Zu: Thomas von Aquin - "Summa theologica"

Über den Krieg


Hausarbeit, 2011

13 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Biographie Thomas von Aquin

2. Die „Summa theologica“

3. Definition: Krieg

4. Der Krieg – Die 40. Quaestio des zweiten Teils der „Summa theologica“
4.1. Gibt es einen erlaubten Krieg?
4.2. Ist es den Klerikern erlaubt, Krieg zu führen?
4.3. Ist es den Kriegführenden erlaubt, sich eines Hinterhalts zu bedienen?
4.4. Darf man an Feiertagen Krieg führen?

5. Resümee

Literaturverzeichnis

Einleitung

„In den letzten 3.421 Jahren der aufgezeichneten Weltgeschichte gab es nur 268 Jahre ohne einen Krieg auf der Welt.“1 schrieb Dr. Marc Faber am 11. August 2003 in seinem Aufsatz „Die Realität des Kriegs“. Daran hat sich seitdem nichts geändert. In Libyen tobt seit Februar ein Bürgerkrieg, während der 2001 von George W. Bush ausgerufene „Krieg gegen den Terror“ mit der Ermordung Osama Bin Ladens am 2. Mai 2011 endlich Erfolge vorweisen konnte. Diese Kriege scheinen, der Opfer nahezu ungeachtet, Billigung und Akzeptanz zu finden. Sie gelten als erlaubte,als legitimierte Kriege. Eine Grenze zwischen legalem und illegalem Krieg zu ziehen ist schwer. Es ist aber kein modernes Problem.Schonim 13.Jahrhundert sinnierte Thomas von Aquin in seinem Werk „Summa theologica“ darüber, ob es einen gerechten Krieg geben kann und welche Rechte darin beachtet werden müssen. Seine Gedanken dazu, sind Gegenstand dieser Arbeit.

1. Biographie Thomas von Aquin

Thomas von Aquin wurde um 1225 auf Schloss Roccasecca nahe der italienischen Stadt Aquino geboren. Er war der siebente und jüngste Sohn des Grafen Landulf von Aquin und dessen zweiter Frau Donna Theodora von Teate. Der Graf verwaltete einen Besitz in Sizilien, die Familie gehörte also dem Landadel an. Da die Familientradition es verlangte, dass der jüngste Sohn eine kirchliche Laufbahn beschreiten sollte, wurde Thomas mit 5 Jahre in das Kloster Montecassino geschickt. Doch 1244 trat er gegen den Willen seiner Familie dem Bettelorden der Dominikaner bei. Als Strafe ließen ihn seine Eltern entführen und auf der Burg Monte San Giovanni Campano gefangen halten, um ihn vom Dominikanerordenabzuwenden. Da dies nichtgelang, ließen sie ihn zwei Jahrespäter wieder frei. Es folgten Reisen nach Rom und Paris, wo er in das Dominikanerkloster Saint-Jacques ging. Im Jahr 1248 wurde Thomas zum Lehrer der scholastischen Philosophie erklärt. Noch im selben Jahr trat er in Köln in die Lehre des Albertus Magnus, wo er bis 1252 blieb. Danach lehrte er in Rom, Viterbo und Orvieto, bis er 1269 die Tätigkeiten eines Studienpräfektes in Neapel übernahm, wo er 1272 eine Dominikanerschule aufbaute. Zwei Jahre später, am 07. März 1274, starb Thomas von Aquin auf einer Reise zum 2. Konzil von Lyon im Kloster Fossanova. Die Todesursache blieb ungeklärt, Gerüchten zufolge fiel er einem Giftmord zum Opfer, wahrscheinlicher ist jedoch, dass er auf der Reise an einer schwerenKrankheit starb, wie sein Schüler TolomeoDa Lucca berichtete. 1323, knapp 50 Jahre nach seinem Ableben, wurde Thomas von Papst Johannes XXII heiliggesprochen, 1567 folgte seine Ernennung zum Kirchenlehrer. Die Überreste Thomas´ liegen in der Dominikanerkirche Les Jacobins in Toulouse begraben.2 Seine zahlreichen Werke und insbesondere sein Hauptwerk die „Summa theologica“ machen den Scholastiker Thomas von Aquin zum wohl bedeutendsten Philosophen und Theologen des Mittelalters.

2. Die „Summa theologica“

Das Hauptwerk des Theologen entstand zwischen 1265 und 1273. Es besteht aus drei Bänden, die in Quaestionen, also Fragen aufgeteilt sind. Diese Fragen beinhalten wiederum mehrere Artikel, in denen Thomas konkretere Fragestellungen bearbeitet. Die Artikel werden mit möglichen Einwänden gegen ihn eingeleitet, dann beruft er sich jedoch auf eine Autorität, wie zum Beispiel Aristoteles, die etwas anderes dazu sagt. Diese Autoritätsbeweise werden stets mit „sed contra“ (andererseits) angekündigt. Im Anschluss daran analysiert Thomas selbst den Sachverhalt und beweist, dass die anfangs angeführten Einwände falsch sind. So gelingt es ihm, gleichzeitig seine Thesen zu stützen und eventuelleGegenthesen zu entkräften. Imersten Teil der „Summa theologica“ beschäftigt sich Thomas mit der philosophisch-theologischen Gotteslehre und erklärtSein und Wesen Gottes zu. Im zweiten Teil widmet er sich dann der Morallehre und beleuchtet die Ziele des menschlichen Lebens. Wie Aristoteles mit seiner „Eudaimonia“ sieht auch Thomas von Aquin die Glückseligkeit als größtes Ziel des Menschen an. Das Leben des Menschen zeichnetsich durch seine Handlungen aus, was Thomas zu der Frage führt, wie der Mensch handeln soll, um die Glückseligkeit erreichen zu können. Dies zielt auf eine Tugendlehre ab, welche er ebenfalls im zweiten Teil seines Hauptwerkes behandelt. Der dritte Teil der „Summa theologica“ ist unvollständig und wurde postum von Schülern Thomas` durch ein„Supplementum“ erweitert.Im letzten Teil behandelt er die Christologie und Sakramente. Außerdem stellt er Gedanken über die Seele nach dem Tod an.3 Obwohl die „Summa theologica“ insgesamt ein theologisches Werk ist, vermischen sich in ihr Theologie und Philosophie und so sind einzelne Auszüge auch aus philosophischer Sicht sehr interessant, gehören zu den bedeutendsten des Mittelalters. So zum Beispiel auch die Überlegungen zum Krieg, mit denen ich mich im Folgenden eingehend beschäftigen werde und die Schwerpunkt dieser Arbeit sind. Thomas widmet dem Krieg die 40. Quaestio des zweiten Teils der „Summa theologica“. Die Frage beinhaltet vier Artikel, die Gedanken zur Legitimierung des Krieges und zu Rechten im Krieg enthalten.4 Diese Überlegungen findenbisheute Einzug in die Erforschung von Kriegenund derenUrsachen und sind immer noch Grundlage für Definitionen zu den Begriffen „Krieg“ und „Konflikt“.

3. Definition: Krieg

Für den Begriff „Krieg“ gibt es zahlreiche Definitionen. Ich stütze mich in dieser Arbeit auf die des Heidelberger Institutes für Internationale Konfliktforschung e.V. (HIIK) und der vom Bundesamt für Politische Bildung (bpb) anerkannten Definition aus dem von Klaus Schubert und Martina Klein geschriebenen „Politiklexikon“. In dieser heißt es: „Krieg bezeichnet einen organisierten, mit Waffen gewaltsam ausgetragenen Konflikt zwischen Staaten bzw. zwischen sozialen Gruppen der Bevölkerung eines Staates.“5 Weiterhin werden Kriege nach ihren Ursachen in „religions- und ideologisch begründete Kriege, Kolonial-, Wirtschafts- und Unabhängigkeits-Kriege etc.“6, nach ihre Zielen in „Angriffs-, Interventions-, Sanktions-, Verteidigungs-und Befreiungs-Kriege etc.“7, nach ihren Formen in „regulärer, Partisanen-, Volks-, Miliz- und Guerilla-Kriegen“8, nach den in ihnen eingesetzten Waffen in „konventionellem, Atom-, bakteriologischem, chemischem Kriegen, ferner zwischen Land-, See- und Luft-Kriegen“9 unterschieden. Außerdem wird räumlich „z.B. zwischen lokal begrenztem, regionalem oder Welt-Kriegen“10 differenziert. Die Definition des bpb enthält weiterhin die Anmerkung: „Während früher der Krieg als Schicksal und als Bewährungsprobe angesehen, als "Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln" akzeptiert und zwischen gerechtem und ungerechtem Kriegen differenziert wurde, gilt heute aufgrund der Gefahr einer Selbstvernichtungder Menschheit (z.B. durch ABC-Waffen) der Krieg-Ursachenforschung, derFriedens- und Konfliktforschung, den Deeskalations- und Vermittlungsbemühungen in der Außenpolitik, der Krieg-Vermeidung und den internationalen Abrüstungsverhandlungen oberste politische Priorität.“11 Weitere markante Aspekte des Krieges greift die Definition des HIIK auf, welche besagt: „Kriege sind Formen gewaltsamen Konfliktaustrags, in denen mit einer gewissen Kontinuität organisiert und systematisch Gewalt eingesetzt wird. Die Konfliktparteien setzen, gemessen an der Situation, Mittel in großem Umfang ein. Das Ausmaß der Zerstörung ist nachhaltig.“12 Diese Beschreibungen treffen auch auf mehrere Konflikte zu Thomas` Zeiten zu, auf die er seine Überlegungen wohl gestützt hat.So kam es zu seinenLebzeiten zwischen 1248 und 1250, sowie 1270 und 1272, zu zwei Kreuzzügen und diversen anderen kriegerischen Auseinandersetzungen, auch auf europäischem Festland. Dabei war Thomas der Auffassung, dass es einen gerechten und erlaubten Krieg gibt. Das ist der 40. Quaestio des zweiten Teils seiner „Summa theologica“ deutlich zu entnehmen.

4. Der Krieg – Die 40. Frage des zweiten Teils der „Summa theologica“

Thomas unterteilt seine Überlegungen zum Krieg in vier Einzelfragen, die er dann nach dem gewohnten Verfahren analysiert.

4.1. Gibt es einen erlaubten Krieg?

Mit dem ersten Artikel der 40. Quaestio beantwortet Thomas die Frage, ob Krieg immer Sünde sei oder ob es einen erlaubten Krieg geben könne. Dazu führt er zuerst vier mögliche Einwände an. So bezieht er sich auf Mt 26, 52, wo es heißt: „Jeder, der das Schwert ergreift, wird durch das Schwert umkommen“13, wird also dafür bestraft. Bestraft wird man laut Thomas jedoch nur, wenn man gesündigt hat, ergo ist eine kriegerische Handlung, wie ein Schwert zu führen, eine Sünde und somit verboten. Des Weiteren ist Sünde, „was immer dem göttlichen Gebot widerspricht“14. Hier wird aus dem Römerbrief 12, 19 zitiert, in dem gefordert wird: „Verteidigt euch nicht selbst, Geliebteste; sondern gebt dem Zorne [Gottes] Raum.“15 Die kriegerische Handlung, sich zu verteidigen, widerspricht demnach dem göttlichen Gebot, ist daher eine Sünde und nicht erlaubt. Als dritten möglichen Einwand zählt Thomas auf, dass der Frieden tugendhaft ist. Der Krieg aber ist das Gegenteil des Friedens und somit nicht tugendhaft, sondern eine Sünde. Auch deswegen kann es keinen erlaubten Krieg geben.16 Zuletzt bezieht sich Thomas auf die Vorbereitungen und Übungen zum Krieg, wie zum Beispiel die Ritterturniere. Es heißt diese Übungen seien „von der Kirche verboten; denn jene, die bei diesen Waffenproben zu Tode kommen, erhalten kein kirchliches Begräbnis.“17 Wenn nun aber schon das Training für eine Sache Sünde ist, kann die Sache selbst nicht erlaubt sein. Daher ist der Krieg immer Sünde. Nachdem Thomas nun etwaige Antworten auf die von ihm gestellte Frage nach der Legitimation des Krieges gegeben hat, beruft er sich auf Augustinus, welcher anführt, dass, wenn Krieg tatsächlich Sünde sei, „denen, die das Heil suchen, im Evangelium eher der Rat gegeben [werden müsste], die Waffen abzulegen und jeden Kriegsdienst zu verweigern.“18 Stattdessen steht im Lukasevangelium 3, 14 jedoch: „Verübt gegen niemanden Erpressung; seid zufrieden mit eurem Solde“.19 Daraus schließt Augustinus: „Denen so geboten wurde, sich mit dem eigenen Solde zufriedenzugeben, denen wurde nicht verboten, Kriegsdienst zu leisten.“20 Auf dieser Aussage baut Thomas nun seine eigene Argumentation auf und stellt drei Bedingungen, unter deren Voraussetzung ein Krieg erlaubt ist. Zuerst müsse ein Krieg von einem Fürsten autorisiert werden, „Denn es ist nicht Sache der Privatperson, einen Krieg zu veranlassen“.21 Das hat mehrere Gründe, denn eine Privatperson kann sowohl von einem „Gericht des Vorgesetzten“22 von ihrem Recht abgehalten werden, als auch nicht dafür verantwortlich gemacht werden, ein Heer zu stellen. Dem Fürsten dagegen obliegt es, die Ordnung in seinem Reich aufrecht zu erhalten, wozu nach Thomas auch die Verteidigung gegen „äußere Feinde“23 gehört. Als weitere Kondition verlangt er einen gerechten Grund, Krieg zu führen. Das bedeutet, dass nur jene in kriegerische Handlungen verwickelt werden dürfen, „die es einer Schuld wegen verdienen.“24 Auch hier bezieht er sich wieder auf Augustinus, der gerechte Kriege beschreibt als „solche, durch welche Unrecht geahndet wird“.25 Er präzisiert das, indem er Beispiele gibt, wann ein Unrecht geahndet werden muss, nämlich dann, wenn „ein Volk oder eine Stadt zu strafen ist, weil sie entweder versäumt haben, das zu ahnden, was von ihren Bürgern frevelhaft verübt wurde, oder versäumt haben, das zurückzugeben, was ungerechterweise geraubt wurde.“26 Als letzte Bedingung „wird verlangt, daß die Kriegführenden die rechte Absicht haben, nämlich entweder das Gute zu mehren oder das Böse zu meiden.“27 Solang der Krieg also im Endzweck dem Frieden dient, ist er laut Thomas rechtschaffen und erlaubt. Wenn der Krieg alle drei Bedingungen erfüllt, kann er keine Sünde sein. Von dieser Erkenntnis ausgehend, falsifiziert Thomas nun die vorab gegebenen Einwände. So gibt er an, dass der Mensch nur, wenn er aus eigenem Antrieb zur Waffe greift, bestraft werden kann, nicht aber wenn er „vom Fürsten oder Richter ermächtigt oder als öffentlicher Amtsträger aus Eifer für die Gerechtigkeit, gewissermaßen von Gott Selbst bevollmächtigt“28 in den Krieg zieht. In diesem Falle droht ihm keine Strafe, daher ist es auch keine Sünde. Den zweiten Einwand widerlegt Thomas, indem er wieder auf Augustinus eingeht. Dieser meint nämlich das Befolgen der göttlichen Gebote zeige sich in der Bereitschaft dazu und nicht in der Ausführung der Selbigen.29 Er gesteht dem Menschen jedoch zu, dass er, „um des Gemeinwohles willen und auch um das Wohles derer willen, mit denen man kämpft“30, manchmal anders handeln muss, als der Wille, die göttlichen Gebote zu befolgen, es zulässt. Mit dem Verweis auf seine dritte Bedingung, dass ein Krieg dem Frieden dienen muss, entkräftet Thomas auch den nächsten Einwand, denn wenn der Krieg als Ziel den Frieden hat, so ist er ein Mittel, einen tugendhaften Frieden zu erreichen und kann somit nicht Sünde sein.31 Wieder verweist der Theologe auf Augustinus: „Also solltest du auch im Kriege zum Frieden wirken, auf daß du diejenigen, die du bekämpfst, durch den Sieg zur Wohltat des Friedens führst.“32 Darin zeigt sich ein wichtiger Aspekt der Forderung Thomas`, ein Krieg müsse als Ziel den Frieden haben, nämlich, dass der Zustand nach dem Krieg für alle, auch für die Gegner, ein besserer ist als zuvor. Bei dem letzten Einwand ist Thomas gezwungen zu differenzieren. So gibt er zwar zu, dass bestimmte Kriegsübungen verboten sind, jedoch sind dies „nur die ungeordneten und gefährlichen Übungen, aus denen Tötungen und Plünderungen folgen“33, nicht aber das Kriegstraining im Allgemeinen. Da dies erlaubt ist, lässt sich aus den Vorbereitungen auf einen Krieg nicht ableiten, dass der Krieg an sich verboten ist. Damit schließt er seine Überlegungen, ob es einen erlaubten Krieg gibt oder ob Krieg zwangsläufig eine Sünde ist ab und widmet sich mit dem zweiten Kapitel der 40. Quaestio der Frage, welche Rolle dem Klerus dabei zuteilwird.

4.2. Ist es den Klerikern erlaubt Krieg zu führen?

Wie üblich beginnt Thomas damit, mögliche Einwände gegen seine Position zu erläutern. So schreibt er, dass „Kriege nur so weit erlaubt und gerecht [sind], als sie die Armen und den ganzen Staat vor den Anschlägen der Feinde schützen.“34 und bezieht sich damit auf den ersten Artikel. Weiterhin führt er aus, es sei vor allem Aufgabe der Kirche und deren Vertreter, ihre Gemeinde zu schützen.35 Daher muss es den Klerikern erlaubt sein zu kämpfen. Als Nächstes nimmt Thomas Bezug auf Papst Leo, der davon berichtet, wie er Bischöfen den Befehl gegeben habe, gegen die Sarazenen in den Kampf zu ziehen.36 Wenn der Stellvertreter Gottes auf Erden eine solche Anordnung gibt, kann es Bischöfen nicht untersagt sein, in den Krieg zu ziehen. „Etwas tun und dem Tun des anderen zustimmen scheint die selbe Bewandtnis zu haben“37, schreibt Thomas als dritten Einwand. Wenn es also Klerikern erlaubt ist, andere dazu zu bringen, in den Krieg zu ziehen, „ist es auch ihnen [den Bischöfen und Klerikern] selbst erlaubt zu kämpfen.“38 Der letzte Einwand beruft sich auf ein Dekret Gratians, in dem es heißt: „Wenn einer für die Wahrheit des Glaubens oder die Rettung des Vaterlandes und zur Verteidigung der Christenheit sein Leben läßt, wird er von Gott himmlischen Lohn erlangen.“39 Was aber für den normalen Bürger „ehrenhaft und verdienstlich ist, ist für die kirchlichen Vorgesetzten und die Kleriker nicht unerlaubt“40, ergo muss es ihnen gestattet sein, Krieg zu führen. Andererseits steht im Matthäusevangelium 26, 52 geschrieben: „Stecke dein Schwert in die Scheide.“41 Diese Worte sind „stellvertretend für die Bischöfe und Kleriker“42 an Petrus gerichtet. Demnach ist es Geistlichen untersagt zu kämpfen. Darauf fußt Thomas` eigene Antwort. Er beginnt damit, dass kriegerische und geistliche Aufgaben einander so gegensätzlich sind, dass sie nicht von ein und derselben Person erfüllt werden können. Das begründet er, indem er darauf verweist, dass kriegerische Handlungen den Geist in Aufruhr bringen und ihn so „sehr stark an der Beschauung der göttlichen Dinge und am Lobe Gottes und am Gebet für das Volk“43 hindern. Er vergleicht dies mit dem Handel, der Geistlichen ebenfalls aus Gründen der inneren Ruhe untersagt ist. Außerdem sollen Kleriker sich nicht damit beschäftigen, das Blut anderer zu vergießen, „sondern vielmehr [damit], bereit zu sein, das eigene Blut für Christus zu vergießen.“44 Im Folgenden entkräftet Thomas die möglichen Einwände gegen seine Position. Er bestätigt zwar, dass es Aufgabe eines Klerikers ist, seine Gemeinde zu schützen, dies darf jedoch nicht mittels irdischer Waffen, sondern nur auf geistiger Ebene geschehen. Um diese These zu stützen, zitiert er den Apostel aus dem zweiten Korintherbrief 10, 4: „Die Waffen, mit denen wir kämpfen, sind nicht fleischlich, sondern geistig“.45 Dazu zählen laut Thomas „heilsame Ermahnungen, innige Bitten und die Verhängung der Exkommunikation gegen die Unverbesserlichen.“46 Bei dem zweiten Einwand liegt laut Thomas ein ähnliches Problem vor. Es ist geistlichen Würdenträgern erlaubt, in den Krieg zu ziehen, wie es Papst Leo angeordnet hat, allerdings nicht um zu kämpfen, sondern um den Kämpfern „mit ihrem Zuspruch und ihrer Lossprechung, und was dergleichen geistige Hilfen mehr sind, beizustehen“.47 Dem dritten Einwand entgegnet Thomas, dass es Aufgabe der Kleriker sei, Kriege „im gläubigen Volke“48 auf das „geistige, göttliche Gut auszurichten“.49 „Deshalb steht es Klerikern zu, andere dazu vorzubereiten und zu bringen, gerechte Kriege zu führen.“50, ohne aber selbst daran teilnehmen zu müssen. Abschließend gibt Thomas zu, dass es verdienstvoll ist gerechte Kriege zu führen, fügt aber an, Kleriker seien für noch verdienstvollere Aufgaben bestimmt und dürften deswegen nicht in den Krieg ziehen. So beschließt er den zweiten Artikel der 40. Quaestio und erörtert nun, ob es im Krieg erlaubt ist, einen Hinterhalt zu planen.

4.3. Ist es den Kriegführenden erlaubt, sich eines Hinterhalts zu bedienen?

Als Erstes führt Thomas Deuteronomium 16, 20 an, wo es heißt: „Das was recht ist, sollst du in rechter weise ausführen.“51 Daraus folgt, dass ein Hinterhalt, „der doch irgendwie Betrug ist“52, also unrecht, in einem gerechten Krieg nicht erlaubt sein darf. Dies ist der erste mögliche Einwand, den Thomas anführt. Als nächstes führt er Augustinus an, nach dem man keinen Menschen belügen darf, und somit „auch dem Feinde gegenüber aufrichtig sein muß“53. Deswegen darf man den Feind auch im Krieg nicht in einen Hinterhalt locken. Einen weiteren möglichen Grund dafür sieht der Theologe in Mt 7, 12: „Was ihr wollt, das euch die Menschen tun, das sollt auch ihr ihnen tun.“54 Dies gilt auch für Feinde im Krieg. Da man nun selbst nicht Opfer eines Hinterhalts werden will, darf man auch im Krieg niemanden in einen locken. Allerdings, so Thomas, sagt Augustinus: „Wenn ein gerechter Krieg unternommen wird, spielt es für die Gerechtigkeit keine Rolle, ob einer offen kämpft oder aus dem Hinterhalt heraus.“55 Thomas antwortet nun auf die Frage, dass ein Hinterhalt nur dann untersagt ist, wenn „etwas Falsches gesagt oder ein Versprechen nicht gehalten wird.“56 Wird ein Plan jedoch nur verschwiegen, werden Gedanken nicht offenbart, so ist ein derartiger Hinterhalt erlaubt. Er begründet das, indem er auf die „heilige Lehre“57 verweist, in der ebenfalls viele Dinge geheim zu halten sind, „besonders vor Ungläubigen; damit sie darüber nicht spotten.“58 So steht in Mt 7, 6 geschrieben: „Gebet das Heilige nicht den Hunden preis.“59 Eine solche Art des Hinterhalt nennt man „nicht Betrug; noch widerstreitet sie der Gerechtigkeit noch dem geordneten Willen.“60 Demnach ist es im Krieg erlaubt, sich eines Hinterhalts zu bedienen. Aufgrund dieser Antwort erübrigen sich vorherige Einwände, weshalb Thomas darauf verzichtet, sie einzeln zu widerlegen. Stattdessen beschäftigt er sich im vierten Artikel mit der Frage, ob es erlaubt ist, an Feiertagen Krieg zu führen. Damit schließt er seine Überlegungen zum Krieg ab.

[...]


1 Faber, Marc: Die Realität des Krieges (11.08.2003), online im WWW unter URL: http://www.new-sense.net/wirtschaft/artikel/faber110403.htm [Stand: 28.09.2011].

2 Vgl. Der Brockhaus Philosophie, 2009 S. 423.

3 Vgl. ebd.

4 Vgl. Thomas von Aquin: Die Liebe, Summa theologica, Buch II–II, Questiones 23–44 S. 82-96.

5 Schubert, Klaus/Klein, Martina: Das Politiklexikon. 4., aktual. Aufl. Bonn: Dietz 2006. S. 178.

6 ebd.

7 ebd.

8 ebd.

9 ebd.

10 ebd.

11 ebd.

12 URL: http://hiik.de/de/methodik/methodik_ab_2003.html [Stand: 20.09.2011].

13 Thomas von Aquin: Die Liebe, Summa theologica, Buch II–II, Questiones 23–44 S. 82.

14 ebd.

15 ebd.

16 ebd. S. 83

17 ebd.

18 ebd.

19 ebd.

20 ebd.

21 ebd.

22 ebd. S. 84

23 ebd.

24 ebd.

25 ebd.

26 ebd. S. 84f

27 ebd. S. 85

28 ebd. S. 86

29 Vgl. ebd.

30 ebd.

31 Vgl. ebd. S. 87

32 ebd.

33 ebd.

34 ebd. S. 87f

35 Vgl. ebd. S. 88

36 Vgl. ebd.

37 ebd.

38 ebd. S. 89

39 ebd.

40 ebd.

41 ebd.

42 ebd.

43 ebd. S. 90

44 ebd.

45 ebd. S. 91

46 ebd.

47 ebd.

48 ebd. S. 92

49 ebd.

50 ebd.

51 ebd.

52 ebd. S. 92f

53 ebd. S. 93

54 ebd.

55 ebd.

56 ebd. S. 94

57 ebd.

58 ebd.

59 ebd.

60 ebd.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Zu: Thomas von Aquin - "Summa theologica"
Untertitel
Über den Krieg
Hochschule
Universität Leipzig
Note
1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
13
Katalognummer
V190227
ISBN (eBook)
9783656146360
ISBN (Buch)
9783656146827
Dateigröße
463 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Thoms von Aquin, Summa, Liebe, Krieg, Philosophie
Arbeit zitieren
Jörn Stanko (Autor), 2011, Zu: Thomas von Aquin - "Summa theologica", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/190227

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