Gezwitscher im Europäischen Parlament?

Die Social-Media-Nutzung im politischen Alltag der Europaabgeordneten


Masterarbeit, 2011

106 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung
1.1 Aufbau der Arbeit

2. Das Europäische Parlament und die Rolle der Abgeordneten

3. Politische Kommunikation
3.1 Definition
3.2 Öffentlichkeit durch politische Kommunikation
3.3 Europäische Öffentlichkeit

4. Web 2.0 und Social Media
4.1 Definitionen
4.2 Das soziale Netzwerk Facebook
4.3 Der Kurznachrichtendienst Twitter
4.4 Facebook als Instrument politischer Kommunikation
4.5 Twitter als Instrument politischer Kommunikation
4.6 Facebook und Twitter versus klassische Webseiten
4.7 Das demokratische Potential der sozialen Medien

5. Politische Online-Kommunikation in Theorie und Praxis
5.1 Chancen der Social-Media-Nutzung für politische Akteure
5.2 Risiken der Social-Media-Nutzung für politische Akteure
5.3 Erfolgsfaktoren im Social Web
5.4 Soziale Medien in der politischen Kommunikation

6. Internet-Nutzung in Europa
6.1 Gründe für die unterschiedliche Internetnutzung
6.2 Häufigkeit der Internetnutzung
6.3 Art der Internetnutzung

7. Forschungsstand
7.1 Auswirkungen der Internetnutzung auf die politische Kommunikation
7.2 Aktuelle Studien zur politischen Online-Kommunikation
7.2.1 Aktuelle Studien zu den Online-Aktivitäten europäischer Politiker

8. Eigene Untersuchung
8.1 Vorgehen für den ersten Teil der Untersuchung
8.2 Vorgehen für den zweiten Teil der Untersuchung
8.2.1 Auswahl - und Analyseeinheit
8.2.2 Analyse der Facebook-Profile
8.2.3 Analyse der Twitter-Accounts

9. Auswertung der Ergebnisse
9.1 Ergebnisse des ersten Teils der Untersuchung
9.2 Ergebnisse des zweiten Teils der Untersuchung
9.3 Reliabilität und Validität der Daten

10. Fazit: Gezwitscher im Europäischen Parlament?

Abkürzungsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Literaturverzeichnis

Anhang

1. Einleitung

Ob es um die Revolutionen in Ägypten und Tunesien im Januar und Februar 2011 geht[1] oder um den Rücktritt Karl-Theodor zu Guttenbergs im März 2011[2] - der Ein­fluss des Internets auf die Politik ist nicht mehr zu leugnen. Dass Politiker aber auch von den neuen Medien profitieren können, zeigte nicht zuletzt der Wahlsieg Barack Obamas im Jahr 2008. Der US-Präsident konnte durch das Internet nicht nur zahlrei­che Spenden sammeln, sondern vor allem durch soziale Netzwerke auch Millionen von Unterstützern für sich gewinnen (vgl. Vargas 2008, Internet).

Aber ist der Social-Media-Hype auch bei europäischen Politikern[3] angekommen? Nutzen im Speziellen die Abgeordneten des Europäischen Parlaments soziale Netz­werke in ihrem politischen Alltag? Welche Chancen bietet das Internet den Parla­mentariern? Welchen Herausforderungen müssen sie sich stellen und welche Risi­ken gilt es im Umgang mit den neuen Medien zu beachten? Wie stellen sich die Mit­glieder des Europäischen Parlaments im Internet dar und inwiefern nutzen sie das interaktive, dialogorientierte Potential sowie die multimedialen Möglichkeiten der so­zialen Medien?

Diese Fragen stehen in Mittelpunkt dieser Masterarbeit und sollen folgende These überprüfen: Die EU-Parlamentarier lassen die Chancen der sozialen Medien unge­nutzt verstreichen!

1.1 Aufbau der Arbeit

Zuerst wird aufgezeigt, welche Rolle das Europäische Parlament sowie deren Abge­ordnete innerhalb der EU spielen.

Im nächsten Abschnitt wird das System der politischen Kommunikation in Europa vorgestellt, um dann die Relevanz der Präsenz von politischen Akteuren im Internet zu erläutern.

Da sich diese Arbeit speziell auf die sozialen Online-Medien fokussiert, wird in Kapi­tel vier definiert, was unter den Begriffen Web 2.0 und Social Media zu verstehen ist. Es folgt eine Vorstellung der Social-Web-Dienste Twitter und Facebook, da diese für den empirischen Teil der Arbeit besonders relevant sind. Anschließend wird be­schrieben, inwiefern diese Plattformen für die politische Kommunikation eingesetzt werden können und welche Vorteile sie gegenüber klassischen Webseiten aufwei­sen. Des Weiteren wird das demokratische Potential der sozialen Medien erörtert. Danach folgt in Kapitel fünf eine Darstellung der Chancen und Risiken der sozialen Medien für politische Akteure. Im Anschluss daran werden Kriterien für einen erfolg­reichen Auftritt von Politikern im Social Web definiert. Außerdem wird auf die Anfän­ge der Social-Media-Nutzung in der Politik geschaut.

Das sechste Kapitel beleuchtet die Online-Aktivitäten der Europäer. Anhand dieser Daten soll geklärt werden, welche Zielgruppen Politiker speziell über Facebook und Twitter erreichen können und ob es innerhalb Europas unterschiedliche Nutzungs­vorlieben gibt, anhand derer sich die Mitglieder des Europäischen Parlaments (MdEPs) orientieren sollten.

Im Anschluss daran widmet sich das siebte Kapitel dem aktuellen Forschungsstand in Bezug auf die politische Online-Kommunikation. Hier wird zum einen vorgestellt, welche politischen Auswirkungen der Internet-Nutzung auf die Bürger bislang mess­bar waren. Zum anderen wird aufgezeigt, inwiefern der Gebrauch von Social Media im politischen Alltag von Abgeordneten bereits untersucht wurde und wo noch For­schungsbedarf besteht. Anhand dessen soll im Folgenden die Relevanz dieser Arbeit herausgestellt werden.

Daraufhin wird in Kapitel acht das Vorgehen der eigenen Untersuchung beschrieben.

Die Forschungsfragen lauten:

Nutzen die Europaabgeordneten soziale Medien in ihrem politischen Alltag? Welcher Politiker ist in welchen Online-Netzwerken vertreten?

Wie stellen sich die Parlamentarier im Social Web dar? Inwiefern knüpfen und pfle­gen sie Beziehungen und führen sie einen Dialog mit den Bürgern? Wie aktiv kom­munizieren die Abgeordneten im Social Web? Welche Informationen vermitteln sie über Facebook und Twitter und nutzen sie dabei die multimedialen Möglichkeiten?

Als Untersuchungsgegenstand dienen die Facebook- und Twitterprofile der Abge­ordneten des Europäischen Parlaments. Anhand der in Kapitel fünf zusammengetra­genen Faktoren für einen erfolgreichen Auftritt in der Online-Welt werden Kategorien definiert, mithilfe derer die Profile der Politiker analysiert werden sollen. Das neunte Kapitel dient der Auswertung der Ergebnisse. Hierbei soll ein Länderver­gleich Aufschluss darüber geben, ob es innerhalb der EU Unterschiede bei der Social-Media-Nutzung der Abgeordneten gibt und ob die Nutzung auf den Web­Gebrauch der Bürger abgestimmt ist. Außerdem wird ausgewertet, ob die Art der Nutzung partei-, alters- oder geschlechtsabhängig ist.

Der zweite Teil der Untersuchung erforscht, wie sich die Politiker online darstellen, wie viel sie kommunizieren und welche Art von Informationen sie über die sozialen Medien austauschen. Aufgrund des begrenzten Rahmens dieser Masterarbeit be­zieht sich der zweite Teil der Analyse nicht mehr auf alle EU-Parlamentarier, sondern konzentriert sich auf die Volksvertreter aus Deutschland, Österreich und Großbritan­nien[4]. Anhand der Ergebnisse der zweiten Untersuchung wird überprüft, inwiefern die Mitglieder des Europäischen Parlaments die vorher definierten Erfolgsfaktoren bei ihrer Darstellung im Netz berücksichtigen.

Im Fazit wird erörtert ob, und wenn ja inwiefern, sich die These bestätigen lässt, dass die Europaabgeordneten die Möglichkeiten des Social Webs nicht ausschöpfen. Fer­ner werden Handlungsempfehlungen für die EU-Parlamentarier im zukünftigen Um­gang mit dem Social Web formuliert sowie ein Ausblick auf weitere Forschungsmög­lichkeiten gegeben.

2. Das Europäische Parlament und die Rolle der Abgeordneten

Das Europäische Parlament (EP) ist das einzige Organ der Europäischen Union (EU), das von den Bürgern der 27 Mitgliedsstaaten direkt gewählt wird und somit unmittelbar legitimiert ist (vgl. Maurer 2009: 217). Die zurzeit 736 Abgeordneten sol­len die rund 500 Millionen Einwohner der EU vertreten und repräsentieren. Sie wer­den alle fünf Jahre von den EU-Bürgern gewählt (vgl. Europäisches Parlament 2011a, Internet).

Doch das war nicht immer so: Zu Zeiten der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (gegründet 1952) wurden die Vertreter von den sechs nationalen EGKS- Gründerstaaten entsandt. Ihre vorrangige Aufgabe war die Beraterfunktion für die Gemeinschaft. Damals kamen sie unter dem Namen „Gemeinsame Versammlung" zusammen. Den Titel „Europäisches Parlament" bekam die Versammlung im Jahr 1962. Erst im Juni 1979 fanden die ersten direkten Wahlen der Mitglieder des Euro­päischen Parlaments statt. Fortan wurden die Zuständigkeiten des EPs mit jedem neuen Vertrag (durch die Einheitliche Europäische Akte, den Verträgen von Maast­richt, Amsterdam und Nizza) erweitert. (vgl. Fritzler 2007: 52f.). Auch durch den Vertrag von Lissabon, der am 09. Dezember 2009 in Kraft getreten ist, wurde der Einfluss der Abgeordneten weiter ausgebaut. Dadurch sollte die EU demokratischer und transparenter werden (vgl. Europäisches Parlament 2011b, In­ternet).

Die Rechtsgrundlagen der parlamentarischen Arbeit bilden die Artikel 223 bis 234 des Vertrages über die Arbeitsweise der Europäischen Union (AEUV). Heute sind die Hauptkompetenzen und Befugnisse des Europäischen Parlaments die Gesetz­gebung, der Haushalt sowie weitere Kontrollbefugnisse.

Mit dem Inkrafttreten des Lissabon-Vertrags wurde vor allem das Mitentscheidungs­verfahren gestärkt, sodass das EP jetzt bei einem erheblichen Teil der EU- Rechtsvorschriften auf Augenhöhe mit dem Rat der EU agieren kann (vgl. Europäi­sches Parlament 2011b, Internet).

Nachstehend werden die Befugnisse des Europäischen Parlaments im Detail vorge­stellt.

Gesetzgebungsbefugnis

Das Europäische Parlament kann selbst zwar keine Gesetze initiieren (über dieses sogenannte „exklusive Initiativrecht" verfügt allein die Kommission), allerdings kann es die Europäische Kommission auffordern, dem Rat Legislativvorschläge zu unter­breiten.

Außerdem hat es die Befugnis, europäische Gesetze (Richtlinien und Verordnungen) zu verabschieden. Die Abgeordneten können den Inhalt der europäischen Rechts­vorschriften annehmen, abändern oder auch ablehnen. Somit wird die Mehrheit aller Gesetze der EU vom Europäischen Parlament und vom Rat gemeinsam erlassen (vgl. Europäisches Parlament 2011c, Internet). In Fragen der Gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik sowie der polizeilichen und justiziellen Zusammenarbeit sind die Kompetenzen des Parlaments allerdings eingeschränkt (vgl. Bundeszentrale für politische Bildung 2010, Internet).

Haushaltsbefugnis

Zusammen mit dem Rat teilt sich das Europäische Parlament die Entscheidungsbe­fugnis über den Haushalt der Europäischen Union. Zusammen bilden sie die Haus­haltsbehörde der EU, die über die Ausgaben und Einnahmen der Union entscheidet. Einmal im Jahr bestätigt das Europäische Parlament der Kommission die Ordnungs­mäßigkeit der Haushaltsführung. Außerdem kontrolliert der Haushaltskontrollaus- schuss permanent die Ausgaben der Union (vgl. Europäisches Parlament 2011c, Internet).

Kontrollbefugnis

Das Parlament kann der Kommission nicht nur die Annahme des Haushalts verwei­gern oder ihr die Entlastung versagen. Auch in anderen Bereichen kommt die Kont­rollbefugnis des EPs zum Ausdruck: Bei groben Verstößen können die Abgeordneten ein Misstrauensvotum gegen die Kommission aussprechen und sie sogar zum Rück­tritt zwingen.

Außerdem ist sind die Mitglieder des Europäischen Parlaments für die Wahl des Prä­sidenten der Europäischen Kommission verantwortlich und muss der Wahl aller Kommissionsmitglieder zustimmen (vgl. ebd.).

Trotz der mittlerweile weitreichenden Kompetenzen und Zuständigkeiten des Europä­ischen Parlaments scheint den Bürgern der EU die wichtige Rolle der Abgeordneten nicht bewusst zu sein. So nimmt die Wahlbeteiligung konträr zur Kompetenzgewin­nung des EPs seit Jahren kontinuierlich ab. Lag sie 1979 noch bei fast 62 Prozent, gaben bei der letzten Europawahl 2009 nur noch 43 Prozent aller Wahlberechtigten ihre Stimme ab (vgl. Europäisches Parlament 2009, Internet).

Nicht nur die niedrige Wahlbeteiligung, auch eine zunehmende Politikverdrossenheit sowie starke Mitgliederverluste der Parteien zeigen, dass sich die Bürger Europas immer mehr von ihren politischen Vertretern distanzieren (vgl. Meier 2009: 149). Hier ist vor allem mehr Kommunikation zwischen den politischen Akteuren und den Bür­gern notwendig. Was politische Kommunikation im Detail leisten kann, wird im fol­genden Kapitel näher erörtert.

3. Politische Kommunikation

Als erstes wird definiert, was politische Kommunikation ist und welche Rolle sie in einem demokratischen System spielt. Anschließend wird erläutert, welchen Beitrag politische Kommunikation zur Schaffung einer europäischen Öffentlichkeit leisten kann.

3.1 Definition

In der Wissenschaft gibt es zahlreiche Definitionen, was unter politischer Kommuni­kation zu verstehen ist. Einige Wissenschaftler betrachten sie als einen Meinungs­austausch zwischen der politischen Führung, den Medien und der Bevölkerung. An­dere sehen politische Kommunikation nicht als Prozess, sondern als einen Raum, in dem sich die beteiligten Akteure austauschen (vgl. Jarren/Donges 2006: 20). Diese Arbeit orientiert sich an der Definition von Jarren und Donges. Diese bezeichnen poli­tische Kommunikation als Scharnier zwischen dem Kommunikationsraum der politi­schen Akteure und dem Kommunikationsraum einer allgemeinen Öffentlichkeit (vgl. Jarren/Donges 2006: 21). „Politische Kommunikation ist der zentrale Mechanismus bei der Formulierung, Aggregation, Herstellung und Durchsetzung kollektiv bindender Entscheidungen" (a.a.O.: 22).

3.2 Öffentlichkeit durch politische Kommunikation

Ungeachtet der verschiedenen Definitionen ist sich die Wissenschaft darin einig, dass politische Kommunikation in einer Demokratie unabdingbar ist, da die staatli­chen Organe einer öffentlichen Kontrolle unterliegen. Das politische Handeln soll öf­fentlich sein und damit für die Bürger transparent und nachvollziehbar werden (vgl. Jarren/Donges 2006: 97).

Renate Martinsen, die an der Universität Duisburg-Essen „Politische Theorie" lehrt, ergänzt dazu, dass demokratisches Regieren auf der Beteiligung der Bürger am poli­tischen Prozess der Entscheidungsfindung basiert. Erst durch das Einverständnis der Bürger würde die Politik in einer Demokratie ihre Legitimation erhalten. Um dies zu erreichen, sei die Herstellung von Öffentlichkeit durch Kommunikation unentbehrlich (Martinsen, 2009: 37).

In der heutigen Gesellschaft stellen vor allem die Massenmedien diese Öffentlichkeit her (vgl. Martinsen 2009: 38). Dabei gibt es für die Bürger allerdings kaum Beteili­gungsmöglichkeiten. Wie man an der geringen Wahlbeteiligung erkennen kann, scheint diese Art der meist einseitigen Kommunikation heutzutage nicht mehr auszu­reichen, um die Europäer für politische Prozesse zu interessieren. Um die Beziehung zwischen Bürgern und Politikern zu verbessern und die schwindende Glaubwürdig­keit sowie das verlorengegangene Vertrauen wieder herzustellen, fordert der Politik­berater Dominik Meier eine neue Dialogkultur. Nötig sei eine aktive Beteiligung des Volkes am Willensbildungsprozess durch einen offenen Dialog (vgl. Meier 2009: 151).

Im Folgenden wird diskutiert, inwiefern dieser offene Dialog auf europäischer Ebene stattfinden könnte und welchen Beitrag das Internet dazu leisten kann.

3.3 Europäische Öffentlichkeit

Damit die EU-Organe demokratisch legitimierte Entscheidungen treffen können, sind sie ebenfalls auf eine politische Öffentlichkeit angewiesen. Doch wie sieht diese in Europa aus? Kann überhaupt von einer europäischen Öffentlichkeit gesprochen wer­den?

In der Wissenschaft werden zwei Modelle einer europäischen Öffentlichkeit disku­tiert: die Entstehung einer einheitlichen europäischen Öffentlichkeit auf der einen Sei­te sowie eine Europäisierung der jeweiligen nationalen Öffentlichkeiten auf der ande­ren Seite (vgl. Gerhards 1993: 100).

Die Kommunikationswissenschaftler Otfried Jarren und Patrick Donges sehen schlechte Voraussetzungen für die Schaffung einer einheitlichen europäischen Öf­fentlichkeit, da es vor allem an einer europäischen Medienöffentlichkeit beziehungs­weise an einem gesamteuropäischen Mediensystem fehle. Die wenigen europäi­schen Medienkooperationen, wie zum Beispiel der deutsch-französische TV-Sender ARTE, stoßen zudem bis heute auf geringe Resonanz beim Publikum (vgl. Jar­ren/Donges 2006: 111). Kulturelle Barrieren, wie beispielsweise verschiedene Spra­chen und unterschiedliche Fernsehgewohnheiten in den Ländern der EU, sind Hür­den, die so schnell nicht zu überwinden sein werden. Somit muss davon ausgegan­gen werden, dass es auch in naher Zukunft keine einheitliche europäische Öffent­lichkeit geben wird.

Die Chancen für eine Europäisierung der nationalen Öffentlichkeiten stehen hinge­gen etwas besser. Gemeint ist damit, dass europäische Themen von den jeweiligen nationalen Medien aufgegriffen und unter einem europäischen Blickwinkel wahrge­nommen werden (vgl. Gerhards 1993: 102). Gerhards ist der Ansicht, dass eine Eu­ropäisierung der nationalen Öffentlichkeiten zwangsläufig eintreffen würde, wenn die Bürger intensiver in die Entscheidungsprozesse innerhalb der EU einbezogen wür­den (vgl. a.a.O.: 108).

Mit der Verbreitung der neuen Medien wird seit einigen Jahren in der Wissenschaft diskutiert, inwiefern diese die politische Kommunikation beeinflussen und einen Bei­trag zur Demokratisierung leisten können.

Die Hoffnung vieler Wissenschaftler besteht darin, dass das Internet mit seiner Rück­kopplungsfunktion und seinem hohen Interaktionspotential die Chance bieten könnte, die Bürger auf europäischer Ebene intensiver in politische Prozesse mit einzubezie- hen (vgl. Martinsen 2009: 43).

Warum vor allem das Web 2.0 einen Beitrag zur Schaffung einer europäischen Öf­fentlichkeit leisten könnte, wird im nächsten Kapitel diskutiert. Dafür wird als erstes definiert, was hinter den Begriffen Web 2.0 und Social Media steckt. Des Weiteren werden die Web 2.0-Anwendungen vorgestellt, auf die sich die anschließende Unter­suchung dieser Arbeit konzentriert. Außerdem wird aufgezeigt, inwiefern sich die vorgestellten Dienste für die Kommunikation politischer Akteure eignen. Im An­schluss daran wird das demokratische Potential der sozialen Medien erörtert.

4. Web 2.0 und Social Media

Das politisch Interessante an der computervermittelten Kommunikation besteht in ihrem Potential, die Eigenschaften anderer elektronischer Medien zu vereinen und zudem - im Gegensatz zu den klassischen Medien - eine Rückkopplungsfunktion zu bieten. Mittlerweile hat sich das Internet von einem reinen Informations- zu einem „Mitmach"-Medium entwickelt, in dem die Nutzer sogenannten „user generated con­tent" (auf Deutsch: nutzergenerierte Inhalte)[5] verbreiten können. Die Basis dafür bil­den Plattformen wie Facebook oder YouTube sowie neue Kommunikationsinstru­mente wie Weblogs[6], Wikis[7] oder Chats. Diese neuen Entwicklungen werden unter dem Schlagwort Web 2.0 zusammengefasst (vgl. Sarcinelli 2011: 68f.).

4.1 Definitionen

Der Verleger Tim O'Reilly hat den Begriff Web 2.0 maßgeblich geprägt und zu seiner Verbreitung erheblich beigetragen. Zwar steht der Zusatz 2.0 für neue Software­Versionen, doch mit Web 2.0 meint O'Reilly mehr als nur den technischen Fortschritt. In dem Artikel „What is Web 2.0" benennt er verschiedene Aspekte, die den Begriff näher definieren. Einer der zentralen Punkte ist die Einbeziehung der kollektiven In­telligenz der Nutzer. Darunter versteht O'Reilly, dass nicht mehr die Betreiber einer Webseite deren Inhalte gestalten, sondern der Nutzer selbst Beiträge online stellt (vgl. O'Reilly 2005, Internet). Es geht nicht nur um neue Medienformate wie Weblogs und Online-Communities, sondern auch um deren soziale Funktionen.

Eine kurze, sehr treffende Definition des Begriffs Web 2.0 haben Witte, Rautenberg und Auer gefunden:

„Web 2.0 ist die Entwicklung des Webs zu einem nutzerzentrierten Internet, einem Mitmach-Netz, dessen Anwendungen (1) neuartige Formen des Infor­mations-, Identitäts- und Beziehungsmanagements ermöglichen, (2) die Inter- aktions- und Partizipationspotenziale erweitern und (3) neue Kommunika­tionsmuster hervorbringen" (Witte/Rautenberg/Auer 2010: 241).

An dieser Definition orientiert sich die in den Kapiteln acht und neun folgende Unter­suchung, die darstellen wird, inwiefern die EU-Abgeordneten die Web 2.0-Angebote für ihr Informations-, Identitäts- und Beziehungsmanagement nutzen[8]. Allerdings be­zieht sich die Untersuchung dieser Arbeit nicht komplett auf den Oberbegriff Web 2.0, sondern nurauf einen Teilbereich: aufSocial-Media-Anwendungen.

Der Begriff Social Media umschreibt persönlich erstellte, auf Interaktion abzielende Beiträge, die in Form von Texten, Bildern, Videos oder Audios über Online-Medien veröffentlicht werden. Aber auch die zugrunde liegenden Dienste und Werkzeuge des Web 2.0, über die die nutzergenerierten Inhalte verbreitet werden, fallen unter den Begriff Social Media. Diese werden aber auch als Social Software umschrieben (vgl. Hettler 2010: 14).

Die Zahl der Social-Media-Anwendungen (im Folgenden auch „Social Web" oder „soziale Medien" genannt) ist immens und nimmt stetig zu. Diese Arbeit fokussiert sich auf zwei sehr beliebte Formen: auf Social-Networking-Dienste, im Speziellen auf die Social-Media-Plattform mit den europaweit höchsten Nutzerzahlen, Facebook sowie auf Microblogs[9], insbesondere auf den beliebtesten Microblogging-Dienst Eu­ropas, Twitter. Im Folgenden werden diese Anwendungen mit ihren wichtigsten Funktionen vorgestellt.

4.2 Das soziale Netzwerk Facebook

"Giving people the power to share and make the world more open and con­nected" (Facebook 2011a, Internet).

Facebook selbst bezeichnet sich als ein soziales Werkzeug, welches Menschen er­möglicht, effizienter mit Bekannten, Familienmitgliedern und Arbeitskollegen zu kommunizieren (vgl. ebd.).

Im Jahr 2004 wurde Facebook von dem Studenten Marc Zuckerberg entwickelt und war ursprünglich nur für die universitätsinterne Kommunikation gedacht. Aufgrund des Erfolgs wurde die Online-Community im Herbst 2006 auch für Nicht-Studenten öffentlich zugänglich gemacht und entwickelte sich innerhalb weniger Jahre zum be­liebtesten Netzwerk in den USA, Europa, Asien und Australien (vgl. Kneidinger 2010: 59f.).

Im September 2011 zählte Facebook weltweit rund 750 Millionen Nutzer (vgl. Face­book 2011b, Internet). 213 Millionen Menschen waren zu dieser Zeit allein aus Euro­pa in dem sozialen Netzwerk vertreten. Innerhalb der EU-27 war im September 2011 im Durchschnittjeder dritte EU-Bürger dort angemeldet.

Spitzenreiter waren die Schweden mit fast 50 Prozent Anwesenheit. Auch in Däne­mark und Großbritannien war fast jeder Zweite in der Online-Community angemeldet. In Deutschland nutzte im September 2011 hingegen „nur" jeder Vierte das soziale Online-Netzwerk (rund 20 Millionen Nutzer) (vgl. Socialbakers 2011, Internet). Der Grund dafür liegt an der starken Konkurrenz durch deutsche Online-Netzwerke wie SchülerVZ, StudiVZ und MeinVZ.

Diese hatten im Juli 2010 in Deutschland zusammen etwa 17 Millionen User (vgl. StudiVZ 2011, Internet)[10]. Die Nutzerzahlen dürften in den letzten Monaten jedoch stark abgenommen haben, da immer mehr Mitglieder zur US-Plattform abwandern (vgl. Amann 2011, Internet), sodass Facebook auch in Deutschland mittlerweile die beliebteste Online-Community ist.

In Österreich ist jeder Dritte bei Facebook vertreten. Damit liegt das Land genau im EU-Durchschnitt. Auch in den osteuropäischen Ländern findet Facebook immer mehr Anhänger. So waren im Herbst 2011 auch ein Drittel aller Bulgaren, Slowaken, Slo­wenen und Estländer in der Online-Community angemeldet. Lediglich die Polen und Rumänen lagen mit rund 18 und 17 Prozent deutlich unter dem EU-Durchschnitt (vgl. Socialbakers 2011, Internet). Da Rumänien im Hinblick auf die Internetnutzung im EU-Vergleich mit Abstand den letzten Platz belegt (vgl. Kapitel sechs), verwundert es nicht, dass nur jeder sechste Rumäne in der Online-Community ein Profil hat. Im Fall Polens kann man zwar auch feststellen, dass die Internetnutzung unter dem EU- Durchschnitt liegt, allerdings ist hier noch ein weiterer Grund für die geringe Face- book-Präsenz auszumachen: In Polen gibt es, wie in Deutschland, große Konkur­renz. Viele Polen bevorzugen bislang das polnische Online-Netzwerk Nasza-Klasa (vgl. Jaeger-Dabek2011, Internet).

Auch wenn Facebook in einigen europäischen Ländern gegen Konkurrenten kämp­fen muss, so hat es die amerikanische Online-Community auch in Europa geschafft, zum populärsten sozialen Netzwerk aufzusteigen (vgl. Peck 2011, Internet). Was Fa­cebook so besonders macht, soll im Folgenden anhand der wichtigsten Funktionen kurz skizziert und durch Abbildung 1 (siehe Seite 19) verdeutlicht werden.

Persönliche Profile

Persönliche Profile sind für Privatpersonen gedacht, die sich bei Facebook mit Freunden vernetzen möchten. Im Gegensatz zu offiziellen Seiten (Definition siehe Seite 16) ist das komplette Profil (die Pinnwand inklusive aller Beiträge, Fotogalerien und Informationen über die Person) meistens erst einsehbar, wenn der Profilinhaber dieses nach einer Anfrage für den jeweiligen Freund freigeschaltet hat.

Diese Einstellungen sind jedoch individuell anpassbar, sodass sich der Grad der Einsehbarkeit für Nicht-Freunde von Profil zu Profil unterscheidet. Erst wenn zwei User miteinander befreundet sind, bekommen sie außerdem gegen­seitig die Statusmeldungen des anderen auf dem eigenen Profil angezeigt. Die An­zahl der Freunde ist allerdings begrenzt. Inhaber persönlicher Profile können nicht mehr als 5000 Freundschaften bestätigen (vgl. Allfacebook2011, Internet).

Seiten

Seiten sind für Organisationen, Unternehmen oder Prominente gedacht, um Informa­tionen der Öffentlichkeit mitzuteilen (vgl. Facebook 2011c, Internet). Bei einer Seite sind, im Gegensatz zu einem persönlichen Profil, die Seiteninformationen und Bei­träge auf der Pinnwand öffentlich und für jeden zugänglich. Es muss vorher nicht durch eine „Freundschaftsanfrage" um Einsicht gebeten werden. Um aktuelle Mel­dungen und Neuigkeiten zu erhalten, muss lediglich die Schaltfläche Gefällt mir akti­viert werden. Diese Funktion steht jedem Facebook-User offen. Eine Rückmeldung der Organisation oder des Prominenten ist nicht nötig und erleichtert somit das Knüp­fen der Kontakte erheblich.

Im Gegensatz zu persönlichen Profilen gibt es außerdem keine Begrenzung für die Zahl der Personen, denen eine Seite gefallen kann (vgl. Facebook2011d, Internet). Des Weiteren gibt es auf einer Seite, anders als auf einem persönlichen Profil, die Funktion, sich als „PolitikerIn" einzutragen und so der Seite einen offiziellen Charak­ter zu verleihen. Aus diesen Gründen eignen sich Seiten für Politiker besser als per­sönliche Profile, denn auf ihnen können sie sich und ihre Arbeit für alle sichtbar dar­stellen. Da Stichproben unter den Parlamentariern allerdings gezeigt haben, dass viele diese Vorteile nicht nutzen, sondern ein persönliches Facebook-Profil auf ihrer offiziellen Politiker-Webseite verlinken, werden in die Analyse sowohl Seiten als auch persönliche Profile eingehen. Allerdings können nur die persönlichen Profile berück­sichtigt werden, die öffentlich einsehbar sind. Profile, bei denen eine Freundschaft angefragt und vom Politiker rückbestätigt werden muss, um Einsicht auf die Pinn­wand zu bekommen, werden als solche zwar vermerkt, können allerdings nicht weiter analysiert werden.

Freunde I Fans

Unter Freunden versteht man Personen, die die Statusmeldungen eines Facebook- Mitglieds abonniert haben. Das heißt, dass diesen Personen jeder neue Eintrag des Bekannten auf dem eigenen Profil angezeigt wird, ohne dass diese das persönliche Profil des anderen erneut aufsuchen müssen. Notwendig dafür ist allerdings die Ein­verständnis des Profilinhabers. Wie viele Freunde ein Facebook-Nutzer hat, wird auf seinem Profil angezeigt.

Bei den Seiten muss für das Abonnieren der Statusmeldungen der Gefällt mir-Knopf aktiviert werden. Die Zahl der Personen, denen die Seite gefällt, wird ebenfalls auf der eigenen Facebook-Seite angezeigt. Diese Personen werden als Fans bezeich­net.

Pinnwand

Die Pinnwand ist für Besucher der elementare Bestandteil der jeweiligen Seite oder des jeweiligen Profils. Hier findet die öffentliche Kommunikation statt, da sowohl die Statusmeldungen als auch die Pinnwandkommentare sowie alle anderen Aktivitäten des Profil- oder Seiteninhabers angezeigt werden. Andere Aktivitäten sind zum Bei­spiel die Kennzeichnung anderer Seiten durch den Gefällt mir-Knopf oder die Bestä­tigung neuer Freundschaften.

Statusmeldungen

Die jeweils benutzereigenen Einträge auf der Pinnwand bezeichnet man als Status­meldungen. Sie können sowohl aus reinem Text bestehen als auch Fotos, Videos, Audiobeiträge und Links enthalten. Diese Inhalte werden auch Posts genannt, zum Veröffentlichen dieser Beiträge sagt man auch posten (auf Deutsch: abschi­cken/versenden). Die Einträge werden in chronologischer Reihenfolge nach Aktuali­tät auf der Pinnwand angezeigt und erscheinen bei den Freunden und Fans als Neu­igkeiten, sobald diese online sind.

Pinnwandkommentare

Besucher der Seite beziehungsweise des Profils können Kommentare zu einer Sta­tusmeldung verfassen. Diese werden für alle einsehbar direkt unter der dazugehöri­gen Meldung angezeigt und als Kommentar gekennzeichnet.

Gefällt mir

Neben der Möglichkeit durch das Drücken der Gefällt mir-Taste Nachrichten zu abonnieren, gibt es die Option Seiten, Statusmeldungen, Fotos, Videos etc. mit Ge­fällt mir zu markieren. Dadurch werden Freunde auf diese Inhalte aufmerksam ge­macht, denn alle Freunde bekommen daraufhin angezeigt, dass dieser Person der markierte Inhalt gefällt. Somit werden Inhalte als eine Art Empfehlung an Freunde weitergegeben. Diese Funktion ermöglicht es, Informationen schnell weiterzuverbrei- ten. Ist der Inhalt für Fans und Freunde interessant, empfehlen sie ihn wiederum ih­ren Freunden und Fans weiter.

Fotos, Videos und Audios

Jeder Facebook-Nutzer kann unbegrenzt viele Fotos, Videos und Audios auf seiner Seite oder auf seinem Profil veröffentlichen.

Weitere Funktionen

Über Facebook ist es außerdem möglich, mit anderen Usern zu chatten und sich pri­vate Nachrichten zu schreiben. Seiten können außerdem mit zahlreichen anderen Funktionen, wie zum Beispiel einem Video-Kanal oder einem Veranstaltungskalen­der, ergänzt werden. Diese Funktionen bleiben bei der Analyse jedoch unberücksich­tigt, da erstere für Dritte nicht einsehbar sind und letztere kaum genutzt werden.

Abbildung 1: Facebook-Profil der deutschen EU-Abgeordneten Franziska Brantner11

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

4.3 Der Kurznachrichtendienst Twitter

Der Microblogging-Dienst Twitter bezeichnet sich selbst als ein Informationsnetz­werk, das in Echtzeit die neuesten Informationen zu verschiedensten Themen liefert.

„Twitter bietet die beste Möglichkeit, zu entdecken, was es in der Welt Neues gibt" (Twitter 2011a, Internet).

Im Vordergrund stehen die Suche nach Informationen und das Verfolgen von Kon­versationen, wobei den Usern pro Nachricht nur 140 Zeichen zur Verfügung stehen.

Ursprünglich entstand Twitter als firmeninternes Projekt des Unternehmens Odeo aus San Francisco, wurde aber kurze Zeit später schon der allgemeinen Öffentlich­keit zugänglich gemacht. Der Microblogging-Dienst wird bis heute kosten- und wer­befrei angeboten (vgl. Ebersbach/Glaser/Heigl 2010: 86f.). Nach eigenen Angaben hat Twitter weltweit mittlerweile rund 100 Millionen Nutzer (vgl. Twitter 2011a, Inter­net). Laut dem US-amerikanischen Webanalyseunternehmen comScore suchten im August 2011 rund 39 Millionen Europäer den Kurznachrichtendienst Twitter auf (vgl. Comscore 2011, Internet). Eine Aufschlüsselung nach EU-Ländern ist jedoch nicht veröffentlicht und auch auf Nachfrage bei Twitter selbst nicht erhältlich. Für Deutsch­land legt allerdings eine ARD/ZDF-Online-Studie verlässliche Daten vor: Laut dieser haben im Jahr 2011 rund 1,5 Millionen Deutsche den Kurznachrichtendienst genutzt (vgl. Busemann/Gscheidle 2011: 368f.). Europaweit ist er nach Facebook das zweit­beliebteste soziale Medium (vgl. Peck 2011, Internet).

Im Folgenden werden auch hier die wichtigsten Begriffe und Funktionen dieses Dienstes kurz erläutert und anhand der Abbildung 2 (siehe Seite 22) bildlich darge­stellt.

Tweets

Mitteilungen beziehungsweise Statusmeldungen heißen bei Twitter Tweets (englisch to tweet = zwitschern). Jeder Tweet ist maximal 140 Zeichen lang. Die Tweets sind in den meisten Fällen für jeden einsehbar, der die Seite des Twitterers aufsucht. Au­ßerdem kann man diese Tweets abonnieren, sodass jede neue Nachricht von dieser Person direkt auf der eigenen Twitter-Seite erscheint.

Follower

Follower sind (ähnlich wie bei Facebook die Freunde oder Fans) User, die anderen Nutzern „folgen", indem sie deren Mitteilungen abonniert haben. Wie viele Follower ein User hat und wer diese sind, wird auf dem eigenen Profil angezeigt.

Following

Unter Following versteht man wiederum die Twitterprofile, denen ein Twitter-Nutzer selbst folgt. Angezeigt wird also die Anzahl der Seiten, dessen Nachrichten der User selbst abonniert hat.

Replies

Replies sind Tweets, die sich speziell an eine Person (oder mehrere Personen) rich­ten. Dabei kann es sich zum Beispiel um eine Frage, eine Antwort oder um einen Kommentar handeln. Gekennzeichnet werden solche Replies durch das @-Zeichen gefolgt von dem Twitter-Namen, an den sich derTweet richtet. Antwortet ein Twitter-Nutzer zum Beispiel dem Abgeordneten Daniel Caspary, der sich bei Twitter „caspary" nennt, steht vor dem Tweet „@caspary". Diese Nachricht erscheint dann nicht nur auf der Seite des Schreibers, sonder als Antwort auch auf der Twitter-Seite von Daniel Caspary und ist für jeden öffentlich einsehbar.

Retweet

Ein Retweet ist die Wiederholung eines Tweets, der von einer Person veröffentlicht wurde und von einer anderen Person weitergegeben wird. Der Inhalt stammt in die­sem Fall also nicht von dem User selbst. Diese Funktion ermöglicht eine schnelle und unkomplizierte Verbreitung von Inhalten.

Kurz-URLs

Da pro Nachricht nur 140 Zeichen zur Verfügung stehen, stellt Twitter eingefügte Links zu externen Seiten innerhalb der Tweets verkürzt dar. So würde zum Beispiel eine komplette Internet-Adresse lauten: http://www.fr-online.de/politik/meinung/ ver- handeln-mit-gaddafi/-/1472602/8600258/-/index.html. Twitter stellt diese wie folgt dar: tinyurl.com/6eolfqn.

Weitere Funktionen

Wörter, die mit dem Rautezeichen „#" gekennzeichnet sind, nennt man Hashtags. Beispiel #Euro: Wenn ein User aktuelle Tweets zum Thema „Euro" sucht, werden ihm alle Nachrichten angezeigt, die das Wort #Euro beinhalten. Diese Funktion er­leichtert die Suche, da sie die zahlreichen Tweets nach Themen sortiert. In der Ana­lyse dieser Arbeit werden Hashtags jedoch nicht weiter beachtet.

Außerdem ist es möglich, sich private Nachrichten über Twitter zu schicken. Da diese Meldungen für andere Leute nicht einsehbar sind, können sie in der Analyse eben­falls nicht beachtet werden.

Abbildung 2: Twitter-Profil des deutschen EU-Abgeordneten Jan Philipp Albrecht

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

4 Reply (Nachricht richtet sich direkt an den User akvorrat)

4.4 Facebook als Instrument politischer Kommunikation

Politische Akteure können Facebook zum Beispiel nutzen, um User per Link auf die eigene Homepage zu verweisen. Das Netzwerk bietet im Gegensatz zu Twitter aber auch die Möglichkeit, direkt Inhalte wie Bilder, Videos etc. zu teilen. Diese können per Gefällt mir-Button durch eine Art Schneeballsystem in kürzester Zeit einen brei­ten Empfängerkreis erreichen.

Zur Darstellung der eigenen Person und der politischen Arbeit eignet sich Facebook sogar besser als Twitter, da eine Art Steckbrief mit vielen verschiedenen Informatio­nen angelegt werden kann. Auch durch die Möglichkeit eine Vielzahl an Fotos und Videos einzustellen, ist Facebook ein attraktiver Ort, um die politische Arbeit transpa­rent darzustellen und eine gewisse Nähe zu den Bürgern aufzubauen.

Weshalb aber auch der Kurznachrichtendienst Twitter ein interessantes Instrument für politische Kommunikation sein kann, wird im nächsten Abschnitt erläutert.

4.5 Twitter als Instrument politischer Kommunikation

Das Microblogging erscheint „aufgrund der Beschränkung auf 140 Zeichen und der Kopplung an mobile Endgeräte besser in die täglichen Arbeits- und Kommunikationsabläufe von Politikern zu passen als andere Formate, bei­spielsweise das vergleichsweise ausführliche Bloggen. Allerdings wird die au­thentische, offene, dialogbereite und unter Umständen auch selbstkritische Selbstpräsentation eines Politikers ihre Grenzen in Partei- und Fraktionsdis­ziplin sowie den [...] sehr begrenzten Zeitbudgets finden." (Schmidt 2009: 149).

Twitter ist eher dafür geeignet auf Inhalte aufmerksam zu machen als Dialoge zu füh­ren oder Standpunkte auszutauschen (vgl. Albers 2010: 232). Politische Akteure können den Kurznachrichtendienst als eine Art Newsticker nutzen, über den sie Pressemitteilungen etc. veröffentlichen. Außerdem bietet Twitter die Möglichkeit mehr Besucher auf die eigene Webseite zu verweisen, indem die Twitter-User mit einem kurzen Tweet neugierig auf die Informationen gemacht werden, die auf der entsprechenden Homepage zu finden sind (vgl. Hettler2010: 192).

Die Retweet-Funktion begünstigt - ähnlich wie der Gefällt mir-Button bei Facebook - virale Effekte, da sich Nachrichten sehr leicht weiterverbreiten lassen. Außerdem bie­tet Twitter die Möglichkeit, das Profil mit anderen sozialen Netzwerken zu verknüp­fen. So ist es möglich, dass die Tweets gleichzeitig als Beiträge auf der Pinnwand bei Facebook angezeigt werden. Dies spart Zeit und ermöglicht es eine größere Ziel­gruppe zu erreichen. Ferner sollten Politiker nicht den Verbreitungseffekt über Jour­nalisten unterschätzen. Diese sehen Twitter zunehmend als Recherche-Instrument an. Somit können Twitter-Meldungen schnell den Weg in die klassischen Medien fin­den (vgl. Hettler 2010: 192).

4.6 Facebook und Twitter versus klassische Webseiten

Der Vorteil sozialer Medien gegenüber herkömmlichen Webseiten ist zum einen, dass durch die zahlreichen Rückkopplungsfunktionen ein echter Dialog entstehen kann. Zum anderen sollten auch die viralen Effekte des Social Webs nicht unter­schätzt werden. Nachrichten werden dort oft zum Selbstläufer, verbreiten sich unter den Usern rasend schnell und erreichen somit auch Empfängerkreise (Freunde von Freunden von Freunden), die sonst nie den Weg auf die Homepage des Politikers finden würden. Auch die klassischen Medien nehmen immer häufiger Geschichten und Informationen aus den sozialen Medien auf, sodass sich somit auch Themen außerhalb des Netzes verbreiten können (vgl. ebd.).

Nachdem demonstriert wurde wie politische Akteure die sozialen Medien für ihre Öf­fentlichkeitsarbeit nutzen können, wird im Folgenden dargestellt inwiefern das Web 2.0 zur Förderung von Demokratie beitragen kann.

4.7 Das demokratische Potential der sozialen Medien

Seit dem Aufkommen des Internets wird in der Wissenschaft intensiv über das de­mokratische Potential des Webs diskutiert.

Die Vertreter der enthusiastischen Position prognostizieren sehr positive Auswirkun­gen des Internets auf die Strukturen von Öffentlichkeit und auf politische Willensbil- dungs- und Entscheidungsprozesse. Das Web fördere den Austausch der öffentli­chen Meinung und vereinfache somit auch die Kommunikation zwischen den Bürgern und den politischen Akteuren. Soziale, zeitliche und räumliche Barrieren würden ab­geschafft, sodass sich mehr Menschen als bisher an politischen Willensbildungs- und Entscheidungsabläufen beteiligen könnten (vgl. Jarren/Donges 2006: 112f).

Die Enthusiasten lassen sich weiterhin in eine radikal plebiszitäre und eine gemäßigt deliberative Gruppe einteilen. Erstere geht davon aus, dass das Mehr an Information und Kommunikation zu einem politischen Strukturwandel führe. Die Vertreter der de- liberativen Variante gehen hingegen „nur" von einem Stärkungseffekt auf das beste­hende politische System aus, welcher seinen Ursprung in der steigenden politischen Teilnahme der Bürger durch das Internet hat (vgl. a.a.O.: 113.). Beide Gruppen be­ziehen sich jedoch auf ein diskurstheoretisches Modell von Öffentlichkeit, welches sich an Habermas' Modell des Strukturwandels der Öffentlichkeit[12] orientiert.

Skeptiker hingegen beziehen sich eher auf systemtheoretische Spiegelmodelle[13] und meinen deshalb, dass die Hürden, wie fehlende Bereitschaft nach politischen Infor­mationen zu suchen sowie das zur Mediennutzung zur Verfügung stehende begrenz­te Zeitbudget, nicht durch das Internet aufgehoben werden könnten (vgl. ebd.).

[...]


[1] Massenproteste in diesen beiden Ländern führten zur Absetzung des tunesischen Machthabers Ben Ali und zum Rücktritt des ägyptischen Präsidenten Mubarak. Organisiert wurden diese Proteste vorwiegend im Internet (vgl. de Roquefeuil 2011, Internet).

[2] Nachdem die klassischen Medien auf ein mögliches Plagiat seiner Doktorarbeit aufmerksam gemacht hatten, veröffentlichten zahlreiche Internetnutzer in kürzester Zeit alle Plagiatsstellen der Arbeit. Die darauffolgenden Internet-Proteste trugen massiv dazu bei, Druck auf den Minister auszuüben, sodass er schließlich von seinem Amt zurücktrat (vgl. Kuhn 2011, Internet).

[3] Um einen angenehmeren Lesefluss zu ermöglichen, wird in dieser Arbeit die männliche Form als geschlechterübergreifende Bezeichnung verwendet.

[4] Weshalb genau diese drei Länder ausgewählt worden sind, wird in Kapitel 8.2 erläutert.

[5] Als user generated content bezeichnet man zum Beispiel von Internetnutzern eingestellte Artikel auf Wikipedia, Fotos auf Facebook sowie Einträge auf Twitter.

[6] Ein Weblog (Kurzform: Blog) ist eine Art öffentlich einsehbares Tagebuch, in dem ein oder mehrere Autoren, sogenannte Blogger, Beiträge veröffentlichen. Die Einträge erscheinen in chronologischer Reihenfolge. Die Leser können diese Einträge in der Regel kommentieren.

[7] Wikis sind Online-Systeme, die Inhalte sammeln und für Nutzer bereitstellen. Die User können diese Inhalte jederzeit verändern und ergänzen. Das bekannteste Wiki ist die Online-Enzyklopädie Wikipedia.

[8] Was unter diesen Stichworten zu verstehen ist, wird in Kapitel 5.1 näher erläutert.

[9] Microblogs sind Blogs, bei der die Nutzer nur ganz kurze Texte, die oftmals der Länge einer SMS entsprechen, veröffentlichen können.

[10] Aktuellere Zahlen gibt die VZ-Gruppe nicht heraus.

[11] „Gefällt mir"-Funktion: Es handelt sich hier um eine Seite

[12] Habermas sieht die Öffentlichkeit nicht durch eine kritische Publizität von unten, sondern durch eine manipulative Publizität von oben gefährdet (vgl. Jarren / Donges 2006: 113).

[13] Bei diesen Modellen geht es um die Leistung von Öffentlichkeit, Selbstbeobachtung von Gesellschaft zu ermöglichen (vgl. Jarren / Donges 2006: 114).

Ende der Leseprobe aus 106 Seiten

Details

Titel
Gezwitscher im Europäischen Parlament?
Untertitel
Die Social-Media-Nutzung im politischen Alltag der Europaabgeordneten
Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen  (Institut für Politische Wissenschaften)
Note
1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
106
Katalognummer
V189905
ISBN (eBook)
9783656142423
ISBN (Buch)
9783656142126
Dateigröße
6956 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Web 2.0, Facebook, Twitter, EU, Europäisches Parlament, Mitglieder des Europäischen Parlaments, politische Online-Kommunikation, Social Media
Arbeit zitieren
Julia Ludger (Autor), 2011, Gezwitscher im Europäischen Parlament?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/189905

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