Heinrich IV. und seine Gegner in Schwaben, Bayern und Kärnten


Hausarbeit, 2009

20 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

I. Einleitung

II. Herrschaftsform und Herrschaftspraxis in salischer Zeit

III. Die Zeit Heinrichs Minderjährigkeit (1056-1065)
III.1 Agnes' Regentschaft (1056-1061)
III.2 Kaiserswerther Staatsstreich und Reichsverwesung durch Anno von Köln (1062-1065)

IV. Herrschaftsausübung Heinrichs IV. und das Aufbegehren der Fürsten

V. Schlussbetrachtung

VI. Literaturangaben

I. Einleitung

Über die Herrschaftszeit Heinrichs IV. ist bereits viel publiziert worden, nicht zuletzt weil der sogenannte Investiturstreit als ein prominentes und prägendes Moment eine wichtige Rolle in Heinrichs Regierungszeit spielte. Dass die Konflikte im Investiturstreit weit über das gewohnte Maß hinausgingen, stellt unter anderem Gerd Althoff fest und schließt daraus, dass der Investiturstreit gar eine Krise des gesamten Herrschaftssystems evozierte.1 Im Kontext des Investiturstreits fanden zeitgleich auch innerhalb des Herrschaftsgebietes Heinrichs IV. massive politische Konflikte statt, die teils von kriegerischen Auseinandersetzungen begleitet wurden und das althergebrachte Herrschaftsgefüge ins Wanken brachten. Inwiefern diese Auseinandersetzung zwischen dem deutschen König und dem Papst in Rom ausschlaggebend für die Haltung der deutschen Fürsten gegenüber dem König war, bleibt in der wissenschaftlichen Betrachtung umstritten. Egon Boshof spricht den Kernaspekten des eigentlichen Investiturstreits nur eine marginale Rolle in einem von Machtkämpfen geprägten Zeitalter zu:

„Das Problem der Investitur hat bei diesen Ereignissen keine Rolle gespielt. Es ging um grundsätzliche Fragen.“2

Dieser Aussage folgend soll im Folgenden die Fürstenopposition gegen Heinrich IV. in den Blick genommen werden, die mit der Wahl Rudolfs von Rheinfelden am 15. März 1077 in Forchheim und den darauf folgenden militärischen Auseinandersetzungen mit Heinrich ihren Höhepunkt erreichten. Dabei soll besonders das Verhältnis der süddeutschen Herzogtümer Schwaben, Bayern und Kärnten zu Heinrich IV. untersucht werden, da diese mit Sachsen zusammen ständige Unruheherde in Heinrichs Regierungszeit bildeten. Diese Gebiete spielten aufgrund ihrer geografischen Lage eine besondere Rolle für den deutschen König: Sie waren Transitgebiete auf dem Weg über die Alpen nach Italien. Da zu jener Zeit weite Gebiete im heutige Norditalien deutsche Besitztümer waren und sich das deutsche Königtum als Schutzmacht des apostolischen Stuhls in Rom verstand, war die Lage für Heinrich IV. mit dem Aufbegehren der süddeutschen Herzöge besonders prekär.

Um die Ursachen der Fürstenopposition zu beleuchten, sollen zuerst Herrschaftsform und Herrschaftspraxis aufgezeigt werden, wie sie um die Zeit Heinrichs IV. gebräuchlich waren.

Ausgehend von diesen Betrachtungen wird anhand historiografischer Erläuterungen in gebotener Kürze das Aufkommen der Fürstenopposition zur Zeit Heinrichs Minderjährigkeit aufgezeigt.

Daran anschließend soll die aus dieser Situation erwachsene Herrschaftsausübung Heinrichs IV. in den Blick genommen werden. Neben der Betrachtung der Auswirkungen der Regentschaft von Agnes, Heinrichs Mutter, sollen dabei auch Kontinuitäten wie auch Umbrüche im Vergleich zu der Politik seines Vaters aufgedeckt werden, um aufzeigen zu können, ob und inwiefern die opponierenden Fürsten gegen vermeintliche Neuerungen in der politischen Praxis Heinrichs aufbegehrten.

Auf dieser eher konzeptionellen Grundlage erfolgt im weiteren Verlauf eine chronologische Rekonstruktion der süddeutschen Fürstenopposition. Der chronologische Ansatz wurde hier bewusst gewählt, da eine Gliederung nach regionalen Aspekten mit zeitlichen und inhaltlichen Überschneidungen und Wiederholungen von Kontexten arg zerstückelt wirken würde. Dies ist insofern wichtig, als dass in diesem Konflikt zwischen den süddeutschen Fürsten und Heinrich IV. auch immer die Auseinandersetzung zwischen König und Papst, der Investiturstreit, den Kontext bildete. Die Betrachtung der Fürstenopposition kann also niemals ohne den Hintergrund des Investiturstreits zu fruchtbaren Ergebnissen kommen, weshalb Rückbezüge zu Stationen im Investiturstreit mit in die Ausführungen einbezogen werden sollen. Die Betrachtungen enden dabei im Jahre 1080, auch wenn die fürstliche Opposition danach noch weiter ging. Es soll in dieser Arbeit nicht um einen vollständigen historischen Abriss über die Fürstenopposition gehen, als mehr um ein Aufzeigen des Verhältnisses Heinrichs zu den süddeutschen Fürsten und die Ursachen deren Aufbegehrens.

Um den Bogen zu Egon Boshofs These zurück zu schlagen, schließt sich an diese Betrachtungen eine abwägende Schlussbetrachtung an, in der die Frage beantwortet werden soll, ob es schlicht (durchaus religiös motivierte bzw. legitimierte) Machtinteressen waren, die zur Fürstenopposition führten, oder ob die Auseinandersetzung zwischen Papst und Heinrich IV. Grundlage für das Aufbegehren der Fürsten war. Damit soll dem recht plakativen Titel der Arbeit eine thesenartige Zuspitzung zuteil werden.. Unter den vom Rahmen der Arbeit vorgegebenen Umständen kann diese kurze Untersuchung keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit erheben; vielmehr soll es darum gehen, den speziellen, vom Titel der Arbeit festgelegten, Aspekt aus der Zeit des Investiturstreits näher zu beleuchten.

Da die Fragestellung der Arbeit recht breit angelegt und der vorgegeben Rahmen eng bemessen ist, gründen sich die Ausführungen auf Sekundärliteratur, da eine explorative Quellenauswertung in dem gesetzten Rahmen kaum durchführbar und wenig ertragreich wäre.

II. Herrschaftsform und Herrschaftspraxis in salischer Zeit

Das hochmittelalterliche Königtum war eine konsensuale Form von Herrschaft und durchaus typisch für diese Zeit. Hochrangige Adlige und geistliche Würdenträger fungierten als Berater des Königs oder hatten zumindest Anspruch darauf, angehört zu werden. Dieses auf dem Lehensprinzip fußende Beratungsprinzip stellt ein angestrebtes Einvernehmen der wichtigsten Fürsten mit der Politik des Königs in den Vordergrund. Die Rechtspraxis des Lehenswesens fußte auf einer Verbindung von germanischen und römischen Rechtsvorstellungen: Der Lehenseid verband Lehnsherrn und gebundenen Lehennehmer in gegenseitiger Treue. Dieses vertikal gegliederte Organisationsprinzip war Grundlage des mittelalterlichen Staatswesens und hierarchisierte die soziale Ordnung.3

Den durch das Lehen erworbenen Rechte standen auch Pflichten gegenüber, speziell hinsichtlich militärischer Belange. So waren belehnte Adlige in gewissem Umfang dazu verpflichtet, dem König Truppenkontingente bei Bedarf zur Verfügung zu stellen. Um eine sachgemäße und den eigenen Interessen nicht zuwider laufende Verwendung der Truppen zu gewährleisten, hatte sich ein gewohnheitsrechtliches Konsultationsrecht der hohen Adligen beim König herausgebildet. Im Kern, so könnte man überspitzt sagen, trug dieses Prinzip schon den später in der Amerikanischen Revolution bemühten Grundsatz „No taxation without representation“ in sich.

Das Selbstverständnis der Herrschaftsausübung im Hochmittelalter war das eines Sakralkönigtums; dieser Charakter wurde von Heinrich IV. stets betont, was ihn letztlich in den Konflikt mit Papst Gregor VII. treten ließ, was als „Investiturstreit“ in die Geschichte eingegangen ist. Der König war in diesem Selbstverständnis von Gott direkt eingesetzt, nach Heinrichs Lesart war er deswegen auch nur diesem Rechenschaft schuldig. Noch zu Heinrich III. Zeiten war die Reichskirche aufs engste mit dem Königshof verbunden, kamen doch viele Bischöfe aus der Hofkapelle des Königs und sahen „[...]in der loyalen Erfüllung seiner [des Königs; M.S.] Erwartungen nicht zu Unrecht die beste Gewähr für das weitere Anwachsen ihrer regionalen Machtstellung.“4 Die königliche Praxis der Besetzung geistlicher Ämter sollte mit dem Pontifikat Gregors VII. zu einem abrupten Ende kommen, oder zumindest auf den entschiedenen Widerspruch aus Rom treffen. Ironie der Geschichte ist dabei, dass Heinrich III. mit der Einsetzung des Bamberger Bischofs Suidger, der sich als Papst Clemens II. nannte, an Weihnachten 1046 eine Entwicklung anstieß, die letztlich zu der Auseinandersetzung zwischen dem Reformpapst Gregor VII. und seinem Sohn Heinrich IV. führen sollte.

Die Verrechtlichung von Konfliktaustragungen war noch nicht schriftlich fixiert, jedoch gab es etablierte und allgemein anerkannte Formen der Konfliktbewältigung, die als Gewohnheitsrecht in Bedarfsfällen herangezogen wurden. In der Regel wurden von einem neutralen Vermittler als Verhandlungsinstanz Satisfaktionsleistungen ausgehandelt, welche von der rangniedrigeren Streitpartei zu entrichten war, wobei diese ausgehandelten Lösungen verbindlich einzuhalten waren. Generell war Milde und nicht Härte als Gewähr für die Rückkehr zu und den Erhalt des Friedens anzustreben.5

In Fällen vorangegangener kriegerischer Konflikte war es durchaus auch üblich, zur Gewährleistung des Friedens eine Art „Geiselpfand“ zu zahlen: So wurden oftmals Töchter der Verliererpartei als Ehegattinen der Siegerpartei zur Verfügung gestellt. Das Prinzip der politischen Verheiratung wurde somit mit dem Austausch von Geiseln kombiniert. Dieses Motiv scheint dann auch in den späteren Anschuldigungen Adelheits (auch bekannt als Praxedis), Heinrichs IV. zweiter Gattin, durch. Im Jahre 1089 war sie mit Heinrich IV. Vermählt worden, um die sächsische Unterwerfung nach Heinrichs Sieg im Sachsenkrieg zu zementieren. Nachdem sie vor Heinrich zu dessen Gegnern geflüchtet war, beschreibt sie ihre Situation bei Hofe auch als Geiselhaft, gezwungen zur Unzucht, gehalten wie eine Gefangene. Inwiefern diese Vorwürfe der Wahrheit entsprachen oder ob diese bloße Propagandainstrumente Heinrichs Gegner waren, muss an dieser Stelle unbeantwortet bleiben.

III. Die Zeit Heinrichs Minderjährigkeit (1056-1065)

III.1 Agnes' Regentschaft (1056-1061)

Viele Autoren gehen davon aus, dass, analog zu den Paradigmen Freudscher Psychologie, die Kindheits- und Jugendjahre Heinrichs hinsichtlich seines späteren politischen Vorgehens prägend waren. War der Regierungswechsel nach dem unerwarteten Tod seines Vaters Heinrich III. am 05. Oktober 1056 noch ohne Schwierigkeiten vonstatten gegangen, so dürfte es ihm nicht verborgen geblieben sein, dass sich die großen deutschen Fürsten, allen voran Otto von Northeim, Rudolf von Rheinfelden und Berthold von Zähringen,bemühten, das Machtvakuum in der Regentschaft seiner Mutter während seiner Minderjährigkeit zu ihren Gunsten auszunutzen. Die geistlichen und weltlichen Fürsten versuchten, die Situation zu ihrem jeweiligen Vorteil zu nutzen und „[...]sich Reichsgüter und Reichsrechte anzueignen.“6 Noch am Sterbebett konnte Heinrich III. von den versammelten Reichsfürsten den Treueeid gegenüber seinem Sohn Heinrich IV. bestätigen lassen, nachdem er diesen unter den Schutz des Papstes gestellt hatte. Bereits im November 1053 hatte eine Reichsversammlung den damals dreijährigen Heinrich zum neuen König gewählt, allerdings unter dem Vorbehalt, dass dieser sich als gerechter König erweise. Am 17. Juli 1054 war der junge Heinrich von Erzbischof Hermann von Köln in Aachen auf dem Thron König Karl des Großen zum König gekrönt worden.

Papst Viktor II., der an Heinrichs III. Sterbebett anwesend war, konnte durch seine Ausgleichspolitik die reibungslose Übernahme der Amtsgeschäfte durch Heinrichs Frau Agnes gewährleisten. Bisherige Konfliktherde konnten durch gezielte Schenkungen und Belehnungen befriedet werden. Dennoch gärte es in der politischen Landschaft und Agnes sah sich zu Zugeständnissen gezwungen. Die noch unter Heinrich III. unter direkter königlicher Verwaltung stehenden Herzogtümer Schwaben, Bayern und Kärnten7 wurden zum Zwecke der Befriedung des Reiches und zur Besänftigung des Unmuts über ihre schwache Regentschaft nach langer Zeit wieder vergeben.

1057 vergab Agnes den Herzogtitel für Schwaben an Rudolf von Rheinfelden, der eng mit der königlichen Familie verbunden war: In erster Ehe war er mit Mathilde liiert, einer Tochter des verstorbenen Kaisers Heinrich III. und nach deren Ableben ehelichte er Adelheit von Turin, einer Schwester der späteren Königsgattin Berta, mit der Heinrich IV. schon in frühester Kindheit verlobt wurde.

Problematisch wurden im Zusammenhang mit Rudolfs Ernennung Besitzansprüche von Berthold von Zähringen, die dieser auf Schwaben geltend machte: Diese seien ihm noch von Kaiser Heinrich III. in Form einer Anwartschaft zugesprochen worden.8 Agnes konnte diesen Konflikt dadurch entschärfen, indem sie ihm das nächste freiwerdende Herzogtum versprach. Im Jahre 1061 verlieh sie ihm darauf das Herzogtum Kärnten. Im selben Jahr ging das Herzogtum Bayern nach langen Jahren königlicher Verwaltung (seit 1053) an Otto von Northeim, einem gebürtigen Sachse.

[...]


1 vgl.: ALTHOFF, Gerd: Vom Konflikt zur Krise. Praktiken der Führung und Beilegung von Konflikten in spätsalischer Zeit in: SCHNEIDMÜLLER, Bernd; WEINFURTER, Stefan (Hrsg.): Salisches Königtum und neues Europa. Die Zeit Heinrichs IV. und Heinrichs V. Darmstadt 2007, S. 27-45

2 BOSHOF, Egon: Königtum und Königsherrschaft im 10. und 11. Jahrhundert München 1993, S. 47

3 Siehe hierzu den kursorischen Absatz Feudalismus/Lehenswesen in: HEIMANN, Heinz-Dieter: Einführung in die Geschichte des Mittelalters Stuttgart 2006, S. 66ff

4 SCHIEFFER, Rudolf: Altbayern, Franken und Schwaben. Die Zeit von 1046 bis 1215 in: BRANDMÜLLER, Walter (Hg.): Handbuch der bayerischen Kirchengeschichte; Bd. I-1 St. Ottilien 1998, S.229-269, hier S. 229

5 vgl.: ALTHOFF, Gerd: Vom Konflikt zur Krise. Praktiken der Führung und Beilegung von Konflikten in spätsalischer Zeit in: SCHNEIDMÜLLER, Bernd; WEINFURTER, Stefan (Hrsg.): Salisches Königtum und neues Europa. Die Zeit Heinrichs IV. und Heinrichs V.; Darmstadt 2007, S. 27-45, hier S. 30f.

6 BECHER, Matthias: Heinrich IV. (1056-1106) in: SCHNEIDMÜLLER, Bernd; WEINFURTER, Stefan (Hrsg.): Die deutschen Herrscher des Mittelalters. Historische Portraits von Heinrich I. Bis Maximilian I. (919-1519); München 2003, S. 154-180, hier S. 165

7 vgl.: HARTMANN, Wilfried: Der Investiturstreit; München 1996, S. 14

8 vgl.: BOSHOF, Egon: Königtum und Königsherrschaft im 10. und 11. Jahrhundert; München 1993, S. 44

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Details

Titel
Heinrich IV. und seine Gegner in Schwaben, Bayern und Kärnten
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen
Veranstaltung
Der Investiturstreit
Note
1,3
Autor
Jahr
2009
Seiten
20
Katalognummer
V189930
ISBN (eBook)
9783656142478
ISBN (Buch)
9783656142836
Dateigröße
473 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Investiturstreit, Schwaben, Bayern, Kärnten, Heinrich IV., Heiliges römisches Reich deutscher Nation
Arbeit zitieren
Marius Sauter (Autor), 2009, Heinrich IV. und seine Gegner in Schwaben, Bayern und Kärnten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/189930

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