Karl der Große und die Awaren

Die Awarenkriege Karls des Großen


Seminararbeit, 2011

51 Seiten, Note: 2,00


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Die wichtigsten Ämter und die Organisationsstruktur der Awaren
2.1. Das „Doppelkönigtum“ der Awaren
2.2. Das Amt des Tudun
2.3. Der Tarkhan
2.4. Der Titel Kapkhan
2.5. Der Zusatz Canizauci
2.6. Der „Ring“ der Awaren
2.7. Die Kriegsführung der Awaren

3. Der Ursprung und die Vorgeschichte der Awaren
3.1. Der Ursprung der Awaren
3.2. Die Vorgeschichte der Awarenkriege

4. Karl der Große und die Awaren
4.1. Die Feldzüge gegen die Awaren
4.2. Nach dem Sieg
4.3. Das Verschwinden der Awaren

5. Die Bedeutung der Awarenkriege

6. Schlusswort

7. Literaturverzeichnis

8. Quellen

Karl der Große und die Awaren

Die Awarenkriege Karls des Großen

1. Einleitung

Über das Reitervolk der Awaren, die zu Zeiten Karls des Großen als Nachfahren der berühmten Hunnen galten, ist leider sehr wenig bekannt. Die Awaren waren gefürchtete und erfolgreiche Krieger, die sich in Osteuropa, im Karpatenbecken niederließen und diesen Raum und die dortigen Völker beherrschten. Als Karl der Große gegen das Awarenreich ins Feld zog, hatte dieses längst seinen Zenit der Macht überschritten und war durch inneren Zerfall stark geschwächt. Für die Franken und ihre Verbündeten war dieses einst mächtige Reich somit eine doch überraschend leichte Beute. Nach dem Sieg der Franken dauerte es nur wenige Jahrzehnte und die Awaren waren aus der Geschichte verschwunden. Im Vergleich dazu verschwanden beispielsweise die Hunnen zwar auch schnell aus der Geschichte, allerdings ist über sie viel mehr bekannt und sie blieben im kollektiven historischen Gedächtnis viel präsenter als die Awaren.

In der folgenden Arbeit möchte ich einen Einblick in die Geschichte der Awaren, Karls Awarenkriege und das Verschwinden der Awaren geben. Ich werde dabei zuerst auf die wichtigsten Ämter und die Organisationsstruktur der Awaren eingehen, um die Unklarheiten der awarischen Ämter von Vornherein zu klären. In diesem Abschnitt wird das Doppelkönigtum, das Amt des Tudun und des Tarkhan, der Titel Kapkhan, der Zusatz Canizauci, der sog. „Ring“ der Awaren und die Kriegsführung der Awaren behandelt. Im nächsten Abschnitt werde ich den Ursprung und die Vorgeschichte der Awaren behandeln. Dabei wird auf die Vorgeschichte der Awarenkriege Karls des Großen anhand von Quellenbeispielen aus der Vita Karoli Magni von Einhard und aus den Reichsannalen eingegangen. Schließlich werden die Awarenkriege Karls des Großen wiederum anhand derselben Quellen behandelt. Die Situation nach dem fränkischen Sieg und das Verschwinden der Awaren werden dabei auch beschrieben. Im letzten Abschnitt wird die Bedeutung der Awarenkriege Karls des Großen hervorgehoben. Im Schlusswort versuche ich eine kurze Zusammenfassung der Arbeit und der Quellenkritik zu geben.

2. Die wichtigsten Ämter und die Organisationsstruktur der Awaren

Ich möchte zuerst auf die Ämter und die Organisationsstruktur der Awaren eingehen, um Unklarheiten der Titel wie z.B. Khagan, Iugurrus oder Tudun im Vorhinein zu klären. Die Organisationsstruktur der Awaren war durch eine starke Zentralgewalt gekennzeichnet, die einem Alleinherrscher, dem Khagan, unterstand und in der militärische Strukturen vorherrschend waren. Diese Zentralmacht war auch sakral und religiös untermauert. Einheit, Gefolgschaft, Obergewalt und militärische Führung waren sehr bedeutend für diese Zentralgewalt. Die Grundlage dieses Systems bildete ein gut organisiertes Militärgefolgschaftssystem, das fast schon einen „beruflichen“ Charakter besaß. Für die Versorgung des Militärgefolges und ihrer Familien war das „gemeine Volk“ zuständig. Dieses „gemeine Volk“ war in fiktive Bluts- oder Wirtschaftseinheiten der Sippen- bzw. Großfamilienordnung zugeordnet. Aus diesem Grund waren die Awaren, wie bereits davor die Hunnen, nicht auf die unterworfenen Bauern angewiesen. Die Khagane errichteten Zentren (sog. Ordu) und die Vornehmen der Awaren errichteten Sitze für sich (sog. Aule).[1]

Die Regierungsmethoden der Awaren waren routiniert. Es gab eine Art „Beamtenwesen“ bzw. eine „Adelsgesellschaft“ und ein sog. Doppelkönigtum, wie sich aus den zahlreichen Titeln wie etwa: Khagan, Tudun, Tarkhan usw. ablesen lässt. Über die genauen Funktionen bzw. Deutungen der Titel der Awaren besteht in der Forschung allerdings keine eine einheitliche Meinung.[2]

In der Lebenswelt der Awaren gab es prachtvolle Trachten, Luxuswaren, Zeremonien und eine streng geregelte Hierarchie. Diese Elemente sind Zeugnisse des jahrhundertelangen Zusammenlebens mit der persischen und der chinesischen Kultur. Der Gürtel der Awaren stellte ein wichtiges Status- und Erkennungszeichen dar, denn er gab die Abstammung und den militärischen Rang an. Männer und Frauen hatten beide eine Vorliebe für Schmuck, den Toten gab man reichliche Grabbeigaben mit ins Jenseits. Die Waffen der Awaren, Steigübel und Kleider waren oft verziert, geschmückt oder veredelt worden. Die Kultur der Awaren, vor allem die der Oberschicht, war luxuriös, z.B. saß der Khagan beim Empfang auf einem goldenen Thron und hatte ein goldenes Szepter in der Hand. Die Awaren übernahmen auch die Badekultur der Byzantiner. Relativ bald nach der Landnahme im Karpatenbecken ließen sich die Awaren allmählich nieder und gaben ihre nomadische Lebensweise stückweise auf. Sie wurden allerdings nicht Ackerbauern, sondern betrieben weiterhin eine extensive Viehhaltung.[3]

Über die Funktion der awarischen Verfassung ist wenig überliefert. Gegen Ende des 7. Jahrhunderts galt in den Quellen der Khagan als Repräsentant der awarischen Politik und des Awarenreichs. Erst im Zerfallsprozess des Awarenreichs, der mit den fränkischen Feldzügen seinen Höhepunkt erreichte, wurden im Zuge der diplomatischen Beziehungen zwischen Franken und Awaren die verschiedenen Würdenträger der Awaren, wie etwa Khagan, Iugurrus, Tudun, Kapkhan, Tarkhan und Canizauc i von den Franken näher betrachtet. Die Franken erkannten, dass es nicht genügte nur mit dem Khagan zu verhandeln, da jeder einzelne Würdenträger im Zuge des Reichszerfalls seine eigene Politik zu verfolgen begann. Die Titel der awarischen Adeligen traten auch bei den zentralasiatischen Türken des 6. und 7. Jahrhunderts sowie bei den Donaubulgaren und den Chasaren des 8. und 9. Jahrhunderts auf. Die Verbreitung der Titel bei den Awaren ging wahrscheinlich auf die Türken zurück. Allerdings ist es durchaus der Fall, dass diese Rangbezeichnungen in anderen „Steppenverfassungen“ eine andere Bedeutung und Funktion hatten.[4]

2.1. Das „Doppelkönigtum“ der Awaren

Es wird in den Quellen zwar nie von einem Doppelkönigtum der Awaren direkt berichtet, aber laut dem österreichischen Historiker Walter Pohl - einem Spezialisten für die Awarenforschung - gibt es viele Indizien für die Existenz eines Doppelkönigtums. Wie bei vielen anderen Steppenvölkern, wie etwa den Chasaren, den Bulgaren, den Türken, den Hunnen oder den Ungarn, war eine Tendenz zu einer Art Doppelkönigtum durchaus gegeben. Der Grund konnte einerseits darin liegen, dass aufgrund der weitläufigen Eroberungen das Herrschaftsgebiet zur besseren Verwaltung aufgeteilt werden musste und, dass sich diese Gebiete dann verselbständigten. Eine weitere Möglichkeit war, dass der König einen gewöhnlichen Mann aus dem Volke oder einen Sklaven in hohe Ämter erhob, da dieser ihm nicht gefährlich werden konnte. Diese Amtsträger entmachteten allerdings öfter faktisch den König. Diese Form einer „kalten Usurpation“ kann auch bei den Hausmeiern der Merowinger festgestellt werden. Eine weitere mögliche Ursache für ein Doppelkönigtum bildete das Problem der Vererbung, da praktisch alle Blutsverwandten des Herrschers Ansprüche geltend machen konnten. Um Konflikte zu vermeiden, ging man zu einer Aufteilung des Reiches über, wobei sich auch eine Art Doppelkönigtum herausgebildet haben könnte. Dieses Problem treffen wir auch bei den Merowingern und Karolingern an. Der ungarische Historiker und Archäologe Andreas Alfödi entwickelte in den 1930er Jahren eine verallgemeinernde Theorie eines nomadischen Doppelkönigtums. Für diese Theorie spricht, dass die Verfassungen der Steppenvölker sich gegenseitig beeinflussten und nicht ad hoc aufgestellt wurden, sondern einer gewissen Entwicklung unterlagen. Eine Verfassung brauchte eine religiöse Fundierung und eine rituelle Absicherung. Gegen diese verallgemeinernde Theorie spricht allerdings, dass eine Verfassung Veränderungen und Wandel ausgesetzt ist und nur solange wirksam ist, wie sie es erlaubt, gegenwärtige Machtstrukturen zu legitimieren. Der ungarische Historiker Josef Deér hält es auch für durchaus plausibel, dass es wie etwa bei den Chasaren und anderen Steppenvölkern zwei Könige gab, die voneinander abhängig waren. Der Hauptkönig, der Khagan, war quasi der religiöse und politische Repräsentant, während der rangzweite König, der Iugurrus, faktisch regierte. Wenn das Volk oder das Land von Dürre, Krieg oder sonstigen Katastrophen betroffen war, forderte das Volk den Tod des Hauptkönigs (des Khagans), da er seine religiöse Stellung verwirkt hatte. Er war für die Vermittlung zwischen den Göttern bzw. den kosmischen Kräften und dem Volk zuständig und wurde deshalb zur Verantwortung gezogen. Im Zuge dieser „Absetzungspraxis“ kam es auch oft vor, dass der Zweitkönig ebenfalls zu Tode kam. Deér ging daher davon aus, dass es bei den Awaren ähnlich verlaufen sein musste, da im Bürgerkrieg zwischen 792 und 795 beide, der Khagan und der Iugurrus, den Tod fanden.[5]

Es gibt auch Berichte, in denen sich die Quellen auf ein historisches Doppelkönigtum beziehen, aber zur Zeit der Niederschrift ein einziger König herrschte. Laut Walter Pohl ist es daher schwierig, etwas Genaueres über das Doppelkönigtum der Awaren und dessen Entstehungszeitraum zu berichten. Er geht aber davon aus, dass der Khagan und sein Doppelkönig (der Iugurrus) aus einer Schwächung des Herrschaftssystems hervorgingen. Beide schickten Gesandte zu den Franken und beide wurden im Bürgerkrieg von 795/96 von ihren Leuten getötet. Ein Krieg zwischen beiden hält Pohl auch aufgrund der Annalen für wahrscheinlich. Laut Pohl wurde der Khagan in seiner Funktion und Macht sicherlich nicht so stark beeinträchtigt, wie es beispielsweise die Hausmeier mit den Merowingern taten. Für eine Aufteilung des Herrschaftsgebietes zwischen beiden spricht allerdings sehr wenig. Die Form einer gemäßigten Doppelherrschaft, in der der Khagan eingeschränkte Macht besaß, hält Pohl am wahrscheinlichsten. Beide Herrscher hatten ihr eigenes Gefolge und ihre Residenzen lagen im „Ring“ der Awaren. Über hohe Amtsträger wie den Tudun hatten beide allerdings bereits vor 796 schon die Kontrolle verloren.[6]

2.2. Das Amt des Tudun

Der Titel Tudun wurde bei den Steppenvölkern am meisten gebraucht und stammt wahrscheinlich aus dem Chinesischen. Die spätawarische Rangbezeichnung Tudun wird erstmals 795, als sich ein Tudun Karl dem Großen unterwarf, erwähnt und ist der am häufigsten erwähnte Titel in den Quellen. Die verräterische Unterwerfung des Tuduns im Jahre 795 machte ihn zum größten awarischen Fürsten bis zum Jahre 803, als sein Aufstand zusammenbrach und er 805 schließlich wieder die Oberhoheit des Khagans anerkennen musste. Die Stellung des Tuduns ist nicht ganz deutlich aus den Quellen herauszufinden. Pohl geht davon aus, dass er wahrscheinlich einen eigenständigen Teil des Reiches, vermutlich den Westteil, was seine eigenständige Westpolitik erklären könnte, verwaltete bzw. besaß. Nach seiner Unterwerfung dauerte es nicht lange und der Tudun viel wieder vom Frankenreich ab und wurde dessen Hauptgegner in den Aufständen von 799-803. In den Quellen wird er manchmal auch als „princeps Pannoniae“ (als der Fürst Pannoniens) bezeichnet. Diese Bezeichnung ist laut Pohl allerdings mit Vorsicht zu betrachten, da sich die karolingische Bezeichnung Pannonien nicht auf die römische Provinz Pannonien beschränkte. Der Tudun konnte zudem diese Betitelung erhalten haben, weil er ab 803 keinem Khagan mehr unterstellt war und somit ein eigener Fürst war. Es kann laut Pohl auch vermutet werden, dass der Tudun bereits vor 796 über ein eigenes Territorium mit eigenem Gefolge verfügte und, dass er in der Hierarchie der dritthöchste war. Diese „Zersetzung“ der Herrschaft beschleunigte natürlich den Zerfall des Reiches.[7]

2.3. Der Tarkhan

Der Titel Tarkhan ist im Plural nur durch ein Gedicht[8] über den Sieg König Pippins von Italien, dem Sohn Karls des Großen, gegen die Awaren im Jahre 796 überliefert. Allerdings werden die Tarkhane nicht eindeutig erwähnt und sie erscheinen auch in der Mehrzahl, was die Vermutung eines Teilfürsten des östlichen Teiles des Awarenreichs außer Kraft setzt. Eine eindeutige Zuordnung des Titels ist auch hier nicht möglich. In anderen Steppenvölkern war dieser Titel auch weit verbreitet. Bei den Chasaren waren Tarkhane meist Heerführer und bei den Türken hatten die Tarkhane oft auch zivile Aufgabenbereiche. Es gibt auch Quellen, die besagen, dass bei den Steppenvölkern Tarkhane keine Steuern zahlten und als erste ihren Beuteanteil bekamen. Bei den Bulgaren bildeten die Tarkhane eine besondere Adelsklasse, die durch ihren Funktionstitel näher bestimmt wurde. Bei allen Steppenvölkern sind somit die Tarkhane Würdenträger, deren Rang und Funktion variierte bzw. nicht näher bestimmbar ist. Meiner Meinung nach könnte es sich bei den Tarkhanen der Awaren am ehesten um Generäle oder Adelige handeln.[9]

2.4. Der Titel Kapkhan

Über die Existenz des Titels Kapkhan bei den Awaren wurde lange Zeit gestritten, denn diese Bezeichnung kam in den Annalen nur ein einziges Mal vor, nämlich als ein Kapkhan, der später auf den Namen Theodor getauft wurde, im Jahre 805 bei Kaiser Karl dem Großen vorstellig wurde, um um Siedlungsraum zu beten. Viele sahen darin einen Fehler der Annalen, die den Titel Khagan falsch erfasst hätten. Diese Titelbezeichnung kann allerdings kein Irrtum sein, denn sie war bei anderen Steppenvölkern, wie etwa den Donaubulgaren, ebenfalls verbreitet. Die Rangeinordnung des Titels war und ist immer noch in der Forschung umstritten. Pohl geht davon aus, dass es sich dabei um einen neuen, noch nicht vorbelasteten Titel handeln könnte. Er wies darauf hin, dass dieser Titel noch nicht durch die Diadochenkriege zwischen den Awarenfürsten vorbelastet war und, dass dieser neue und prestigeträchtige Titel daher ausgesucht wurde. Pohl gibt auch zu bedenken, dass Theodors Nachfolger Abraham nur die Würde eines Khagans innehatte und somit vielleicht auch nach der höheren Würde eines Kapkhans strebte. Ebenso hält Pohl es für möglich, dass der Titel bereits vor 796 in Gebrauch war und einen ranghohen Herrscher, der die Ostflanke des Reiches beherrschte, bezeichnete. Für diese These spricht, dass um 804 die Bulgaren, unter dem Bulgarenkhan Krum, im Osten des Awarenreichs aufmarschierten und, dass daher der Kapkhan Theodor Karl um ein neues Siedlungsgebiet im Westen bat. Der Titel verschwindet schließlich wieder aus den Quellen.[10]

2.5. Der Zusatz Canizauci

Aus den Quellen wird nicht ganz deutlich, ob mit dem Canizauci ein Stammesfürst der Awaren oder der Khagan gemeint war. Im Jahre 782 werden der Khagan und der Iugurrus als „principes Hunorum“ (als Fürsten der Hunnen) bezeichnet. 796 werden sie als Könige, die mit ihren Fürsten im „Ring“ residieren, genannt. Zu bedenken ist auch, dass der Tudun erst ab 803 als Fürst von Pannonien in den Annalen bezeichnet wurde, weil er ab diesem Zeitpunkt keinem Herren mehr unterstand. Ähnlich war es auch beim Kapkhan im Jahre 805. Ab dem Jahre 811 wird der Canizauci alleine als „princeps“ in den Annalen bezeichnet. Auch Kaiser Karl wird als „princeps“ betitelt. Walter Pohl geht davon aus, dass allein der Canizauci die sog. „Honor antiquus“ (die Ehre der Antike) besaß, die ihn zur Wiederherstellung der nominellen Herrschaft über das Awarenreich befähigte. Eine ähnliche Bezeichnung trug auch der Khan der Bulgaren, der die Awaren immer stärker bedrängte und ihnen auch überlegen war. Daher vermutet Pohl, dass der Khagan der Awaren etwas von dem Glanz des Bulgarenkhans Krum ausdrücken wollte, um zu zeigen, dass er ihm im Rang ebenbürtig war. Laut Pohl gab sich somit der Khagan der Awaren den Zusatz Canizauci, um mit dem Bulgarenkhan auf gleicher Höhe zu stehen. Dies war u.a. auch nötig, da der Zusatz „honor antiquus“ bereits zuviel gebraucht wurde und daher nicht mehr aussagekräftig genug war.[11]

2.6. Der „Ring“ der Awaren

Im Feldzug des Jahres 796 konnte König Pippin den sagenumwobenen sog. „Ring“ der Awaren erobern und den immer noch beträchtlichen Rest ihres Schatzes erbeuten. Aus einem Bericht des Sankt Gallner Mönches Notker des Stammlers ging hervor, wie sich die Zeitgenossen den „Ring“ der Awaren vorstellten. Demnach wäre das ganze Reich der Awaren von neun kreisförmigen Befestigungsanlagen, die meist aus Holz waren, umgeben. Diese Festungen standen zueinander in einem Abstand, der das Ausmaß der Strecke von Konstanz nach Zürich hatte. Im innersten Zentrum des Awarenreiches lag der „Ring“ des Khagans, in dem sich der sagenumwobene Schatz der Awaren, den schon die Goten und Vandalen angehäuft hätten, befand. Über andere Steppenvölker, wie beispielsweise die Uiguren, wurde auch Ähnliches berichtet. Auch der Khagan der Uiguren würde im innersten Ring hausen, allerdings handelte es sich dabei um eine mobile Zeltstadt, die den Weideflächen nachzog. Bei den Awaren war dieser innerste „Ring“ laut Pohl sehr wahrscheinlich schon befestigt und war somit eine feste, kreisförmig angelegte Palastsiedlung aus Zelten oder Holzhäusern.[12]

2.7. Die Kriegsführung der Awaren

Das Heer der Awaren wurde einheitlich geführt und ihre Ausrüstung war zumindest zu Beginn ihres Erscheinens in Europa anderen Heeren überlegener und moderner. Eine schwere Reiterei, die mit Helmen und Rüstungen aus Eisenlammellen oder Ringpanzerhemden geschützt war, stellte den Kern ihres Heeres dar. Die jahrzehntelange Überlegenheit der Awaren gegenüber westlicher und byzantinischer Kavallerie war auf die Einführung des eisernen Steigbügels, der erst von den Awaren in Europa eingeführt wurde, zurückzuführen. Durch den Steigbügel und einen Holzsattel konnte ein festes Sitzen auf dem Pferd gewährleistet werden. Die Krieger waren dadurch sehr wendig und beweglich. Der awarische Reiter war mit einer langschaftigen Lanze und mit einem schmalen, einschneidigen Langschwert bewaffnet. Das Heer verfügte auch über reitenden Bogenschützen, die aufgrund ihres festen Sitzes nun auch die Möglichkeit hatten, stehend und nach rückwärts zu feuern. Die Reflexbögen der Awaren waren den europäischen Bögen überlegen, weil man mit ihnen man weiter und genauer schießen konnte. Der Bogen wurde in einem Lederköcher vor der Witterung geschützt und die Pfeile wurden in einem Köcher am Gürtel getragen.[13]

3. Der Ursprung und die Vorgeschichte der Awaren

3.1. Der Ursprung der Awaren

Die Wissenschaft ist sich über einige Aspekte der Awaren, wie etwa z.B. über ihre verschiedenen Titel und deren Funktionen oder über die Rolle Tassilos III. nicht einig. Walter Pohl gilt als ein Spezialist für die Awarenforschung. Pohl verwies auch auf den slowakischen Historiker und Byzantologen Alexander Avenarius und auf den österreichischen Historiker Herwig Wolfram, die sich ebenfalls intensiv mit den Awaren auseinandersetzten. Die Uneinigkeit der Wissenschaft resultiert vor allem aus der spärlichen Quellenlage und aus der Weitläufigkeit des Forschungsgebietes. Daher wird die Archäologie für die Erforschung der Awaren zunehmend bedeutender. Die Awaren werden erstmals im Jahre 558 urkundlich erwähnt, als eine Gesandtschaft beim byzantinischen Kaiser vorstellig wurde. Im Allgemeinen wurden sie in den Quellen auch als Hunnen bezeichnet, da sie als deren Nachfolger galten. Die Awaren waren ein Volk von Reiternomaden, das aus der mongolischen Steppe kam. Sie bildeten in Raum des ehemaligen römischen Pannoniens bzw. im Gebiet der Karpaten einen entscheidenden Machtfaktor und waren bei den Bewohnern Westeuropas und Byzanz vor allem für ihre Grausamkeiten, wie sie auch später bei den Mongolen wieder auftauchen werden, bekannt. Die Awaren stammten aus Innerasien und waren ein Reiternomadenstamm, der sich aus türkischen und in weniger starkem Maße aus mongolischen Elementen zusammensetzte. Die Awaren selbst hinterließen außer einigen Keilinschriften kaum selbst schriftliche Zeugnisse. Das meiste über die Awaren ist von anderen Völkern, vor allem von ihren Feinden, überliefert worden. Sie sind verglichen mit den Hunnen oder anderen Nomadenvölkern, wie etwa den Magyaren, im allgemeinen geschichtlichen Gedächtnis kaum bekannt. Dies liegt vor allem daran, dass ihre Feinde über sie geschrieben haben und, dass sich ihr Expansionsbestreben auf den Osten, vornehmlich auf Byzanz, konzentriert hatte. Die Awaren galten, wie andere Barbaren auch, als treulos, wild, grausam, hinterhältig, zügellos, wütend, überheblich, gierig usw. Dabei griff man auf bereits bestehende antike Vorurteile zurück. Das lateinische Wort „Avari“ wurde daher auch als „die Habsüchtigen“ bzw. „die Gierigen“ verstanden. In Europa waren die Schrift, die Sprache, die Musik und die Lebensführung der Awaren fremd.[14]

Im Jahre 567/68 drangen die Awaren nach Europa vor und nahmen das Karpatenbecken und Pannonien, aus dem die Langobarden nach einem Vertrag mit den Awaren nach Italien abzogen, in Besitz. Die Awaren zogen nach Europa, denn sie waren aus ihrem ehemaligen Herrschaftsgebiet, an der Schwarzmeerküste, von den Türken verdrängt worden. Im Jahre 567 stellten die Awaren ihre militärische Schlagkraft mit der Vernichtung der Gepiden unter Beweis und konnten somit das Karpatenbecken unter ihre Kontrolle bringen. Bei diesem Feldzug verbündeten sich die Awaren mit den Langobarden, die Rache ausüben wollten aufgrund einer langobardischen Niederlage gegen die Gepiden. Die slawischen Völker, die das Karpatenbecken vorher besiedelten, siedelten sich nun als Folge des Awarenvormarsches außerhalb des Awarenreiches, um die Awaren herum, an.[15]

Die frühawarische Politik (vor 626) war vor allem durch eine Expansion nach Osten in Richtung Byzanz gekennzeichnet. Gegenüber dem Westen Europas verhielt man sich relativ neutral. Die Awaren hielten auch slawische Völker in Abhängigkeit als sog. Hilfsvölker, die sie zur Heeresfolge und zu Tributzahlungen verpflichteten. Das Verhältnis zu diesen slawischen Völkern war allerdings regional und zeitlich unterschiedlich. Der Kern des Awarenreiches bildete die mittlere Donau und Theiß und ihr Einfluss nahm zum Alpen-Adira-Raum und zur Ebene des Waldgebirges ab. Es kam auch zu Kämpfen mit den Baiern, obwohl der Westen Europas für die Awaren anfangs uninteressant war. Im Jahre 595 besiegte beispielsweise das Heer des Awarenkhagans ein Heer von Tassilo I. und in weiterer Folge drangen die Awaren nach Thüringen vor. Erst 596 konnten die Awaren durch Tributzahlungen zum Abzug aus Thüringen gebracht werden. In den Jahren 562 und 566 kam es zu Zügen der Awaren gegen die Franken. Die Franken konnten 562 unter Sigibert I. die Awaren besiegen, allerdings erlitten sie 566 eine schwere Niederlage und konnten einen Abzug der Awaren schließlich nur durch Diplomatie bzw. dem Versprechen von Tributen erreichen. Nach ihrem Abzug währte allerdings für gut 100 Jahre relativer Frieden zwischen dem Awarenreich und dem Frankenreich. Die Awaren hielten Ostrom, bis zu ihrer verehrenden Niederlage vor Konstantinopel 626, mit ihren Angriffen in Atem. Im Jahre 626 belagerten die Awaren vergeblich Konstantinopel. Die Belagerung Konstantinopels fand innerhalb eines Bündnisses zwischen den Awaren und der persischen Großmacht der Sassaniden statt und stellte damals die größte militärische Operation der Welt dar. Vor der Niederlage von 626 musste Byzanz ab 574 bis 626 jährlich gewaltige Tributzahlungen, von etwa 80.000 bis zu 200.000 Solidi im Jahr, die von dem Steppenvolk gehortet wurden, an die Awaren entrichten.[16]

[...]


[1] Vgl. Wilfried Hartmann, Karl der Große, Stuttgart 2010, S. 93-97 und Rosamond Mc Kitterick, Karl der Grosse, Darmstadt 2008, S. 124-125 und Walter Pohl, Die Awaren. Ein Steppenvolk in Mitteleuropa 567-822 n.Chr., München 2002², S. 48-55 und S. 308-315 und Dieter Hägermann, Karl der Große. Herrscher des Abendlandes. Biographie, Berlin/München 2000, S. 279-285 und Alexander Avenarius, Die Awaren in Europa, Bratislava 1974, S. 179-189 und Josef Deér, Karl der Große und der Untergang des Awarenreiches, in: Helmut Beumann (Hrsg.), Karl der Große. Lebenswerk und Nachleben. Persönlichkeit und Geschichte (Karl der Große 1), Düsseldorf 1967³, S. 719-791, hier S. 724 und S.732-739 und S. 754-757 und Walter Pohl, Die Awarenkriege Karls des Großen 788-803, in: Militärhistorische Schriftenreihe (1988), Heft 61, S. 3-55, hier S. 9-11 und S. 14-16 und Harald Krahwinkler/Herwig Wolfram, Der Alpen-Adria Raum im Frühmittelalter, in: Andreas Moritsch (Hrsg.), Alpen-Adria. Zur Geschichte einer Region, Klagenfurt/Wien/Laibach 2001, S. 89-122, hier S. 90-97 und István Bóna, Neue Nachbarn im Osten – Die Awaren, in: Hermann Dannheimer/Heinz Dopsch (Hrsg.), Die Bajuwaren. Von Severin bis Tassilo 488-788. Gemeinsame Landesausstellung des Freistaates Bayern und des Landes Salzburg. Rosenheim/Bayern. Mattsee/Salzburg 19. Mai bis 6. November 1988, München 1988, S. 108-117, hier S. 108-117.

[2] Vgl. Hartmann, Karl der Große, 2010, S. 93-97 und Mc Kitterick, Karl der Grosse, 2008, S. 124-125 und Pohl, Die Awaren, 2002², S. S. 48-55 und S. 308-315 und Hägermann, Karl der Große, 2000, S. 279-285 und Avenarius, Die Awaren, 1974, S. 179-189 und Deér, Karl der Große, 1967³, S. 719-791, hier S. 724 und S.732-739 und S. 754-757 und Pohl, Die Awarenkriege, 1988, S. 3-55, hier S. 9-11 und S. 14-16 und Krahwinkler/Wolfram, Der Alpen-Adria Raum, 2001, S. 89-122, hier S. 90-97 und Bóna, Neue Nachbarn, 1988, S. 108-117, hier S. 108-117.

[3] Vgl. Hartmann, Karl der Große, 2010, S. 93-97 und Mc Kitterick, Karl der Grosse, 2008, S. 124-125 und Pohl, Die Awaren, 2002², S. S. 48-55 und S. 308-315 und Hägermann, Karl der Große, 2000, S. 279-285 und Avenarius, Die Awaren, 1974, S. 179-189 und Deér, Karl der Große, 1967³, S. 719-791, hier S. 724 und S.732-739 und S. 754-757 und Pohl, Die Awarenkriege, 1988, S. 3-55, hier S. 9-11 und S. 14-16 und Krahwinkler/Wolfram, Der Alpen-Adria Raum, 2001, S. 89-122, hier S. 90-97 und Bóna, Neue Nachbarn, 1988, S. 108-117, hier S. 108-117.

[4] Vgl. Pohl, Die Awaren, 2002², S. 292-293.

[5] Vgl. Pohl, Die Awaren, 2002², S. 293-300 und Deér, Karl der Große, 1967³, S. 719-791, hier S. 758-761.

[6] Vgl. Pohl, Die Awaren, 2002², S. 293-300.

[7] Vgl. Pohl, Die Awaren, 2002², S. 300-301.

[8] De Pippini regis victoria Avarica, Kritisch ediert in MGH Poet., Poetae Latini medii aevi (Poetae)¸ Poetae Latini aevi Carolini (I), Berlin 1881, S. 117.

[9] Vgl. Pohl, Die Awaren, 2002², S. 301-302 und Pohl, Die Awarenkriege, 1988, S. 3-55, hier S. 3-8.

[10] Vgl. Pohl, Die Awaren, 2002², S. 302-304.

[11] Vgl. Pohl, Die Awaren, 2002², S. 304-305.

[12] Vgl. Pohl, Die Awaren, 2002², S. 306-308 und Pohl, Die Awarenkriege, 1988, S. 3-55, hier S. 3-8.

[13] Vgl. Pohl, Die Awarenkriege, 1988, S. 3-55, hier S. 3-8 und Bóna, Neue Nachbarn, 1988, S. 108-117, hier S. 109-117.

[14] Vgl. Hartmann, Karl der Große, 2010, S. 93-97 und Mc Kitterick, Karl der Grosse, 2008, S. 124-125 und Pohl, Die Awaren, 2002², S. S. 48-55 und S. 308-315 und Hägermann, Karl der Große, 2000, S. 279-285 und Avenarius, Die Awaren, 1974, S. 179-189 und Deér, Karl der Große, 1967³, S. 719-791, hier S. 724 und S.732-739 und S. 754-757 und Pohl, Die Awarenkriege, 1988, S. 3-55, hier S. 9-11 und S. 14-16 und Krahwinkler/Wolfram, Der Alpen-Adria Raum, 2001, S. 89-122, hier S. 90-97 und Bóna, Neue Nachbarn, 1988, S. 108-117, hier S. 108-117.

[15] Vgl. Hartmann, Karl der Große, 2010, S. 93-97 und Mc Kitterick, Karl der Grosse, 2008, S. 124-125 und Pohl, Die Awaren, 2002², S. S. 48-55 und S. 308-315 und Hägermann, Karl der Große, 2000, S. 279-285 und Avenarius, Die Awaren, 1974, S. 179-189 und Deér, Karl der Große, 1967³, S. 719-791, hier S. 724 und S.732-739 und S. 754-757 und Pohl, Die Awarenkriege, 1988, S. 3-55, hier S. 9-11 und S. 14-16 und Krahwinkler/Wolfram, Der Alpen-Adria Raum, 2001, S. 89-122, hier S. 90-97 und Bóna, Neue Nachbarn, 1988, S. 108-117, hier S. 108-117.

[16] Vgl. Hartmann, Karl der Große, 2010, S. 93-97 und Mc Kitterick, Karl der Grosse, 2008, S. 124-125 und Pohl, Die Awaren, 2002², S. S. 43-55 und S. 308-315 und S. 498-506 und Hägermann, Karl der Große, 2000, S. 279-285 und Avenarius, Die Awaren, 1974, S. 179-189 und Deér, Karl der Große, 1967³, S. 719-791, hier S. 724 und S.732-739 und S. 754-757 und Pohl, Die Awarenkriege, 1988, S. 3-55, hier S. 9-11 und S. 14-16 und Krahwinkler/Wolfram, Der Alpen-Adria Raum, 2001, S. 89-122, hier S. 90-99 und Bóna, Neue Nachbarn, 1988, S. 108-117, hier S. 108-117.

Ende der Leseprobe aus 51 Seiten

Details

Titel
Karl der Große und die Awaren
Untertitel
Die Awarenkriege Karls des Großen
Hochschule
Leopold-Franzens-Universität Innsbruck  (Institut für Geschichte und Ethnologie)
Veranstaltung
Seminar: Geschichte des Mittelalters I: Karl der Große - Frühmittelalterlicher Warlord oder Vater Europas
Note
2,00
Autor
Jahr
2011
Seiten
51
Katalognummer
V189934
ISBN (eBook)
9783656142980
ISBN (Buch)
9783656143345
Dateigröße
599 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
karl, große, awaren, awarenkriege, karls, großen, Frühmittelalter
Arbeit zitieren
Emanuel Beiser (Autor), 2011, Karl der Große und die Awaren, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/189934

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