Faschingskultur


Wissenschaftlicher Aufsatz, 2012
14 Seiten

Leseprobe

Faschingskultur

In den Hochburgen des Karnevals weltweit ist die Fastnacht mit ihren diversen kulturellen Ausprägungen ein lebenbestimmendes Ritual, das nicht nur den Klimax der Umzüge und Prunkveranstaltungen bestimmt, sondern auf das das ganze Jahr hindurch mit der Regelmäßigkeit des Rituellen hingearbeitet wird. In den lebensbejahenderen Kulturen ist es ein maßgeblicher Bestandteil der Kultur, beispielsweise in Rheinischen Landen in unseren Breiten oder auf dem Kontinent der Hoffnung in Südamerika, wo die kulturellen Werte der Schönheit, der Magie des Tanzes und des Gemeinschaftsgefühls zu ihrer vollen kulturellen Blüte gereichen, während dieselben Rituale in unseren etwas nüchterneren Breiten eine etwas prosaischere und intellektuellere Form annehmen.

Doch die deutsche Vorliebe für gemeinschaftsstiftende Musik und deutsches Bier lockern auch hier den Solar Plexus, so dass Emotionen, sowohl individuelle zwischenmenschliche, als auch satirische gesellschaftliche, sich ihren Weg bahnen und sich trotz aller anderweitigen gesellschaftlichen Restriktionen, oder gerade wegen ihnen, Ausdruck verschaffen. Kinder, die von Natur aus noch spontaner sind,finden hier, ebenso wie an Weihachten, auf natürliche Weise zu ihrer ureigenen Natur zurück und brauchen keineswegs die auslösenden Inputs der Älteren, wie beispielsweise insbesondere den Alkohol oder die Masse, um sich dem kulturellen Alltagskorsett einer Kultur zu entziehen, die gerade bei uns alles Ambivalente tunlichst zu vermeiden suchtund die Kontinuität des Prognostizierbaren über alle anderen soziokulturellen Werte stellt.

Doch das Ritual wurde in seinen diversen Erscheinungsformen derart kulturell kodifiziert, dass auch das Irrationale in gewisser Hinsicht prognostizierbar geworden ist und somit letztendlich im Bereich der kulturellen Werteerfordernisse, Regeln und Normen bleibt. Man kann unschwer erkennen, dass auch das Faschingsritual ein bis in seine differenziertesten Erscheinungsformen hinein zutiefst kulturell geprägtes kulturelles Phänomen darstellt, das, obgleich dem Irrationalen Tür und Tor zu öffnen scheinend, doch im Bereich der über große Zeiträume gewachsenen tieferen und längerfristig unveränderlichen kulturellen Werterationalität bleibt.

In den Weltmetropolen wie Rio ist diese kulturelle Prognostizierbarkeit schon allein aufgrund des viel weiter skalierten demographischen Phänomens, in das weite Teile der Bevölkerung involviert sind, aus sicherheitstechnischen und Massenkontrollerwägungen heraus unabdingbar erforderlich um eskalierende Massenphänomene zu steuern. Doch auch und gerade hier ist die Kultur als kollektiver Steuerungsprozess auch zur Steuerung des tendenziell weniger rationalen Bereiches des Menschen ein zuverlässiger gesellschaftlicher Kompass.

Gerade in kritischen Zeiten haben derlei Rituale auch angesichts prekarisierterer Lebensumstände Konjunktur, da sie die durch Krisen bestimmte größere Schwermütigkeit und Last des Alltages aufzuheitern imstande sind und somit jene Flexibilisierung des metaphorischen und physiologischen Solar Plexus bewirken können, den die härteren Lebensumstände blockiert haben könnten und somit eine Zäsur in der Gestalt der Freiheitserfahrung von der menschlichen Bedingtheit vermitteln können. Unterhalb unseres konditionierten menschlichen Gebäudeserwartet uns immer die Freiheit. Und das nichtkonditionierte, freie Bewusstsein transzendiert das Psychosoziale. Der tiefere menschliche Hintergrund ist die Freiheit.

Die Erfahrung des Kollektiven, die ethnisch, religiösen, rassisch, sprachliche Barrieren im infralinguistischen Bereich des spontanen Menschlichen überbrückend führen derlei kollektive Rituale zu einer Konvergenz zweier schwer zu vereinenden Bedürfnisse des Menschen, nämlich der Erfahrung der Einheit einer menschlichen Gemeinschaft bei konkomitanter höchster exzentrisch-individualistischer Ausdifferenzierung bei einer gleichzeiteigen Konsolidierung des Menschen in den tiefen Wurzeln lokaler Traditionen.

Deshalb ist es gar nicht verwunderlich, dass die Migranten-Mitbürger mit Kind und Kegel zu den Umzügen strömen, weil letztere eine über das Oberflächenritual hinausgehende Tiefenerfahrung ermöglichen, eine quasi ideale singuläre kulturelle Individualitäts- und Gemeinschaftserfahrung bei gleichzeitiger voller gleichberechtigter Einbeziehung in die National- und Lokalkultur. Es ist also ein kultureller Schmelztiegel oder vielmehrt eine Salatschüssel, der die kulturell diverse Vielfalt proaktiv fördert und legitimiert und gleichzeitig, über alle kulturell konditionierten Grenzen hinweg, die Erfahrung des Grundbedürfnisses nach menschlicher Einheit bei größtmöglicher Individuation, eingebettet in Jahrhunderte alte Wurzeln der Berechenbarkeit des Prozesses, gewährt. Dies ist deshalb wichtig weil Massenphänomene und exzentrischerIndividualismusandernfalls leicht unsteuerbar und unberechenbar eskalieren könnten. Hier kommt die Macht des Kulturellen als sozialer Autoregulationsprozess zum Tragen. Die Integration aller Diversität bei maximaler Einheits- und Individualitätserfahrung sind also eine gesellschaftlich legitimierte Formel dieses daher so beliebten alljährlichen Rituals, dessen monatelange Vorbereitung bereits den Geist dieser existenziell erforderlichen Grunderfahrung des Menschen bei gleichzeitiger Fühlbarkeit der eigenen Wurzeln individual und soziopsychologisch integrativ wirkt und bereits im Vorfeld diverse Grade der Klimax Erfahrung in der ausklingenden kalten Jahreszeit ermöglicht.

Business-und andere moderne Rituale haben vor allem einen die Gruppenidentität bestätigenden Selbstzweck und weniger darüber hinausgehende Tiefenbedeutung.Jedoch im Jahresrhythmus wiederkehrende, die ganze menschliche Gemeinschaft und eine lokalen Gesellschaftskultur insgesamt umfassendes Ritual erfüllt weit tiefergreifende menschliche Bedürfnisse, die über die Konsolidierung der kulturellen Gruppendimension hinausreichen. Aufgrund dieser soziokulturellenBedeutung können sich weder politische Akteure noch die institutionellen und organisationalen Umfelder der Magie dieses Faschingsbanns, vom Vorschulalter bis zum Greisendasein, entziehen.Entzöge sich ein Politiker oder anderer strategischer Akteur dem Bann des Rituals, so könnte er schnell seiner Basis in der Gesellschaftskultur verlustig gehen und seinen menschlich kulturellen Insiderstatus verlieren und somit „outgroup“ (kultureller Outsiderstatus), mit den entsprechenden Konsequenzen, werden. Deshalb wird er unter Umständen auch bisweilen verletzende Formen der Satire über sich ergehen lassen müssen, die aber in der Regel vom ungeschriebenen Code des Rituals in Grenzen gehalten werden.

Das Faschingsritual mit seinen Bezeichnungen und kulturellen Ausgestaltungen kann in mancher Hinsicht als weltliches Ritualpendant zum vorausgehenden transzendent-immanenten Weihnachtsritual betrachtet werden, was seine gesellschaftliche und menschliche Bedeutung anbelangt. Während im ersteren Ritual die immanent-transzendente Dimension in der Gestalt des menschlichen Geheimnisses der Geheimnisse alljährlich rituell zelebriert wird, kommt in letzteren die zutiefst menschliche Natur des Menschen mit seinem singulären Einheits- und Diversitätsbedürfnis zum Tragen. Die Erfahrung der transzendenten und der weltlichen Natur des Menschen wird in den beiden knapp zwei Monate auseinanderliegenden großen menschlichen,größere Zeiträume in Anspruch nehmenden Ritualen, in der gesamtenwestlichen Zivilisation und darüber hinaus zelebriert und konvergiertin ihnen. Die beiden Feste sind also gewissermaßen die Konvergenz der Transzendenz und der Immanenz des Menschen.

[...]

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Details

Titel
Faschingskultur
Veranstaltung
Kulturanthropologie
Autor
Jahr
2012
Seiten
14
Katalognummer
V189586
ISBN (eBook)
9783656138082
ISBN (Buch)
9783656566861
Dateigröße
512 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Rituale, soziokulturelle-sozialpsychologische Analyse
Arbeit zitieren
D.E.A./UNIV. PARIS I Gebhard Deissler (Autor), 2012, Faschingskultur, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/189586

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