Analytisches Erstinterview nach Argelander


Hausarbeit, 2001

11 Seiten, Note: 1


Leseprobe

1. Einleitung

Nicht jeder Analytiker kann mit jedem Patienten erfolgversprechend arbeiten, auch ist nicht jeder für eine Analyse geeignet. Es muss also eine Auswahl getroffen werden – mit dem psychoanalytischen Erstinterview.

Das Erstinterview informiert den Analytiker z.B. über Persönlichkeitsbeschwerden, Symptome und biographische Fakten, in erster Linie jedoch sind die subjektive und vor allem die szenische Bedeutung von Interesse. (Mertens 2000).

Wegweisend für eine Neuorientierung im psychoanalytischen Erstinterview waren Arbeiten von Gill, Newman und Redlich (1954). Sie stellten eine starke Veränderung in der bisherigen Interviewtechnik fest: weniger Fakten sammeln, mehr Auswertungen interpersonaler Beziehungen vornehmen (ebd., S. 50).

Auch Balint (1961) und Argelander (1966, 1967, 1970) beschrieben in ihren Arbeiten die Situation der ersten Arzt-Patienten-Begegnung als eine besondere Situation, in der das Interaktions-Erleben eine Schlüsselfunktion für das Verstehen unbewusster Konflikte des Patienten haben kann (Mertens 2000).

In seinem Buch „Das Erstinterview in der Psychotherapie“ macht Argelander (1970) deutlich, wie gerade in diesem Erstgespräch die Kompetenz des Analytikers gefordert ist, der in kürzester Zeit die unbewussten Konflikte des Patienten erfassen muß.

Er muß also unbewusste aktuelle Beziehungssituationen erfassen und diese ggf. schon im Erstgespräch deuten. Dabei ist er ganz auf sich gestellt: er kann sich weder beraten, noch kann er Testverfahren hinzuziehen oder Reflexionen außerhalb der Situation anstellen (Laimböck 2000).

Das psychoanalytische Erstinterview stellt neben der psychologischen Testuntersuchung das einzige diagnostische Verfahren dar, mit dessen Hilfe die Indikation für eine Psychotherapie gestellt, die Wahl einer spezifischen Behandlungsmethode getroffen und die Prognose abgeschätzt wird (Argelander 1970).

2. Historischer Überblick

Vorläufer des psychoanalytischen Erstinterviews existierten schon in den fünfziger Jahren, z.B. in den Konzepten des „psychiatrischen Interviews“ von Sullivan (1953) und des „Erstinterviews in der psychiatrischen Praxis“ von Gill et al. (1954) in den USA; oder auch bei Balint und Balint (1961), die das „diagnostische Interview“ entwickelten, das bereits das Ineinandergreifen von Übertragung und Gegenübertragung berücksichtigte.

Als erste umfassende und überzeugende Fundierung können Argelanders Beiträge (1966, 1970) zur Konzeptualisierung betrachtet werden.

Freud hat –nach Argelander (1978)- bereits bei der Darstellung seines Gesprächs mit dem Bauernmädchen „Katharina“ (1895) den unbewussten szenischen Sinn als wichtig erachtet.

Und in Zusammenarbeit mit dem Fall „Dora“ stellt Freud (1905 d) fest, dass die Lücken und Unbeständigkeiten in den Erzählungen der Patienten große Aufmerksamkeit verdienen: „..Ich beginne dann zwar die Behandlung mit der Aufforderung, mir die ganze Krankengeschichte zu erzählen, aber was ich darauf zu hören bekomme, ist zur Orientierung noch immer nicht genügend...Sie können zwar über diese oder jene Lebenszeit den Arzt ausreichend und zusammenhängend informieren, dann folgt aber eine andere Periode, in der ihre Auskünfte seicht werden, Lücken und Rätsel lassen, und ein andermal steht man wieder vor ganz dunklen, durch keine brauchbare Mitteilung erhellten Zeiten.“ (Freud, 1905 d, S. 173).

Nach Freud lassen sich diese Lücken und auch Widerstände darauf zurückführen, dass Patienten zum einen Erinnerungen bewusst zurück halten, zum anderen wirkliche Amnesien und Erinnerungstäuschungen aufweisen.

Eine Probeanalyse von ein bis zwei Wochen Dauer empfiehlt Freud (1913 e) in „Zur Einleitung der Behandlung“: „Bricht man innerhalb dieser Zeit ab, so erspart man dem Kranken den peinlichen Eindruck eines verunglückten Heilungsversuches. Man hat eben nur eine Sondierung vorgenommen, um den Fall kennen zu lernen und um zu entscheiden, ob er für die Analyse geeignet ist“ (Freud 1913 e, S. 455).

Stekel (1938) folgte den Optionen Freuds im psychoanalytischen Erstinterview, indem er eine „Versuchswoche“ mit seinen Patienten vereinbarte.

Die „Associative Anamnesis“, eine kennzeichnende Interviewtechnik, wurde von Deutsch (1939, 1954, 1955) entwickelt. Hierbei war es schon von Bedeutung, dass sich der Analytiker passiv und zuhörend verhalten hat, um dem Patienten Gelegenheit zur inneren Konfliktentfaltung zu geben.

Gill, Newman und Redlich (1954) konzipierten dann das Erstgespräch als abgetrennte, eigenständige Untersuchungseinheit, bei welcher der Psychoanalytiker ein in die Interaktion einbezogener Teilnehmer ist. Für sie stand fest, dass das zentrale Thema des Interviews die Beziehung zwischen Patient und Analytiker wird.

Der bisher überzeugendste Versuch jedoch, die Erkenntnismöglichkeiten des Erstgesprächs zu betrachten, ist die Arbeit von Argelander Ende der sechziger Jahre (s.o.).

[...]

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Analytisches Erstinterview nach Argelander
Hochschule
Universität Bremen  (FB Psychologie)
Veranstaltung
Klinische Psychologie
Note
1
Autor
Jahr
2001
Seiten
11
Katalognummer
V1903
ISBN (eBook)
9783638111683
Dateigröße
482 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Analytisches, Erstinterview, Argelander, Klinische, Psychologie
Arbeit zitieren
Kerstin Schulte (Autor), 2001, Analytisches Erstinterview nach Argelander, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1903

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