Chancen musiktherapeutischer Maßnahmen in der Arbeit mit suchtkranken Menschen


Seminararbeit, 2010

18 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Klärung der für das Thema zentralen Begrifflichkeiten

2. Auswirkungen der Alkoholabhängigkeit bzw. des Alkoholmissbrauches
2.1 ... Allgemein
2.2 ... auf die Persönlichkeit des Abhängigen
2.3 ... auf das soziale Umfeld des Abhängigen

3. Wirkungen von Musik
3.1 ... Allgemein
3.2 ... im Hinblick auf therapeutische Anwendung

4. Möglichkeiten und Chancen musiktherapeutischer Maßnahmen in der Arbeit mit chronisch mehrfachgeschädigten Abhängigkeitskranken sowie im Hinblick auf den Prozess der sozialen Wiedereingliederung

5. Mögliche Gefahren und Risiken musiktherapeutischer Arbeit

6. Schlussbemerkung und Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

Das Medium Musik an sich und seine Nutzung ist seit Jahrtausenden bedeutsamer Bestandteil der Menschheitsgeschichte und Individualentwicklung des Menschen. Dabei unterliegt Musik bis heute einem stetigen Wandel, durchläuft verschiedene Epochen und wird vom Menschen mitgestaltet und beeinflusst.

Weitergehend taucht Musik letztlich in jeder Lebens- und Entwicklungsphase des Menschen in irgendeiner Form auf. Tagtäglich kommt ein Großteil der Menschen bewusst oder unbewusst mit diesem Medium in Kontakt und nutzt es. Musik erzielt dabei auf unterschiedliche Menschen in verschiedenen Lebens- und Gefühlslagen grundsätzlich auch individuell verschiedene Wirkungen. Im Wissen um dieses Wirkungspotential wird Musik sowohl pädagogisch als auch therapeutisch vielgestaltig in der Arbeit mit Menschen eingesetzt. Hinsichtlich der Anwendung von Musik im therapeutischen Bereich lässt sich gegenwärtig eine breite Palette an Arbeitsfeldern erkennen, in die sich auch die musiktherapeutische Arbeit mit suchtkranken Menschen einreiht. Dieses Arbeitsfeld wird im Rahmen dieser wissenschaftlichen Arbeit im Fokus der Betrachtung stehen. Angesichts der Bandbreite möglicher stoffgebundener sowie stoffungebundener Süchte kann diese Betrachtung nur auf einen Suchtkontext begrenzt, geschehen. Aufgrund unveränderter Aktualität sowie der zahlenmäßig größten Gruppe soll die Alkoholsucht und die von ihr betroffene Gruppe der chronisch mehrfachge- schädigten Abhängigkeitskranken (CMA) im Mittelpunkt stehen.

Ausgehend von den allgemeinen Wirkungen der Musik, hin zu ihren spezifischen Wirkungen in der therapeutischen Anwendung, sollen Möglichkeiten und Chancen musiktherapeutischer Maßnahmen in der Arbeit mit der erwähnten Zielgruppe sowie im Hinblick auf den Prozess der sozialen Wiedereingliederung untersucht werden. Unerlässlich ist es dabei, explizit auf das Suchtmittel Alkohol und dessen vor Allem langfristige Wirkungen auf die Persönlichkeit sowie das soziale Umfeld des suchtmittelabhängigen Menschen einzugehen. Neben den Chancen der Anwendung von Musik sollen auch eventuelle Risiken bzw. Gefahren im Umgang mit diesem Medium nicht unerwähnt bleiben. An geeigneter Stelle fließen eigene Erfahrungen aus der Arbeit mit diesem Klientel ein, auch wenn diese Arbeit nicht im musiktherapeutischen Kontext stattfand. Aufgrund der Umfänglichkeit allein der Suchtproblematik Alkohol, kann an dieser Stelle auf Abhängigkeiten anderer Suchtmittel wie Drogen oder Spielsüchte etc., nicht eingegangen werden. Hinsichtlich der Auswirkungen des Alkoholmissbrauches stehen besonders die psychosozialen Folgen für den Betroffenen im Vordergrund.

1. Klärung der für das Thema zentralen Begrifflichkeiten

chronisch mehrfachgeschädigte Abhängigkeitskranke (CMA): „Chronisch mehrfach- geschädigt ist ein Abhängigkeitskranker, dessen chronischer Alkohol- bzw. anderer Substanzkonsum zu schweren bzw. fortschreitenden physischen und psychischen Schädigungen (incl. Comorbidität) sowie zu überdurchschnittlicher bzw. fortschreitender sozialer Desintegration geführt hat bzw. führt, so dass er seine Lebensgrundlagen nicht mehr in eigener Initiative herstellen kann und ihm auch nicht genügend familiäre oder andere personale Hilfe zur Verfügung steht, wodurch er auf institutionelle Hilfe angewiesen ist“ (Leonhardt/Mühler, 2006, S.27).

Sucht: „Sucht ist ein unabweisbares Verlangen nach einem bestimmten Erlebniszustand. Diesem Verlangen werden die Kräfte des Verstandes untergeordnet. Es beeinträchtigt die freie Entfaltung einer Persönlichkeit und zerstört die sozialen Bindungen und die sozialen Chancen des Individuums" (Wanke, zit.n. Heese 2009, S. 2).

„... ist ein Zustand periodischer oder chronischer Vergiftung, hervorgerufen durch den wiederholten Gebrauch einer natürlichen oder synthetischen Droge und gekennzeichnet durch 4 Kriterien: ein unbezwingbares Verlangen zur Einnahme und Beschaffung des Mittels, eine Tendenz zur Dosissteigerung (Toleranzerhöhung), die psychische und meist auch physische Abhängigkeit von der Wirkung der Droge, die Schädlichkeit für den einzelnen und/oder die Gesellschaft" (Definition WHO, 1957).

Abhängigkeit: „Abhängig von Suchtmitteln ist jeder, der die Einnahme eines Suchtmittels nicht beenden kann, ohne dass unangenehme Zustände körperlicher oder seelischer Art auftreten, oder der doch immer wieder so viel von einem Suchtmittel zu sich nimmt, dass er sich oder andere schädigt“ (Lindenmeyer, 2005, S.74).

Musiktherapie: „Musiktherapie ist der gezielte Einsatz von Musik im Rahmen der therapeutischen Beziehung zur Wiederherstellung, Erhaltung und Förderung seelischer, körperlicher und geistiger Gesundheit. Musiktherapie ist eine praxis- orientierte Wissenschaftsdisziplin, die in enger Wechselwirkung zu verschiedenen Wissenschaftsbereichen steht, insbesondere der Medizin, den Gesellschaftswissenschaften, der Psychologie, der Musikwissenschaft und der Pädagogik. Der Begriff Musiktherapie ist eine summarische Bezeichnung für unterschiedliche musiktherapeutische Konzeptionen, die ihrem Wesen nach als psychotherapeutische zu charakterisieren sind, in Abgrenzung zu pharmako- logischer und physikalischer Therapie. Musiktherapeutische Methoden folgen gleichberechtigt tiefenpsychologischen, verhaltenstherapeutisch-lerntheoretischen, systemischen, anthroposophischen und ganzheitlich-humanistischen Ansätzen“

(Deutsche Musiktherapeutische Gesellschaft).

Emotion: „Gefühl, Gemütsbewegung, Erregung <lat>“ (Großes Fremdwörterbuch, 1977).

Therapie: „Gesamtheit aller Maßnahmen zur Behandlung einer Krankheit <griech>“ (Großes Fremdwörterbuch, 1977)

2. Auswirkungen der Alkoholabhängigkeit bzw. des Alkoholmissbrauchs

2.1 Allgemein

Einer Alkoholabhängigkeit geht der häufige, übermäßige und zumeist langjährige Genuss von Alkohol voraus. Erreicht dieser Alkoholgenuss eine schädigende Wirkung für den Organismus des Menschen, wird von Alkoholmissbrauch gesprochen. Prinzipiell ist von einer grundsätzlich schädlichen Wirkung auszugehen, da Alkohol als Zellgift im menschlichen Körper wirkt. Der Grad der Schädigung ist dabei jedoch von Mensch zu Mensch individuell verschieden, da Faktoren wie Gewöhnung, Verträglichkeit und eingenommene Alkoholmenge eine Rolle spielen. Eine Abhängigkeit äußert sich in körperlicher, seelischer Form oder beidem zugleich. Kennzeichen seelischer Abhängigkeit sind dabei z.B: das immer stärker werdende Verlangen nach erneutem bzw. wiederholtem Drogengenuss und das Einsetzen des Kontrollverlustes im Hinblick auf die Einnahme der Droge. Ausdruck körperlicher Abhängigkeit ist die permanente Steigerung der Dosis um die gewünschte wohltuende Wirkung zu erzielen, die Toleranzbildung sowie einsetzende Entzugserscheinungen bei Fehlen oder Absetzen des Suchtmittels (vgl. Heese 2009, S. 1). Der chronische Alkoholmissbrauch sowie letztlich die Alkohol- abhängigkeit schädigt den Menschen umfassend und vielschichtig. Die Schwere der Folgen ist nicht allein von Dauer oder Menge der Alkoholeinnahme abhängig, sondern wird auch wesentlich von Geschlecht, Lebensalter, Ernährungs- gewohnheiten und zahlreichen weiteren Umweltfaktoren bestimmt. Ganzheitlich gesehen treten aufgrund von Alkoholabhängigkeit vor Allem seelische, geistige, somatische, soziale und wirtschaftliche Probleme auf. Körperlich gesehen kann akuter Alkoholmissbrauch „nahezu an allen Organsystemen Funktionsstörungen und Schäden verursachen“ (Schmidt 1997, S.132). Diese Schäden äußern sich oftmals nicht unmittelbar sondern vielmehr als Folgeschäden der Abhängigkeit. Betroffen davon können u.a. sein: Gesicht, Magen-Darmtrakt, Leber, Bauch- speicheldrüse, Herz-Kreislaufsystem, Blutkreislauf, Hormonhaushalt, Muskulatur, Haut und Nervensystem. Das Auftreten wirtschaftlicher Probleme ist überwiegend darauf zurückzuführen, dass eine chronische Abhängigkeit Arbeitsausfälle, häufiges Erkrankt-sein bis hin zum Arbeitsplatzverlust verursachen kann und somit finanzielle Schwierigkeiten auslöst. Im Hinblick auf geistige Schäden sind neurologische Funktionsstörungen, Beeinträchtigung der Gedächtnisleistung und der Hirnfunktionen zu nennen, die nicht selten irreparabel sind und bis zur Unzurechnungsfähigkeit bzw. Demenz führen können. Im Anschluss soll nun insbesondere auf die mit Alkoholabhängigkeit verbundenen seelischen sowie sozialen Probleme eingegangen werden.

2.2 auf die Persönlichkeit des Abhängigen

Alkohol wird nicht selten wegen seiner enthemmenden, entspannenden, angstlösenden, geselligkeitsfördernden oder euphorisierenden Wirkung konsumiert (vgl. Kuntz 2007, S. 111). Der übermäßige und langfristige Konsum kann jedoch Aufdringlichkeit, Aggression, soziale Enthemmung, Selbstentblößung oder Rückzug und Selbstmitleid hervorrufen. Zur Verdeckung bzw. Überspielung dieser unerwünschten Nebenwirkungen des Suchtmittels sowie des Verdachtes einer Abhängigkeit bedient sich der Abhängige zahlreicher Abwehr- und Schutzmechanismen. Das Eingeständnis der eigenen Alkoholproblematik hätte schließlich Bloßstellung, Ausgrenzung oder Isolation zur Folge. Mit fortschreitender Entwicklung der Abhängigkeit intensivieren sich die selbstverleugnenden bzw. den Alkohol verharmlosenden Verhaltensweisen. Mitunter legt sich der Abhängige ein regelrechtes System an Ausreden, Entschuldigungen usw. zurecht. Dies hat zur Folge, dass sich das Handeln, Denken und Planen des Süchtigen zunehmend allein auf das Suchtmittel einengt. Einerseits hinsichtlich der Beschaffung der Droge bzw. Anlegung eines Vorrates und andererseits hinsichtlich der immer notwendiger werdenden Verharmlosung, Verleugnung und Verschleierung des Alkohol- missbrauches. Im Zusammenspiel mit der schädigenden Wirkung, die das Suchtmittel Alkohol im Bereich des Gehirns und Nervensystems hervorruft, zeigen sich immer deutlicher Merkmale der Wesensveränderung beim Betroffenen. Langandauernde Schuldzuweisungen durch das Umfeld, fehlgeschlagene Abstinenzversuche oder belastete zwischenmenschliche Beziehungen schwächen das Ich und verletzen zwangsläufig den Selbstwert des Süchtigen bzw. das Vertrauen in seine eigene Person. Da der Suchtverlauf eben gerade nicht willentlich durch den Konsumenten beeinflusst werden kann, erlebt sich der Mensch als hilflos und unfähig etwas gegen die Alkoholproblematik zu tun. Folge sowie Ausdruck dieses Persönlichkeitsabbaus können Isolierungs- und Fluchttendenzen, erhöhte Empfindlichkeit, mangelhafte Impulskontrolle oder Stimmungslabilität bis hin zur Depression sein. Da eine Wesensveränderung häufig zuerst vom unmittelbaren Umfeld und erst an zweiter Stelle vom Betroffenen selbst wahrgenommen wird, folgen erneute Einwirkungen von Außenstehenden bezüglich der schädigenden Wirkungen des Alkohols sowie Vorwürfe und Schuldzuweisungen, auf welche der Süchtige mit erneutem Konsum reagieren muss. Nicht selten stellen sich parallel zu seelischen Schäden auch erste hirnorganische Schäden wie Einschränkung der Konzentrations- und Merkfähigkeit ein, zu deren Einordnung bzw. kritischer Beurteilung der Suchtmittelabhängige unfähig ist. Dieses Erleben vertieft die bereits vorhandenen Fehlhaltungen des Individuums und kann im Zusammenwirken mit dem zunehmenden Verlust der Kritikfähigkeit und des Realitätsbezuges neben dem Umbau der Persönlichkeit auch schwere Verhaltensstörungen auslösen.

2.3 auf das soziale Umfeld des Abhängigen

Es ist anzunehmen bzw. sollte davon ausgegangen werden, dass einer Alkohol- abhängigkeit immer eine Ursache zugrunde liegt. Diese kann in der Person selbst verortet sein (Ängste, unverarbeitete schmerzvolle Erfahrungen, Misserfolge usw.). Gleichermaßen kann aber auch das unmittelbare soziale Umfeld des Betroffenen Ursache einer Abhängigkeit sein oder ihre Entwicklung zumindest fördern. Da der Mensch als soziales Wesen lebt und handelt, hat demnach eine Abhängigkeit immer auch Auswirkungen auf das Umfeld des Süchtigen. So kann es zu zahlreichen Funktionsstörungen in verschiedenen Bereichen kommen und insbesondere betreffen:

(1) die Familie, besonders Partner und Kinder
(2) den Arbeitsplatz und somit die berufliche und wirtschaftliche Situation
(3) Kriminalität bzw. strafbare Handlungen
(4) Verkehrstüchtigkeit
(5) Volkswirtschaftliche Kosten (vgl. Schmidt 1997, S.164 ff.)

Diese Auflistung lässt erahnen, dass die Alkoholabhängigkeit in viele Lebensorte des Betroffenen eingreift. Am intensivsten und meist auch zuerst ist die Familie, insbesondere der Partner mit der Suchtproblematik konfrontiert. Der Partner sucht Gespräche mit dem Abhängigen, spricht mögliche Ursachen an, bietet seine Hilfe an oder führt die Verantwortung für die Familie vor Augen. Je nachdem wo aus Sicht des Abhängigen der „Grund“ für seinen Alkoholmissbrauch liegt, wird er auf diese Interventionen eingehen oder sich dagegen verwehren. Da Alkohol manche Hemmschwellen herabsetzt und allgemein die Wahrnehmung verändert, geht oftmals das Takt- und Schamgefühl sowie mitunter auch die Achtung vor dem Partner verloren. Der Betroffene bietet Rechtfertigungen bzw. aus seiner Sicht plausible Gründe für sein Handeln an und spricht nicht selten Schuldzuweisungen an seine Mitmenschen aus, um sich selbst zu schützen und die Aufdeckung seiner Probleme im Umgang mit Alkohol zu verhindern.

[...]

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Chancen musiktherapeutischer Maßnahmen in der Arbeit mit suchtkranken Menschen
Hochschule
Berufsakademie Sachsen in Breitenbrunn  (Sozialarbeit & Gesundheit)
Veranstaltung
Arbeit mit behinderten Menschen
Autor
Jahr
2010
Seiten
18
Katalognummer
V189896
ISBN (eBook)
9783656143031
ISBN (Buch)
9783656143314
Dateigröße
451 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Musiktherapie, Sucht
Arbeit zitieren
Dipl.-Soz.Päd.(BA) Tobias Weigel (Autor), 2010, Chancen musiktherapeutischer Maßnahmen in der Arbeit mit suchtkranken Menschen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/189896

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