Zu: Thomas Hardy: "Jude the Obscure". Sue Brideheads Rätselhaftigkeit als Konflikt zwischen Ratio und Emotion


Hausarbeit (Hauptseminar), 2002
30 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Hauptteil.
2.1 Sues Eintauchen in den Roman
2.1.1 Mittelbarkeit
2.1.2 Spiritualisierung und Idealisierung
2.2 Sues Ambivalenz
2.2.1 Aspekte der „New Woman“
2.2.2 Intellektualität und Emotionalität
2.2.3 Der Familienfluch
2.3 Sues Andersartigkeit
2.3.1 Sues Natur in der Kultur
2.3.2 Kontrast Sue-Arabella
2.3.3 Sues Sicht der Heirat
2.3.4 Zerstörende kulturelle Einflüsse
2.4 Sues Gefühlswelt
2.4.1 Annäherung an Jude
2.4.2 Affinität Sue-Jude
2.5 Häuslichkeit und Mutterschaft
2.5.1 Sexualität
2.5.2 Nomadendasein
2.6 Rückkehr nach Christminster
2.6.1 Sues intellektuelle und emotionale Erniedrigung
2.6.2 Sues Entzauberung - religiöser Wahn

3. Schluß

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Thomas Hardy präsentiert in seinem letzten Roman Jude the Obscure eine kulturelle Collage ästhetischer, gesellschaftlicher, moralischer, medizinischer und religiöser Diskurse und analysiert die Konstruktion viktorianischer Konzepte der männlichen und weiblichen Sexualität und Identität.

Eines der großen Themen in „Jude the Obscure“ ist die Hinterfragung der kulturellen Konstruktionen der Geschlechterparadigmen. Hardys Figuren zeigen, wie die binären Gegenstücke der Männlichkeit und Weiblichkeit verwischen, wenn sie in einem Individuum verkörpert sind. Das Dilemma der Identität wird von Hardy auf eine besondere Weise in die viktorianische Zeit eingebettet . Diese Thematik wird interessant durch sein Auge für stereotype Eigenschaften und sein Gehör für gesellschaftliche Diskurse.

Thomas Hardy behandelt in Jude the Obscure die Benachteiligung der Frauen durch die viktorianische Doppelmoral mit wachsender Komplexität. Sues vielfältiger, „realistischer“ und herausfordernder Charakter besteht in ihrem Widerstand, in eine einzelne und gleichmäßige ideologische Position gerückt zu werden. Sue Bridehead äußert sich als Kritikerin der Geschlechter- und Klassenparadigmen, die einen „höheren“ sozialen Machtapparat als Adressaten bevorzugen würde. Sie widerstrebt ihrer konventionellen Welt, bis das Patriarchat ihr die Energie aussaugt. Durch äußere Umstände beeinflußt, büßt Sue nach und nach Teile ihrer Identität ein.

Der Schwerpunkt dieser Arbeit wird auf die Beschäftigung mit der Identität Sue Brideheads und ihrer unfreiwilligen Einbettung in die kulturellen Konstruktionen der Geschlechterparadigmen ihrer Zeit gesetzt. Sues psychische Entwicklung und ihre Rätselhaftigkeit als Konflikt zwischen Ration und Emotion, zwischen Natur und Kultur, stehen im Vordergrund der folgenden Analyse. Die Herausforderung in Sues Charakterisierung besteht in dem Bemühen, ihre Natur - Emotionen, Nervosität, Hysterie, Mutterschaft – und ihre Kultur - Geschlecht, Gesellschaft, Gesetz, Religion - zu erforschen, um Zugang zu ihrem Bewußtsein zu erlangen.

2. Hauptteil

„Sue is a type of woman which has always had an attraction for me, but the difficulty of drawing the type has kept me from attempting it till now.“ (Hardy, 1859)[1]

„in creating [Sue] Hardy did something extraordinarily original: he created one of the few totally narcissistic women in literature, but he did so at the same time as he made her something rather wonderful.“ (A. Alvarez, 1961)[2]

2.1 Sues Eintauchen in den Roman

Das Heranwachsen Judes und seines Traumes von Christminster, der Stadt, die er sehnsuchtsvoll mit einer Geliebten vergleicht und bewunderungsvoll „city of light“ und „tree of knowledge“(JO, 1.4.25) nennt, steht im Mittelpunkt des ersten Teiles „At Marygreen“. Judes Cousine wird erstmals von seiner Tante Drusilla im Gespräch mit einer Nachbarin erwähnt. Drusilla vergleicht Jude und Sue durch ihre Liebe für Bücher: „The boy is crazy for books...His cousin Sue is just the same“ (1.2.13). Sue wurde in Drusillas Haus geboren und war für die Tante „like a chile o’ my own [...] till the split come“ (1.2.13).

Als Jude bereits in einer Ehekrise mit Arabella steckend bei seiner Tante nach Antworten hinsichtlich der unglücklichen Ehen seiner Familie sucht, bemerkt Drusilla: „...your wife - I reckon ‘twas she - must have been a fool to open up that!“ (1.9.69-70). Ihre gruselige Geschichte ist ein Vorbote dessen, was geschehen wird. Arabellas unkontrollierte Kränkung: „All you be a queer lot of husbands and wives!“ (1.9.69) gleicht der Öffnung der Büchse der Pandorra, die den Fluch der Fawleys wiederbelebt. Drusilla erläutert ein Erlebnis aus der Vergangenheit, den tragischen Tod von Judes Mutter. Drusilla fügt hinzu: „It was the same with your father’s sister“ (1.9.70).

Sue taucht auf einer diskreten Weise in den Roman ein, indem sie in Relation zu Jude gesetzt wird. Ihr Intellekt, ihre ländliche Herkunft, ihre Traumatisierung durch den Verlust eines Elternteils, wecken die Neugierde auf Sues in Erscheinung treten als Figur. Der Leser ist gespannt auf den Verlauf des Geschehens und auf Judes Cousine.

2.1.1 Mittelbarkeit

In dem Kapitel „At Christminster“ stößt Jude bei einem Besuch seiner Tante Drusilla auf „the photograph of a pretty girlish face, in a broad hat , with radiating folds under the brim like the rays of a halo“ (2.1.78). Sue ist in einem Bild gefangen, sie nimmt selbst keine Gestalt an, sondern existiert zunächst in Judes Einbildungskraft. Die Anziehungskraft, die Sues Bild in Jude auslöst, läßt ihn nicht mehr los. In Christminster wird das Bild zu dem „one thing uniting him to the emotions of the living city“ (2.2.88). Somit verkörpert Sue was in ihm ist, was er aber auch nicht bei sich suchen kann, weil es als Feminin codiert ist.[3]

Es ist eine bemerkenswerte Einzelheit, daß Jude sich nach Sue sehnt, bevor er sie kennt. Drusillas Verbot, Sue aufzusuchen, gibt Jude die Gelegenheit, Sue aus der Entfernung zu beobachten und sie sich in seiner Phantasie auszumalen. Jude begibt sich in die Position des heimlichen Betrachters, des Voyeurs. Freud verharmloste den meist männlichen Trieb, Frauen heimlich zu beobachten, und definierte: „Voyeurismus ist die Lust am Wissen.“. Judes Interesse ist „unmistakebly of a sexual kind“(2.4.97), und seine Beobachtung veranlaßt den Leser eine erotische Projektion auf Sue zu übertragen. Sue wird somit zum wesentlichen Opfer einer perversen Aktivität der Zuweisungen und Fixierungen, in Rahmen-Stellungen, die sie nicht ausstehen kann. Sue hat keine wirkliche Präsenz für den Leser, sie ist dem Mechanismus der Kontrolle und des Begehrens unterworfen.[4]

Sue wird hauptsächlich von Außen gesehen, in Form von physischen Beschreibungen, Handlung und Dialog, eine Schreibweise, die zu Hardys Bekanntheitsgrad als „Balladeer“ unter den Novelisten verholfen hat.[5] Sue wird zum Enigma, der Leser bekommt keinen Zugang zu ihrem Bewußtsein, ihr wahres Subjekt wird nicht erfaßt.

2.1.2 Spiritualisierung und Idealisierung

Sue taucht erstmals physisch auf als Jude eines Tages „the original of the portrait“ erkennt (2.2.88). Judes Augen und Gedanken vermitteln Sue bei der Arbeit, „illuminating the single word >Alleluja<“ (2.2.88). Jude erkennt „in her accents certain qualities of his own voice“ (2.2.88). Statt sie anzusprechen, stellt er sie auf ein Podest: „But she remained... an ideal character, about whose form he began to weave curious and fantastic day-dreams.“ (2.2.89).

Sues physische Erscheinung, ihr Status als ästhetisches und sexuelles Objekt verliert allmählich an Stringenz. Erst bemerkt Jude ihre Schönheit, „ her pretty shoulders, her easy, curiously nonchalant, risings and sittings, and...“ (2.4.97), doch dann erkennt er:

„He had been so caught by her influence [...]. He remembered now that she was light and slight, of the type dubbed elegant [...]. There was nothing statesque in her; all was nervous motion. She was mobile, living, yet a painter might not have called herhandsome or beautiful“ (2.4.97)

Es ist offensichtlich, daß Sue nicht bloß als weibliches, sexuelles Objekt in Judes Auffassung und im Roman insgesamt konzipiert ist. Trotz Judes ausführlicher Beschreibungen bleibt ihr Wesen undurchdringlich.

Hardys Frauenfiguren werden oft mittels visueller Ausdrücke dargestellt, eine Technik, welche die Frauen als Ikonen und Stereotype erscheinen läßt.[6]

Sue wird von Jude durchgehend als eher eine spirituelle als physische Frau gesehen: „...a sort of fay, or sprite - not a woman!“ (6.3.353), „you spirit...you disembodied creature, you dear, sweet, tantalizing phantom...“ (4.5.244), „Sue stood like like a vision before him“ (3.10.194), „so ethereal a creature that her spirit could be seen trembling through her limbs“ (3.10.195). Die Absage von dem College bringt Jude dazu, seine Sehnsüchte auf Sue zu verlagern „The spirit of Sue seemed to hover round him...“ (2.6.118). Sie wird zum neuen Inhalt seines Lebens: „To keep Sue Bridehead near him was now a desire which operated without regard of consequences.“ ( 2.4.121) .

Als Figur wird Sue hauptsächlich durch Judes Perspektive, durch sein Erlebnis und seine Interpretationen von ihr bekannt. Durch eine gedankliche Bindung an Sue sucht Jude eine Alternative zu den Konstruktionen seiner Männlichkeit in der Gesellschaft. Judes Traum von Sue ist ein Mittel der Konstruktion eines anderen Sujekts außerhalb der nicht zufrieden stellenden patriarchalen Muster.[7]

Sue erhält kaum die Möglichkeit, selbst Gestalt und Wesen anzunehmen. Sie erfährt keine Aktualität, weil sie keine wirkliche Präsenz hat. Sie existiert nur aus der Entfernung, weil sie keinen Weg findet, um dem entfremdenden Mechanismus der Kontrolle und des Begehrens zu entkommen. Deshalb bleibt Sues Gestalt geheimnisvoll, unvorhersehbar und rätselhaft.

2.2 Sues Ambivalenz

In der Triade Jude-Sue-Phillotson entwickelt sich Sue zu einem zwiespältigen Charakter. Ihre Konstruktion ist widersprüchlich: Sue ist beides korrupt und pur, Opfer und Täter, weiblich und unweiblich. Sues Ambiguitäten haben ihren Ursprung in der Diskrepanz zwischen ihrer Identität und den konstruierten Geschlechterparadigmen. Die Analyse vielfältiger Bedeutungen von „gender“ verflechtet das Geschlecht mit anderen gesellschaftlichen Kategorien, wie Klasse, Alter, Rang, in ein gesellschaftlich reguliertes System von Machtstrukturen. Weiblichkeit und Männlichkeit erscheinen als zweiteilige Formen in Handlung.[8]

Sues Blick in ihre Vergangenheit enthüllt ein untypisches Bild der Frau:

„My life has been entirely shaped by what people call a peculiarity in me. I have no fear of men, as such, nor of their books. I have mixed with them [...] almost as one of their own sex.“ (3.4.147).

Sie umgibt sich lieber mit Männern als mit Frauen. Ein einziges Mal wird erwähnt, daß Sue bei der Schwester einer Freundin übernachtet. Sie hat einen eigenartigen Charakter entwickelt. Ihre Besonderheit ist ihre Stärke und ihre Schwäche gleichzeitig.

2.2.1 Aspekte der „New Woman“

Der Erzähler behaftet Sue erstmals mit einem „nervous temperament“ (2.3.94). Jude bemerkt wiederholt Sues „nervous motion“(2.4.97). Auch Drusilla schreibt Sue einen nervösen, übermütigen Charakter zu:

„I never cared much for her [...], with her tight-strained nerves. Many the times I’ve smacked her for her impertinence...“ (2.6.112). „Why, one day [...] she said ‘Move on aunty! This is no sight for modest eyes’“ (2.6.112).

Sues Beleidigungen sind persönlich, moralisch und sexuell. Ihre Ohrfeigen verdankt Sue ihrer bewußten Frechheit, sie ist sich der Konsequenzen bewußt. Deutlich ist die Verknüpfung der Szene mit der Erotik. Während Sue andere dazu bringt vor Scham zu erröten, wird auch sie durch die Ohrfeige zum Erröten gebracht. Sue verhält sich schon in der Kindheit sehr rebellisch, wild und burschikos; schon von Kindheit an fügt sie sich nicht in das typische Frauenbild ein. Sie stellt ihren Ungehorsam auf trotzig-provokative Art zur Schau, spielt lieber mit Jungs als mit Mädchen.

In einem Brief schreibt Hardy über seine Protagonistin Sue:

„the woman of the feminist movement - the slight, pale ‘bachelor’ girl - the intellectualized, emancipated bundle of nerves that modern conditions were producing, mainly in cities as yet“[9]

Er läßt seine erzählenden Figuren Sue gemäß traditioneller Normen konstruieren und interpretieren. So wird die weibliche Figur mit den Notionen der weiblichen Schwäche, Unbeständigkeit und der Tendenz zur Hysterie charakterisiert.[10] Vergleicht man Hardys Definition mit der Schlußfolgerung des zeitgenössischen Neurologen Horatio Bryan Donkin über die Hysterie, so wird die medizinische Sicht deutlich. Laut Donkin ist der Grund der psychopathischen Hysterie eine übertriebene Unsicherheit. Der Hysterische ist ein Individualist, ein unsozialer Teil. Wie Carroll Smith Rosenberg zusammenfaßte, beschrieben Ärzte hysterische Frauen als besonders beeindruckbar, labil, narzisstisch, egozentrisch. Ihre Stimmung änderte sich schlagartig und aus scheinbar belanglosen Gründen. Die Verwicklung der hysterischen Frau mit anderen sei oberflächlich und unverbindlich. Auch wird sie immer wieder von Ärzten als asexuell und sogar frigide eingestuft.[11] Rosenbergs Bericht entspricht der Konstruktion von Sue Bridehead und ihrer Darstellung als „New Woman“.

Das Muster einer Karriere als eine „New Women“ widerspiegelt in Sues Verhalten essentialistische Annahmen über das Geschlecht. Ihre Beziehungen sind von radikalen Ungleichmäßigkeiten geprägt. Dies widerspiegelt eine Instabilität im Diskurs des 19. Jahrhunderts über die weibliche Sexualität, die, wie M. Foucault behauptet, von der „Hysterisierung des weiblichen Körpers“ abhängt. Die Frau wurde entweder als Mutter oder als hysterische Frau eingestuft.[12]

[...]


[1] Letter to Edmond Gosse, Nov. 20, 1895, S. 280

[2] A. Alvarez: Afterword, in Thomas Hardy, Jude the Obscure, New York: New American Library, 1961, S. 410

[3] Langland, Elizabeth: Becoming a Man in Jude the Obscure. In: The Sense of Sex. Feminist Perspectives on Hardy / Edited by Margaret R. Higonnet. Univ. of Illinois 1993, S. 38

[4] James R. Kincaid: Girl-watching, Child-beating and Other Exercises for Readers of Jude the Obscure. In: The Sense of Sex, S. 135

[5] Judith Mitchell: Hardy’s Female Reader. In: The Sense of Sex, S. 179.

[6] Brady, Kirstin: Textual Hysteria: Hardy’s Narrator on Women. In: The Sense of Sex, S. 89

[7] Langland, Elizabeth: Becoming a Man in Jude the Obscure, S. 32-48

[8] Higonnet, Margaret R.: The Sense of Sex. Feminist Perspectives on Hardy / Edited by Margaret R. Higonnet. Univ. of Illinois 1993, S. 2

[9] Brady, Kirstin: Textual Hysteria: Hardy’s Narrator on Women, S. 93

[10] Ebd., S. 89

[11] Brady, Kirstin: Textual Hysteria: Hardy’s Narrator on Women, S. 96

[12] Ebd.,S. 89

Ende der Leseprobe aus 30 Seiten

Details

Titel
Zu: Thomas Hardy: "Jude the Obscure". Sue Brideheads Rätselhaftigkeit als Konflikt zwischen Ratio und Emotion
Hochschule
Universität Mannheim  (Lehrstuhl Anglistik II)
Veranstaltung
Hauptseminar: Ideale von Männlichkeit
Note
2,3
Autor
Jahr
2002
Seiten
30
Katalognummer
V19015
ISBN (eBook)
9783638232449
ISBN (Buch)
9783638700290
Dateigröße
589 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Jude the Obscure, Sues Rätselhaftigkeit, New woman, Geschlechterparadigmen, Patriarchat, viktorianische Weiblichkeitsideologie, Begehren, Non-Konformismus, Fluch
Arbeit zitieren
Emese Farkas (Autor), 2002, Zu: Thomas Hardy: "Jude the Obscure". Sue Brideheads Rätselhaftigkeit als Konflikt zwischen Ratio und Emotion, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/19015

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