Gegenüberstellung der Familienpolitik in DDR und BRD und ihr Einfluss auf die jeweilige Fertilitätsentwicklung der Bevölkerung


Hausarbeit (Hauptseminar), 2009

38 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitende Gedanken

2. Begriffsklärung
2.1 Klärung des Begriffs „Familie“
2.2 Klärung des Begriffs „Fertilität“
2.3 Klärung des Begriffs „Familienpolitik“
2.3.1 Rechtliche Grundlagen
2.3.2 Ausgewählte Ziele der Familienpolitik

3. Die Familie in beiden deutschen Staaten
3.1 Das Familienideal der BRD
3.2 Das Familienideal der DDR
3.3 Kurzer Vergleich der Entwicklungen der Ideale

4. Die Familienpolitik
4.1 Die Familienpolitik der BRD
4.2 Die Sozialpolitik der DDR
4.3 Gegenüberstellung der Familienpolitik

5. Die Entwicklung der Geburten
5.1 Die Entwicklung in der BRD
5.2 Ursachen für den Geburtenrückgang in der BRD
5.3 Die Entwicklung in der DDR
5.4 Ursachen für den Geburtenrückgang in der DDR
5.5 Gegenüberstellung der Entwicklungen

6. Die gewollte Kinderlosigkeit

7. Abschließende Gedanken

1. Einleitende Gedanken

Seit dem Jahr 1972 liegen in der Bundesrepublik Deutschland (BRD) die Zahlen der Geburten unter der Zahl der Sterbefälle, was unter Ausschluss der Migrationsströme nach Deutschland, zwangsläufig zu einer Abnahme der (west-)deutschen Bevölkerung führt. (vgl. Schmid 1976, S. 287) Auch die Deutsche Demokratische Republik (DDR) hatte mit einem teils starken Bevölkerungsschwund1 zu kämpfen. An diesem Trend hat sich seit der Wiedervereinigung beider deutscher Staaten am 3.Oktober 1990 nichts geändert.

Im Folgenden möchte ich der Frage nachgehen, welche familienpolitischen Maßnahmen je- weils in den beiden deutschen Staaten, seit ihrer konstitutionellen Gründung 1949 bis zur Öffnung der Mauer 1989, verfolgt wurden und was im speziellen getan wurde, um dem Trend des Bevölkerungsrückgangs entgegenzuwirken bzw. die Reproduktion anzuregen. Beginnen möchte ich mit einer allgemeinen Begriffsklärung und der Darstellung der beiden Familien- ideale. Außerdem möchte ich darlegen wie sich die Fertilität in beiden deutschen Staaten un- ter familienpolitischer Einwirkung entwickelt hat. Abschließend werde ich noch kurz den Sonderfall der gewollten Kinderlosigkeit als „blinden Fleck“ der Familienpolitik ausführen.

2. Begriffsklärung

Zu Beginn möchte ich die grundlegenden Begriffe dieser Arbeit genauer darlegen. Dies sind die Bezeichnungen: Familie, Fertilität und Familienpolitik.

2.1 Klärung des Begriffs „Familie“

„Familie bezeichnet in der Soziologie (wie im Alltag) unterschiedliche Aspekte und Konstel- lationen einer sozialen Lebensform, die mindestens Kinder und Eltern (bzw. ein Elternteil) umfaßt [sic!] (also auf Verwandtschaft beruht) und einen dauerhaften und im Innern durch Solidarität und persönliche Verbundenheit (nicht durch Vertrag, nicht dominant durch rollen- hafte Beziehungen) charakterisierten Zusammenhang aufweist.2 Viele andere Merkmale des- sen, was gemein hin als F[amilie] gilt, sind hingegen soziokulturell variabel (gemeinsame Wohnform, Zugehörigkeit zu einer gemeinsamen Verwandtschaftslinie, gemeinsame Produktion, gemeinsame Konsumption etc.)“ (Fuchs-Heinritz 1994, S. 197).

Dabei liegt das Kernproblem bei der Definition des Terminus Familie darin, dass sie für jegli- che kulturelle und historische Gestalt von Familie zutreffen muss. Der dementsprechend als Familie definierten Gruppe werden ganz bestimmte Funktionen durch die jeweilige Gesell- schaft, in die sie integriert ist, aufgetragen. (vgl. Endruweit 1989, S. 193) Zu diesen Funktionen gehört die Reproduktionsfunktion, d.h. die Zeugung und Pflege von Nachkommen zur Sicherung des Fortbestandes der Gesellschaft. Zudem die Sozialisations- funktion, welche die Weitergabe und Vermittlung von gesellschaftlichen Rollen, Strukturen und Normen an die nächste Generation beinhaltet, sowie die Haushaltsfunktion, mittels Kon- sum und/oder Produktion von Reproduktionsquellen. Letztendlich noch die Erholungsfunkti- on, welche die psychische und physische Entspannung von sämtlichen Mitgliedern der Fami- lie umfasst. (vgl. Gerlach 1996, S. 21)

Diese Funktionen der Familie stehen in einer Wechselwirkung zueinander. Aus ihnen lässt sich das Motiv ableiten, dass die staatliche Familienpolitik begründet, nämlich den Schutz der Familie als gesellschaftlicher Institution. Der Staat kann diesen Schutz nur gewährleisten, solange er selbst als soziale Organisation existiert und auch als solche anerkannt wird. (vgl. Fux 1994, S.171)

2.2 Klärung des Begriffs „Fertilität“

Der Fachausdruck Fertilität leitet sich von dem englischen Wort „fertility“, deutsch Fruchtbarkeit, ab. Die Fertilitätsziffer einer Bevölkerung trifft eine Aussage über das Verhältnis von der Zahl der Geburten zur Zahl der gebärfähigen Frauen zwischen 15 und 45. (vgl. FuchsHeinritz 1994, S. 216)

Gleichbedeutend mit der Fertilitätsziffer ist die Geburtenziffer. Beide werden häufig auch als die Anzahl der lebendgeborenen Kinder „pro tausend Einwohner der Gesamtbevölkerung oder einer Teilbevölkerung zu einem bestimmten Zeitpunkt“ (Fuchs-Heinritz 1994, S. 223) definiert.

Veränderungen in der Geburtenziffer, zum Beispiel in Form eines Geburtenrückgangs, lassen sich beim Vergleich der prozentualen Veränderung der Fertilität zwischen zwei Zeitpunkten feststellen. (vgl. Fux 1994, S. 243)

Dabei gibt es unterschiedliche Einflussfaktoren, die das Fertilitätsniveau einer Gesellschaft maßgeblich mitbestimmen. So lässt sich ein signifikant negativer Zusammenhang zwischen der Erwerbstätigkeit von Frauen und dem Fertilitätsniveau, ebenso wie zwischen der Bevölkerungsdichte einer Region (Einwohnerzahl pro Quadratkilo- meter) aufzeigen. Auch die Konfession hat einen Einfluss auf die Geburtenziffern. (vgl. Fux 1994, S. 239)

2.3 Klärung des Begriffs „Familienpolitik“

„Unter Familienpolitik wird das bewusste, zielgerichtete, planvolle und macht-gestützte Einwirken öffentlicher und freier Träger auf die rechtliche, wirtschaftliche und soziale Lage von Familien, auf ihre Mitglieder und ihre Umwelt verstanden. […] Familienpolitik ist eine Querschnittsaufgabe, die in alle sozialpolitischen Handlungsfelder und zahlreiche weitere Politikbereiche hineinragt“ (Dienel 2002, S. 39).

Familienpolitik kann auf verschiedenen Wegen die institutionellen Bedingungen für familiäres Verhalten individuell agierender Personen beeinflussen und verändern. Dies geschieht zum einen durch Eingriff in die ökonomischen Bedingungen in deren Kontexten Familien existieren, zum anderen durch aktive Gestaltung der Umwelten von Familien und ihrer rechtlichen und institutionellen Verhältnisse, sowie durch aktiven Diskurs über und Darlegung von familienbezogenen Verhaltensidealen. (vgl. Gerlach 1996, S. 158)

Die Grundlage der Familienpolitik bildet in jedem Fall das Gesetz. Dieses Gesetz wird maß- geblich durch die regierenden Parteien beeinflusst und bestimmt. Dementsprechend unterlie- gen die Ziele der Familienpolitik immer auch politischen Interessen und den staatlichen Ideo- logien.

2.3.1 Rechtliche Grundlagen

Die Basis für jegliche Form familienpolitischen Vorgehens seitens der Staatsregierung bilden in der BRD bis heute insbesondere die Absätze 1, 2 und 4 des Artikels 6 des Grundgesetzes3. (vgl. Wenzler 2009, S. 6)

„Art. 6 (Ehe, Familie, nichteheliche Kinder)

(1) Ehe und Familie stehen unter dem besonderen Schutz der staatlichen Ordnung.

(2) Pflege und Erziehung der Kinder sind das natürliche Recht der Eltern und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht. Über ihre Betätigung wacht die staatliche Gemeinschaft.

(4) Jede Mutter hat Anspruch auf den Schutz und die Fürsorge der Gemeinschaft.“ (Grundgesetz 2005, S. 16)

Weitere Richtlinien für die Familienpolitik stellen die Artikel 1 bis 34 und 205 des Grundgesetzes dar. (vgl. Wenzler 2009, S. 6)

Die Akteure der Familienpolitik sind sowohl Bund und Länder als auch Kommunen. Dabei ist jede dieser Ebenen in all ihren Zuständigkeitsbereichen dazu aufgerufen, brauchbare und geeignete Grundvoraussetzungen für Familien bereitzustellen. Dem Bund obliegen zudem noch die steuer- und arbeitsrechtlichen Regelungen, wie Mutterschutz. Zusätzliche Aufgabe der Kommunen ist es für den Schutz familienfreundlicher Lebensumstände zu sorgen. Den Ländern unterstehen alle dazwischen geschalteten Aufgaben, wie die Förderung von Beratungsstellen für Werdende-Mütter. (vgl. Wenzler 2009, S. 7f)

Auch in der DDR bildete das Gesetz den Rahmen für die Familienpolitik.

Hier war das Familiengesetzbuch (FGB), das am 1. April 1966 in Kraft trat, ausschlaggebend. (vgl. Helwig 1982, S. 49)

Bereits in der Präambel des FGB war als Grundsatz festgelegt: die „Familie ist die kleinste Zelle der Gesellschaft“ (Ministerium der Justiz der DDR 1970, zit. n. Gerlach 1996, S.14). Weiter hieß es in eben diesem Gesetzbuch in Artikel 1, Absatz 1 „Der sozialistische Staat schützt und fördert Ehe und Familie. Staat und Gesellschaft nehmen durch vielfältige Maß- nahmen darauf Einfluß [sic!], daß [sic!] die mit der Geburt, Erziehung und Betreuung der Kinder in der Familie verbundenen Leistungen anerkannt und gewürdigt werden. (…) Die Bürger haben ein Recht auf staatlichen Schutz ihrer Ehe und Familie, auf Achtung der eheli- chen und familiaren Bindungen“ (Familienrecht der DDR, zit. n. Gerlach 1996, S. 23).

Aber auch in der 1949 in Kraft getretenen Verfassung der DDR war der Grundsatz des Schutzes der Familie verankert. Hier hieß es in Artikel 30 Absatz 1 wie folgt: „Ehe und Familie bilden die Grundlage des Gemeinschaftslebens. Sie stehen unter dem besonderen Schutz des Staates“ (Verfassung der DDR zit. n. Gerlach 1996, S.113).

2.3.2 Ausgewählte Ziele der Familienpolitik

Jegliche Form von Politik verfolgt, mit ihrem Tun und Handeln, Ziele die an bestimmte Wertvorstellungen geknüpft sind.

Gleiches gilt für die Familienpolitik. Auch ihre Ziele unterliegen einem pateipolitischen6 und am gesellschaftlichen Diskurs orientierten Wandel. Dabei stehen die Ziele häufig in engem Zusammenhang zueinander und können sich zuweilen auch überschneiden. Familienpoliti- sche Ziele der BRD und der DDR waren (und sind es in der BRD noch bis heute) beispiels- weise7 die Bedarfsgerechtigkeit, die Bevölkerungspolitik, und die Chancengerechtigkeit für Kinder. (vgl. Wenzler 2009, S. 9)

Unter der Bedarfsgerechtigkeit ist eine staatliche, an der kinderzahlorientierte, finanzielle Leistung zu verstehen, die das Nettoerwerbseinkommen eines Haushaltes ergänzen und somit kinderreiche Familien entlasten soll. Erstmals eingeführt wurde diese Aufwendung 1955 in Form eines geringen Kindergeldes für das dritte und jedes weitere Kind. Dabei soll das Kindergeld bis heute nicht das Existenzminimum eines Kindes decken, weshalb seine Höhe auch relativ willkürlich festgelegt wird.8 (vgl. Wenzler 2009, S. 9f)

In der DDR gab es erst ab dem 30. November 1981 eine finanzielle, staatliche Unterstützung in Form von Kindergeld. Für das erste und zweite Kind wurden jeweils 20 Mark pro Monat bezahlt. Für das dritte Kind wurden 50 Mark, für das vierte 60 Mark und für jedes weitere 70 Mark angesetzt. Doch schon am 1. Dezember 1981 wurde die Regelung für jedes dritte und weitere Kind insofern wieder geändert, dass nun ein Anspruch von 100 Mark eingerichtet wurde. (vgl. Helwig1982, S. 59)

Im Mai 1987 wurde das Kindergeld für das erste Kind auf 50 Mark, für das zweite auf 100 Mark und für jedes weitere Kind auf 150 Mark erhöht. (vgl. Gerlach 1996, S. 241)

Unter der Bevölkerungspolitik ist, die „Gesamtheit zielgerichteter, staatlich-administrativer Maßnahmen, um eine Bevölkerung in ihrer Größe oder inneren Zusammensetzung zu verändern“ (Gabler Wirtschaftslexikon 2008), zu verstehen.

Allerdings war in der BRD eine aktive Bevölkerungspolitik zur Einwirkung auf einen positiven, demographischen Verlauf nach 1945 lange nicht denkbar. (vgl. Wenzler 2009, S. 14) Denn während der Zeit der Nationalsozialisten bezog sich die Bevölkerungswissenschaft direkt auf die Bevölkerungspolitik bezogen. Im Vordergrund standen dabei die Analyse und die Neuorganisation der deutschen Gesellschaft. Die Bevölkerungswissenschaft erfasste in diesem Zusammenhang die als fremd eingestuften Bevölkerungsteile. Die Bevölkerungspolitik hatte die Verfolgung und Vernichtung der von der Bevölkerungswissenschaft bestimmten Bevölkerungsgruppen zur Aufgabe. (vgl. Haar 2008)

Mit dem Einbruch der Geburtenzahlen ab Mitte der 1960ger Jahre waren bevölkerungspoliti- sche Aktivitäten wieder im Rahmen des Möglichen. (vgl. Wenzler 2009, S. 14) Spätestens jedoch seit dem Dritten Familienbericht der Bundesregierung 1979 existierte in der BRD wieder ein ausdrücklich bevölkerungspolitisch orientiertes Programm. (vgl. Gerlach 1996, S.153) In der DDR gab es trotz der gleichen historischen Vergangenheit, bereits in den 70ger Jahren dezidierende Maßnahmen der Bevölkerungspolitik.9 (vgl. Gerlach 1996, S. 153)

Das Ziel der Chancengleichheit für Kinder entsandt aus der Erkenntnis heraus, dass die Entwicklungsmöglichkeiten von Kindern sehr stark von ihrer Herkunftsfamilie abhängen. Beispielsweise haben in der BRD bis heute Kinder aus Familien mit einem niedrigen Bildungsabschluss deutlich seltener einen Hochschulabschluss als Akademikerkinder10. Deshalb verfolgt die Familienpolitik zwei Leitlinien zum Chancenaus- gleich. Zum einen werden Eltern bei der Erziehung unterstützt und zum anderen soll durch Angebote außerhalb der Familie die Entwicklung der Kinder gefördert und somit das elterliche Manko kompensiert werden. (vgl. Wenzler 2009, S. 23) Die Idee vom Chancenausgleich war in der DDR hingegen dadurch gekennzeichnet, dass der Staat aktiv die Chancen von Arbeiter- und Bauernkindern zu höheren Bildungsabschlüssen zu gelangen, durch direktes Eingreifen verbesserte. Die Zulassung zur zweijährigen Erweiterten Oberschule (EOS), die zum Abitur führte, wurde hier nämlich nicht nur durch gute Leistun- gen, sondern auch durch vorbildliches Verhalten und tiefe Verbundenheit mit der DDR er- möglicht. Dabei wurden die Schüler die zur EOS zugelassen werden sollten, von ihrem Schuldirektor, dem Kreisschulrat vorgeschlagen, welcher dann letzte Entscheidungsgewalt hatte. Stark eingeschränkt waren die Möglichkeiten einen höheren Bildungsabschluss zu er- langen für praktizierende Christen. Denn ihnen wurde die Zulassung zur EOS überdurch- schnittlich häufig verwehrt. (vgl. Helwig 1982, S. 15)

3. Die Familie in beiden deutschen Staaten

Wie sich aus der Bezeichnung ebenso wie aus der Begriffsdefinition des Wortes Familienpoli- tik bereits ergibt, steht im Zentrum die Familie. Dabei ist eben diese Familie, wie auch die Familienpolitik, einem gesellschaftlichen Diskurs untergeordnet der einem steten Wandel unterliegt. Das Ideal der Familie von gestern ist ein anderes, als das der Familie von morgen. Mit angetrieben wird dieser Diskurs durch die Politik die Rahmenvorstellungen über Familienleitbilder legitimiert und vermittelt.

Seit Gründung beider deutscher Staaten hat sich das Familienleitbild mehrfach, teils grundlegend, gewandelt. Wie sich das jeweilige Ideal in den 50er Jahren bis 90er Jahren darstellte und veränderte, möchte ich im Folgenden näher ausführen.

3.1 Das Familienideal der BRD

Das Leitbild der Familie in der BRD der fünfziger Jahre war, wie auch in vielen anderen westlichen Industrienationen, das Familienmodell der modernen Kleinfamilie, auch als „Gattenfamilie“ oder „privatisierte Kernfamilie“ bezeichnet. Mit moderner Kleinfa- milie ist die „selbstständige Haushaltsgemeinschaft eines verheirateten Paares mit seinen un- mündigen Kindern“ (Peuckert 2002, S. 20) gemeint. Diese Familienform ist durch ein traditi- onelles Rollenverständnis gekennzeichnet, dass heißt der Mann ernährt als Alleinverdiener durch seine Erwerbstätigkeit die Familie. Die Frau hingegen ist als Hausfrau und Mutter für die Haushaltsführung und Kinderbetreuung zuständig. Diese Familienform wurde als massen- hafte Lebensform und kulturelles Leitbild in allen Gesellschaftsschichten gelebt. Das Lebens- ziel jedes Mannes und jeder Frau war die Familiengründung, die durch Eintritt in eine lebens- lange, monogame Ehe und Kinderzeugung verwirklicht wurde. Alternative Lebensformen, wie Partnerschaften ohne Trauschein oder Single-Dasein wurden häufig ausgegrenzt und als minderwertig erachtet. Die Institutionalisierung der Kleinfamilie als postuliertes Familienleit- bild äußerte sich hauptsächlich darin, dass jeder Erwachsene im Laufe seiner Sozialistation den Wunsch nach Eheschließung und Familiengründung internalisiert hatte. Praktisch jeder deutsche Bürger strebte zu dieser Zeit das Leitbild der modernen Kleinfamilie als einzig wah- re Möglichkeit zur Verwirklichung seines privaten Glückes an. (vgl. Peuckert 2002, S. 24f) Allerdings hat sich dieses Familienideal und damit verbunden auch die Haushaltsstruktur11 der BRD seit der Studentenbewegung der 68ger Generation stark verän- dert und ist in eine breite Pluralisierung der Lebensformen gemündet. Der Grund für den Wandel des Familienideals und damit der Familienstruktur ist in erster Linie auf die soge- nannte Deinstitutionalisierung und somit der Abnahme der Verbindlichkeit des Ideals zurück- zuführen. (vgl. Peuckert 2002, S. 37f) Dieser Wandel ist das Resultat eines langfristigen In- dividualisierungsprozesses der Bevölkerung. (vgl. Peuckert 2002, S. 40)

Die Deinstitutionalisierung äußert sich in mehreren Teilaspekten von Familie. Zum einen gilt das Ideal der modernen Kleinfamilie nicht mehr als die einzig wahre, natürliche Lebensform, da sie starke Einbußen bezüglich ihrer Legitimität einstecken musste. Diese Einbußen wirkten sich vor allem auf die Institution der Ehe und ihre Popularität aus. (vgl. Peuckert 2002, S. 38) So ist der Anteil der Nicht-Heiratenden in Westdeutschland deutlich angestiegen. Während 1970 nur ca. 10% der Bevölkerung ihr Leben lang ledig blieben wurden für 2006 bereits 30% prognostiziert. (vgl. Meyer 2006, S. 335)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Anmerkung zur Grafik: An der stetigen Abnahme der Eheschließungen lässt sich der Popularitätsverlust der Ehe seit Ende der 60ger Jahre deutlich erkennen. Augenscheinlich gilt dieser Trend auch für die DDR, nur setzte er dort bereits Anfang der 60ger Jahre ein.

Ebenso erging es der Institution der Elternschaft. Sie galt nicht länger als unabdingbarer Be- standteil des individuellen Lebensglücks. Auch verloren die klassischen Geschlechterrollen einen beachtlichen Teil ihrer Allgemeingültigkeit. (vgl. Peuckert 2002, S. 38f) Frauen waren Ende der 80er Jahre (und sind es bis heute) nicht mehr ausschließlich für den Bereich Haushalt, Herd und Kinder zuständig, sondern es wurde ihnen freigestellt, sich zwi- schen mehreren Alternativen, wie Karriere, Halbtagsjob oder Hausfrauentätigkeit, zu ent- scheiden bzw. je nach Lebenssituation zu wechseln.12 Auch die Rolle des Mannes und Vaters hatte sich vom „sole-bread-winner“, der den Haushalt und die Kindererziehung seiner Frau überlässt, bis 1990 etwas aufgelockert. Die ersten Väter nahmen nun eine Berufsauszeit zur Kinderbetreuung.13

Zu all diesen Entwicklungen hatte zudem der Abbau der sozialen Werte und gesellschaftlichen Kontrollsysteme, die die Monopolstellung von Ehe und Kleinfamilie festigten, beigetragen. So hatte sich die staatliche Kontrolle der Ehe weitestgehend aufgelöst und nur noch einige wenige rechtliche Vorteile, wie steuerrechtlicher und erbrechtlicher Natur, sind noch aus der Ehe für Mann und Frau zu ziehen. Gleiches gilt für die informelle soziale Kontrolle bezüglich Ehe- und Sexualmoral. Zusammenleben ohne Trauschein mit und ohne Kinder, Single-Dasein und Scheidung und Wiederheirat sind nur einige der Ende der 80er Jahre und auch heute noch möglichen und insbesondere gesellschaftlichen akzeptierten Lebensformen. (vgl. Peuckert 2002, S. 39)

Beispielsweise lebten 1972 273.000 Männer und Frauen ohne Trauschein zusammen. 1982 waren es bereits 1.032.000 Paare. (vgl. Kaufmann, S. 107) Hinzu kommt schließlich noch die „Auflösung und Entkoppelung des bürgerlichen Familienmusters“ (Peuckert 2002, S. 40). Damit ist in erster Linie die Auflösung und Separierung der traditionellen Verknüpfung von Liebe, lebenslanger, monogamer Ehe in einem gemeinsamen Haushalt mit den eigenen Kindern gemeint. All diese Komponenten sind nicht länger streng aneinander gebunden, sondern sie können vielmehr je nach Belieben und den Bedürfnissen des Einzelnen kombiniert werden. (vgl. Peuckert 2002, S. 40)

Dementsprechend existierten (und existieren bis heute) in Westdeutschland und auch in anderen westlichen Ländern eine Vielzahl von verschiedenen Ehe-, Familien- und Haushaltsformen, Beispiele hier für sind die Doppelverdiener-Ehen, die Zwei-Karrieren-Ehen, die kinderlose Ehe, nichteheliche Lebensgemeinschaften oder auch Stieffamilien14.

[...]


1 Nicht nur auf Grund sinkender Geburtenzahlen. Ab 1971 überwogen zahlentechnisch in der DDR die Geborenen die Gestorbenen. (vgl. Gerlach 1996, S. 33) Vor allem die Auswanderung, sogenannte „Republikflucht“, führte hier zum Bevölkerungsschwund. Bis 1961 wanderten fast 3 Millionen in erster Linie junge Menschen in das „kapitalistische Ausland“ ab. (vgl. Helwig 1982, S. 69)

2 Außerdem steht der Begriff Familie einerseits für die Zwei-Generationen Kernfamilie bestehend aus Eltern (bzw. einem Elternteil) und Kind(ern) und andererseits für die näheren und ferneren Verwandten, wie beispielsweise die Großeltern, die in eigenständigen Haushalten leben. (vgl. Wenzler 2009, S. 1f)

3 Das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland trat am 23. Mai 1949 in Kraft. (vgl. Görtemarker 2002, S. 44f) Nach der Wiedervereinigung beider deutscher Staaten und dem Inkrafttreten des sogenannten „Einigungs- vertrages am 3.10.1990 wurden durch die Generalklausel des Art. 8 Einigungsvertrag, Art. 3 und Art. 6 des Grundgesetzes sowie die Bestimmungen des 4. Buches des BGB auch für das Beitrittsgebiet geltendes Recht“ (Gerlach 1996, S. 123).

4 Menschenwürde, Freie Entfaltung der Persönlichkeit und Gleichheitsgrundsatz

5 Sozialstaatsprinzip

6 In der DDR gab es von 1949 bis 1990 die sog. „Nationale Front“ unter Leitung der SED (Sozialistische Ein- heitspartei Deutschlands) als Zusammenschluss aller politischen Parteien. Dabei stellte die Nationale Front so- wohl die zur Wahl stehenden Kandidaten wie auch die „Einheitswahllisten“ auf. (vgl. Meyers Lexikonredaktion 1996, S. 318) Die Familienpolitik der DDR war also generell am sozialistischen Leitbild orientiert. Die Orientie- rung der Familienpolitik der BRD hingegen unterlag/unterliegt der jeweils regierenden Parteienkonstellation und ist somit eher sozialdemokratisch oder christlich-demokratisch (/sozial) fokussiert, mit unterschiedlichen Akzen- tuierungen je nach Koalitionspartner.

7 An dieser Stelle wird kein Anspruch auf Vollständigkeit erhoben, denn das Kernthema dieser Hausarbeit lautet nicht „Die Ziele der Familienpolitik in BRD und DDR“. Es werden hier lediglich einige Ziele exemplarisch für die übrigen herausgegriffen und kurz dargestellt.

8 Die jeweilige Höhe des Kindergeldes ist in der Fußnote auf Seite 17 vermerkt.

9 Wann und welcher Art diese politischen Maßnahmen in BRD und DDR waren, wird an späterer Stelle noch geklärt.

10 Ergebnis der PISA-Studie 2006 hierzu: „Kinder aus bildungsfernen Elternhäusern erhalten von ihren Lehrern und Eltern erst bei deutlich höheren Leistungswerten eine Gymnasialpräferenz als Kinder aus bildungsnahen Elternhäusern. Dieser Befund ist 2006 noch deutlicher als 2001 sichtbar.“ (IFS Dortmund 2006a zit. n. Spiegel- online 2007). Auch die Iglu-Studie 2006 lieferte hierzu ein ähnliches Ergebnis: „Kinder aus bildungsnahen El- ternhäusern haben in Deutschland einen deutlichen Leistungsvorsprung von 67 Punkten [im Leseverständnis] vor Kindern aus bildungsfernen Elternhäusern“ (IFS Dortmund 2006b zit. n. Spiegelonline 2007).

11 Haushalt und Familie sind unterschiedliche soziale Gebilde. Ein Haushalt ist „eine sozio-ökonomische Einheit, die aus zusammen wohnenden und gemeinsam wirtschaftenden Personen besteht. Die Mitglieder der Haushaltes können mit einander verwandt sein, aber auch ohne familiäre Beziehung zusammen leben.“(Pöschel 1989, zit. n. Peuckert 2002, S. 30f)

12 1980 waren 48,6 % der Frauen mit einem Kind unter 18 und 39,9 % mit zwei Kindern unter 18, sowie 35,1 % mit drei und mehr minderjährigen Kindern erwerbstätig. (vgl. Helwig 1982, S. 32)

13 1985 waren 2% der Männer in der BRD, 1988 nach einer Schätzung von Burkhard Strümpel einige zehntausend, Hausmänner, darunter fallen auch Männer die im Erziehungsurlaub oder der Elternzeit waren. (vgl. Peuckert 2002, S. 271)

14 Hier wird in 90% der Fälle der biologische Vater durch einen sozialen Vater ersetzt. Die übrigen Formen von Ehen, Familien, Haushaltsformen ergeben sich aus ihrer Bezeichnung. (vgl. Peuckert 2002, S. 33)

Ende der Leseprobe aus 38 Seiten

Details

Titel
Gegenüberstellung der Familienpolitik in DDR und BRD und ihr Einfluss auf die jeweilige Fertilitätsentwicklung der Bevölkerung
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg  (Institut für Soziologie)
Veranstaltung
Hauptseminar Bevölkerungssoziologie
Note
1,7
Autor
Jahr
2009
Seiten
38
Katalognummer
V189652
ISBN (eBook)
9783656139683
ISBN (Buch)
9783656139881
Dateigröße
956 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bevölkerungssoziologie, Familie, Familienpolitik, DDR, Fertilität
Arbeit zitieren
Bachelor of Arts Julia Erdmann (Autor), 2009, Gegenüberstellung der Familienpolitik in DDR und BRD und ihr Einfluss auf die jeweilige Fertilitätsentwicklung der Bevölkerung , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/189652

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