Kosakenaufstände des 18. Jahrhunderts - Die Erhebungen unter Ivan Mazepa und Emel'jan Pugacev im Vergleich


Hausarbeit (Hauptseminar), 2011
36 Seiten
Keno Peterson (Autor)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Von Chmel'nic'kyj bis Pugacev (1648-1775)
2.1. Vom Aufstand Chmel'nic'kyjs bis zum Beginn des Nordischen Krieges (1648-1700)
2.2. Vom Ausbruch des Nordischen Krieges bis zum Aufstand Ivan Mazepas (1700-1709)
2.3. Von der Schlacht bei Poltava bis zum Regierungsantritt Katharinas II. (1709-1762)
2.4. Vom Regierungsantritt Katharinas II. bis zur Niederschlagung der Pugacevscina (1762-1775)
2.5. Von Chmel'nic'kyj bis Pugacev (1648-1775). Zusammenfassung

3. Die Aufstände Ivan Mazepas und Emel'jan Pugacevs im Vergleich
3.1. Bedingungen und Gründe für den Ausbruch der Aufstände und der Teilnehmergruppen
3.2. Die Persönlichkeiten Mazepas und Pugacevs und deren Bedeutung für die Aufstände
3.3. Die Maßnahmen Peters I. und Katharinas II. gegenüber den Aufständischen
3.3.1. Militärische Reaktion auf die Aufstände
3.3.2. Unmittelbare Strafverfolgung und Propaganda während der Aufstände
3.3.3. Die tatsächliche und symbolische Bestrafung der Aufstandsführer
3.3.4. Der Umgang mit der Erinnerung an die Aufstände

4. Schlussbetrachtung

5. Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung:

„[Ein] Aufstand [ist eine] unter Anwendung von Gewalt erfolgende Erhebung nennenswerter Teile der Bevölkerung gegen eine weithin als illegitim geltende Regierung, die Staatsgewalt, deren Repräsentanten und Bündnispartner oder gegen ein politisches Regime.“1

Versucht man diese (moderne) Definition auf die Erhebungen unter Ivan Mazepa (1707/1708) und Emel'jan Pugacev (1773/1774) anzuwenden, so scheint es ohne Einschränkung nicht möglich, beide Ereignisse als Aufstand zu bezeichnen. Zwar lassen sich einige Elemente der Pugacevscina in dieser Definition entdecken, allerdings zweifelte die Erhebung unter Mazepa niemals die Legitimität des regierenden Herrschers an. Eine andere gängige Definition stammt von Eugene Kamenka:

„A revolution [is] any sharp, sudden change or attempted change in the location of political power which involved either the use or the threat of violence and, if successful, expressed itself in the manifest and perhaps radical transformation of the process of government, the accepted foundations of souvereignity or legitimacy, and the conception of the political and/or social order.“2

Auch diese weiter gegriffene Definition einer Revolution bzw. einer Aufstandsbewegung lässt sich nicht ohne weiteres auf Mazepa und Pugacev übertragen. Lässt sich bei Pugacev unter Vorbehalt ein 'revolutionärer' Charakter erkennen, so scheint er bei Mazepa - zumindest in unserem heutigen Verständnis - kaum gegeben. Die Erhebung Mazepas findet daher kaum Eingang in die einschlägige Forschungsliteratur zu Vergleichen von Aufständen in (Ost-)Europa.3Ein Vergleich der beiden Aufstandsbewegungen4bietet trotz oder gerade wegen der großen Unterschiede ein reichhaltiges Spektrum an Ansätzen.

Im Folgenden sollen die beiden Aufstände mit dem Schwerpunkt auf der Niederschlagung durch die Obrigkeit, der Bestrafung der Rädelsführer und dem nachträglichen Umgang mit den Persönlichkeiten und Vorgängen der Erhebungen verglichen werden. Zum besseren Verständnis wird dem vergleichenden Teil eine chronologische Abfolge der Aufstände und der in diesem Zeitraum stattfindenden wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Veränderungen in der Ukraine vorangestellt. Darauf folgend sollen die wichtigsten Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Aufstände dargelegt werden. Dazu gehören die politische und gesellschaftliche Ausgangslage, die Herkunft und die Bedeutung Mazepas und Pugacevs für die Aufstandsbewegungen, die teilnehmenden Gruppen und deren Beweggründe, sowie der bereits erwähnte Umgang der Obrigkeit mit den Aufständen.

Zu beiden Aufständen finden sich reichhaltige Quellen in Form von Korrespondenzen, Regierungserlassen und Verhören, die allerdings kaum ins Englische ediert wurden.5Zwei Quellen sollen hier vornehmlich verwendet werden: Über den Abfall Ivan Mazepas informiert eine Korrespondenz seines Vertrauten und Kanzlers Pylyp Orlyks mit dem Metropolit von Riazan Stefan Javorskij.6Im Verlauf der Pugacevscina wurden im Auftrag Pugacevs eine große Zahl anukazyverfasst, die Aufschluss über das politische Vorgehen des Anführers geben.7

Beide Ereignisse sind in der ukrainischen und russischen Forschung ausführlich bearbeitet worden. In der westlichen Historiographie fand die Auseinandersetzung mit der Thematik in deutlich geringerem Maße statt. Sowohl Pugacev als auch Mazepa wurden nach politischem und zeitlichen Hintergrund unterschiedlich bewertet.

Die Kosaken und Ivan Mazepa im Besonderen dienten der Ukraine als nationenstiftendes Symbol. Bereits im ausgehenden 19. Jahrhundert formulierte Mychajlo Hrusevs'kij ein neues Verständnis der Geschichte der Ukraine.8Fand während des 18. und 19. Jahrhunderts von ukrainischer Seite eine geringe Auseinandersetzung mit Mazepa statt9- beeinflusst durch die restriktive Zensur des zarischen Russlands - war Mazepa ein häufig gewähltes Motiv der westeuropäischen Romantik.10Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs und dem Streben der Ukraine nach Unabhängigkeit und Eigenstaatlichkeit fand eine deutlich intensivere Auseinandersetzung mit Mazepa statt, forderte er 210 Jahre früher schließlich nichts anderes als die 'ukrainische Unabhängigkeit'.11Nachdem die ukrainische SSR 1922 Teil der Sowjetunion geworden war, führten vor allem die ukrainischen Exilhistoriker die Forschung über die Kosaken und Mazepa weiter; Historiker wie Il'ko Borscak, Teodor Mac'kiv, Oleksander Ohloblyn und Boris Krupnyckij prägten die Mazepaforschung des 20. Jahrhunderts.12Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und der Ausrufung der ukrainischen Unabhängigkeit 1991 wurde Ivan Mazepa als offizieller ukrainischer Nationalmythos endgültig etabliert.13

Die Anfänge der literarischen Verarbeitung des Pugacevaufstandes liegen in der Mitte des 19. Jahrhunderts: Aleksandr Pushkin rückte die Pugacevscina mit seiner NovelleDie HauptmannsTochterund dem später erschienenen WerkA History of the Pugachev Risingins öffentliche und wissenschaftliche Interesse.14

Wurde Ivan Mazepa in der zarischen und sowjetrussischen Historiographie als 'eigennütziger Hochverräter' stilisiert,15erfuhr Emel'jan Pugacev eine positive Konnotation: Seine Erhebung wurde als Bauernkrieg mit klassenkämpferischen Charakteristika formuliert.16So schrieb der ostdeutsche Historiker Erich Donnert im Jahr 1982: „Der Pugacevaufstand stellt nicht nur den größten Bauernkrieg in der Geschichte Rußlands, sondern ganz Europas dar. [...]. Pugacev und seine Kämpfer verlangten nicht nach Reformen, sondern suchten die Feudalordnung gänzlich zu vernichten und eine klassenlose Gesellschaft aufzubauen.“17

Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion findet ein differenzierterer historischer Diskurs über den Pugacevaufstand statt.

2. Von Chmel'nic'kyj bis Pugacev (1648-1775):

In den Jahren zwischen dem Aufstand Bohdan Chmel'nic'kyjs 1648 und der Pugacevscina 1773/1774 vollzog sich in den Kosakengebieten ein grundlegender Wandel. Um so mehr die Macht des zarischen Russlands anstieg, desto größer wurden die Belastungen für die Kosaken. Je stärker sich die Grenzen des russischen Reiches ausdehnten, desto dichter wurde die herrschaftliche Durchdringung der kosakischen Lebensräume. Die traditionelle kosakische Lebensform stand in einem dauernden Konflikt mit den Modernisierungsbestrebungen des Zarentums. Das kriegerische Selbstverständnis und die Jahrhunderte alten Gesellschaftsstrukturen der Kosaken wurde durch die Neuordnung des Heeres in Frage gestellt; der Ausbau und die Normierung der Bürokratie führten zu einer Spaltung der kosakischen Gesellschaft.18

2.1. Vom Aufstand Chmel'nic'kyjs bis zum Beginn des Nordischen Krieges (1648-1700):

Bedrückt durch die polnischen Magnaten und deren Dienstleute, erhoben sich unter Bohdan Chmel'nyc'kyj die ukrainischen Kosaken.19Zwar gelang es den aufständischen Kosaken 1648 die polnische Oberherrschaft über die Ukraine zu beenden und im Vertrag von Zboriv einen Grundstein für die politische Vertretung der Ukraine durch die Kosaken zu erwirken, doch beendete dies keinesfalls die Kämpfe der polnischen Magnaten mit der breiten Masse der Aufständischen. Nach intensiven Versuchen eine Intervention des Zarenreiches zu erwirken, folgte 1654 der Vertrag von Pereiaslav; die Ukraine begab sich unter die 'hohe Hand' des Zaren.20Das Abkommen von Pereiaslav sorgte allerdings nicht für eine Etablierung russischer Herrschaftsstrukturen in der Ukraine. Vielmehr blieben die bisherigen Strukturen des Hetmanats erhalten, wobei eine stärkere Differenzierung der Bevölkerung im Allgemeinen und der Kosaken im Besonderen zu erkennen war.21

Mit dem Tod Chmel'nyc'kyjs im Jahre 1657 endete die kurze politische Einheit der Ukraine. In den nun folgenden Jahren des Ruins kam es zu einer politischen Zersplitterung und Regionalisierung zwischen den verschiedenen kosakischen Personenverbänden. Unter seinen Amtsnachfolgern wurde die Ukraine Spielball der sie umgebenden Großmächte Polen/Litauen, Russland und des Osmanischen Reiches; die 60er und 70er Jahre waren geprägt durch innere Machtkämpfe.22

Für die kosakischen Erhebungen der letzten Hälfte des 17. Jahrhunderts und des beginnenden 18.

Jahrhunderts - zu nennen wären die Aufstände Sten'ka Razins 1667-1671 und Bulavins 1707-1708 - lassen sich eine Reihe von politischen, sozialen und wirtschaftlichen Faktoren ermitteln: Wachsende Kriegslasten, eine Ausweitung des administrativen Apparats derprikazyund der Armee und in Folge dessen ein starker Anstieg der steuerlichen Belastungen.23Nach 1667 bildeten sich in der Ukraine drei Herrschaftsgebiete heraus: Die rechtsufrige Ukraine fiel an Polen, die linksufrige Ukraine wurde mit einer kosakischen Obrigkeit dem russischen Herrschaftsbereich einverleibt, während die Zaporoger Sic eine gewisse Autonomie bewahren konnte.24

In den letzten Jahrzehnten des 17. Jahrhunderts entspannte sich die Lage in den ukrainischen Gebieten: Die Bevölkerung der unter Moskauer Kontrolle liegenden linksufrigen Ukraine nahm durch die Flucht vieler Bewohner der rechtsufrigen Ukraine stetig zu; unter dem autonomen, geordneten Kosakenregierungssystem entwickelte sich dieses Gebiet zum Zentrum des ukrainischen politischen und kulturellen Lebens. Die Zaporoger Sic verlor an Bedeutung, der rechtsufrigen Ukraine unter polnischer Kontrolle wurde 1685 für kurze Zeit formal die Selbstverwaltung gestattet.25

Mit der Übernahme des Hetmanats durch Ivan Mazepa 1687 und der Machtübernahme Peters I. 1689 veränderte sich die Lage in der linksufrigen Ukraine. Mazepa gelang es sowohl die Interessen der starshynazu vertreten und damit die Abgrenzung der kosakischen Oberschicht zu den einfachen Kosaken und den Bauern voranzutreiben, als auch zu einem loyalen und wichtigen Verbündeten des Zaren aufzusteigen.26Als Preis für seine Wahl musste er einer Einschränkung des Abkommens von Pereiaslav zustimmen: In den Kolomatskij-Artikeln bestätigte er das Verbot von jeglichen diplomatischen Kontakten mit benachbarten Monarchien27und die Unantastbarkeit von Ländereien, die vom Zar vergeben wurden.28

Die folgenden 10 Jahre half Mazepa die russische Position in Osteuropa zu festigen: Mit der Eroberung Azows 1697 und dem darauf folgenden Friedensschluss mit dem Osmanischen Reich ein Jahr später sowie der Besetzung der rechtsufrigen Ukraine nach dem Aufstand des Semen Palii 1703, leistete er Zar Peter I. bedeutende militärische Hilfe.29

2.2. Vom Ausbruch des Nordischen Krieges bis zum Aufstand Ivan Mazepas (1700-1709):

Mit dem Ausbruch des Nordischen Krieges im Jahre 1700 änderte sich die Situation Ivan Mazepas und der linksufrigen Ukraine grundlegend: Die Kosaken stellten einen prozentual großen Teil des russischen Heeres, sie mussten weit von ihrer Heimat entfernt gegen einen unbekannten Gegner kämpfen. Mit der Gründung St. Petersburgs 1703 wurden die Kosaken zusätzlich zum Bau der neuen Hauptstadt herangezogen. Zusätzlich litt die ukrainische Bevölkerung unter dem Verhalten der russischen Truppen.30Die wohl schmerzhafteste Neuerung war die Anpassung der russischen Armee an den europäischen (schwedischen) Standard. Die Kosakenregimenter verloren ihre militärische Bedeutung und litten unter der Führung der seit 1705 vermehrt eingesetzten deutschen und russischen Kommandeure.31Diestarshynafürchtete die Auflösung der bisherigen kosakischen Heeresform und deren Umstrukturierung nach europäischem Vorbild. Dies würde die gesamte sozio-ökonomische Struktur der Kosaken in Frage stellen.32

Neben diesen Bedrohungen sah Mazepa nach 1705 sein Amt in Gefahr; es gab Gerüchte aus der Umgebung des Zaren, dass Mazepa ersetzt werden sollte. Die Verleihung des Titels 'Prinz des Heiligen Römischen Reiches' bestätigte ihn in seiner Befürchtung, dass er aus dem Amt komplimentiert werden sollte.33

Mit dem Einmarsch Karl XII. in Russland im Spätjahr 1707 wurde die Bedrängnis der Ukraine größer. Mazepa befürchtete einen Angriff auf die Ukraine durch den Verbündeten Karls XII., den polnischen König Stanislaw Lesczynski, welchen er ohne Peters Hilfe nicht abwehren könnte.34Seine Bitte an Peter I. um Unterstützung wurde abgelehnt. Damit sah Mazepa das Abkommen von Pereiaslav als hinfällig an. „When Peter I. broke his commitment to defend Ukraine from the hated Poles - a guarantee that constituted the basis of the 1654 treaty - the Ukrainian hetman no longer felt bound to remain loyal to him.“35

Bereits 1705 hatte Mazepa Verhandlungen mit Lesczynski und damit mit Karl XII. aufgenommen.

Dieser Kontakt lief maßgeblich über eine Korrespondenz mit der Fürstin Anna Dolska.36Obwohl sich Mazepa größte Mühe gab seine Absichten vor dem Zaren zu verbergen kam es zu Denunziationen, so durch den Generalrichter des Hetmanats Koschubej zu Beginn des Jahres 1708. Allerdings ließ keine dieser Anschuldigungen Peter I. an der Loyalität Mazepas zweifeln.37Im Sommer 1708 schwor sich dieheneralna starshynaauf seine Pläne für das 'allgemeine Wohl der Ukraine' ein.38Ob es vor der Ankunft der schwedischen Truppen in der Ukraine im Herbst 1708 einen offiziell geschlossenen Pakt mit Karl XII. gab und welche Bedingungen dieser enthalten haben könnte ist in der Forschung umstritten.39

Ende Oktober 1708 lief Mazepa mit einem Kosakenaufgebot von 4000 Mann zu Karl XII. über. Aufgrund der bisherigen strikten Geheimhaltung war die ukrainische Bevölkerung in keiner Weise auf die folgenden Ereignisse vorbereitet.40Peter I. - tief getroffen durch den 'Verrat' des langjährigen Verbündeten - reagierte prompt: Prinz Menshikovs Armee zerstörte Mazepas Hauptstadt Baturyn und massakrierte deren Bevölkerung. Durch diesen Akt eingeschüchtert und verunsichert, ob der Absichten des protestantischen Schwedenkönigs, bröckelte die Unterstützung Mazepas in der ukrainischen Bevölkerung.41In den folgenden Wochen wurde die Ukraine durch russische Truppen besetzt, das Land von Aufrührern 'gesäubert' und im November 1708 ein neuer Hetman gewählt.42

Während des Winters 1708/1709 erlitt die Armee Karls XII. durch den ungewöhnlich strengen Frost, die mangelnde Versorgung und den permanenten kleineren Angriffen von russischer Seite große Verluste.43Im März 1709 gelang es Mazepa die Zaporoger Sic auf die Seite Karls XII. zu ziehen.44Infolge dessen wurde im April 1709 ein Pakt geschlossen, der die Loslösung der Ukraine aus der hohen Hand des Zaren, den Schutz der Ukraine durch schwedische Truppen und die Anbindung der Ukraine unter dem Prinzipat Mazepas an die polnisch-litauische Union beinhaltete.45Wieder reagierte Peter I. prompt: Eine russische Armee zerstörte die Zaporoger Sic und deren Flotte und massakrierte die zurückgelassenen Kosaken. Karls XII. Versuche beim Sultan des Osmanischen Reiches und den Krimtataren um Unterstützung zu werben scheiterten.46

Am 28. Juni 1709 kam es bei Poltava zur Entscheidungsschlacht. Das schwedische Heer - verunsichert durch eine Verwundung Karls XII. - unterlag den russischen Truppen. Während der Kapitulation des schwedischen Heeres unter Lewenhaupt flohen Karl XII. und Mazepa über den Dnjepr in osmanisches Hoheitsgebiet. Am 22. September 1709 starb Ivan Mazepa in Bender.47Nach Mazepas Tod versuchte sein Kanzler Pylyp Orlyk von Bender aus mit 500 Kosaken aus dem Hetmanat, 4000 Zaporoger Kosaken und der Unterstützung der Osmanen und der Krimtataren die Ukraine aus russischer Hand zu befreien. Mit dem Scheitern des Feldzugs 1711 bis zu seinem Tod im Jahre 1742 warb er bei den europäischen Großmächten für die 'ukrainische Unabhängigkeit'.48

2.3. Von der Schlacht bei Poltava bis zum Regierungsantritt Katharinas II. (1709-1762):

In den Jahren nach der Niederlage der Schweden bei Poltava bis zum Ausbruch der Pugacevscina nahm die herrschaftliche Durchdringung der Ukraine auf Kosten der kosakischen Unabhängigkeit weiter zu. Gleichzeitig wuchs das Ansehen und die Macht des Zarenreiches in Europa. Peter I. setzte seinen polnischen Verbündeten August II. wieder auf den polnischen Thron, schuf Bündnisse gegen Schweden mit Dänemark und Preußen und begann durch Heirat eine dynastische Verbindung zu europäischen Herrscherfamilien herzustellen.49Während des Hetmanats des Mazepanachfolgers Skoropadskij (1708-1722) wurde die kosakische Eigenständigkeit stark eingeschränkt: Die Hetmanatshauptstadt wurde von Baturyn näher an die russische Grenze nach Hlukhiv verlegt; neben der Stationierung von zehn russischen Regimentern erhielt die kosakische Armee einen russischen Kommandeur, die Regimentsdistrikte wurden Ausländern oder Russen unterstellt, große Landbesitzungen wurden an Russen vergeben, die Publikation von Schriften wurde stärker kontrolliert und zehntausende Kosaken mussten im Norden unter schlechten Bedingungen am Bau des Ladoga-Kanals teilnehmen.50Auch die Einführung der Kopfsteuer und der Rangtabelle im Jahre 1722, die die Gesellschaft nach dem Vorbild der westeuropäischen Stände einteilen sollte, gefährdete den Status der niederen Kosaken, da sie sich nun nominell nicht mehr vom Bauernstand unterschieden.51

[...]


1 Schmidt, Manfred G., Wörterbuch zur Politik, Stuttgart 1995, S. 76.

2 Kamenka, Eugene, The Concept of Political Revolution, in: Friedrich, Carl J. (Hg.), Revolution, New York 1967, S. 122-138, hier: S. 124.

3 Vgl.: Avrich, Paul, Russian Rebels 1600-1800, New York 1972; Löwe, Heinz-Dietrich (Hg.), Volksaufstände in Rußland. Von der Zeit der Wirren bis zur 'Grünen Revolution' gegen die Sowjetherrschaft (Forschungen zur osteuropäischen Geschichte, Band 65), Wiesbaden 2006, besonders: Ders., Aufstände im Russischen Reich von Alt- Moskau bis zum Beginn Sowjetrußlands: Aspekte einer vergleichenden Interpretation, in: Ebd, S. 1-26, hier: S. 2-3.

4 Der Einfachheit halber soll der Begriff 'Aufstand' beibehalten werden.

5 So finden sich die Korrespondenz Ivan Mazepas mit Peter I., sowie dessen Erlasse nach der Erhebung Mazepas in: Pis'ma i bumagi Imperatora Petra Velikogo, Vol. 8, No. 1, Moskau und Leningrad 1948; die Korrespondenz Mazepas mit Karl XII. und deren Manifeste nach Beginn der Erhebung in: Bantysh-Kamenskij, Dmitrii Nikolaevi / Bodianski, Osip (Hgg.), Istochniki Malorossiskoi Istorii, Vol. 2, Moskau 1859; Kommentar und Edition der Korrespondenz Ivan Mazepas und dem polnischen Adligen und späteren Hetman Adam Sieniawski in: Subtelny, Orest, On the Eve of Poltava. The letters of Ivan Mazepa to Adam Sieniawski 1704-1708, New York 1975. Die Verhöre Pugacevs und seiner engsten Anhänger in: Golubcov, S.A. (Hg.), Pugacevscina. Iz archiva Pugaceva. Materialy po istorii revoljucionnogo dvizenija v Rossii XVII i XVIII vekov, Bd. 1-3, Moskau / Leningrad 1926-1931; Ovcinnikov, R.V. (Hg.), Sledstvie i sud nad E. I. Pugacevym, in: Voprosy Istorii 1966, Nr. 3, S. 124-138, Nr. 4, S. 111-126, Nr. 5, S. 107-121, Nr. 7, S. 92-109, Nr. 9, S. 137-149; die vollständigste Edition derukazyPugacevs in: Ovcinnikov, R.V., Dokumenty stavki E. I. Pugaceva, povstanceskich vlastej i ucrezdenij, 1773-1774, Moskau 1975.

6 Pylyp Orlyks Brief an Stefan Javorskij (Juli 1721) in: Subtelny, Orest, The Mazepists. Ukrainian Separatism in the Early Eighteenth Century (East European Monographs, Nr. 77), New York 1981, S. 178-205.

7 Eine Auswahl anukazyin deutscher Übersetzung in: Plambeck, Petra, Publizistik im Rußland des 18. Jahrhunderts. Analyse der Ausrufe zur Zeit des Pugacev-Aufstandes 1773-1775 (Hamburger Historische Studien, Band 10), Hamburg 1981, S. 230-245; eine Auswahl an Erlassen, Protokollen und Korrespondenzen aus der Zeit Peters I. bis Katharina II. in: Vernadsky, George, A source book for Russian History from early Times to 1917. Band II: Peter the Great to Nicholas I., New Haven 1972, S. 309-470.

8 Neubert, Claudia, Nationsbildung in der Ukraine und die Figur Ivan Mazepas. Ein moderner Mythos zur Konstruktion kollektiver Identität (Osteuropa. Geschichte, Wirtschaft, Politik, Band 44), Wien 2008, S. 15; zu Hrusevs'kijs Rolle für die ukrainische Geschichte und die Schaffung des Kosakenmythos: Plokhii, Serhii, Unmaking Imperial Russia. Mykhailo Hrushevsky and the Writing of Ukrainian History, Toronto / Buffalo / London 2005, besonders: S. 193-212.

9 Vgl. zur ukrainischen Historiographie des 18. und 19. Jahrhunderts: Plokhii, Serhii, Ukraine and Russia, Representations of the Past, Toronto / Buffalo / London 2008, hier: S. 49-65.

10 Marciuk, Chrystyna, Mazeppa. Ein Thema der französischen Romantik. Malerei und Graphik 1823-1827, München 1991, S. 7-9.

11 Neubert, Nationsbildung in der Ukraine, S. 42; Subtelny, Orest, Mazepa, Peter I, and the Question of Treason, in: Harvard Ukrainian Studies, Volume II/2 (1978), S. 158-183, hier S. 161.

12 Ebd., S. 46.

13 Ebd., S. 17-18, zu den unterschiedlichen Forschungsrichtungen ausführlich: Subtelny, The Question of Treason, S. 158-163.

14 Pushkin, Aleksandr S., Die Hautpmannstochter (Übers. Von Leo von Witte), Freiburg 1958; Ders., Geschichte des Pugatschew'schen Aufruhrs (Übers. Von H. Brandeis), Stuttgart 1840.

15 Ebd., S. 41.

16 Plate, Alice, Der Pugacev-Aufstand: Kosakenherrlichkeit oder sozialer Protest, in: Heinz-Dietrich Löwe (Hg.), Volksaufstände in Rußland. Von der Zeit der Wirren bis zur 'Grünen Revolution' gegen die Sowjetherrschaft (Forschungen zur osteuropäischen Geschichte, Band 65), Wiesbaden 2006, S. 353-396, hier S. 354; zur zarischen und sowjetrussischen Historiographie sehr ausführlich: Peters, Dorothea, Politische und gesellschaftliche Vorstellungen in der Aufstandsbewegung unter Pugacev (1773-1775) (Forschungen zur osteuropäischen Geschichte, Band 17), Berlin 1973, hier S. 15-43.

17 Donnert, Erich, Ideologie und Gesellschaftsideal der Pugacevbewegung, in: Ders. (Hg.), Gesellschaft und Kultur Russlands in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts. Teil 1: Soziale Bewegungen, Gesellschaftspolitik und Ideologie (Beiträge zur Geschichte der UdSSR, Band 5), Halle 1982, S. 87-120, hier S. 87 und 113.

18 O'Rourke, Shane, The Cossacks, Manchester 2007, hier S. 59-63 und Kappeler, Andreas, Russland als Vielvölker- reich, Entstehung - Geschichte - Zerfall, München 1993, hier S. 58-65.

19 O'Rourke, The Cossacks, S. 78.

20 Kumke, Carsten, Zwischen polnischer Adelsrepublik und Russischem Reich (1569-1657), in: Frank Golczewski (Hg.), Geschichte der Ukraine, Göttingen 1993, S. 58-92, hier: S. 78-84.

21 Ebd., S. 87-89.

22 Subtelny, Orest, Ukraine. A History, Toronto / Buffalo / London 1988, hier S. 139-157.

23 Löwe, Aufstände im Russischen Reich, S. 7.

24 Kumke, Zwischen polnischer Adelsrepublik und Russischem Reich, S. 90-91.

25 Subtelny, Orest, Die Zeit der Het'mane (17.-18. Jahrhundert), in: Frank Golczewski (Hg.), Geschichte der Ukraine, Göttingen 1993, S. 92-125, hier S. 100-101.

26 Subtelny, Ukraine, S. 160-161.

27 Subtelny, Orest, The Mazepists. Ukrainian Separatism in the Early Eighteenth Century (East European Monographs, Nr. 77), New York 1981, S. 19.

28 Kononenko, Konstantyn, Ukraine and Russia. A History of the Economic Relations Between Ukraine and Russia (1654-1917) (Marquette Slavic Studies IV), Milwaukee 1958, S. 7.

29 Subtelny, Ukraine, S. 161-163.

30 30 Subtelny, The Mazepists, S. 22-23, Pylyp Orlyks Brief an Stefan Javorskij, S. 185: „The colonels and their officers often came to the Hetman, complaining that hte overseers working on the fortifications often struck the Cossacks on the head with their canes, cut off their ears with their swords and caused all kind of humiliation. [...] The Cossacks left their homes and harvests to perform His Tsarist Majesty's service during the day and the night, meanwhile, the Great Russians punderes their homes, destroyed and burned them, raped their wives and daughters, took their horses, cattle and lifestock and inflicted mortal blows upon thestarshyna.“

31 Duffy, Christopher, Russia's Military Way to the West. Origins and Nature of Russian Military Power, London 1981, S. 160; zur Restrukturierung des russischen Heeres nach der Niederlage bei Narva 1700 vergleiche: Ebd., S. 14-20.

32 Subtelny, The Mazepists, S. 23-24; Pylyp Orlyks Brief an Stefan Javorskij, S. 188: „This frightened and angered all of the colonels andstarshynawho, fearing for their liberties, spoke of nothing else. [They considered] the selection of the piatakyto be a step toward reorganization into dragoons and [regular] troops.“

33 Ebd., S. 24; Pylyp Orlyks Brief an Stefan Javorskij, S. 183: „I know very well what they think of you [thestarshyna] and me; they want to satisfy me with the [title of] Prince of the Roman Empire and then deprive me of the hetmancy, [...].“

34 Subtelny, The Mazepists, S. 25.

35 Subtelny, Ukraine, S. 164; ausführlich: Subtelny, The Question of Treason, S. 169-172; Pylyp Orlyks Brief an Stefan Iavorskij, S. 191: „Therefore, I requested from His Tsarist Majesty, there in Zholkva, that he be so pleased as to give us in the form of aid at least ten thousand of his regular troops. His Majesty replied: Not only ten thousand , but I cannot even give you ten men; defend yourself as well as you can.“

36 Pylyp Orlyks Brief an Stefan Javorskij, S. 179-183, 187-191.

37 Krupnyckyj, Borys, Hetman Mazepa und seine Zeit, Leipzig 1942, S. 170-184; Pylyp Orlyks Brief an Stefan Javorskij, S. 197: „At that time, Mazepa received [...] public decrees assuring him of His Majesty's favor. These stated that, henceforth, slanderers of Mazepa's unshakable loyalty, such as Kochubei, would not be believed and all such slanderers would receive the proper punishment.“

38 Krupnyckyj, Hetman Mazepa, S. 184; Pylyp Orlyks Brief an Stefan Javorskij, S. 198: „In order that he meight have no doubt of their constant loyalty and good intentions, they requested that he administer to them a formal oath by which they couls swear their loyalty. [...]. In his private chamber, he accepted their oath aof loyalty to him, upon which they kissed the Cross and the Holy Gospel.“

39 Krupnyckyj, Hetman Mazepa, S. 178-180; Subtelny, The Mazepists, S. 28-31; Pylyp Orlyks Brief an Stefan Javorskij S. 195.

40 Subtelny, The Mazepists, S. 35-36, Pylyp Orlyks Brief an Stefan Javorskij, S. 201.

41 Pylyp Orlyks Brief an Stefan Javorskij, S. 202: „Now with the situation as deperate as it is, matters will develop differently. Ukraine, frightened by [what happened] at Baturyn, will fear to join us.“

42 Massie, Robert K., Peter der Große. Sein Leben und seine Zeit (Übers. von Johanna und Günter Woltmann-Zeitler), Königstein 1982, S. 404-405; 28. Oktober 1708 - Peter's decree to all the people of Little Russia: „I enjoin all the [Cossack] supreme military command and the regimental command groups to convene without delay in the city of Glukhov in order to elect a new hetman by their free vote and in accordance with their rights and liberties; [...].“ (Vernadsky, A source book for Russian History, S. 331).

43 Massie, Peter der Große, S. 407-413.

44 Subtelny, The Mazepists, S. 47-49.

45 Ebd., S. 31-32.

46 Massie, Peter der Große, S. 414-417.

47 Ebd., S. 426-446.

48 Subtelny, Ukraine, S. 165 und ausführlich: Subtelny, The Mazepists, S. 53-177.

49 Kamenskij, Aleksandr B., The Russian Empire in the Eighteenth Century. Searching fo a Place in the World (Übers. von David Griffiths), Armonk, London 1997, S. 91-93.

50 Subtelny, Ukraine, S. 166.

51 Oswalt, Julia, Die inneren Reformen 1700-1725, in: Klaus Zernack (Hg.), Handbuch der Geschichte Russlands. Band 2,1, 1613-1856. Vom Randstaat zur Hegemonialmacht, Stuttgart 1986, S. 296-348, hier S. 315-317.

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Kosakenaufstände des 18. Jahrhunderts - Die Erhebungen unter Ivan Mazepa und Emel'jan Pugacev im Vergleich
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Autor
Jahr
2011
Seiten
36
Katalognummer
V189550
ISBN (eBook)
9783656137566
ISBN (Buch)
9783656138488
Dateigröße
656 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Aufstand, Erhebung, Revolte, Kosaken, Russland, Ukraine, Emeljan Pugacev, Ivan Mazepa, Revolution, Pugacevscina, Aufstandsbewegung, Zar, falscher Zar, russisches Reich
Arbeit zitieren
Keno Peterson (Autor), 2011, Kosakenaufstände des 18. Jahrhunderts - Die Erhebungen unter Ivan Mazepa und Emel'jan Pugacev im Vergleich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/189550

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