Zeitgeschichte und Zeitkritik in 'Das Steinerne Herz' von Arno Schmidt - Analyse ausgewählter thematischer Schwerpunkte - Teil I


Wissenschaftlicher Aufsatz, 2012

18 Seiten, Note: "-"


Leseprobe

Zeitgeschehen und Zeitkritik in "Das Steinerne Herz" von Arno Schmidt

Analyse ausgewählter thematischer Schwerpunkte: Teil I

"Das Steinerne Herz"[1], fertiggestellt im April 1955, stellte einen ersten Höhepunkt von Arno Schmidts erzählerischer Prosa dar. Die Bundesrepublik war inzwischen zu einem verlässlichen Partner im westlichen Bündnissystem geworden. Der wirtschaftliche Aufschwung war in vollem Gange. Es gab schon ein großes Warenangebot, und viele Menschen konnten sich bereits einen gewissen Luxus erlauben. Die Not der unmittelbaren Nachkriegszeit war überwunden, und man beschäftigte sich mit anderen Dingen als der Aufarbeitung der Vorgänge im Dritten Reich. Später, in den Sechziger Jahren, gab es Stimmen - wie die des bereits zitierten Karl Jaspers (vgl. Der zeitgeschichtliche Hintergrund, S. 8 f.) -, die von einem großen Verdrängungsprozess sprachen. Dies ist - kurz skizziert - der unmittelbare zeitgeschichtliche Hintergrund, vor dem sich das Geschehen im "Steinernen Herzen" abspielt. Gleichzeitig ist unübersehbar, dass Kriegserlebnisse, Kriegsfolgen und die Mangelsituation der frühen Nachkriegsjahre weit ins Geschehen hineinreichen und das Denken und Handeln der Protagonisten stark beeinflussen. Das "Steinerne Herz" kann darüberhinaus als eines der frühesten literarischen Dokumente angesehen werden, in dem die deutsche Teilung in Ost und West thematisiert wird, und als einer der ersten westdeutschen Romane, die einen Einblick in die Lebensverhältnisse der DDR bzw. Ostberlins vermittelten.

Zur Entstehungsgeschichte

Da der Rowohlt Verlag nach der Veröffentlichung von "Aus dem Leben eines Fauns" (1953) kein Interesse zeigte, für Arno Schmidt weiterhin zu publizieren, übernahm durch die Vermittlung von Alfred Andersch Ernst Krawehl vom Stahlberg Verlag ab 1955 die Betreuung Arno Schmidts, die bis zu seinem Tod 1979 andauerte. Wie schon zuvor bei der Veröffentlichung von "Seelandschaft mit Pocahontas" im Januar 1955 befürchtete Ernst Krawehl nach der Lektüre des Manuskripts, dass es auch hier zu einer Anzeige und Indizierung wegen politischer Aussagen, die den Tatbestand der Beleidigung erfüllten, und pornografischer Passagen des Romans kommen könnte. Es gab eine sich über mehrere Monate hinziehende Auseinandersetzung zwischen dem Autor Arno Schmidt, dem Verleger Ernst Krawehl und einem begutachtenden Anwalt, bis Schmidt schließlich einwilligte, beanstandete Passagen für die Veröffentlichung zu streichen. Erst 30 Jahre nach der Erstveröffentlichung im Stahlberg Verlag (1956) wurde in der Bargfelder Ausgabe 1986 die ursprüngliche Fassung abgedruckt. [2] Man kann daraus ersehen, welche Brisanz in Arno Schmidts zeitkritischen Kommentaren steckte, die von offizieller Seite als Verunglimpfung, Blasphemie und Pornographie angesehen wurden.

Zum Inhalt

Der Übersichtlichkeit halber sei hier das Geschehen des Buches kurz skizziert: Der Roman ist in drei Kapitel unterteilt. I m ersten Teil kommt der Ich-Erzähler, der 45-jährige Walter Eggers, im Juli 1954 in das niedersächsische Städtchen Ahlden, wo er sich bei dem Fernfahrer Karl Thumann und seiner Ehefrau Frieda einquartiert. Eggers ist ein ausgezeichneter Kenner der hannoverschen Landesgeschichte und ein leidenschaftlicher Liebhaber von Statistik und Kartographie. Er hat sich gezielt bei den Thumanns eingemietet,

weil er auf der Suche nach hannoverschen Staatshandbüchern ist, die Friedas Großvater Curt Heinrich Conrad Friedrich Jansen gesammelt und kommentiert hatte. Er beabsichtigt, mit Hilfe der ihm noch fehlenden Bände aus Jansens Nachlass eine "Große Kartei" (70) der Bevölkerung des Königreichs Hannover im 19. Jahrhundert anzulegen, auf der Grundlage der von Friedas Großvater bereits gesammelten Daten. Um seine wahren Absichten vor den Thumanns zu verschleiern, gibt er sich als "Einkäufer" (13) aus, der für einen wohlhabenden Freund, einen Bauunternehmer in Hamburg (23), auf der Suche nach Baugrundstücken ist. Als er merkt, dass die Ehe der Thumanns nicht sehr glücklich ist, beginnt er mit Frieda ein Verhältnis. Sie lässt sich gern darauf ein, da ihr Mann in Ostberlin auch eine Freundin hat, die er regelmäßig besucht. Frieda kommt schnell dahinter, dass Walter Eggers im Grunde nur an den in einer Bodenkammer aufbewahrten Büchern interessiert ist, obwohl er dies zu verbergen sucht. Sie erkennt, dass sie Eggers über die Bücher an sich binden und so die Vernachlässigung durch ihren Ehemann kompensieren kann.

Im zweiten Teil fahren Karl Thumann und Walter Eggers nach Berlin, wo Walter aus der Ostberliner Staatsbibliothek ein wertvolles Buch stehlen will, von dem er die zweite Auflage besitzt, aber die in der Bibliothek vorhandenen dritte Auflage benötigt, weil sie aktuellere Daten enthält. Mit einem raffiniert vorbereiteten Fälschungscoup gelingt es ihm, die gewünschte Auflage aus der Bibliothek herauszuschmuggeln. Während seines Aufenthaltes in Berlin lernt er auch Karls Geliebte Line Hübner kennen, die mit ihren Katzen und dem Kater "Meister Hintze" (65) in einer Gartenlaube wohnt. Wie Walter Eggers ist auch Line Hübner nach dem Krieg aus Schlesien geflohen. Sie erzählt ihm ausführlich von ihren Fluchterlebnissen, aber Walter ist mehr mit seinen Büchern beschäftigt. Eine weitere Gemeinsamkeit besteht darin, dass sie beide ein schwaches Herz haben. (Vgl. 86)

Während seines Aufenthaltes in Berlin beobachtet Walter die Situation in beiden Teilen der Stadt. Er stellt Vergleiche an und kommentiert die unterschiedlichen Lebensverhältnisse und die Spaltung Deutschlands in West und Ost. Dabei kommt er zu dem Ergebnis, dass es in beiden Teilen viele Missstände und Unzulänglichkeiten gibt, die er wiederholt anprangert und kritisiert.

Der dritte Teil des Romans spielt wiederum in Ahlden. Um Line die Anreise aus Ostberlin zu ermöglichen, fälscht Walter gekonnt die Sterbeurkunde von Friedas Vater auf das Jahr 1954

um. Da er seine Mission in Ostberlin erfüllt sieht, ist er mittlerweile entschlossen, sich heimlich von den Thumanns abzusetzen und aus Ahlden zu verschwinden. Beim Einräumen des für Lines Besuch bestimmten Zimmers im ersten Stock des Hauses, entdeckt er in einem Hohlraum unter der Decke einen wertvollen Schatz von Gold- und Silbermünzen aus dem Nachlass von Friedas Vater. Ein Teil dieser Münzen stammt offensichtlich aus dem Besitz der Prinzessin Sophie Dorothea, die von 1694 bis 1726 wegen Ehebruchs mit dem Grafen von Königsmarck auf Schloss Ahlden gefangen gehalten wurde. Durch die Einbeziehung dieser historischen Perspektive erhält der Untertitel des Romans "Historischer Roman aus dem Jahre 1954 nach Christi" eine besondere Akzentuierung.

Am nächsten Tag fahren Frieda und Walter nach Hannover. Durch eine psychologisch raffiniert angelegte Verhandlungsführung auf der Grundlage fundierter numismatischer Fachkenntnisse gelingt es Walter, einen Teil des Goldschatzes gewinnbringend zu verkaufen. Nach einigem Zögern verzichtet er auf seine geplante Abreise. Er beschließt stattdessen, mit Frieda zusammenzuleben und sich in weiteren Jahren "gelehrten Müßigganges" (162) der

Verwirklichung seines Karteiprojektes zu widmen.

Die folgende Analyse des Romangeschehens erfolgt unter der Prämisse, dass die Erfahrungen der Protagonisten aus Krieg und Nachkriegszeit einen nachhaltigen Einfluss auf ihr Befinden und ihre Denk- und Verhaltensweisen ausüben und diese sich zum Teil unmittelbar daraus ableiten lassen. Die materiellen Lebensbedingungen haben sich in mancher Hinsicht entscheidend verbessert, aber bei genauerem Hinsehen erkennt man noch Spuren von Mangel und Entbehrung, besonders im Vergleich zwischen West und Ost. Einen besonderen Schwerpunkt bildet die häufige Kritik an Gesellschaft und Institutionen, und schließlich gibt es auch Ansätze zu Weiterentwicklung und Fortschritt, beispielsweise das Geschlechterverhältnis betreffend. Ein wichtiger Kerngedanke zeigt sich darin, dass Lügen und Betrügen zum Alltagsleben des Kleinen Mannes zu gehören scheinen. Sie dienen der Sicherung der Existenz. Dabei machen sich teilweise Skrupel bemerkbar, aber angesichts der Verhältnisse in Staat und Gesellschaft, wo in viel größerem Ausmaß gelogen und betrogen wird, sind sie aus der Sicht vor allem der männlichen Protagonisten unangebracht. Dies wird zum Beispiel an der Kritik an Adenauer deutlich, der wegen seiner einseitig an der Westintegration der Bundesrepublik orientierten Politik als "Minderer des Reiches" (63) und als Chef eines Regimes bezeichnet wird, das auf Wiederaufrüstung ausgerichtet ist und auf "jene Elemente" zurückgreift, "die damals bei Hitler oben schwammen". (64) Es ist natürlich der Erzähler Walter Eggers, der hier spricht, aber es ist unverkennbar, dass er dem Autor als Sprachrohr dient, um seiner Kritik am Zeitgeschehen polemisch Ausdruck zu verleihen. In seinen Äußerungen erkennt man nur wenige Ansätze zu einer differenzierenden, in die Tiefe gehenden Auseinandersetzung. Meist werden undifferenzierende, plakative Behauptungen aufgestellt, die die Zusammenhänge verkürzen und simplifizieren. Es besteht ein Widerspruch darin, dass Arno Schmidts Walter Eggers den Anspruch erhebt, "Beobachter und Topograph" (104) zu sein und sich als großer Lehrmeister der Politiker betrachtet (Ihr seid da, von mir zu lernen!", 106), aber im Grunde keinen Beitrag für einen Erkenntnisgewinn auf der Grundlage geistiger Auseinandersetzung leistet. Vielmehr gleitet er oft genug in einen Stammtischjargon ab und ist mit ganz anderen Dingen beschäftigt.

Erfahrungen aus Kriegs- und unmittelbarer Nachkriegszeit und ihr Einfluss auf Befindlichkeiten, Denk- und Verhaltensweisen der Protagonisten

Alle vier Protagonisten werden durch ihre Kriegserfahrungen geprägt. Walter Eggers war als Soldat in Norwegen stationiert und kam als Kriegsgefangener in ein englisches Lager bei Brüssel. (17) Er leidet - vermutlich als Folge des Krieges - unter Herzschwäche. Über den ganzen Roman verteilt finden sich diesbezüglich Hinweise, und es ist kein Wunder, dass er sich - wie Peter Munk in Wilhelm Hauffs Märchen "Das Kalte Herz - ein steinernes Herz wünscht. (70) In diesem Wunsch offenbart sich seine Neigung, Gefühle möglichst auszublenden, vielmehr die Gebote seines Verstandes zur Richtschnur zielstrebigen Handelns zu machen, wie ein Schachspieler immer die Kontrolle über das Geschehen zu behalten und nicht allzu viel Nähe zuzulassen. Dieses Verhalten lässt sich aus seinen Kriegserlebnissen ableiten, wo Härte und Selbstbehauptungswillen gefordert waren und für Schwächen und Sentimentalitäten kein Platz war. Als Folge davon hat er gelernt, Gefühle abzukapseln bzw. versteinern zu lassen, um lebensfähig zu bleiben. Misserfolgserlebnisse werden schnoddrig überspielt und durch kraftmeierische Sprüche kompensiert. Hin und wieder tauchen

assoziativ in seinen Tagträumen verdrängte Kriegserlebnisse auf und konkretisieren sich in düsteren Metaphern: "Der Himmel war meist farblos, ein fahler Strom von Kriegsgefangenen." (51) Ganz ähnlich verhält es sich auch bei Karl Thumann. Als Kriegsgefangener in Irland war er LKW-Fahrer gewesen und hatte freiwillig auf dem Lande gearbeitet, wo es "hübsche geflüsterte Lassies" (38) gab. Gefühlsduseleien konnte man sich nicht leisten. Aber Alkohol gab es anscheinend in Hülle und Fülle. Und diesem Laster frönt er auch jetzt noch ausgiebig.

Friedas Körperfülle ist offensichtlich nicht nur reine Veranlagung, sondern erklärt sich auch als Reaktion auf die Mangelerfahrungen der Kriegszeit, die jetzt Gott sei Dank überwunden sind. Ihr äußeres Erscheinungsbild übt eine anziehende Wirkung auf Walter aus, der sich ebenfalls nicht nach den Entbehrungen des Krieges zurücksehnt. Beider Denken und Handeln ist darauf ausgerichtet, sich in ihrer unmittelbaren Umgebung wohnlich einzurichten und es sich gut gehen zu lassen.

Anders sieht es bei Line Hübner aus. Bei ihr wirken sich die Kriegsfolgen noch unmittelbar und tiefgreifend aus. Sie zeigt von allen Vieren das meiste Gefühl und leidet spürbar unter den Nachwirkungen ihrer Erlebnisse im besetzten Schlesien. Ihr Anderssein auf der Gefühlsebene veranlasst Walter zu der paradox klingenden Aussage: "Fehlt bloß noch, daß sie s Herz rechts hätte!" (62) Als Schlesienflüchtling ("Muß n fantastisches Land gewesen sein: ihrer Beschreibung nach!" sagt Karl über Line) fällt es ihr schwer, sich in die Nachkriegsgesellschaft einzufädeln. Im Frühjahr 1945 musste sie erleben, wie deutsche Soldaten die Brücke ihres Heimatortes (offensichtlich das Greiffenberg aus Arno Schmidts Jugendzeit) sprengten, die einheimische Bevölkerung regelrecht ausraubten und wie Vandalen hausten, bevor sie sich nach Westen zurückzogen. Dann kamen die Russen. Es gab erneute Plünderungen und außerdem Vergewaltigungen. Die kurz darauf einrückende polnische Miliz (eine Art Polizeitruppe) setzte die Plünderungen fort und besetzte wahllos Häuser. (84) Line Hübner wurde als damals Fünfzehnjährige ebenfalls vergewaltigt, aber wegen einer Augenentzündung und einem Hautausschlag schließlich in Ruhe gelassen. Sie musste als "Verkäuferin; Laufmädchen; Reinmachfrau; Bedienung; Schlachtgehilfe; Matratze; Kinderwärterin" (85) in einem von Polen besetzten Geschäft arbeiten. Während ihrer Abewesenheit von zu Hause verrammelte sie ihr Elternhaus, um es vor polnischen Besetzern zu schützen. (86) Es ist bemerkenswert, dass Arno Schmidt an dieser Stelle offensichtlich eigene Jugenderinnerungen aus seiner schlesischen Zeit in die Beschreibung einfließen lässt. (Vgl. beispielsweise 86) Auffällig ist weiterhin, wie Line Hübners Bericht mit Walter Eggers' Verhalten kontrastiert wird, der - obwohl selbst betroffen - nur mit halbem Ohr zuzuhören scheint und damit beschäftigt ist, das in der Ostberliner Staatsbibliothek gestohlene Buch zu verpacken, um es an seine Adresse in Ahlden zu schicken. (84 f.) Offensichtlich ist er stolz auf sein gelungenes Täuschungswerk und konzentriert sich darauf, es zielstrebig zu Ende zu führen. An diesem Verhalten wird deutlich, dass er versucht, sich vom Leid und der Zerstörung des Krieges abzukapseln. Aber es gleicht mehr einer erfolglosen Verdrängung, während in Lines Erinnerung das Erlebte noch nichts von seiner ursprünglichen Schärfe eingebüßt hat.

[...]

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Zeitgeschichte und Zeitkritik in 'Das Steinerne Herz' von Arno Schmidt - Analyse ausgewählter thematischer Schwerpunkte - Teil I
Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover  (Zentrale Einrichtung für Lehre, Studium und Weiterbildung)
Note
"-"
Autor
Jahr
2012
Seiten
18
Katalognummer
V189776
ISBN (eBook)
9783656141990
ISBN (Buch)
9783656142218
Dateigröße
443 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
zeitgeschichte, zeitkritik, steinerne, herz, arno, schmidt, analyse, schwerpunkte, teil
Arbeit zitieren
Hans-Georg Wendland (Autor), 2012, Zeitgeschichte und Zeitkritik in 'Das Steinerne Herz' von Arno Schmidt - Analyse ausgewählter thematischer Schwerpunkte - Teil I, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/189776

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