Grundeinkommen als Mittel zur Auflösung entfremdeter Arbeit


Hausarbeit, 2012
15 Seiten

Leseprobe

Gliederung

1 EINLEITUNG

2 ENTFREMDUNGSTHEORIE NACH MARX
2.1 Voraussetzungen
2.2 Die Entfremdungstheorie

3 DAS BEDINGUNGSLOSE GRUNDEINKOMMEN
3.1 Begriffsklärung
3.2 Verschiedene Modelle
3.2.1 Erich Fromms Modell
3.2.2 Andre Gorz’ Vorschlag eines Grundeinkommens

4 FAZIT

5 QUELLENVERZEICHNIS

1 Einleitung

„Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt darauf an, sie zu verändern.“1

Dieses ist eines der bekanntesten Zitate von Karl Marx, dem Vordenker der marxistischen Theorie. Eine von seinen vielen Erkenntnissen war die Entfremdung der Menschen von ihrer Arbeit und ihrem Gattungswesen in der kapitalistischen Gesellschaft. Der Mensch arbeite nicht für sich und um sich selbst zu verwirklichen, sondern er arbeite zwangsweise, um seine Existenz zu sichern. Was genau Marx unter Entfremdung versteht und wie er dieses Phänomen der kapitalistischen Gesellschaft überhaupt beschreiben konnte - das will ich im ersten Teil der folgenden Arbeit darstellen. Zuerst muss aber geklärt werden, welche Voraussetzungen und welches Menschenbild Marx’ Denken enthält, nur so lässt sich seine Entfremdungstheorie vollständig verstehen.

Nach der Beantwortung dieser Fragen soll im zweiten Kapitel auf den zweiten Teilsatz des obigen Zitats eingegangen werden. Wie kann die Welt verändert, also der Zustand der entfremdeten Arbeit überwunden werden? Marx hat zur Beantwortung dieser Frage schon sehr viel Arbeit aufgewendet; kurz gesagt ist die Revolution der unterdrückten Klasse, des Proletariats, die Lösung des Problems.2 Hier soll aber nicht die Revolution als Problemlösung für Entfremdung thematisiert werden, sondern das bedingungslose Grund- einkommen. Das Grundeinkommen hat eine sehr lange Ideengeschichte, doch im großen Maßstab wurde es noch nie umgesetzt. Das bedingungslose Grundeinkommen soll allen Menschen einer Gesellschaft ohne Gegenleistung ausgezahlt werden, um den Menschen die Existenz zu sichern und die Freiheit von Arbeitszwang und zur Selbstverwirklichung zu ermöglichen. Die Frage ist:

Kann ein bedingungsloses Grundeinkommen in einer kapitalistischen Gesellschaft den Zustand der entfremdeten Arbeit wirklich aufheben?

Diese Frage soll am Ende der Arbeit beantwortet sein. Zuvor will ich das Konzept des Grundeinkommens aus Sicht zweier marxistischer Autoren vorstellen und die Probleme, die das Grundeinkommen an verschiedenen Seiten aufwirft, analysieren. Zunächst aber folgt die Darstellung des marxistischen Menschenbilds und die Kerngedanken der Entfremdungstheorie von Marx.

2 Entfremdungstheorie nach Marx

2.1 Voraussetzungen

Joachim Israel meint, dass die Entfremdungstheorie von Marx als Voraussetzung eine Vorstellung über die ideale Art der Arbeit und die natürliche Beziehung des Menschen zu den Produkten der Arbeit benötigt.3 Das bedeutet, dass entfremdete Arbeit bzw. Entfremdung allgemein nur problematisierbar ist, wenn eine normative Vorstellung vom Menschenbild und von seiner idealen Arbeitsweise vorliegt. Als erstes erklärt Israel, dass der Mensch im marxistischen Sinn als aktives Wesen, als Subjekt, das seine Geschichte selber kreiert, verstanden wird. Die Geschichte des Menschen ist also nicht deterministisch vorgegeben, sondern alle gesellschaftlichen Bedingungen produziert der Mensch selbst. Diese Bedingungen sind veränderlich, daher gäbe es keinen ökonomischen Determinismus, wie es manche Marxisten und Marx-Kritiker behaupteten.4

Das im Folgenden dargestellte Menschenbild Marx’ ist im Wesentlichen beeinflusst vom dt. Idealismus Hegels, Feuerbachs und anderen. Grundlage ist Marx’ Kritik an der spekulativen Philosophie. Das erste Element der Theorie vom Menschen nach Israels Interpretation sei die Vorstellung vom Menschen als Naturwesen. Das meint nichts anderes, als dass der Mensch ein aktives Subjekt, wie im obigen Absatz schon erwähnt, und biologisches sowie gesellschaftliches Wesen sei. Das zweite Element sei die Vorstellung, dass der Mensch über einen gesellschaftlichen Charakter verfüge und damit nicht ohne gesellschaftliche Beziehungen existieren kann. Marx widerspreche der Auffassung, dass es einen Konflikt zwischen Individuum und Gesellschaft gäbe. Das Spezifische der Marxschen Entfremdungstheorie sei, dass sie einen Konflikt innerhalb der Gesellschaft und zwischen den verschiedenen sozialen Klassen sieht.5 Genau deshalb wird der Marxismus auch als Klassentheorie bezeichnet.

Als drittes Element bezeichnet Israel die Rolle der Arbeit im Produktionszusammenhang als Mittel zur Selbstverwirklichung und als Unterschied zwischen Mensch und Tier. Der Mensch kann im Gegensatz zum Tier „innerhalb einer universellen Perspektive und unabhängig von unmittelbaren Bedürfnissen produzieren“ und die Natur humanisieren.6 Während also ein Tier nur dann Nahrung sucht, wenn es Hunger hat, also wenn es bestimmte Triebe verspürt, kann der Mensch jederzeit Nahrung suchen bzw. produzieren.

Er produziert planvoll und ist in der Lage, mehr Nahrung zu produzieren, als er für sich und seine Familie benötigt. Als viertes und letztes Element der Marxschen Theorie vom Menschen spricht Israel von der „Totalität des Menschen“. Die Totalität des Menschen habe bei Marx zwei Bedeutungen. Zum einen heißt Totalität, dass der Mensch ideal- typischerweise über alle Fähigkeiten verfügt, die der Fortentwicklung der menschlichen Gesellschaft dienen können. Zum anderen bedeutet Totalität, dass das menschliche Individuum alle seine Talente und Fertigkeiten unter gegebenen gesellschaftlichen Bedingungen verwirklichen kann.7 Diese Totalität wird nach Marx durch die Existenz von Privateigentum verhindert, dazu unter 2.2 etwas ausführlicher. Israel definiert den totalen Menschen als „Menschen, der seine Sinne, seine Wahrnehmung, sein Denken und seine Triebkräfte zur ‚Aneignung der Welt’ verwendet.“8

Bislang wurde der Mensch also als totales, gesellschaftliches und universell produzieren- des Wesen beschrieben. Marx spricht auch vom Menschen als Gattungswesen, was nach Israel der Bedeutung des Menschen als gesellschaftlichem Wesen gleichkommt. Adam Schaff analysiert vier Verwendungsweisen des Begriffs „Gattungswesen“. Erstens sei der Mensch ein gesellschaftliches, kooperatives Wesen. Nur wenn der Mensch kooperativ handeln kann, das bedeutet, nur wenn es keine Entfremdung gibt, entspreche dies seinem Gattungswesen. Zweitens verwende Marx den Begriff Gattungswesen, um den Menschen als Exemplar der Menschheit zu bezeichnen; dies sei aber eine eher nicht geläufige Interpretation. Drittens meine Gattungswesen den Menschen als bewusst handelndes, seine Tätigkeiten planendes Wesen. Und viertens verstehe Marx unter Gattungswesen den Idealtyp eines Menschen, d. h., den Menschen, der alle seine natürlichen Fähigkeiten, die in ihm potenziell angelegt sind, ausnutzen kann.9

Somit ist das Menschenbild, das der Marxschen Entfremdungstheorie zu Grunde liegt, leicht verkürzt beschrieben. Für Marx ist der Mensch also ein gesellschaftliches, universell produzierendes und totales Wesen, das sich mit Hilfe kooperativer, planvoller Produktion die Natur aneignen könne und unter bestimmten gesellschaftlichen Bedingungen alle seine natürlichen Talente einsetzen kann, um sich selbst zu verwirklichen. Wie diese Bedingungen aussehen und wie sie im Kapitalismus nicht erfüllt sind, soll nun im nächsten Abschnitt dargelegt werden.

2.2 Die Entfremdungstheorie

Was versteht Marx unter Entfremdung? Während Hegel der Entfremdung im Sinne der Entäußerung einen positiven Wert zuschrieb und Feuerbach die religiöse Entfremdung negativ bewertete, erweiterte Marx den Entfremdungsbegriff und bezog ihn auch auf die ökonomische und die politische Dimension. Dabei übernahm er die negative Bewertung Feuerbachs, gab dem Begriff Entfremdung aber einen Aktionswert. Während die meisten zeitgenössischen Autoren die Entfremdung lediglich als etwas zu Kritisierendes ansahen, dabei aber keine Lösung des Problems anboten, kannte Marx eine vermeintliche Lösung. Er forderte eine gesellschaftliche Revolution, um die Entfremdung und dabei die gesamte kapitalistische Gesellschaft zu überwinden.10 Bei Marx findet man Entfremdung in dreier- lei Art: die religiöse, politische und ökonomische Entfremdung. Die wichtigste Form, die Marx am ausführlichsten beachtete, ist die ökonomische Entfremdung.

Bei der ökonomischen Entfremdung unterscheidet Marx vier Dimensionen: Entfremdung vom Produkt der Arbeit, Entfremdung von der Arbeit, Entfremdung vom Gattungswesen und Entfremdung vom Menschen. Der Mensch entfremdet sich vom Produkt seiner Arbeit, weil das Produkt seiner Arbeit unter kapitalistischen Bedingungen nicht ihm gehört, son- dern dem Besitzer der Produktionsmittel. Die Arbeiter produzieren also nicht für ihren Eigenbedarf, sondern für einen Fremden, also dem Arbeitgeber bzw. Unternehmer. Somit entäußern sie ihr Wesen als Subjekt vollständig an den Kapitalisten.11 Entfremdung von der Arbeit bedeutet, dass der Arbeiter folgerichtig auch von seiner Arbeit als Tätigkeit entfremdet ist, was aus der Entfremdung vom Produkt seiner Tätigkeit logisch folgt. Marx meint, dass sich diese Entfremdung auf zwei verschiedene Arten bemerkbar macht: zum einen fühle sich der Arbeiter bei seiner Tätigkeit fremdbestimmt und zum anderen fühle er sich unglücklich bei seiner Arbeit. Die Hauptursache der Entfremdung sei der Zwang zum Arbeiten, weil die Arbeit nur als Mittel zur Überlebenssicherung und nicht der Selbst- verwirklichung diene.12

[...]


1 MEGA I.5, S. 535.

2 Vgl. Marx/Engels (1848).

3 Vgl. Israel (1985), S. 106.

4 Vgl. ebd., S. 107 und S. 112f.

5 Vgl. ebd., S. 115-117.

6 Ebd., S. 118.

7 Vgl. ebd., S. 119.

8 Ebd., S. 121.

9 Vgl. Schaff (1965): Marxismus und das menschliche Individuum, Wien, Zürich, Frankfurt/M., S. 199, zit. nach ebd., S. 121f.

10 Vgl. Cornu, Auguste (1975), S. 42-59.

11 Vgl. Quante (2009), S. 248-250.

12 Vgl. ebd., S. 250f.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Grundeinkommen als Mittel zur Auflösung entfremdeter Arbeit
Autor
Jahr
2012
Seiten
15
Katalognummer
V189908
ISBN (eBook)
9783656142546
ISBN (Buch)
9783656142805
Dateigröße
425 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Grundeinkommen, Entfremdung, Andre Gorz
Arbeit zitieren
Stefan Dorl (Autor), 2012, Grundeinkommen als Mittel zur Auflösung entfremdeter Arbeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/189908

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