Winston Churchill als Redner


Seminararbeit, 2003
27 Seiten, Note: 2

Leseprobe

Gliederung

1. Der Politiker Winston Churchill

2. Die Entwicklung Churchills rhetorischer Fähigkeiten

3. Analyse dreier Reden
3.1. “An aggressive and predatory form” (11.4.1919, Connaught Rooms)
3.2. “Be ye men of valour” (19.5.1940, BBC)
3.3. “Something that will astonish you” (19.9.1946, Zürich)

4. Churchill als Redner

5. Bibliographie

Anhang

1. Der Politiker Winston Churchill

Sir Winston Spencer Churchill (1874-1965) gehört zu den bekanntesten Politikern Großbritanniens und der Welt überhaupt. Geboren sowohl als Sohn als auch als Enkel eines Unterhausmitglieds[1], begann Churchill früh auf sein Ziel, Premierminister zu werden, hinzuarbeiten. Neben der Politik war seine zweite große Leidenschaft die Geschichte, vor allem die Geschichte der Kriege. Nach der Schule, in der er nicht allzu großen Erfolg hatte, ging er auf die Militärakademie und diente dann mehrere Jahre, u.a. in Indien, im Sudan und in Südafrika. Während dieser Zeit begann er, geschichtliche Bücher zu verschlingen und selbst Bücher, Kriegsberichte und Zeitungsartikel zu schreiben – 1953 erhielt er für sein literarisches Werk und sein rhetorisches Engagement, mit dem er für die Menschenrechte gekämpft habe den Nobelpreis[2].

Im Jahre 1900 hatte er genug Geld und Ruhm angehäuft, um dem Beispiel seines Vaters zu folgen und sich ins Unterhaus wählen zu lassen. Zuerst gehörte er den Konservativen an, wechselte dann aber schnell zu den Liberalen. Als diese an die Macht kamen, bekleidete er seine ersten politischen Ämter. Während des 1. Weltkriegs war er First Lord of the Admiralty, bis er wegen der Niederlage bei den Dardanellen zurücktreten musste. Er nahm nun für ein paar Monate aktiv am Krieg teil und kehrte dann als Minister of Munitions in die Regierung zurück. 1922 verlor er seinen Sitz im Unterhaus und konnte erst 1924, dem Jahr in dem die Konservativen wieder an die Macht kamen, als unabhängiger Kandidat wieder einziehen. Baldwin macht ihn zum Chancellor of the Exchequer und Churchill trat wieder den Konservativen bei.[3]

Nach seiner Rückkehr nach London und zu den Konservativen, war er in den 20er und 30er Jahren vor allem für seine wütenden Reden gegen die verschiedensten „Feinde“ des Königreichs bekannt, für die er oft belächelt wurde. Dass er aber zumindest mit einer Bedrohung – Nazi-Deutschland – Recht hatte, führte dazu, dass er 1940 Premierminister einer Kriegskoalition aller drei großen Parteien wurde. Nun war er in seinem Element und trug maßgeblich dazu bei, dass Hitler den Krieg verlor. Nach dem Krieg fand Churchill sich in der Opposition wieder und erhielt die Aufmerksamkeit der Welt vor allem für seine Ideen zur Europäischen Einigung. Von 1951-55 hatte er, im hohen Alter, noch eine zweite Amtszeit als Premierminister und auch danach blieb er Mitglied des Unterhauses.

Churchill ist für vieles bekannt, seine häufigen Meinungswechsel, seinen ungewöhnlichen Lebensstil[4] oder seine berühmten Aussprüche[5]. Am meisten beeindruckte er aber seine Zeitgenossen und die Historiker mit seinen Reden, die ihm einen großen Bekanntheitsgrad und während des Krieges die Unterstützung des britischen Volkes zusicherten. Die vorliegende Arbeit soll Churchills Redestil und dessen Wirkung auf seine Zuhörer analysieren. Die ausgewählten Reden stammen aus verschiedenen geschichtlichen Perioden und verschiedenen Karriereabschnitten Churchills, beschäftigen sich aber alle weitestgehend mit dem Kräfteverhältnis in Europa.

2. Die Entwicklung Churchills rhetorischer Fähigkeiten

David Cannadine beschreibt Churchill als den „most eloquent and expressive statesman of his time“.[6] Dabei war Churchill kein geborener Redner. In seiner Jugend wirkte er auf seine Mitmenschen kaum charismatisch und wenig anziehend. Ihn verunsicherte, dass er keine „Oxbridge“-Erziehung“[7] hatte und sich dadurch oft intellektuell unterlegen und im Debattieren ungeübt fühlte. Hinzu kam, dass er lispelte. Sein Vater, Lord Randolph, glänzte während seiner politischen Karriere als Redner und da er das große Vorbild für Churchill war, beschloss auch er, ein überragender Redner zu werden.

Er studierte die Rhetorik berühmter Persönlichkeiten, lernte Reden von Cromwell, Disraeli oder Gladstone auswendig, arbeitete an seiner Kleidung, seiner Mimik und Gestik und konsultierte Sprachspezialisten, um seine Sprachfehler auszumerzen. Da er täglich übte und bewusst ungewöhnliche Wörter benutzte, um nicht in einen Alltagssprachrhythmus zu verfallen, gelang es ihm, seine anfänglichen Schwierigkeiten zu überwinden. Trotzdem blieb er zeitlebens nervös, wenn er eine Rede zu halten hatte[8] und arbeitete sie Wort für Wort schriftlich aus, meistens sogar mit Regieanweisungen. Er entwickelte seinen eigenen Redestil, den Cannadine wie folgt beschreibt:

„[Churchill] began by combining the stately, rolling sentences of Gibbon with the sharp antitheses and pungent wit of Macaulay[9], the two authors he had read so carefully during his days as a soldier in India. Among living orators he was most indebted to Bourke Cockran, an Irish-American politician out of Tammany Hall […]. The resounding preorations were modelled on those of the younger Pitt and Gladstone, while for invective and vituperation, there was always the strikingly succesful example of his father, Lord Randolph. To this exceptionally heady mixture, Churchill added his own personal ingredients: detail, humour and deliberate commonplace. The result, as Harold Nicolson noted, was ‘a remarkably arresting combination of great flights of oratory, with sudden swoops into the intimate and the conversational’”[10]

Nachdem Churchill die Schule ohne große Erfolge verlassen hatte, bildete er sich vor allem durch die Lektüre von geschichtlichen und politischen Werken weiter. Für einen Autodidakten zeigen seine Reden einen ungewöhnlich großen Wortschatz. Mit Vorliebe nutzte er militärische Metaphern, Alliterationen, Antithesen und Epigramme, kurze und starke Substantive (zum Beispiel sein berühmtes „blood, toil, tears and sweat“). Oft fand er unerwartete, aber passende Wörter, wie seine Beschreibung des Mississippi als „inexorable, irresistible, benignant“.[11] Es entstanden so einprägsame und bemerkenswerte Sätze wie „I decline utterly to be impartial as between the fire brigade and the fire.“

Wenn Churchill eine wirkungsvolle Formulierung gefunden hatte, wurde sie oft modifiziert und wiederverwendet. Der berühmte Satz aus einer Rede nach einer gewonnenen Luftschlacht gegen Deutschland 1940, „Never in the field of human conflict was so much owed, by so many, to so few.“, hatte mindestens zwei direkte Vorgänger: 1899 „Never before were there so many people in England, and never before have they had so much to eat.“ und 1908 „Nowhere else in the world could so enormous a mass of water be held up by so little masonry”.

Für die Ausarbeitung seiner ersten großen Rede im Unterhaus brauchte Churchill sechs Wochen. Nachdem er sie Wort für Wort konstruiert hatte, lernte er sie auswendig und schickte sein Manuskript an den „Morning Star“. Er betrieb diesen Aufwand, obwohl er sich nicht einmal sicher sein konnte, ob ihm wirklich das Wort erteilt werden würde.[12] Doch alles verlief, wie er es geplant hatte und nachdem er über eine Stunde frei gesprochen hatte, waren die Mitglieder des Unterhauses davon überzeugt, dass da einer gesprochen hatte, von dem noch Großes zu erwarten war.

Zu Beginn seiner politischen Karriere passierten dem als Redner ungeübten Churchill jedoch noch häufig Fehler, wie eine zu rüde Ausdrucksweise, unangemessene Beleidigungen, das Missinterpretieren der politischen Stimmung im Unterhaus oder zu komplizierte Satzstrukturen. Cannadine gibt ein Beispiel für so einen komplizierten Satz: „[...] the London docks, ‚which have already been called obsolescent, may have to be allowed to obsolesce into obsoleteness’”.[13] Später war zwar seine Rhetorik besser, vielleicht sogar brillant, aber oft schätzte er die Lage dennoch falsch ein und seine Reden blieben unwirksam.[14]

Erst als Premierminister gelang er auf den Höhepunkt seiner rhetorischen Laufbahn, denn nun entsprachen seine Themen auch seiner melodramatischen Ausdrucksweise und der Wichtigkeit seines Tons. Es ging um Sieg oder Niederlage, Freiheit oder Tyrannei, die Dinge, über die Churchill jahrelang gesprochen hatte.[15]

„The fact that the Nazis were so spectaculary succesful and that Britain was so vulnerable, by mid-1940, made Churchill appear a truthful prophet, and his reputation increased in consequence.“[16]

Churchill versuchte nie, die Verluste im Krieg schön zu reden, sondern vermittelte dem Volk sein Selbstbewusstsein. Seine Reden waren Durchhaltereden, sie waren voll von Pathos und am Ende stand immer die Verheißung auf den Sieg. In seinen BBC-Ansprachen machte ihn seine „altertümlich anmutende Redeweise [...] gerade zu der Vertrauensperson der Briten.“[17] Er war ein PR-Talent, ein Symbol für den britischen Widerstand mit seiner „etwas antiquierten Garderobe, Nadelstreifenanzug oder Gehrock, Bowler und Spazierstock, Zigarre“[18] und dem von ihm verbreiteten Victory-Zeichen. Die Rundfunkansprachen sollten den Widerstandswillen der unterdrückten Völker stärken, deren Exilregierungen sich zum großen Teil in London befanden. Teile der Reden wurden übersetzt und von der Royal Air Force über dem Zielgebiet abgeworfen. Ein Beispiel, aus einem Flugblatt an die Wehrmachtssoldaten:

[...]


[1] Sein Vater, Lord Randolph Churchill, und sein Großvater, der 7. Herzog von Marlborough waren beide Politiker und bekleideten verschiedene Ämter im Königreich.…

[2] vgl. Körner, Klaus (Hrsg.) (2002): Winston S. Churchill. Reden in Zeiten des Krieges, Hamburg & Wien: Europa Verlag., S. 16

[3] In seiner Zeit bei den Liberalen hatte er außerdem die Posten Under-Secretary of State for the Colonies, President of the Board of Trade und Home Secretary inne. Bei den Konservativen wurde er später Minister for the Coordination of Defence und 1939 wieder First Lord of the Admiralty. (vgl. Chronology in: Heywood, Samantha (2003): Questions and Analysis in History. Churchill, London & New York: Routledge.

[4] Er arbeitete den Vormittag über vom Bett aus, bestand auf seiner Siesta und hielt dann seine Mitarbeiter bis weit nach Mitternacht beschäftigt.

[5] Churchill prägte z.B. die Begriffe „friedliche Koexistenz“ oder „Eiserner Vorhang“

[6] Cannadine, David (1990): The speeches of Winston Churchill, London: Penguin Books., S. 1

[7] also die Ausbildung an einer englischen Eliteuniversität wie Oxford oder Cambridge

[8] Im Alter nahm er dann sogar Amphetamine.

[9] gemeint sind der Aufklärer Edward Gibbon (1737-94) und der Romantiker Thomas Macaulay (1800-1859) vgl. Körner, Klaus (Hrsg.) (2002): Winston S. Churchill. Reden in Zeiten des Krieges, Hamburg & Wien: Europa Verlag., S. 8

[10] Cannadine, S. 3

[11] Cannadine, S. 4

[12] vgl. Körner, S. 17

[13] Cannadine, S. 9

[14] Näheres dazu in Kapitel 3.1.

[15] Auf seine Reden während des 2. Weltkriegs wird im Kapitel 3.2. näher eingegangen.

[16] Heywood, S. 89

[17] Körner, S. 20

[18] ebenda

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Winston Churchill als Redner
Hochschule
Universität Rostock  (Institut für Politik- und Verwaltungswissenschaften)
Veranstaltung
GK/PS 10 Downing Street - Die britischen Premierminister
Note
2
Autor
Jahr
2003
Seiten
27
Katalognummer
V19008
ISBN (eBook)
9783638232395
ISBN (Buch)
9783638645980
Dateigröße
565 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Winston, Churchill, Redner, GK/PS, Downing, Street, Premierminister
Arbeit zitieren
Susanne Opel (Autor), 2003, Winston Churchill als Redner, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/19008

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