'Leonce und Lena' - Die romantische Poesie einer poetischen Romanze


Hausarbeit, 2010
13 Seiten, Note: 2,3

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Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Charakterisierung des Leonce

Der versuchte Selbstmord

Die Hochzeit

Das Motive der „Homme machine“

Abschließende Betrachtung

Literaturverzeichnis

Einleitung

Georg Büchners Lustspiel „Leonce und Lena“ wird in der literaturwissenschaftlichen Forschung sehr unterschiedlich eingeschätzt. Mal wird es in der romantischen Tradition verortet, mal glaubt man bereits die Strömung des Naturalismus zu erkennen und nicht selten ist die Rede von geübter Gesellschaftskritik in der Tradition der Literatur des Vormärzes. Die romantischen Elemente und die nicht eben affirmative Schilderung der Lebenswelt, in der sich die Figuren dieses Lustspiels befinden, bringen mich zur der Frage nach der Bedeutung der romantischen Aspekte. Die Fragestellung, welche Bedeutung den romantischen Komponenten zukommen, wird untersucht. Verbirgt sich hinter „Leonce und Lena" lediglich gesellschaftskritische Satire oder handelt es sich hierbei um eine romantische Utopie? Um diese Frage zu beantworten, werde ich in diesem Kontext wenige, hierfür wesentliche typische Motive der Romantik herausarbeiten und untersuchen, inwiefern sich diese zu der Figur des Leonce verhalten. Falls es angebracht ist, werde ich auch aus Büchners Briefen zitieren, um Beobachtungen oder Überlegungen zu stützen. Der gewichtigste Betrachtungsgegenstand wird in dieser Arbeit Leonce sein, den ich anfangs charakterisieren werde. Die Arbeit wird hauptsächlich durch Primärliteratur erarbeitet sein.

Charakterisierung des Leonce

Prinz Leonce ist der Sohn des König Peter aus dem Reiche Popo, der ein melancholischer, nichts tuender Mensch ohne Leidenschaften ist und sich mit seinem Freund Valerio der Ennui hingibt.

Besonders der Mangel an Leidenschaft macht ihm zu schaffen. Er interessiert sich nicht für Wissenschaften, noch kann er der Liebe etwas abgewinnen. Die Wissenschaft, insbesondere die Philosophie scheint ihm ein besonderer Gräuel zu sein:

„a priori, das muß man bei meinem Herrn Vater lernen; und a posteriori fängt Alles an, wie ein altes Mährchen: es war einmal!“[1].

Dies sind die Worte Leonces auf Valerios Wortspiel, während beide überlegen was sie treiben könnten. Hier könnte der Bezug auf seinen Vater darauf hin deuten, dass ihm durch die Erziehung seines Vaters das Verlangen der Erkenntnis abspenstig gemacht wurde oder schlicht nicht befördert wurde, somit wäre eine Aristokratie - kritische Lesart möglich, sofern man Leonce als Opfer eines absolutistischen Systems begreift. Er wünscht sich in seinem Selbstmitleid, die von ihm geforderte Disziplin.[2] Doch auch die Vernunft im Geiste der Aufklärung verspricht hier keine Lösung.

Auch für Erinnerungen hat er keine Gefühle. Banal und zynisch kommentiert er Valerios Vorschlag Gelehrte zu werden. Die Rolle die ihm zugedacht wird, als Sohn eines Königs, missfällt ihm derart, dass er nur noch darüber scherzen kann. Doch diese vorgetäuschte Heiterkeit wirkt nicht echt, zu stark leidet er in Momenten in denen er allein ist mit seinem Schicksal, denn, das Denken, die Poesie und das Philosophieren ist für Leonce eine Fähigkeit, die er mit Bedauern nicht beherrscht:

„Mein Leben gähnt mich an, wie ein großer weißer Bogen Papier, den ich vollschreiben soll, aber ich bringe keinen Buchstaben heraus. Mein Kopf ist ein leerer Tanzsaal, einige verwelkte Rosen und zerknitterte Bänder auf dem Boden, geborstene Violinen in der Ecke, die letzten Tänzer haben die Masken abgenommen und sehen mit to< d >tmüden Augen einander an.“[3] (S.16)

Das Leben gähnt ihn an. Das Leben, bestehend aus Erinnerungen, Gefühlen und Visionen, all das berührt ihn nicht, es ist für ihn wie ein Auftrag, den es abzuarbeiten gilt.

Die verwelkten Rosen deuten auf die verblasste Liebe zu Rosetta selbst hin, aber auch auf seinen Mangel an jugendlicher Leidenschaft, schließlich erkennt er in der Trennungsszene der Rosetta, dass selbst die Liebe für ihn keine Erlösung verschafft.[4]

Seinen Kummer über diesen Zustand gibt er häufig Ausdruck, indem er klagt: „Habe ich keine Beschäftigung? – Ja, es ist traurig….“.[5] Doch nicht nur Melancholie prägt sein Dasein, sondern es gibt auch Momente, in denen er sich plötzlich aus dem Schwermute herausreißt und voller Tatendrang ist:

„(Aufspringend)Ah Valerio, Valerio, jetzt hab´ ich´s! Fühlst Du nicht das Wehen aus Süden? Fühlst Du nicht wie der tiefblaue glühende Äther auf und ab wogt, wie das Licht blitzt von dem goldnen, sonnigen Boden, von der heiligen Salzfluth und von den Marmor – Säulen und Leibern?[…]Wir gehen nach Italien!“[6]

Dies ist die Möglichkeit der bevorstehenden Hochzeit zu entgehen, dies erfüllt ihn mit kurzer, aber desto stärkerer Freude und Zuversicht. Doch es bleibt ein typisches romantisches Motiv, das Motiv der Reise und des Fernweh, die Ziellosigkeit des Prinzen wird noch einmal offenbar. Zwischen diesen beiden starken Stimmungen schwankend, verbringt Leonce die Zeit in seinem Königreich und wenn er auf der Flucht vor seiner eigenen Hochzeit ist.

Der versuchte Selbstmord

Nachdem sich Leonce erneut verliebt, nun in die ihm zugedachte Frau und Prinzessin des Reiches Pipi, und einen Korb bekommt, entscheidet er sich dazu sich umzubringen: „Zuviel! zu Viel! Mein ganzes Seyn ist in dem Augenblick. Jetzt stirb. Mehr ist unmöglich.“[7]. Dieser Moment steht in starken Kontrast zu der vorherigen Situation, in der sich Leonce von Rosetta trennt. Er ist überwältigt von dem Gefühl einer unglücklichen Liebe. In Bezug auf Rosetta war der Prinz auch für einen kurzen Moment beseelt, indem er empfand, eine sterbende Liebe sei schöner, als eine werdende.[8] Doch plötzlich bäumt sich eine starke Gefühlswallung in ihm auf, wieder so unvermittelt und beinahe manisch, wie in den Situationen in denen er voller Tatendrang Ideenflucht begeht.[9] Wieso haben die Liebe und die Sehnsucht ihn wieder vollkommen erfasst? Lena rettet ihn aus der Melancholie und empfundenen Sinnlosigkeit der eigenen Existenz.

„Gott sey Dank, daß ich anfange mit der Melancholie niederzukommen.[…] Es reden viele Stimmen über die Erde und man meint sie sprächen von andern Dingen, aber ich hab´sie verstanden. Sie ruht auf mir wie der Geist, da er über den Wassern schwebte, eh´das Licht ward. Welch Gähren in der Tiefe, welch Werden in mir, wie sich die Stimme durch den Raum gießt.“[10]

Die erste Begegnung mit Lena im Wirtshaus verändert Leonce. Die Melancholie scheint vorüber. Lenas Worte schweben wie der Geist Gottes auf dem Wasser schwebt, bevor Gott das Licht schafft. In diesem Moment begreift Leonce und erfasst die Welt mitsamt ihrer Wunder der Liebe und die Lebenslust schwillt erstmals und extrem in ihm an. Stärkere Gefühle, so bangt er, wird er nie wieder empfinden. Doch die Szene des Suizids ist auch in der romantischen Tradition. Die Nacht und die Todessehnsucht des Leonce´ ist ein charakteristisches Symbol der Romantik. Die Sehnsucht nach dem Tod spiegelt den Wunsch des Prinzen wieder, dieses Gefühl der beseelten Liebe durch das Göttliche zu erhalten, Lena wird somit Gott gleich gestellt:

„Wie frischathmend, schönheitsglänzend ringt die Schöpfung sich aus dem Chaos entgegen.[…]Hinab heiliger Becher.“[11].

Der Tod, das Unbekannte lockt ihn, er glaubt nun, nichts mehr auf der Welt könnte die Erfahrung, die er durch Lenas Worte machte übertreffen. Sein ganzes Leben bemisst sich in einem einzigen Moment. Nicht einmal die Erinnerung an Lena, sollte es nur eine bleiben, könnte ihn trösten.[12]

Die Hochzeit

Der Schluss dieses Lustspiels ist voll von Übertreibungen und mit kennzeichnenden Bezügen zur romantischen Tradition. In dem nun von Leonce und Lena geführten Staat werden aufreibende Geschäftigkeit, Arbeit und Staatsräson keine bedeutende Rolle mehr spielen.

„Aber ich weiß besser was Du willst, wir lassen alle Uhren zerschlagen, alle Kalender verbieten und zählen Stunden nur noch nach der Blumenuhr, nur nach Blüte und Frucht.“[13]

Die Zeit soll eine neue Bedeutung bekommen, nämlich die Bedeutung, die sie vor der Industrialisierung hatte. Die Natur gibt die Handlungsmaxime vor, nicht der künstliche Staat, der natürliche Rhythmus wirkt identitätsstiftend. Es wird eine Utopie geschaffen, die dem Menschen natürliche Freiräume gewährt.

Es weiterer Hinweis darauf das Leonce und Lenas Vorhaben Utopie bleiben muss, ist dass diese Einswerdung mit der Natur mit technischen Mitteln herbeigeführt werden muss. Es ist die Rede von "Brennspiegeln"[14] die um das Land herum gestellt werden. Die Notwendigkeit einer Manipulation der Natur zeigt auf, dass das Bedürfnis nach Natürlichkeit nur eine Reaktion auf die sie umgebende Lebenswirklichkeit ist. Denn die Einswerdung mit dem natürlichen Rhythmus durch die Manipulation der Natur ist paradox. Beide Figuren schaffen es nur sich in ihrem Leiden zu erkennen. Die Umstände die sie umgeben verwehren dem Prinz und der Prinzessin ihr Glück. Diese Erkenntnis, die sie beide erlangen, als sie unabhängig voneinander vor der Hochzeit fliehen, erschafft ihnen nicht die Möglichkeit ihre Umwelt zu verändern. Nun wird das Reisemotiv verkehrt, indem sie bestrebt sind "Capri"[15] zu ihnen ins Land zu verschaffen. Die Sehnsucht nach Veränderung bleibt, sie wird nicht mehr in Italien, in der Fremde gesucht. Etwas Neues entsteht nicht, die Natur wird kopiert, nicht mehr.

[...]


[1] Georg Büchner: Leonce und Lena. Studienausgabe. Hg. Von Burghard Dedner, Thomas Michael Mayer. Stuttgart: Philipp Reclam jun.2003, S. 21.

[2] Georg Büchner: Leonce und Lena. Stuttgart: 2003, S. 8

[3] Georg Büchner: Leonce und Lena. Stuttgart: 2003, S. 16

[4] Ebd..

[5] Georg Büchner: Leonce und Lena. Stuttgart: 2003, S. 8.

[6] Georg Büchner: Leonce und Lena. Stuttgart: 2003, S. 22.

[7] Georg Büchner: Leonce und Lena. Stuttgart: 2003, S. 32.

[8] Georg Büchner: Leonce und Lena. Stuttgart: 2003, S. 15

[9] Georg Büchner: Leonce und Lena. Stuttgart: 2003, S. 27

[10] Georg Büchner: Leonce und Lena. Stuttgart: 2003, S. 29

[11] Georg Büchner: Leonce und Lena. Stuttgart: 2003, S. 32

[12] Siehe Erläuterung bei Fußnote 1

[13] Georg Büchner: Leonce und Lena. Stuttgart: 2003, S. 43

[14] Ebd.

[15] Ebd.

13 von 13 Seiten

Details

Titel
'Leonce und Lena' - Die romantische Poesie einer poetischen Romanze
Hochschule
Freie Universität Berlin
Note
2,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
13
Katalognummer
V190136
Dateigröße
397 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
leonce, lena, poesie, romanze
Arbeit zitieren
Nicole Zehe (Autor), 2010, 'Leonce und Lena' - Die romantische Poesie einer poetischen Romanze, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/190136

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