1. Einleitung
Mit der 1978 erfolgten Veröffentlichung des Buches „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“, rückte die bislang nur aus den USA bekannte Drogenproblematik in das Zentrum der Aufmerksamkeit der deutschen Bevölkerung. Das vom Stern herausgegebene Buch der Autoren Horst Rieck und Kai Hermann, erzählt die Geschichte der Christiane F., die bereits im Alter von 12 Jahren mit Drogen in Berührung kam. Zwar kann davon ausgegangen werden, dass im Zuge der Nachbearbeitung des ursprünglichen Wortprotokolls von Christiane hier und da eine bewusste Überzeichnung seitens der Autoren stattgefunden hat. Dennoch ist das Endprodukt eine sehr genaue Beschreibung von Vorgängen und Praktiken innerhalb der Drogenszene. Die Schilderung der Erlebnisse von Christiane F. bildet in ihrer Genauigkeit eine geeignete Ausgangsbasis für das Ziel dieser schriftlichen Arbeit. Unterstützt durch „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ sollen Strukturmerkmale der Drogenkarriere als besondere Devianzkarriere herausgearbeitet und aufgezeigt werden, inwiefern sich diese von der herkömmlichen Karriere unterscheidet. Dabei wird folgendermaßen vorgegangen: Um ein Bild des im Buch beschriebenen Lebensabschnitt von Christiane F. zu vermitteln, soll die Handlung des Romans zu allererst grob zusammengefasst werden. Im Anschluss daran wird der Begriff der Devianz erläutert werden, da dieser untrennbar mit einer Drogenkarriere verbunden scheint. Anschließend wird der Verlauf der Drogenkarriere, unterstützt durch Beispiele aus den Schilderungen von Christiane F., nachgezeichnet und auf Besonderheiten hingewiesen. Abgerundet wird die Arbeit durch eine Darstellung der unterschiedlichen Perspektiven, durch die so eine Drogenkarriere wahrgenommen wird. Durch eine Zusammenfassung der Erkenntnisse wird die Arbeit abgeschlossen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Handlungsüberblick
3. Devianz
4. Der Einstieg in die Drogenkarriere
5. Der Übergang zum regelmäßigen Drogenkonsum
5.1. Das Erlernen des Drogenkonsums
5.2. Die Überwindung sozialer Schranken
6. Übergang zu harten Drogen und Abhängigkeit
7. Reaktionen auf Drogenabhängigkeit
7.1. Innerhalb der Szene
7.2. Verwandte
7.3. Staatliche Kontrollen
8. Schlussbetrachtung
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht anhand des Werkes „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ die Drogenkarriere von Christiane F. als spezifische Form der Devianzkarriere. Ziel ist es, die Strukturmerkmale und den Verlauf dieses Prozesses aufzuzeigen sowie zu analysieren, wie sich dieser von konventionellen Karrierewegen unterscheidet und welche Rolle das soziale Umfeld dabei spielt.
- Analyse der Drogenkarriere als Devianzkarriere.
- Untersuchung der Übergangsphasen vom Erstkonsum zur Abhängigkeit.
- Bedeutung des sozialen Umfelds und der Subkultur für den Konsum.
- Einfluss von Stigmatisierung und staatlichen Kontrollmechanismen.
- Wechselwirkung zwischen Drogenkarriere und anderen Lebensbereichen.
Auszug aus dem Buch
4. Der Einstieg in die Drogenkarriere
Dass Geisteskranke nicht an seelischen Krankheiten sondern an Zufällen leiden, behauptet Erving Goffman in seinem Buch ‚Asyle’ (vgl. Goffman 1961: S 135). Diese These basiert auf seiner Untersuchung der moralischen Karriere des Geisteskranken. Laut Goffman können diese mitunter gar nichts für ihre Einweisung, sondern werden lediglich zu einem Opfer ihrer Umwelt. Damit lässt sich schon ein zentrales Merkmal einer Karriere ausmachen. Der Akteur selbst hat nicht die alleinige Kontrolle über den Verlauf. Eher kann man von einem Zusammentreffen von Selbst- und Fremdselektionen sprechen (vgl. Luhmann 1987: S. 189). Dieses Zusammenspiel von Bedingungen lässt sich auch anhand des Einstiegs in die Drogenszene nachvollziehen.
Um überhaupt erst eine Devianzkarriere zu beginnen ist es nötig, dass eine Grenze vom Akteur überschritten wird - und zwar ganz bewusst. Der Handelnde entscheidet sich also aktiv für ein deviantes Verhalten. Nun stellt sich natürlich die Frage, warum man nach den obigen Ausführungen zur Devianz überhaupt so einen Weg einschlagen sollte. Hier kommt erneut das Argument Goffmans zum Tragen: Die Handlungsmacht des Akteurs wird auch durch seine Umwelt bestimmt.
Im Falle von Christiane F. lässt sich das äußerst gut nachzeichnen. Aufgrund ihrer Anschlussschwierigkeiten in der Schule muss sie andere Mittel finden, um sich die Anerkennung ihrer Umwelt zu verschaffen:
„Ich unterbrach die Lehrer mit Zwischenrufen, ich widersprach. Manchmal, weil ich recht hatte, und manchmal nur so. Ich kämpfte wieder einmal. Gegen die Lehrer und die Schule. Ich wollte Anerkennung.“ (Hermann/Rieck 2001: S. 41).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung stellt die Relevanz der Drogenproblematik dar und definiert das Ziel der Arbeit, anhand der Geschichte von Christiane F. Strukturmerkmale einer Devianzkarriere herauszuarbeiten.
2. Handlungsüberblick: Dieses Kapitel fasst den biografischen Lebensabschnitt der Protagonistin zusammen, von ihrem Umzug nach Berlin bis hin zur Verstrickung in die Heroinsucht und deren Folgen.
3. Devianz: Hier werden theoretische Grundlagen des abweichenden Verhaltens erläutert, insbesondere unter Rückgriff auf Howard Beckers Konzepte zur Etikettierung.
4. Der Einstieg in die Drogenkarriere: Das Kapitel beleuchtet die bewusste Entscheidung zum devianten Verhalten sowie die situativen Bedingungen und den Einfluss des sozialen Umfelds beim Erstkonsum.
5. Der Übergang zum regelmäßigen Drogenkonsum: Es werden die Lernprozesse der Drogenwirkung sowie die notwendigen Schritte zur Überwindung sozialer Kontrollmechanismen, wie Supply, Secrecy und Morality, detailliert beschrieben.
6. Übergang zu harten Drogen und Abhängigkeit: Der Text zeigt auf, wie der Konsum harter Drogen zur logischen Folge der Drogenkarriere wird und wie die Abhängigkeit zunehmend die Handlungsfreiheit der Person einschränkt.
7. Reaktionen auf Drogenabhängigkeit: Hier wird analysiert, wie das soziale Umfeld – Szeneangehörige, Verwandte und staatliche Instanzen – auf die Abhängigkeit reagieren und welche Stigmatisierungsprozesse dabei wirken.
8. Schlussbetrachtung: Das Fazit fasst zusammen, dass die Drogenkarriere als sequentieller, stark umweltabhängiger Prozess verstanden werden kann, der das Potenzial hat, konforme Lebenskarrieren nachhaltig zu zerstören.
Schlüsselwörter
Drogenkarriere, Devianz, Christiane F., Heroinabhängigkeit, Soziale Kontrolle, Etikettierung, Subkultur, Stigmatisierung, Sozialisation, Beschaffungskriminalität, Karriereverlauf, Interaktion, Sucht, Drogenszene, Anpassung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Hausarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Drogenkarriere der Protagonistin aus dem Buch „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ unter soziologischen Gesichtspunkten, insbesondere unter Anwendung des Konzepts der Devianzkarriere.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themen umfassen die Entstehung von abweichendem Verhalten, die Prozesse der Suchtentwicklung, soziale Kontrollinstanzen sowie die Auswirkungen von Stigmatisierung auf den weiteren Lebensweg.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel besteht darin, durch die Analyse von Christiane F. aufzuzeigen, wie sich eine Drogenkarriere strukturell entwickelt und inwiefern sie sich von anderen, konventionellen Karrierewegen unterscheidet.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoriegeleitete Fallanalyse, bei der soziologische Konzepte, insbesondere von Howard Becker und Erving Goffman, auf die im literarischen Werk geschilderten Ereignisse angewendet werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Fundierung der Devianz, die Phasen des Einstiegs und Übergangs zum regelmäßigen Konsum, die Eskalation zur harten Droge sowie die Reaktionen des sozialen Umfelds.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen zählen Drogenkarriere, Devianz, Stigmatisierung, soziale Kontrolle, Subkultur und der spezifische Kontext der Berliner Drogenszene der 1970er Jahre.
Welche Rolle spielt das soziale Umfeld für Christiane F.?
Das Umfeld, insbesondere die Clique und die Familie, fungiert sowohl als auslösender Faktor für den Drogenkonsum als auch als Instanz, die bei Entdeckung durch Sanktionen den weiteren Verlauf der Karriere maßgeblich mitbestimmt.
Warum ist das Konzept des „Lernens“ für die Drogenkarriere so bedeutend?
Nach Becker ist der Konsum nicht angeboren, sondern muss erlernt werden – dies umfasst die Technik der Einnahme, das Erkennen der Wirkung sowie die positive Umdeutung des Drogenerlebnisses.
Wie verändern sich die sozialen Beziehungen im Verlauf der Karriere?
Mit zunehmender Abhängigkeit verschieben sich die Beziehungen von freundschaftlicher Bindung hin zu rein funktionalen Kontakten, die primär der Sicherung des Drogennachschubs dienen.
Welche Schlussfolgerung zieht der Autor zur Stigmatisierung?
Die Arbeit kommt zu dem Ergebnis, dass die gesellschaftliche Stigmatisierung als „Junkie“ den Akteur weiter in die Subkultur treibt und die Chancen auf eine Rückkehr in ein konformes Leben erheblich erschwert.
- Arbeit zitieren
- Sven Keil (Autor:in), 2011, Die Drogenkarriere als besondere Karriereform am Beispiel von Christiane F., München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/190018