Die Zeugen Jehovas im Nationalsozialismus - Zwischen Anpassung und Resistenz


Hausarbeit, 2003
23 Seiten, Note: 2.3

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Die Zeugen Jehovas vor der nationalsozialistischen Machtergreifung
2.1 Die Zeugen Jehovas von ihrer Gründungsphase bis zum Ersten Weltkrieg
2.2 Die Zeugen Jehovas in der Weimarer Republik

3. Die Zeugen Jehovas in den ersten Jahren des „Dritten Reiches“
3.1 Versuch der Anpassung an die nationalen Verhältnisse
3.2 Nonkonformes Verhalten der Zeugen Jehovas
3.3 Fortsetzung des Verkündigungswerkes trotz Verbot

4. Widerstand trotz zunehmender Repressalien ab Mitte der dreißiger Jahre

5. Die Zeugen Jehovas in den Konzentrationslagern

6. Zusammenfassung

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Beschäftigung mit dem Widerstand im „Dritten Reich“ in der historisch-politischen Forschung dient primär zwei Zielen. Zum einen leistet sie einen Beitrag gegen das Vergessen des dunkelsten Kapitels deutscher Geschichte und hält die Erinnerung an ein unmenschliches Regime fest, so dass ähnliche Tendenzen im Ansatz erstickt werden können. Die Erinnerung an diese Erfahrungen trägt wesentlich zur Stärkung der zweiten deutschen Demokratie bei, extreme Parteien und Bewegungen sind in der Bundesrepublik nie über den Charakter von Splitterparteien hinausgekommen. Zum anderen rückt sie endlich den Widerstand „von unten“ ins Blickfeld, widerlegt damit die These, es habe nur Mitläufer und Mittäter gegeben und weist damit endlich stillen Helden ihren Platz in der Geschichte zu, der ihnen auf Grund ihres Verhaltens gebührt. Letzteres geschah bis in die sechziger Jahre nämlich nur unzureichend, die Widerstandsforschung erinnerte fast ausschließlich an den militärisch-konservativen Umsturzversuch des 20. Juli 1944. Erst in den sechziger Jahren entstand mit der Untersuchung des sozialistischen und kommunistischen Widerstandes ein neuer Forschungsschwerpunkt, ehe sich in den siebziger Jahren mit der verstärkten Hinwendung zur Sozial- und Alltagsgeschichte die Geschichtswissenschaft der Erforschung nonkonformen Verhaltens in der Bevölkerung zuwandte und damit das Begriffsfeld des Widerstandes ausdehnte.[1]

Eine der lange Zeit „vergessenen Gruppen“ sind die Zeugen Jehovas. Während die Rolle der beiden großen Kirchen Gegenstand sehr zahlreicher und ausführlicher Untersuchungen ist, schien der aus Glaubensgründen geleistete Widerstand kleinerer Freikirchen und religiöser Gemeinschaften vielen (Kirchen-) Historikern nicht in ihren Aufgabenbereich zu liegen. Die Arbeit will deshalb der Frage nachgehen, wie die Zeugen Jehovas als erste Glaubensgemeinschaft, die im „Dritten Reich“ verboten wurde, Widerstand gegen das nationalsozialistische Regime geleistet und welchen Konsequenzen sie sich ausgesetzt haben. Dabei werden zunächst die Anfänge der Bibelforscherbewegung in den USA und in Deutschland nachgezeichnet. Anschließend soll analysiert werden, wie die Zeugen Jehovas nach 1933 auf die neuen Machthaber reagierten und wie sie in Widerstand zum Regime gerieten. Abschließend werden die verschiedenen Formen ihres nicht systemkonformen Verhaltens aufgezeigt.

2. Die Zeugen Jehovas vor der nationalsozialistischen Machtergreifung

2.1 Die Zeugen Jehovas von ihrer Gründungsphase bis zum Ersten Weltkrieg

Die Anfänge der Bibelforscherbewegung liegen in den 1870er Jahren in der Nähe von Pittsburgh im US-Bundesstaat Pennsylvania und gehen auf Charles Taze Russell, den 1852 geborenen Sohn einer wohlhabenden Textilkaufmannsfamilie, zurück. Dieser hatte sich von dem presbyterianischen Glauben seiner Eltern losgesagt und um 1870 den Adventisten angeschlossen. Enttäuscht hatte er dann aber feststellen müssen, dass deren Prophezeiung der sichtbaren Wiederkehr Christi „ im Fleische “ für das Jahr 1874 nicht eingetroffen war. Russell sammelte eine Gruppe von Gleichgesinnten um sich, die sich meist ebenfalls von den Adventisten zurückgezogen hatten. Noch im selben Jahr verkündete er, dass er nach intensiven Bibelstudium zu der Erkenntnis gelangt sei, die Wiederkehr Christi sei für die Menschen unsichtbar „ im Geiste “ erfolgt, nach einer vierzigjährigen Erntezeit sei mit der Aufrichtung der göttlichen Herrschaft auf Erden und den in der Johannes-Offenbarung verheißenen „ Tausendjährigen Reich “ zu rechnen. Die in 50.000 Exemplaren veröffentlichte Schrift „ Der Zweck und die Art und Weise der Wiederkunft unseres Herrn “ (1877), mit der Russell seine Botschaft verbreitete, fand Resonanz und führte Russells Lehre auch Gruppen außerhalb von Pittsburgh zu. In den nächsten Jahren weitete sich die Lehre Russells durch Vortragsveranstaltungen, Missionsreisen und besonders durch ein umfangreiches publizistisches Schaffen weiter aus. 1881 gründete er für die Verbreitung seiner Schriften eine eigene Verlagsgesellschaft, die spätere „ Watch Tower Bible and Tract Society “, als erste Körperschaft der neuen Religionsgemeinschaft, der er als Präsident vorstand. Die Anhänger Russells bezeichneten sich selber einfach als Christen und gehörten meist noch einer anderen Religion an. Dies änderte sich 1914 mit der Gründung der „ Internationalen Bible Students Association “, als sie die Bezeichnung Bibelforscher annahmen und eine eigene Denomination bildeten.[2]

Seit den neunziger Jahren bemühte sich Russell um die Verbreitung seiner Lehre auch in Europa. Die Schriften wurden zum Teil übersetzt; so erschien zum Beispiel seit dem Frühjahr 1897 das Hauptorgan in einer deutschsprachigen Ausgabe unter den Titel „ Zions Wacht-Turm und Verkünder der Gegenwart Christi “, was zu einen ersten Zulauf auch in Deutschland führte. Ab 1900 kam es in einigen Regionen zu kleinen Versammlungen zur Verbreitung der Glaubenslehre und schließlich 1902 zur Einrichtung eines ersten Zweigbüros in Elberfeld. Ab 1903 baute der aus Thüringen stammende und in die USA ausgewanderte Albert Kötitz auf Veranlassung Russells eine feste Organisationsstruktur auf. Kötitz war mit den amerikanischen Werbeformen bestens vertraut und steigerte den Bekanntheitsgrad durch eine kostspielige Kampagne: 1,5 Millionen Prospeke wurden vor allen als Zeitungsbeilage verbreitet. Die Anhängerschaft stieg nun kontinuierlich an und dürfte 1914 bei ungefähr 3000 bis 4000 Christen gelegen haben.[3]

Das Jahr 1914 sollte den Anbruch des Weltendes bringen und brachte stattdessen nur eine herbe Enttäuschung. Die Bibelforscher begannen bereits vorher, sich von ihren weltlichen Gütern zu trennen und blickten voller Erwartung dem kommenden Ereignis entgegen. Mit den Kriegsausbruch schien sich ihre Vorhersage zu bestätigen, heißt es doch bei Lukas: “Volk wird sich erheben gegen Volk und Reich gegen Reich, und große Erdbeben und Seuchen und Hungersnöte werden sein da und dort, und Schrecknisse und große Zeichen vom Himmel werden kommen “.[4] Doch der von Russell angekündigte tiefe Einschnitt erfolgte nicht und die Bibelforscherbewegung geriet in ihre erste große Krise. Noch während man nach neuen Antworten suchte, verstarb Russell am 31. Oktober 1916 64jährig. Die Bewegung hatte ihren Gründer und ihre herausragende Persönlichkeit verloren.

Hinzu kamen während des Krieges auch ethische Fragen, wie welche Haltung man gegenüber dem Kriegsdienst einnehmen sollte und ob es einen Christen überhaupt erlaubt sei zu töten. Diese Fragen waren vorher kaum Gegenstand von Diskussionen gewesen und überrollten die Bibelforschervereinigung. Die Watch Tower Society riet ihren Angehörigen, das Recht auf Wehrdienstverweigerung aus Glaubensgründen für sich in Anspruch zu nehmen. Dies war allerdings nur in einigen wenigen europäischen Staaten gesetzlich verankert, ansonsten wurde empfohlen, einen waffenlosen Dienst zu leisten, denn das Töten eines Mitmenschen sei, so Russell, einem Christen in keiner Weise gestattet.[5] Dem Militärdienst leisteten einige hundert von ihnen Folge, ein Teil der Anhänger Russells wurde auch zu einem waffenlosen Dienst als Sanitäter oder in der Schreibstube herangezogen. Die Militärbehörden scheinen häufig zu einem Entgegenkommen bereit gewesen zu sein. Mitte des Krieges kam es jedoch zu Konflikten innerhalb der Vereinigung. Nun rückte die Frage in den Vordergrund, ob Christen überhaupt Militärdienst leisten sollten. Es kam immer häufiger vor, dass sich einzelne jeder Beteiligung am Krieg verweigerten, darunter auch einige, die bisher gedient hatten. Die Verweigerer wurden zu Gefängnisstrafen verurteilt oder als von einem religiösen Wahn Befallene in Heilanstalten eingeliefert. Die Kriegsdienstverweigerungen führten zu einer verstärkten Überwachung durch staatliche und kirchliche Stellen gegen Ende des Krieges und zu administrativen Maßnahmen der militärischen Stellen gegen die Bibelforscher. In national gesinnten Kreisen rechnete man die Bibelforscher nun zu den Kreisen der Zersetzung, die den Siegeswillen untergraben und die nationale Gemeinschaft gefährden würden.[6]

2.2 Die Zeugen Jehovas in der Weimarer Republik

Im Januar 1917 wurde der 47jährige Jurist Rutherford, bisher Rechtsberater der Gesellschaft, als Nachfolger Russells berufen. Unter Rutherford änderten sich Lehre und Organisation der Vereinigung allmählich. Ähnlich wie die chiliastischen Gemeinschaften des apokalyptischen Judentums manifestierte sich der Glaube an die Aufrichtung eines die Weltgeschichte beendenden irdischen Gottesreiches von tausendjähriger Dauer, dem „ Millenium “, in das nur die Gerechten Eingang finden würden. Vor dem Anbruch dieses goldenen Zeitalters fände eine große Entscheidungsschlacht, die „ Schlacht von Harmagedon “, statt, in der Jehova Gott die Mächte des Teufels vernichte.[7] Heftige Reaktionen löste die These aus, dass der Satan von Gott auf die Erde geschleudert worden sei und dort seine Heerscharen sammle. Für die Durchsetzung seiner Pläne bediene er sich der finanziellen, politischen und religiösen Machtgruppen; Kirchen und Großindustrie seien deshalb seine Werkzeuge, mit denen er die Erde beherrsche. Seit Mitte der zwanziger Jahre brandmarkte Rutherford in seinen Schriften die finanziellen, politischen und kirchlichen Machtgruppen in ihrer Gesamtheit als „ sichtbare Organisationen des Teufels “.[8] Obwohl der Umsturz der bestehenden Verhältnisse allein durch Gott herbeigeführt werden sollte, wurde die Bibelforscherlehre jetzt als eine die bestehende gesellschaftliche Ordnung radikal infrage stellende Bewegung aufgefasst. Zwar hatten sich die Bibelforscher ein strenges Neutralitätsgebot auferlegt und sich nicht in die politischen Auseinandersetzungen und revolutionären Wirren der Nachkriegszeit eingemischt, dennoch wurden sie bald als Träger der Subversion und Unruhestifter angegriffen. Dabei wurde die Prophezeiung der baldigen Vernichtung der irdischen Mächte durch Jehova als ein bewusst betriebener Umsturzplan der IBV interpretiert. In der Presse setzte der Kampf gegen die Bibelforscher ein, die nun den Feinden des Vaterlandes zugeordnet und häufig auch als „ Wegberater des Bolschewismus “ dargestellt wurden.[9] Immer häufiger unternahmen völkische Kreise den Versuch, die Verwandtschaft der Bibelforscher mit dem Kommunismus zu belegen. Zur Beunruhigung trug aber auch das rasche Anwachsen und der missionarische Eifer der IBV bei. Die Zahl der Mitglieder der Glaubensgemeinschaft betrug 1918 knapp 3900 und stieg bis zum Ende der Weimarer Republik auf ungefähr 25000 an. Das Interesse an den Bibelforschern dürfte jedoch deutlich höher gewesen sein, denn die Zahlen der Besucher bei ihren Veranstaltungen waren sehr viel höher. Im Anstieg der Bibelforscherbewegung spiegelten sich auch die sozioökonomischen Trends der Epoche wieder, denn in den Krisenjahren der Republik war der Zulauf besonders hoch, während in der Phase relativer Prosperität die Zahl stagnierte oder rückläufig war. Da die Kirchen gleichzeitig einen starken Mitgliederrückgang, besonders in der Arbeiterschaft, hinnehmen mussten, führten sie dies häufig auf die Bibelforscherbewegung und nicht auf ihr eigenes Versagen zurück und einzelne Kirchenmitglieder schlossen sich dem publizistischen Feldzug an. Seit 1930 nahmen die Forderungen nach einem Verbot besonders auch durch kirchliche Kreise stark zu.[10] Bayern ging im November 1931 als erstes Land dazu über, mittels Verboten gegen die Bibelforscher einzuschreiten. Neben der Untersagung von Veranstaltungen erfolgten bald die Beschlagnahme und der Einzug sämtlicher Druckschriften der Vereinigung für das Gebiet Bayerns. Die Rechtsbeschwerde gegen diesen Beschluss blieb erfolglos. 1932 kam es in einigen weiteren Ländern unter Berufung auf die Reichspräsidentenverordnung vom 28.3.1931 zur Beschlagnahme von Bibelforscherschriften. Zumindest in Baden erreichte die Wachtturm-Gesellschaft die Aufhebung derartiger Anordnungen beim Badischen Verwaltungsgerichthof.[11]

Auf einer Inspektionsreise durch Europa 1919 gliederte Rutherford die Organisation neu. Ein Zentraleuropäisches Büro wurde eingerichtet, das die Aufsicht über die Zweige in den anderen Ländern Westeuropas ausübte. Neben dieser Zentralstelle wurde ein Nordeuropäisches Büro für die skandinavischen und baltischen Länder errichtet. Rutherford verlangte eine strenge Unterordnung unter die Watch Tower Society, die er als alleinige Wahrheit der in der Nachfolge Jesu wandelnden Christenheit verstand.

Ihm als Präsidenten der Gesellschaft fielen dabei gewissermaßen diktatorische Vollmachten zu, die er zum Abbau aller demokratischen Elemente nutzte. In Personal- und Sachfragen konnte er bald wie ein absoluter Herrscher agieren, der Treue und widerspruchslose Gefolgschaft erwartete. Während seiner Amtszeit kam es zur Abspaltung einiger Gruppen der Bibelforscher von der Wachtturm-Gesellschaft, die ihre Unabhängigkeit durch den Namenszusatz „ Freie Vereinigung “ zum Ausdruck brachten.[12]

[...]


[1] Vgl. Elke Imberger, Widerstand „von unten“. Widerstand und Dissens aus den Reihen der Arbeiterbewegung und der Zeugen Jehovas in Lübeck und Schleswig-Holstein 1933-1945, Neumünster 1991, S. 11f.

[2] Detlef Garbe, Zwischen Widerstand und Martyrium: die Zeugen Jehovas im „Dritten Reich. München³ 1997, S. 52.

[3] Ebd., S. 44f.

[4] Lk 21, 10-11.

[5] Die Befreiung von der Wehrpflicht war u.a. möglich in Dänemark, den Niederlanden, Großbritannien und den USA. Vgl. Garbe, Widerstand, S. 46f.

[6] Ebd., S. 47ff.

[7] Ebd., S. 52.

[8] Ebd., S. 53f.

[9] Ebd., S. 64.

[10] Ebd., S. 70ff.

[11] Ebd., S. 82ff.

[12] Ebd., S. 58.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Die Zeugen Jehovas im Nationalsozialismus - Zwischen Anpassung und Resistenz
Hochschule
Universität Paderborn
Veranstaltung
Hauptseminar "Widerstand, Opposition, Verweigerung, Resistenz. Aspekte der Geschichte des Nationalsozialismus"
Note
2.3
Autor
Jahr
2003
Seiten
23
Katalognummer
V189644
ISBN (eBook)
9783656139713
ISBN (Buch)
9783656139928
Dateigröße
599 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Neuere Geschichte - Nationalsozialismus, Widerstand
Arbeit zitieren
M. A. Carsten Müller (Autor), 2003, Die Zeugen Jehovas im Nationalsozialismus - Zwischen Anpassung und Resistenz, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/189644

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