Bildung ist eine zentrale, individuelle und gesellschaftliche Ressource des 21. Jahrhunderts (Quenzel/ Hurrelmann 2010: 13). Der Bildungsgrad eines Menschen entscheidet über dessen Chancen auf einen guten Lebensstandard, beruflichen Erfolg, soziale Sicherheit, auf soziale, kulturelle, gesellschaftliche und politischen Teilhabemöglichkeiten sowie auf gesellschaftliches Ansehen, Gesundheit, Selbstbestimmung und Freiheit (Solga/ Dombrowski 2009: 7; Geißler/ Weber-Menges 2009: 155). Die Bereitstellung gleicher Bildungschancen für alle Mitglieder der Bevölkerung ist folglich Voraussetzung für soziale Gerechtigkeit in einer Gesellschaft (Geißler/ Weber-Menges 2009: 155).
In Deutschland ist diese Voraussetzung jedoch nicht erfüllt. Dies ist lange bekannt und durch verschiedene Studien zum wiederholten Mal nachgewiesen (Mindermann/ Schmidt/ Wippler 2012: 11). Denn in Deutschland sind soziale Herkunft und Bildungschancen stark korreliert (Geißler/ Weber-Menges 2009: 155).
Mit der Geburt gelangt ein Kind in seine Herkunftsfamilie, welche über einen bestimmten Pool an Ressourcen verfügt der schließlich einen großen Einfluss auf die Sozialisation des Kindes hat, hier beginnt die Chancenungleichheit. Institutionen der Erziehung und Bildung (Kindergarten und Schule) mit denen Kinder im Laufe ihres Lebens in Berührung kommen schaffen es in Deutschland meist nur unzureichend, Herkunft und Bildungschancen zu entkoppeln (Bos/ Schwippert/ Stubbe 2007: 225; Lankes 2009: 153).
Der erste Teil dieser Ausarbeitung wird daher die Ursachen sozi¬aler Ungleichheit im Bil-dungsbereich betrachten und die aktuellen Situation darstellen.
Als Deutschland im Jahr 2000 den „Spitzenplatz“ im Bereich der Chancenungleichheit im Bereich Lesen erzielte, wurden zahlreiche Stimmen laut, die Strategien zur Herstellung gleicher Bildungschanen forderten. Eine Maßnahme wird exemplarisch in Kapitel drei vorgestellt und hinsichtlich ihrer Eignung zur Entkopplung von Herkunft und Bildungschancen untersucht: die Lesekompetenzförderung. Denn Lesen ist die grundlegende Voraussetzung für den Bildungserwerb. Lesen eröffnet den Zugang zur Medienwelt, die Teilhabe am gesellschaftlichen und kulturellen Leben und befähigt so nicht zuletzt zum lebenslangen Lernen (Bundesministerium für Bildung und Forschung (im weiteren BMBF) 2007: 6; Bartnitzky 2006: 8; Klieme et al. 2010b: 23; Artelt et al. 2001: 133).
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Chancenungleichheit im deutschen Bildungssystem
2.1. Definition Chancenungleichheit
2.2. Ursachen von Chancenungleichheit
2.3. Ausprägungen der Chancenungleichheit im deutschen Bildungssystem
3. Lesekompetenzförderung als Maßnahme zur Herstellung gleicher Bildungschancen
3.1. Definition Lesekompetenz
3.2. Projekte zur Lesekompetenzförderung
4. Schlussbetrachtung und Ausblick
Zielsetzung und Themenfelder
Die vorliegende Arbeit untersucht die Problematik der Chancenungleichheit im deutschen Bildungssystem, welche stark mit der sozialen Herkunft von Kindern korreliert. Das zentrale Ziel ist es, die Ursachen dieser Ungleichheit zu beleuchten und zu bewerten, inwieweit gezielte Maßnahmen zur Lesekompetenzförderung als Instrument zur Herstellung gleicher Bildungschancen geeignet sind.
- Analyse der primären und sekundären Herkunftseffekte auf den Bildungserfolg
- Darstellung der Chancenungleichheit in verschiedenen Bildungsstufen (Elementar-, Primar- und Sekundarbereich)
- Definition der Bedeutung von Lesekompetenz für den schulischen und gesellschaftlichen Wissenserwerb
- Evaluation von ausgewählten Förderprojekten zur Reduzierung bildungsbezogener Disparitäten
Auszug aus dem Buch
2.2. Ursachen von Chancenungleichheit
Zur Beurteilung und Differenzierung der Ursachen sozialer Ungleichheit beim Bildungserfolg wird im Folgenden auf Boudons Ansatz primärer und sekundärer Herkunftseffekte zurückgegriffen.
Primäre Herkunftseffekte beschreiben den Zusammenhang von Ressourcenverfügbarkeiten nach sozialer Herkunft und schulischen Leistungen sowie den darauf aufbauenden Bildungserfolg (Bos/ Schwippert/ Stubbe 2007: 226). So sind Kinder aus höheren sozialen Schichten auf Grund besserer Ressourcen der Herkunftsfamilie eher dazu in der Lage, gute Schulleistungen zu erbringen als Kinder aus niedrigen sozialen Schichten (Arens 2007: 147; Preißer 1997: 21).
Zur Erklärung der primären Herkunftseffekte unterschiedet Pierre Bourdieu zwischen drei Kapitalformen: dem ökonomischen, dem sozialen und dem kulturellen Kapital (Bourdieu 1983: 186ff). Die Herkunftsfamilie verfügt je nach Schichtzugehörigkeit über einen Ressourcenpool bestehend aus den genannten Kapitalformen, aus welchem sie Mittel für die Ausbildung ihrer Kinder schöpfen kann (Bos/ Schwippert/ Stubbe 2007: 226).
Die Ressourcenunterschiede zwischen den Herkunftsfamilien verschiedener Schichtzugehörigkeit beziehen sich demnach auf verschiedene Aspekte, etwa die monetären Ressourcen der Familie (ökonomisches Kapital), den Bildungsgrad der Eltern, das Wissen der Eltern über Bildungsmöglichkeiten, kulturelle Aktivitäten im Elternhaus (Kulturelles Kapital), die soziale Unterstützung der Eltern und das soziale Umfeld (Soziales Kapital) (Hadjar et al. 2010: 225).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Relevanz von Bildung als individuelle und gesellschaftliche Ressource ein und thematisiert die bestehende Kopplung von sozialer Herkunft und Bildungschancen in Deutschland.
2. Chancenungleichheit im deutschen Bildungssystem: Dieses Kapitel definiert den Begriff der Chancenungleichheit, erläutert durch primäre und sekundäre Herkunftseffekte die theoretischen Hintergründe und beschreibt die Ausprägungen der Ungleichheit über verschiedene Bildungsstufen hinweg.
3. Lesekompetenzförderung als Maßnahme zur Herstellung gleicher Bildungschancen: Das Kapitel betrachtet die Lesekompetenzförderung als zentrale Strategie zur Verbesserung von Bildungschancen und evaluiert exemplarisch zwei Förderprojekte hinsichtlich ihrer Eignung zur Reduzierung sozialer Ungleichheit.
4. Schlussbetrachtung und Ausblick: Hier werden die Ergebnisse zusammengefasst, wobei deutlich wird, dass Lesekompetenzförderung zwar eine positive Tendenz zeigt, aber nur als Teil einer ganzheitlichen, früh ansetzenden Förderstrategie effektiv sein kann.
Schlüsselwörter
Chancenungleichheit, soziale Herkunft, Bildungssystem, Lesekompetenz, Primäre Herkunftseffekte, Sekundäre Herkunftseffekte, Bildungschancen, soziale Ungleichheit, IGLU-Studie, PISA-Studie, Bildungsförderung, Lesekompetenzförderung, soziale Gerechtigkeit, Bildungsentscheidungen, Elementarbereich.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Problematik der Bildungsungleichheit in Deutschland und der Frage, wie durch gezielte Fördermaßnahmen die Kopplung zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg gelöst werden kann.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Die Themenfelder umfassen die soziologische Analyse von Herkunftseffekten, die empirische Darstellung von Leistungsunterschieden im Bildungssystem sowie die Rolle der Lesekompetenz als Schlüsselqualifikation für den Bildungserwerb.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das primäre Ziel besteht darin, zu untersuchen, ob Projekte zur Lesekompetenzförderung bei Grundschulkindern wirksame Mittel sind, um soziale Disparitäten im Bildungssystem abzubauen.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Autorin?
Die Arbeit basiert auf einer Literatur- und Forschungsanalyse, in der aktuelle Studien (wie PISA und IGLU) sowie soziologische Konzepte (Boudon, Bourdieu) herangezogen werden, um die Wirksamkeit von Fördermaßnahmen zu diskutieren.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst die Entstehungsursachen von Chancenungleichheit durch Herkunftseffekte analysiert und anschließend zwei konkrete Praxisprojekte zur Leseförderung ("Mentor" und "Vorlesen in Familien") einer kritischen Bewertung unterzogen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit lässt sich am besten mit Begriffen wie Chancenungleichheit, soziale Herkunft, Lesekompetenz, Bildungsgerechtigkeit und Herkunftseffekte beschreiben.
Warum spielt die frühkindliche Bildung eine so große Rolle für die Argumentation?
Die Autorin argumentiert, dass Investitionen in den frühesten Lebensjahren den größten Nutzen bringen, da hier die Weichen für die spätere Bildungsbiografie gestellt werden und die kompensatorische Wirkung von Bildungsinstitutionen am größten ist.
Können Leseförderprojekte die Bildungsungleichheit allein beheben?
Nein, die Autorin kommt zu dem Schluss, dass Leseförderung zwar vielversprechend ist, aber aufgrund der Mehrdimensionalität sozialer Benachteiligung nur in Kombination mit umfassenden, früh ansetzenden Fördermaßnahmen zur Armutsprävention wirksam sein kann.
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- Bachelor of Science Marie Tolkemit (Author), 2012, Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr - Bildungschancen im Kontext sozialer Ungleichheit, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/190212