populären Assoziation soll sich in dieser Arbeit jedoch insofern distanziert werden, als dass ein Regime im Folgenden eine allgemeine „Lebensweise, Ordnungs- und Regierungsform [bezeichnet], also ein institutionalisiertes Set von Prinzipien, Normen und Regeln, das die Umgangsweise der Akteure in einem gegeben Handlungszusammenhang grundlegend regelt“.24 Dieses ist zwar bis zu einem gewissen Grad institutionalisiert, jedoch nur teilweise in Behörden verankert, da es sich mit Problemfeldern auseinandersetzt, die die Regelungskompetenzen einzelner Nationalstaaten durchaus übersteigen können.

In Bezug auf den Gegenstand dieser Arbeit wird der Begriff des/r „Migrationsregime(s)“wie folgt definiert: Migrationsregime repräsentieren den gesamten Bereich der Regulierungen, der die Migration zwischen zwei oder mehreren Staaten einerseits grundlegend ermöglicht und andererseits gemäß der konstruierten Anforderungen reguliert. Obwohl diese Regulierungen nicht der einzige Faktor sind, spielen staatliche Regelungen wie Anwerbeabkommen, Asylgesetzgebung oder die Vergabe entsprechender Aufenthaltsstatus eine entscheidende Rolle.25

3. Kulturelles Kapital und der Kampf um Anerkennung

Die gezielte Anwerbung hochqualifizierter ausländischer Arbeitnehmer_innen in Kanada ist klar auf den maximalen sozioökonomischen Nutzen ausgerichtet. Es gilt also, so Schmidtke, „die Einwanderung und den Arbeitsmarkt so effektiv wie möglich aufeinander abzustimmen“ 26. Dabei kann ein Auswahlverfahren, das die fachlichen Qualifikationen, beruflichen Erfahrungen und praktischen Kenntnisse derart in den Fokus rückt, wie es beispielsweise das in Kanada praktizierte und in Deutschland mehrfach zur Nachahmung empfohlene Punktesystem tut, nur den ersten Schritt einer logischen und einander bedingenden Abfolge von Maßnahmen zur Integration darstellen. So geht es nicht nur darum, Hochqualifizierte aus anderen Ländern anzuwerben, vielmehr muss mittels der Vergabe von entsprechenden Aufenthaltsstatus, der Anerkennung von Bildungstiteln sowie der Integration in den Arbeitsmarkt als eine der wichtigsten zentralen Institutionen zur Generierung sozialer Wertschätzung und damit gesellschaftlicher Anerkennung, zur Identitätsbildung im Sinne der individuellen Autonomie beigetragen werden.27 Neben der Anerkennung der Individuen an sich, gilt der Blick jedoch auch der Generierung und Anerkennung des von Bildungsausländer_innen autochthon erworbenen kulturellen Kapitals.

3.1 Axel Honneths „Konzept der Anerkennung“

Axel Honneth stellt in seinem Anerkennungskonzept nicht nur den Zugang zum Arbeitsmarkt als entscheidend für das Erlangen sozialer Wertschätzung dar, insbesondere erläutert er die Notwendigkeit geregelter Muster der Anerkennung für die Entwicklung und Stabilisierung einer individuellen Identität und stellt dessen Vorhandensein als Kennzeichen einer gerechten Gesellschaft heraus.28 Dabei konzeptualisiert Honneth drei Dimensionen von Anerkennung — Liebe, Recht und soziale Wertschätzung.

Mit Blick auf die Situation von Einwander_innen scheint zunächst die Versuchung groß, den Fokus ausschließlich auf die Anerkennung von Recht zu legen, gleichzeitig soll jedoch davor gewarnt werden, die anderen Dimensionen außer Acht zu lassen. Gerade Liebe in einer Definition aller „engen sozialen Beziehungen, die auf besonderen Gefühlsbindungen zwischen konkreten Anderen basieren“ 29 kommt im Zusammenhang von Migration und der damit verbundenen Neuformierung sozialer Beziehungen eine wichtige Bedeutung zu.

[...]


1 Horeld, Markus: Solide, aber kein Neuanfang. Die erste wichtige Rede von Bundespräsident Wulff: Gemessen am Unbill der vergangenen Monate hat er gute Arbeit geleistet. Mehr aber auch nicht. Ein Kommentar. In: Zeit Online, 03.10.2010, http://www.zeit.de/politik/deutschland/2010-10/wulff-rede-einheit (19.04.2011)

2 Weiland, Severin: Empörung in Regierung und Opposition. Proteststurm gegen Seehofers Ausländer-Offensive. In: Spiegel Online, 10.10.2010, http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,722308,00.html#ref=rss (19.04.2011)

3 Um unterschiedliche Geschlechtsidentitäten sprachlich zu repräsentieren und um gleichzeitig Kritik an der Binarität der Geschlechtervorstellung zu üben, wird ein Unterstrich: „_“ verwendet.

4 Tatsächlich ist eine verlässliche Vorhersage nicht unproblematisch. So ist nicht nur die den Berechnungen zu Grunde liegende Ausgangszahl der Gesamtbevölkerung von 81,887 Millionen zumindest bis zum Abschluss des in diesem Jahr beginnenden Zensus kritisch zu hinterfragen. Viel mehr sind diverse Szenarien denkbar - allein das mittlere Szenario eröffnet eine Spanne der Bevölkerungszahl im Jahr 2050 von 68,743 Millionen an der Untergrenze sowie 73,958 Millionen an der Obergrenze. Vgl. Statistisches Bundesamt: Statistisches Jahrbuch 2009. Für die Bundesrepublik Deutschland. http://www.destatis.de/jetspeed/portal/cms/Sites/destatis/SharedContent/Oeffentlich/B3/Publikation/Jahrbuch/ StatistischesJahrbuch,property=file.pdf (21.04.2011)

5 Statistisches Bundesamt: Im Jahr 2060 wird jeder Siebente 80 Jahre oder älter sein. Pressemitteilung Nr. 435 vom 18.11.2009. http://www.destatis.de/jetspeed/portal/cms/Sites/destatis/Internet/DE/Presse/pm/2009/11/ PD09 435 12411,templateId=renderPrint.psml (21.04.2011)

6 Vgl. BendelKreienbrink: Kanada und Deutschland. Migration und Integration im Vergleich. Nürnberg 2008, S. 7 f.

7 Schmidtke, Oliver: Einwanderungsland Kanada - ein Vorbild für Deutschland?. In: Aus Politik und Zeitgeschichte, 44/2009, S. 25.

8 Nach § 19 Abs. 2 S.1 AufenthG gelten als hochqualifiziert: „1. Wissenschaftler mit besonderen fachlichen Kenntnissen, 2. Lehrpersonen in herausgehobener Funktion oder wissenschaftliche Mitarbeiter in herausgehobener Funktion oder 3. Spezialisten und leitende Angestellte mit besonderer Berufserfahrung, die ein Gehalt von mindestens der Beitragsbemessungsgrenze der allgemeinen Rentenversicherung erhalten“. In dieser Arbeit werden jedoch generelle alle Menschen unter dem Label „hochqualifiziert“ subsummiert, die ein abgeschlossenes Hochschulstudium bzw. einen vergleichbaren Bildungsabschluss nachweisen können.

9 Nohl, Arnd-Michael/Ofner, Ulrike Selma/Thomsen, Sarah: Hochqualifizierte BildungsausländerInnen in Deutschland: Arbeitsmarkterfahrungen unter den Bedingungen formaler Gleichberechtigung. In: Nohl, Arnd-Michael/Schittenhelm, Karin/Schmidtke, Oliver/Weiß, Anja (Hrsg.): Kulturelles Kapital in der Migration. Hochqualifizierte Einwanderer und Einwanderinnen auf dem Arbeitsmarkt, Wiesbaden 2010, S. 67.

10 Ebenda, S. 27.

11 Vgl. Kymlicka, Will: Finding Our Way. Rethinking Ethnocultural Relations in Canada. Oxford 1988.

12 „Von der in Kanada geborenen Bevölkerung verfügten 2006 23 Prozent über einen Universitätsabschluss, während in der jüngsten Migrantenkohorte diese Rate für Männer bei 58 Prozent und für Frauen bei 49 Prozent lag.“ Schmidtke: Einwanderungsland Kanada, S. 26

13 Ebenda, S. 26.

14 Deutscher Bundestag: Drucksache 17/3862. Antrag - Fachkräfteeinwanderung durch ein Punktesystem regeln. http://dip.bundestag.de/btd/17/038/1703862.pdf (21.04.2011)

15 Nohl/Ofner/Thomsen: Hochqualifizierte BildungsausländerInnen in Deutschland, S. 75.

16 Vgl. Bourdieu, Pierre: Ökonomisches Kapital, soziales Kapital, kulturelles Kapital. In: Kreckel, Reinhard (Hrsg.) Soziale Ungleichheiten. Göttingen 1983, S. 183-198.

17 Der Begriff „Ausländer_innen“ wird im Folgenden stets in Anführungszeichen gesetzt, um seine Konstrukthaftigkeit und die daraus oftmals resultierende politische Verwendung zu kritisieren.

18 Vgl. GG § 116 Abs. 1

19 Statistisches Bundesamt: Bevölkerung und Erwerbstätigkeit. Ausländische Bevölkerung - Ergebnisse des Ausländerzentralregisters. Wiesbaden, 2010, S. 6. http://www.destatis.de/jetspeed/portal/cms/Sites/destatis/Internet/DE/Content/Publikationen/Fachveroeffentlichungen/ Bevoelkerung/MigrationIntegration/AuslaendBevoelkerung2010200067004,property=file.pdf (02.05.2011)

20 Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF): Minas - Atlas über Migration, Integration und Asyl, S.12. http://www .bamf.de/SharedDocs/Anlagen/DE/Downloads/Infothek/DasBAMF/ migrationsatlas-2010-01.pdf;jsessionid=2414B5AE016B7C61D7118D692A4C79C5.2_cid111? blob=publicationFile (02.05.2011)

21 Statistisches Bundesamt: Statistisches Jahrbuch 2010. Für die Bundesrepublik Deutschland mit „Internationalen Übersichten“. Wiesbaden 2010, S. 28. http://www.destatis.de/jetspeed/portal/cms/Sites/destatis/SharedContent/Oeffentlich/B3/Publikation/Jahrbuch/ StatistischesJahrbuch,property=file.pdf (02.05.2011)

22 Vgl. Fuchs-Heinritz, Werner/Lautmann, Rüdiger/Rammstedt, Otthein/Wienold, Hanns (Hrsg.): Lexikon zur Soziologie. Wiesbaden 2011, S. 442 f.

23 Vgl. Nohlen, Dieter (Hrsg.): Lexikon der Politikwissenschaft. 1. A-M. München 2005, S 574 f.

24 Ebenda, S. 845.

25 Vgl. Fuchs-Heinritz, Werner/Lautmann, Rüdiger/Rammstedt, Otthein/Wienold, Hanns (Hrsg.): Lexikon zur Soziologie, S. 443.

26 Schmidtke: Einwanderungsland Kanada, S. 26 f.

27 Vgl. Brosius, Anja: „Handlungspraktiken hochqualifizierter MigrantInnen beim Arbeitsmarktzugang“. Cultural Capital During Migration Research Paper No. 4. München 2008, S. 2 f. http://www.cultural-capital.net/images/stories/publications/working_paper_3.pdf (03.05.2011)

28 Vgl. Honneth, Axel: Die Pointe der Anerkennung. Eine Entgegnung auf die Entgegnung. In: Fraser, Nancy/Honneth, Axel: Umverteilung oder Anerkennung? Eine politisch-philosophische Kontroverse. Frankfurt a.M 2003, S. 297.

29 Brosius: Handlungspraktiken, S. 3.

Ende der Leseprobe aus 47 Seiten

Details

Titel
Vergleich der Migrationsregime Kanadas und Deutschlands
Untertitel
Kanada als Vorbild für die deutsche Migrationspolitik?
Hochschule
Universität Leipzig  (Institut für Politikwissenschaft)
Note
1,6
Autor
Jahr
2011
Seiten
47
Katalognummer
V189489
ISBN (eBook)
9783656137320
ISBN (Buch)
9783656138631
Dateigröße
712 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
vergleich, migrationsregime, kanadas, deutschlands, kanada, vorbild, migrationspolitik, honneth, bourdieu
Arbeit zitieren
Paul Schmidt (Autor), 2011, Vergleich der Migrationsregime Kanadas und Deutschlands, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/189489

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