Form und Funktion von redebegleitenden Gesten in technisch vermittelter Kommunikation

Ein Vergleich zum Gestenvorkommen in face-to-face Kommunikation


Hausarbeit (Hauptseminar), 2011
52 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I Einleitung

II Analytisches Rüstzeug
II.1 Notationskonventionen für Gesten
II.2 Kategorisierungen

III Auswertung und Ergebnisse des Datenmaterials
III.1 Qualitative Merkmale der Gesten während des Telefonates
III.2 Variationsmöglichkeiten für den ausgestreckten Zeigefinger
III.3 Linguistische Eigenschaft von Gesten: Textur

IV Diskussion

V Ausblick

Literatur

Anhang:

Anhang I: Transkription und Annotation des Telefongesprächs

Anhang II : Transkription und Annotation des Dialogs

Anhang III: Analyseraster des Telefongesprächs

Anhang IV: Analyseraster des Dialogs

I Einleitung

Redebegleitende Gesten erfüllen in der Kommunikation unterschiedliche Zwe>Erkenntnisinteresse. Weil redebegleitende Gesten oftmals in einem face-to-face Gespräch aufkommen, könnte man meinen, dass sie primär ausgeführt werden, um die Verständnisleistung des Adressaten zu unterstützen. In der Tat wird bei der Interpretation von Gesten oft die Perspektive des Rezipienten eingenommen, um ihre Funktion zu deuten. Methodologisch wird so automatisch der Adressatenbezug der Gesten in die Ergebnisse eingeschleust. Das Ziel dieser Untersuchung ist es, Form und Funktion von Gesten zu untersuchen, die in einer Situation produziert werden, in der es keinen unmittelbar-visuellen Adressatenbezug gibt. Diese Gesten können nicht produziert worden sein, um dem Rezipienten das Verstehen zu erleichtern, weil der Sprecher sich der Abwesenheit seines Gesprächspartners vollkommen bewusst ist. Die Untersuchung ermöglicht damit einen Einblick in die Funktionsleistung von Gesten für den Sprecher selber. Es kann untersucht werden, ob bestimmte Gestentypen in technisch vermittelter und face-to-face Kommunikation bevorzugt werden, ob die Einschränkung beim Telefonat auf nur einen Artikulator (Hand, Arm, Finger) die Gestenproduktion einschränkt, ob die Produktion von bildhaften Gesten wirklich primär von der Anwesenheit des Adressaten abhängt und wie sich die An- bzw. Abwesenheit des Adressaten auf die Produktion interaktiver Gesten auswirkt (Bavelas et. al. 1995: 398).

Versuchssetting & Datenmaterial. An der Datenerhebung nahmen insgesamt drei Teilnehmerinnen und ein Teilnehmer teil:

- 2 deutsche Muttersprachlerinnen, 25 Jahre
- 1 polnische Muttersprachlerin aus Oberschlesien, seit 20 Jahren in Deutschland, 51 Jahre
- 1 deutscher Muttersprachler, 50 Jahre

Ein drei minütiger Tom & Jerry Zeichentrickfilm wurde ausgewählt, um die Gestenproduktion zu motivieren. Das Untersuchungsthema, der Ablauf und Aufbau des Versuches wurde vor den Aufnahmen erklärt und bewilligt. Nachdem der Trickfilm ein erstes Mal geschaut wurde, riefen die TeilnehmerInnen eine beliebige Person mit ihrem Mobiltelefon an und erzählten ihr die Handlung des Trickfilms. Während der Videoaufnahme war niemand im Raum und im Blickfeld des Sprechers. Der Versuchsleiter wurde vom Teilnehmer nach Beendigung des Telefonats wieder in den Raum gebeten. Anschließend wurde der Trickfilm ein zweites Mal gezeigt und nun dem Versuchsleiter erzählt. Beide Gesprächsmodi sind eher Monologe als Dialoge: Weder die Gesprächspartner am Telefon noch der Versuchsleiter in der face-to-face Kommunikation unterbrachen die/den TeilnehmerInnen durch Rückfragen oder dergleichen.

Nach einer ersten Sichtung der Daten wurden für diese Untersuchung die Aufnahmen einer Probandin ausgewählt, die in beiden Gesprächsmodi ausgiebig gestikulierte. Nur Gesten der Arme und Hände wurden zur Untersuchung herangezogen. Mimik, Kopf- und Oberkörperbewegungen wurden nicht miteinbezogen. In einer größeren Studie müssten auch die anderen Aufnahmen berücksichtigt und ggf. als Erweiterung/Korrektur der hier entwickelten Erkenntnisse herangezogen werden.

II Analytisches Rüstzeug

Transkription und Annotation. Die Aufarbeitung des Datenmaterials umfasst folgende Schritte, die hier nur kurz umrissen werden. Das Thema der Rede wird in doppelten runden Klammern der Transkription vorangestellt. Die transkribierte Rede wird zeilenweise in Betonungseinheiten eingeteilt. In der folgenden Zeile fortgesetzte Betonungseinheiten werden mit einem Komma (,) gekennzeichnet. Der steigende (/) und der fallende (\) Querstrich repräsentieren steigende und fallende Betonung in einer Betonungseinheit, während der Unterstrich ( _ ) gleichbleibende Betonung anzeigt. Es wird unterschieden zwischen kurzen Pausen mittleren Pausen (...) und längeren Pausen. Für längere Pausen werden die Sekunden ziffernweise zwischen Bindestrichen aufgezählt: (1-2-3). Gestenphasen können so einzelnen Sekunden zugeordnet werden. Gelächtersilben werden mit @ und lautlich gefüllte Pausen mit einer Transkription des Lautwertes in runden Klammern angegeben: (ehm). Betonte Silben und Wörter werden kursiv gesetzt, vorangehende Silben, die betont werden, werden von der nachfolgenden Silbe mit einem Gleichheitszeichen (=) getrennt (Mittelberg 2007:233,234). Um den synchronen Verlauf von Gesten und Rede darzustellen, werden die Gestenphasen in typographische Repräsentationen übersetzt und mit den Gestenparamtern (siehe folgenden Abschnitt) dem betreffenden Redeteil untergeordnet:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die mit dem stroke zusammenfallende linguistische Einheit wird in der Transkription fett gedruckt und mit Gn (n= fortlaufende Zählung der Gesten) überschrieben. Ein kompletter Verlauf von der preparation bis zur recovery wird gesture unit (g-unit) genannt und kann mehrere strokes beinhalten (Mittelberg 2007: 236). Ein Beispiel für eine vollständige Annotation und Transkription wird am Ende des folgenden Abschnittes gegeben.

II.1 Notationskonventionen für Gesten: Handform, Orientierung der Handflächen, Bewegung und Ort im Gestenraum

Das Gestenmaterial wird nach dem Notationssystem von Jana Bressem (2008) beschrieben. Die vier einzelnen Formparameter umfassen die Beschreibung der Handkonfiguration, die Orientierung der Handfläche, Angaben zur Bewegung und die Lokalisation im Gestenraum.

Die Handkonfiguration setzt sich zusammen aus der Notation der involvierten Hände, ihrer Handform, der beteiligten Finger und der Form der Finger. Von Bressems Notationssystem abweichend wird nach dem Vermerk der agierenden Hände ihre Position zueinander näher spezifiziert und in eckige Klammern gesetzt (siehe Beispiel-Notation).

Die Orientierung der Handfläche gibt die Ausrichtung nach oben, unten, lateral, vertikal oder diagonal wie auch ihre Position im Gestenraum aus der Perspektive des Sprechers wieder. Wenn es nötig ist, wird anschließend die Orientierung der Finger bestimmt.

Die Bewegungsparameter bezeichnen die Körperteile, die die Bewegung ausführen, die Form und die Richtung der Bewegung. Gegebenenfalls wird die Bewegung in Bezug auf Größe, Geschwindigkeit und Bewegungsfluss spezifiziert.

Die Lokalisation der Geste im zweidimensionalen Gestenraum mit Benennung des Raumquadranten schließt die Beschreibung der Geste ab. Damit der Ortswechsel in der Bewegung besser nachvollzogen werden kann, werden zusätzlich Ursprungs- und Endort mit einem Pfeil notiert.

Das folgende Beispiel fasst die Transkriptions- und Annotationskonventionen zusammen (s. Abb.1): Die Teilnehmerin erzählt, dass Tom, der zuvor an den Leitstab einer Feuerwerksrakete gebunden wurde, in den Himmel fliegt und dort explodiert. Die Hände werden übereinander gehalten [crossed] und beschreiben dann in einer Bewegung der Unterarme jeweils einen nach außen gerichteten Halbkreis. Die nach oben gerichteten Handflächen verweilen einen kurzen Moment im oberen Gestenraum, bevor sie in ihre Ausgangsposition (zusammengefaltet im Schoß liegend) zurückgeführt werden. Da Position und Orientierung der Hände nach dem stroke im post stroke hold verändert wurden, wird für diese Gestenphase eine gesonderte Beschreibung angefügt. Der Abbildungstitel gibt an, in welchem Anhand detailliertere Angaben zur jeweiligen Geste nachgeschlagen werden können und beinhaltet eine Kurznotation.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1 : Anhang II, G20: bh, [crossed], lax flat hand, PDdiTB, lower periphery [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] periphery ((Tom ist in den Himmel geflogen und dort explodiert))

(...) und so ist der tom in den himmel geflogen und dort explodiert. 1

G20: bH, [crossed,(linke Hand über der rechten)], lax flat hands, PDdiTB, fingers down [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] PLTC, fingers away center;

forearms and wrist of the hands, spiral movement up along the vertical axis, raising wrist from away from body to towards body (1x), enlarged, lower periphery ^ periphery

II.2 Kategorisierungen: Darstellungsfunktion, Darstellungsweise (Müller) und Gestentypen (McNeill)

Zur Interpretation der Gesten wurden Müllers Begriffe der Darstellungsfunktion und Darstellungsweise und McNeills Gestentypen herangezogen. Müller unterscheidet bezüglich der Darstellungsfunktion referentielle Gesten, die Konkretes und Abstraktes sowohl ikonisch, als auch metaphorisch abbilden können (Müller 1998:110), performative Gesten, die gestisch vollzogene Sprechhandlungen wie Abwägen, Abwehren, Präsentieren und Zurückweisen umfassen (Müller 1998:111), und diskursive Gesten, die die sprachliche Äußerung wie McNeills beats strukturieren und akzentuieren (Müller 1998:112).

In die Auswertung fließen auch die von ihr beschriebenen Darstellungsweisen von Gesten ein: Wie im Einleitungstext erwähnt, können die Artikulatoren Bedeutung ausdrücken, indem sie agieren, also sich selbst in einem Handlungsvollzug imitieren (Müller 1998:115), indem sie ein Objekt modellieren, also „so tun, als ob“ sie einen Gegenstand berühren oder abtasten (Müller 1998:117), indem sie zeichnen, also ein zweidimensionales Bild aus flüchtigen Spuren in der Luft hinterlassen (Müller 1998:118), und indem sie repräsentieren, also Faust/Handfläche/Finger für Objekte als Ganzes (Gebäude, Standorte, Personen) stehen (Müller 1998:119).

Wir werden diese Begriffe in den folgenden Beispielen benutzen, um McNeills Gestentypen zu beschreiben. Er unterscheidet sechs Gestentypen:

Ikonische Gesten bilden die Inhalte (Gegenstände, Handlungen) des Gesagten aus einer bestimmten Perspektive ab und teilen gestisch bildhafte Formelemente des Redegegenstades mit (McNeill 1992:12):
((Tom baut einen Papierflieger))

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

G2

(..) baut zum beispiel einen papierflieger, /

~~i I

Die Sprecherin erzählt in Abb. 2, dass Tom einen Papierflieger baut, ihn mit einem Feuerwerksknaller bestückt und diesen in Jerrys Mausehöhle fliegen lässt. Während dieser g-unit führt sie mehrere strokes aus, die jeweils an den post stroke hold der vorangehenden Geste anschließen. Sie hebt den rechten Unterarm, spreizt die Finger und bewegt ihre Hand dann vor ihre Brust. Es entsteht der Eindruck, dass die Hand das Papierflugzeug repräsentiert und dass das movement die Flugbahn des Flugzeuges darstellt. Die Ikonizität der Geste liegt in der abstrahierten bildlichen Darstellung des Redegegenstandes. Die Geste denotiert den Papierflieger aus der Rede und nimmt daher eine referentielle Funktion ein.

Metaphorische Gesten bilden Abstrakta ab und haben wie ikonische Gesten einen starken Bezug zum Redeinhalt (McNeill 1992: 14):

((Danach einen Feuerwerkskörper hinter Tom stellen))

G8

(...) der jerry hat dann (..) da-nach /

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

An dieser Stelle klärt die Sprecherin das Zeitverhältnis zweier Erzählinhalte: Auch hier bezieht sich die Geste referentiell auf den Redegegenstand. Sie hebt ihren Arm und benutzt den Zeigefinger wie einen Stift und zeichnet ein flüchtiges Schema aus zwei Linien (s. Abb. 3). Der Bogen nach rechts fällt mit dem Ausdruck „hat dann“ zusammen und markiert den rechten Raum metaphorisch als zukünftiges Geschehen, das im Folgenden erzählt wird. Sie verweilt kurz in dieser Position, um anschließend die zeitlichen Verhältnisse mit einem zweiten Adverb und einer weiteren Linie zu verdeutlichen: Der zweite Bogen verläuft nach links und verläuft unterhalb der ersten Linie. Die Geste setzt zeichnerisch den Inhalt von „danach“ um, indem sie verdeutlicht, dass das noch zu Erzählende zukünftig zu einem bereits dargelegten Inhalt ist: Nachdem ein Knallkörper hinter Tom explodiert ist, bereitet Jerry seine nächste Aktion vor. Das flüchtige Schema repräsentiert wie auf einem Zeitstrahl die beiden in der Rede gebrauchten Adverbien und ihre zeitliche Konnotation: Die Bewegung nach rechts vorne steht für das Voranschreiten der Zeit, ein additiver Vorgang, der mit „dann“ ausgedrückt wird. Die Bewegung wieder zurück nach links zeigt auf etwas in der Vergangenheit passiertes und bereits mitgeteiltes (da-nach), auf das nun ein aktuelles Ereignis folgt (da-nach). Die Metaphorizität liegt damit in der gestischen Umsetzung der Zeitverhältisse: Raum = Zeit. Der Gestenraum wird durch das flüchtige Schema zum Koordinatensystem, in dem der rechte Quadrant und die Bewegung nach rechts für das Zukünftige und der linke Quadrant und die Bewegung nach links für das Vergangene steht. Diese Geste hat zudem auch deiktische Komponenten, weil der Finger auf die Punkte des flüchtigen Zeitschemas zeigt und gleichzeitig mit den Bewegungsvektoren nach vorne und zurück die Zeitverhältnisse angibt.

Deiktische Gesten zeigen auf Konkreta oder Abstrakta und teilen (mentalen) Objekten eine (virtuelle) Position zu (McNeill 1992:18):

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

((Böller wird hinter Tom gestellt))

G11

(..) der jerry stellt danach noch nen böller hinter den tom, / — I I I II

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Während die Sprecherin erzählt, auf welche Weise Tom und Jerry sich begkriegen, greift sie mehrfach auf räumliche Zuordnung der Figuren zurück. Abb. 4 zeigt, dass sich Tom in diesem Schema links aus Sicht der Sprecherin befindet. Während sie erzählt, dass Jerry einen Knallkörper hinter Tom stellt, vollzieht sie die deiktische Geste synchron mit dem Wort „hinter“ und zeigt nach links. Die Darstellungsfunktion ist wegen dem Bezug zum Redeinhalt referentiell. Die Sprecherin vollzieht mit dieser Geste die Handlung aus der Erzählung nach, indem sie Toms Position im virtuellen Raum rekapituliert und sie in Bezug setzt zum virtuellen Standort des Knallkörpers. Der zeigende Finger kann mit Müller zur Darstellungsweise der agierenden Hand gezählt werden.

Taktstockgesten (beats) sind meist kurze Auf- und Abbewegungen der Arti ku lato re n, die die Rede rhythmisieren und strukturieren (McNeill 1992:16):

((Tom fängt Jerry))

(...) bis der tom den jerry irgendwann gefangen hat,

In einer längeren Aufzählung von Ereignissen tippt die Sprecherin mit dem ausgestreckten Zeigefinger mehrfach auf ihren Oberschenkel und akzentuiert damit die mit dieser Geste zusammenfallenden Redeinhalte (s. Abb. 5). Der ausgestreckte Zeigefinger verweilt am Oberschenkel, bis der nächste Betonte Inhalt erwähnt wird und tippt dann in einer kurzen Auf- und Abbewegung auf den Oberschenkel. Die Sprecherin „hakt“ sozusagen rhythmisch jede erzählte Station der Handlung ab. Die Strukturierungseigenschaft der beats zeichnet ihre diskursive Funktion aus.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Kohäsionsgesten (catchment) verbinden durch ihre

Wiederholung (Formparameter bleiben gleich) zeitliche getrennte Redeteile miteinander und können ikonisch, metaphorisch oder deiktisch sein (McNeill 1992:17):

((Der Böller wird immer kleiner))

G14

und immer kleiner und kleiner und kleiner wurde /

Die Geste gehört zu einer g-unit mit mehreren strokes. Während der vorherigen g-phase krümmt die Sprecherin nach einem post stroke hold Daumen und Zeigefinger und tut so, als halte sie dazwischen ein Objekt fest (externe Metonymie). Indem sie die Fingerposition beibehält und ihre Hand in den unteren Gestenbereich bewegt, referiert die Geste auf den kleiner werdenden Knallkörper (s. Abb. 6). Die Geste setzt den Raum zwischen den Fingern mit dem konkreten Gegenstand aus der Rede gleich und ist daher ikonisch. Mit Beendigung der Abwärtsbewegung löst die Sprecherin die Fingerkombination kurz auf, führt ihre Hand zurück in den oberen Gestenraum und krümmt ihre Finger erneut, während sie weitererzählt:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

((Der Böller explodiert in Toms Hand))

G15

bis der klei=ne (..) dann in toms hand ex-plodiert ist \

Die Handkonfiguration wird in der Fortsetzung der Erzählung aufgegriffen, um zu verdeutlichen, dass derselbe Knallkörper, der sich beim ersten Mal imaginär zwischen den Finger befand, jetzt in Toms Pfote explodiert.

Auch an dieser Stelle greift die Sprecherin auf ein räumliches Schema zurück, um auszudrücken, dass Tom, der links von ihr ist, den Knallkörper hält (s. Abb. 7).

Das catchment liegt in der wiederholten Verwendung einer bereits eingeführten Geste, die sich auf denselben Redeinhalt bezieht, und dadurch zeitlich getrennte Redeteile miteinanderverbindet. Kohäsionswirkungen von Gesten verdeutlichen die Möglichkeit von Mikrokonventionen in der gestischen Darstellungsweise.

Emblematische Gesten haben eine konventionelle Form und eine kodifizierte Bedeutung

(McNeill 2005:12):

Emblematische Gesten haben

(..)will ihm also tut der jerry so als ob er ihm helfen möchte,/

iw IV I I _ _ _ _ I

Die „Gänsefüschen-Geste“ aus Abb. 8 bezieht sich auf die Anführungszeichen aus dem Schriftsystem, greift also eine Konvention des Schriftzeicheninventars auf. Sie haben in

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb 8-Anhang I G20-rh 2+3 Stretched, PVAB, 2+3 bending (2x), upper right periphery [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] extreme right periphery

diesem Beispiel die Funktion, den Ausdruck „tut so, als ob“ gestisch mitzuteilen. Die Anführungszeichen konnotieren den uneigentlichen Wortgebrauch des Verbs „helfen“ und greifen damit Jerrys Vorspiegelung falscher Intentionen aus der Erzählung auf. Mithilfe dieser Begriffe wurde das Gestenmaterial in einem Analyseraster interpretiert und in Kategorien zusammengefasst. Hierbei erfolgte die Interpretation von Metaphorizität nach dem Prinzip Jacobsonscher Kontinguitätsbeziehungen, die im Zweischritt von Mittelberg „Metonymie zuerst, dann Metapher“ aufgeschlüsselt wurden (Mittelberg 2010: 112-143). Die Gestenkataloge können im Anhang eingesehen werden. Wir stellen nun unsere Ergebnisse aus dem statistischen und form-funktionalen Vergleich der beiden Kommunikationsmodi (Telefonat / face-to-face Kommunikation) vor.

III Auswertung und Ergebnisse des Datenmaterials

Der statistische Vergleich zeigt, dass die Einschränkung auf eine Hand und die Abwesenheit des Gesprächspartners die Gestenproduktion beim Telefonat nicht wesentlich reduziert (20 zu 23 Gesten). Es fällt auch auf, dass in beiden Kommunikationsmodi sämtliche Gestentypen vorkommen (vgl. Tabelle 1,2).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: Gestenkatalog, Telefonat

Die favorisierte Gestenform ist der ausgestreckte Zeigefinger (83%). 44% der Gesten sind beats. Die Abwesenheit eines Adressaten beeinflusste die Produktion von bildhaften Gesten in diesem Fall nicht.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 2: Gestenkatalog, face-to-face Kommunikation

Auch in der face-to-face Kommunikation ist die favorisierte Handkonfiguration der ausgestreckte Zeigefinger. Er wurde in 50% der gesamten Gestikulation verwendet. Insgesamt nahmen beats 40% des Gesamtgestenvorkommens ein, wobei der Zeigefinger nur in 25% der Fälle für beats benutzt wurde. 55% der Gesten wurden beidhändig ausgeführt.

Man kann auf den ersten Blick von einer Beeinträchtigung der Gestenproduktion beim Telefonat sprechen, insofern kaum eine mit der im Gespräch vergleichbare Variation der Handformen vorliegt: Der gestreckte Zeigefinger dominiert mit 83% deutlich das Gestenrepertoire während des Telefongesprächs. Das muss in diesem Fall nicht verwundern, da der Zeigefinger anscheinend zu einer individuellen Vorliebe der Sprecherin zählt, was die Statistik der face-to-face Kommunikation belegt (50% Auftreten). Zu bemerken ist aber, dass sobald beide Hände verfügbar sind, diese Ressourcen auch möglichst oft genutzt werden: 55% der Gesten werden im Gespräch beidhändig ausgeführt.

Bei der Analyse wurden keine Gesten identifiziert, die interaktive Funktionen nach Bavelas (Verweis auf den Adressaten, Zitation, Aufforderung) erfüllten. Dennoch interpretieren wir die beobachteten Gesten während der face-to-face Kommunikation als intentional dialogisch, also an den Adressaten gerichtet, auch wenn das nicht ihre einzige Funktion ist. Werden die diagnostizierten Gestentypen und -funktionen als Kriterium für eine vom Sprecher als interaktiv-sozial empfundene Kommunikationssituation festgelegt (da keine expliziten interactive gestures vorhanden sind), so ist auch das Telefonat als eine solche Gesprächssituation zu bezeichnen. Wie kann aber ein Telefonat, in dem der Gesprächspartner nicht gesehen wird, als interaktiv und sozial gesehen werden? Ein Erklärungsansatz bietet die „gefühlte“, also mental vorgestellte Gesprächssituation des Sprechers: Während er telefoniert, kann sich der Sprecher vorstellen, dass er sich von Angesicht zu Angesicht mit dem Zuhörer unterhält. Die Gesten könnte man dann als Rudimente bezeichnen, die während technisch vermittelter Kommunikation auf die „natürliche“ Kommunikationssituation des Menschen verweisen, die er in solchen Situationen imaginiert. Kurzum: Gesten während eines Telefonates können darauf hinweisen, dass der Sprecher sich mental eigentlich in einem face-to-face Gespräch befindet.

III.1 Qualitative Merkmale der Gesten während des Telefonates: Multifunktionalität, Vagheit, Verbalisierungshilfe

Neben den quantitativen Auswirkungen wird nun der qualitative Einfluss der Kommunikationsbedingungen beim Telefonat auf die Gestenformen und -funktionen im Vergleich zum Gespräch betrachtet:

Die fehlende Variation der Gestenform wirkt sich aber nicht zwangsläufig auf die Gestentypen und ihre Fähigkeit Bedeutung zu erzeugen aus.

[...]

Ende der Leseprobe aus 52 Seiten

Details

Titel
Form und Funktion von redebegleitenden Gesten in technisch vermittelter Kommunikation
Untertitel
Ein Vergleich zum Gestenvorkommen in face-to-face Kommunikation
Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen  (Institut für Sprach- und Kommunikationswissenschaft der RWTH Aachen Lehrstuhl für Deutsche Philologie und Germanistisches Institut)
Veranstaltung
Gestenanalyse: Theoretische und empirische Ansätze
Note
1,0
Autoren
Jahr
2011
Seiten
52
Katalognummer
V190250
ISBN (eBook)
9783656147800
ISBN (Buch)
9783656148128
Dateigröße
4262 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gestenanalyse, Multimodalität, Cornelia Müller, David McNeill, technische Kommunikation, redebegleitende Gesten, co-speech gestures, Handgesten
Arbeit zitieren
Lukas Sobek (Autor)Claudia Strehlow (Autor), 2011, Form und Funktion von redebegleitenden Gesten in technisch vermittelter Kommunikation, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/190250

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