Diagrammatische Strukturen bei mittelalterlichen Visionsdarstellungen am Beispiel der Wurzel Jesse


Hausarbeit, 2012
19 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Traum- und Visionserzählung im Mittelalter

2. Warum träumt Jesse?

3. Genealogie durch Baum- und Wurzeldarstellungen

4. Darstellungsvariationen der Wurzel Jesse
4.1. Die Darstellung Jesses mit dem Reis
4.2. Die Darstellung Jesses mit Maria und Kind
4.3. Die Darstellung Jesses mit durchgebildetem Baum

5. Die sieben Gaben

6. Performativer Medienwechsel

7. Lambeth Bible - Jessewurzel

8. Lambeth Bible - Traum Jakobs

9. Ausblick

Literaturverzeichnis

Zum Autor

1. Traum- und Visionserzählung im Mittelalter1

Es ist nicht bestreitbar, dass seit dem 11. Jahrhundert ein stetiges Interesse an der Darstellung von Träumen und Visionen herrscht. Ob nun in der Plastik, der Glasmalerei oder in unzähligen Handschriften ist dieser Topos ein wichtiges Element in der Entwicklung und Reifung einer christlichen Ikonographie des sogenannten Abendlandes. Träume betten sich in einen Funktionsstatus. Sie werden zum Medium der Vermittlung zwischen Gott und den Menschen transformiert. „Träume werden nun ein bevorzugtes Mittel, Personen, Orte, Überzeugungen und gesellschaftliche Verhaltensmuster zu rechtfertigen.―2 Folglich wird die Typologie des Traumes vermehrt und medienübergreifend produziert. Wie fast alle bildlichen Darstellungen des Mittelalters verweisen sie auf schriftlich verfasste Quellentexte.3 Der Text und das Bild können sich beide bedingen, wie es in den mittelalterlichen Handschriften des Öfteren der Fall ist. Der visuelle Verweis auf den schriftlichten Ursprung kann allerdings auch unsichtbar sein, d.h. der Darstellung nur immanent bleiben, wie in der Plastik oder der Glasmalerei. In einem solchen Fall zwingt sich die Darstellung in ein Korsett eines bestimmten Bildtypus, der lesbar sein muss. Lesbar für die BetrachterInnen, oder zumindest lesbar für eine elitäre, gebildete Gruppe, die die Darstellung zu identifizieren vermag, indem sie zunächst einen Traum, oder Visionsdarstellungen betrachten und im weiteren Verlauf den spezifischen Bildinhalt erkennen.4 Anzumerken ist, dass „die Verwandtschaft von Bild und Traum […] im Mittelalter zunächst negiert [erscheint]: die Kirche trennte streng zwischen herkömmlichen Träumen, die als wertloses Produkt der menschlichen Vorstellungskraft betrachtet wurden, und Traumvisionen, in denen man Botschaften Gottes an seine Auserwählten zu erkennen glaubte. Nur Offenbarungsträume konnten Eingang in die Bildliche Darstellung finden und mußten […] strikt von den Imaginationsleistungen der Künstler unterschieden werden.―5 Diese Tatsache führt zur Kritik, dass bisher die Begriffe Traum und Vision als Begriffspaar, im Sinne zweier zusammengehöriger Elemente gleicher Semantik unreflektiert gebraucht wurden.

2. Warum träumt Jesse?

In der hier vorliegenden Arbeit soll der im Mittelalter beliebte Typus der Jessewurzel beleuchtet werden.6 Jesse oder Jesaja ist auch der Grund warum bisher Traum und Vision alternierend gebraucht wurden. Hier ist zu bedenken, dass der biblische Name Jesse noch auf den Träumenden zurückzuführen ist. Der Inhalt des Traums macht Jesse zu Jesaja, denn genau dieser Inhalt wird durch die Interpretation zur Vision und der Träumende (Jesse) zum Visionär und Propheten (Jesaja).

Auf der Suche nach dem Ursprung der Jessetypologie wird der Weg über die Diagrammatik in Bezug auf den hierarchischen Aufbau der Baumtypologie führen. Weiters wird gezeigt werden, dass die Darstellung der Jakobsleiter eine Brücke zur etablierten Visualisierung der Jessewurzel bildet und der Ausgangspunkt einer spezifischen, ikonographischen Positionierung bezeugt. Die ikonographische Positionierung geht der Frage zur Funktion des Traumvisionärs und der BetrachterIn nach. Dem Themenkomplex „warum Jesse eigentlich träumt― soll sich angenähert werden, denn die ikonographische Bildauslegung Jesses als Träumenden darzustellen, ist keine selbstverständliche, da der Typus zwar einen eindeutigen Verweis auf Jesaja 11,1-3a gibt, die schriftliche Quelle allerdings noch keinerlei Anlass für die spezifische typologische Auslegung darstellt.

3. Genealogie durch Baum- und Wurzeldarstellungen

„Der Baum gehört zu den Großen archetypischen Zeichen und Symbolen des Menschen, die eng an seine Existenz geknüpft sind. Die Dreiteilung des Baumes in Wurzel, Stamm und Astkrone wiederholt die Ordnung der Welt in Unterwelt, Erde und Himmel, läßt den Baum aber auch als Ebenbild des Menschen sehen, der wohl in der Erde wurzelt, mit seinem Geist aber zum Himmel strebt.―7 Diese Dreiteilung des Baumes reflektiert ihn als Symbol für göttliche Ordnung, als Symbol für das Leben selbst und den Menschen.8 In der Jessetypologie findet sich die Form des Baumes gleichermaßen häufig wie die der Wurzel. Beide stehen für Ursprünglichkeit und die diagrammatische Genealogie Christi in der christlichen Ikonographie.

Der Jessebaum ist eine Darstellungsform des Stammbaumes Christi. Jesse gilt als der Stammvater des Geschlechts David. Folglich liegt die Wurzel, also der Ursprung, in der Genealogie der menschlichen Abstammung Christi. Jesus, der Sohn Marias, der Frau Josefs, gehört dem Geschlecht Davids an.9 Im Neuen Testament wird auf zwei Ahnenreihen hingewiesen. Der Stammbaum des Evangelisten Lukas (Lk 3,23-38) geht zurück bis auf Adam und verläuft damit bis zu Gott. Gegensätzlich dazu findet sich beim Evangelisten Matthäus ein Stammbaum Jesu wieder, der bei Abraham seinen Ursprung findet, „wobei David als Sohn des Jesse besonders herausgestrichen wird (Mt 1,1-17)―10 Der Stammbaum wird als Beweis gehandelt, der Jesus als Erbe der Verheißung bestätigt, die an Abraham und David ergangen ist. „Daß die beiden Genealogien einander nicht entsprechen, beschäftigt die Kommentare der Kirchenschriftsteller durch Jahrhunderte, wobei Paulus schon Timotheus angewiesen hat, sich nicht mit Fabeleien und endlosen Geschlechterreihen abzugeben (1 Tim 1,4). Die Bildwiedergaben der Wurzel Jesse folgen [häufiger] dem Matthäus-Text, der von Abraham bis David vierzehn Generationen, von David bis zur Babylonischen Gefangenschaft vierzehn Generationen und von der Babylonischen Gefangenschaft bis zu Christus vierzehn Generationen (Mt 1,17) zählt, wobei die Zahl vierzehn symbolisch verstanden werden muß.―11

4. Darstellungsvariationen der Wurzel Jesse

Jesse wurde nicht ausschließlich als Träumender, oder Schlafender, d.h. in liegender Position mit geschlossenen Augen, dargestellt.12 Man findet ihn sitzend, liegend, oder auch in das Motiv eines sprießenden Zweiges, Stammes oder einer Ranke eingebettet. Die heterogenen Darstellungsmöglichkeiten der Jesse-Wurzel, oder des Jessebaums sind variabel. D.h. die genealogische Besetzung und die Anordnung der Prophetenreihung ist kein einheitliches Kennzeichen dieser Typologie. Die drei Besetzungsorte einer Pflanze Radix - Virga - Flos (Wurzel- Spross- Blüte) wurden in zahlreichen Darstellungen auf vielseitige Weise belegt. In einigen Illuminationen bediente man sich dem Geschlecht Davids oder auch Boas. Im Folgenden sollen drei Grundtypen kategorisiert werden.13

4.1. Die Darstellung Jesses mit dem Reis

Die Darstellung Jesses mit dem Reis kann als Grundtyp und als elementare Basis für weitere Variationen gelesen werden. Jesse wird singulär in Zusammenhang mit einem in der Blüte stehenden Baum dargestellt. Hier konnte der verschlungene Bereich der Pflanze als unbesetzter Platzhalter präsentiert werden, indem er einfach leer blieb. Die Baumkrone trägt bei dieser Variante die sieben Tauben als Applikation an den Astenden. Die Tauben fungieren als Versinnbildlichung Christi und der sieben Gaben des Heiligen Geistes.

4.2. Die Darstellung Jesses mit Maria und Kind

Eine weitere Darstellungsform, die etwa zeitgleich mit dem bereits genannten Jesse-Typus aufgekommen sein dürfte, fokussiert Maria. Wobei in der Mitte, also dem Spross, des Öfteren die Jungfrau solitär dargestellt ist. Dies wurde oft als visuelles Pendant zur Alliteration Virgo - Virga (Jungfrau - Spross) kommentiert und interpretiert. Wegweisend für die Konzentration auf Maria, innerhalb dieser Auffassung des Bildmotivs, bilden die Schriften des Bernhard von Clairvaux (1090 - 1153), der die Textstellen Jesaja 11,1 zusammen mit Jesaja 7,14 auf die Verkündigung und Jungfrauengeburt bezog.14 Die häufigsten Varianten geben Maria präsent, als Versinnbildlichung des Stammes in der Mitte der Baumkrone thronend wieder.15

4.3. Die Darstellung Jesses mit durchgebildetem Baum

Eine durchwachsene Wurzel Jesse, die das Motiv genealogischer Darstellungsoptionen und des Stammbaums verbindet, ist die letzte der drei typologischen Gruppen. Hier fungiert Christus als krönender Abschluss. Er ist auf der Baumkrone platziert und repräsentiert die Vollendung des Heilgeschehens.16 Jesse hingegen wird liegend oder schlafend als Ausgangspunkt dargestellt. Zwischen Christus und Jesse können sich die Ranken zu einem äußerst komplexen Rahmensystem mit zeitlicher Implikation ausdehnen, in das sich nicht nur personifizierte Allegorien, sondern auch ein gewaltiger Schatz an Narration einbetten konnte.17 Hierbei flankieren den Baum oftmals Propheten, die als Ahnen in zukunftsweisener Geistigkeit gelesen werden können. Diese Gruppe ist die am meisten verbreiteteste.18

Bei allen Varianten der Darstellung scheint jedoch die Baumkrone relativ einheitlich umgesetzt. In Jeder Gruppe findet sich Christus durch die Tauben, als Versinnbildlichung der sieben Gaben des Heilligen Geistes, wieder. Die abweichenden Alternativen wären eine Subsummierung alleinig auf die sieben Tauben, Christus solitär, oder die Baumkrone mit einer Mutter-Kind-Gruppe.

[...]


1 Aus rechtlichen Gründen wurde in der Publikation auf Abbildungen verzichtet. Informationen zur Bildrecherche können über das Profil des Autors auf der Verlagshomepage eingeholt werden.

2 Le Goff 1977, S. 299 ff.

3 Vgl. Schapiro 1973.

4 Vgl. Schmitt 1989, S. 9.

5 Bogen 1997, S. 13.

6 Weitere Bezeichnungen: Wurzel Jesse, Jessebaum, Stammbaum Christie, Vgl. Schiller 1966, S. 23 ff; LCI 1968, Bd. 4, S. 549 ff.

7 Senarclens de Grancy 1995, S. 10.

8 Vgl. ebd. S.10 ff.

9 Vgl. Lk 1,27 und Mt 1,20.

10 Kaindl 1995, S. 120.

11 Ebd.

12 Hier wird dem Kurs Heimo Kaindls gefolgt. Grundtypenteilung nach Schiller 1966.

13 Watson (1934) und Sommer (1966) gehen von einer weiteren Untergliederung aus, die auf die Buchmalerei des 12. Jahrhunderts angewendet wurde. An Typen wird unterschieden: Jesse mit der Virga, Jesse mit Maria und Kind, Virga-Virgo-Flos, Arbor Jesse mit einem oder zwei Königen, Reichere Darstellungen und besondere Lösungen; Vgl. Sommer 1966, S.168 f.

14 „Darum wird euch der Herr von sich aus ein Zeichen geben: Seht, die Jungfrau wird ein Kind empfangen, sie wird einen Sohn gebären, und sie wird ihm den Namen Immanuel geben―

15 Abbildung: Jesaja Frontispiz, Lambeth-Bibel, Mitte 12. Jh. , London, Lambeth Palace Library, Ms. 3, fol. 198r, in: Ganz 2004, S. 219.

16 Vgl. Pippal 2005; S. 25, zum Heilsgeschehen.

17 Zeitliche Implikationen müssen nicht innerhalb einer chronologischen Matrix verstanden werden. Applikationen zeitlicher Parallelität sind möglich in Form einer Simultanerzählung. Vgl. Kemp 1996, S. 58.

18 Vgl. Kaindl 1995, S. 122.

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Details

Titel
Diagrammatische Strukturen bei mittelalterlichen Visionsdarstellungen am Beispiel der Wurzel Jesse
Hochschule
Universität Wien
Autor
Jahr
2012
Seiten
19
Katalognummer
V189683
ISBN (eBook)
9783656140115
ISBN (Buch)
9783656140658
Dateigröße
765 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Topologie, Mittelalter, Diagrammatik, Jesse, Exegese, Religion, Bibel, mittelalterliche Handschriften, Lambeth Bibel, Visionsdarstellung
Arbeit zitieren
Daniel Skina (Autor), 2012, Diagrammatische Strukturen bei mittelalterlichen Visionsdarstellungen am Beispiel der Wurzel Jesse, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/189683

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