Wachsende Mobilität, Zunahme der erwerbstätigen Frauen bei gleichzeitig abnehmenden Unterstützungsstrukturen der traditionellen Großfamilie, die stärkere Betonung des vorschulischen Bildungsauftrages (vgl. Stöbe-Blossey 2010: 9-10) und nicht zu vergessen, die Umsetzung des Artikels 24 der UN-Konventionen über die Rechte der Menschen mit Behinderung auf ein inklusives Bildungssystem, haben dafür gesorgt, dass sich die Kindertagesbetreuung in einem umfangreichen Wandel befindet. Die Veränderungen der Strukturen und Organisationsformen sowie der pädagogischen Arbeit in der Kindertagesbetreuung führen zu veränderten Rahmenbedingungen der freiberuflichen nichtärztlichen Heilmittelerbringer, deren Patientenstamm, je nach Spezialisierung, zu rund 60% aus Vorschulkindern besteht (vgl. Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenkassen 2011). Aufgrund dieser veränderten Rahmenbedingungen kommt es in den Einrichtungen der Freiberufler u. a. zu gestörten Ablaufprozessen sowie zu inneren Konflikten der Praxisinhaber und Mitarbeiter zwischen Sachzwang und Fachkompetenz.
In dieser Arbeit soll, am Beispiel einer logopädischen Praxis und der Kindertagesbetreuung, die enge Verbindung zwischen dem Gesundheitssystem und dem Sozialsystem herausgearbeitet und die Notwendigkeit der systemübergreifenden Betrachtungsweise zur Auftragserfüllung verdeutlicht werden. Hierzu sollen zunächst die Veränderungen der Kindertagesbetreuung konkretisiert und die dadurch veränderten Rahmenbedingungen der freiberuflichen Heilmittelerbringer dargestellt werden. Geprüft werden soll, ob eine Kooperation zwischen den Einrichtungen der Kindertagesbetreuung und den freiberuflichen nichtärztlichen Heilmittelerbringern eine anzustrebende Strategie ist, die systemübergreifend zu einer guten „Versorgung“ der gemeinsamen Patienten/Klienten und letztendlich auch zur Sicherung der Freiberufler am Gesundheitsmarkt beiträgt.
Inhaltsverzeichnis
1 Aufbau und Ziele der Arbeit
2 Soziale Sicherung in Deutschland – Ein Überblick
3 Die freiberuflichen nichtärztlichen Heilmittelerbringer im deutschen Gesundheitswesen als ein Teil des Gesundheitssystems
3.1 Aufgaben der freiberuflichen nichtärztlichen Heilmittelerbringer
3.2 Rechtliche Rahmenbedingungen
3.3 Die Finanzierung nichtärztlicher Heilmittel
3.4 Die Position der freiberuflichen nichtärztlichen Heilmittelerbringer im deutschen Gesundheitswesen
3.5 Organisationsstruktur und Ablaufprozesse der Einrichtungen freiberuflicher nichtärztlicher Heilmittelerbringer am Beispiel einer logopädischen Praxis
4 Die Kindertagesbetreuung als ein Teil des Sozialsystems
4.1 Kinderkrippen
4.1.1 Kindergärten
4.1.2 Tagespflege
4.1.3 Familienzentrum
4.2 Rechtliche Rahmenbedingungen
4.3 Finanzierung der Kindertagesbetreuung
5 Wandel in der Kindertagesbetreuung
6 Folge des Wandels in der Kindertagesbetreuung - Veränderte Rahmenbedingungen der freiberuflichen nichtärztlichen Heilmittelerbringer
7 Kooperation – eine Möglichkeit zur Verbesserung der Rahmenbedingungen für die freiberuflichen nichtärztlichen Heilmittelerbringer?
8 Fazit
9 Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Wechselwirkungen zwischen dem sich wandelnden vorschulischen Betreuungssystem und den betrieblichen Rahmenbedingungen freiberuflicher nichtärztlicher Heilmittelerbringer, insbesondere am Beispiel logopädischer Praxen. Das primäre Ziel besteht darin, die Notwendigkeit einer systemübergreifenden Kooperation zu evaluieren, um Versorgungslücken für Kinder zu schließen und die wirtschaftliche Stabilität der Praxen in einem dynamischen Gesundheits- und Sozialmarkt zu sichern.
- Struktureller Wandel der vorschulischen Kindertagesbetreuung (Ausbau, Inklusion, Ganztagsangebote).
- Einfluss der veränderten Betreuungsstrukturen auf die Praxisabläufe von Heilmittelerbringern.
- Herausforderungen der interdisziplinären Kommunikation und Schnittstellenproblematiken.
- Potenziale und Hürden einer systemübergreifenden Kooperation zwischen Kitas und Heilberufen.
- Analyse der rechtlichen und finanziellen Rahmenbedingungen für Therapeuten und Betreuungseinrichtungen.
Auszug aus dem Buch
3.5 Organisationsstruktur und Ablaufprozesse der Einrichtungen freiberuflicher nichtärztlicher Heilmittelerbringer am Beispiel einer logopädischen Praxis
Gegeben durch die rechtlichen und finanziellen Rahmenbedingungen, sind die Organisationsstrukturen und Ablaufprozesse in den Ambulanzen der freiberuflichen Heilmittelerbringer sehr ähnlich. Häufig handelt es sich um Kleinbetriebe, deren Inhaber über die bereits erwähnte Kassenzulassung verfügen. Meist sind dort ein bis fünf Mitarbeiter, im Angestelltenverhältnis oder als Honorarkraft tätig (vgl. Lohmeier 2010: 19). Die Öffnungszeiten liegen in der Regel zwischen 7:00 Uhr und 19:00 Uhr, an fünf Tagen in der Woche. Da z. B. die Therapie von Sprach-, Sprech-, Schluck- und Stimmstörungen alle Altersstufen umfasst, werden die Vorschulkinder überwiegend am Vormittag, die Schulkinder am Nachmittag und die berufstätigen Erwachsenen in den Abendstunden behandelt. Um einen reibungslosen Praxisbetrieb zu gewährleisten, werden die ärztlich verordneten Hausbesuche (meist Patienten nach Schlaganfall) häufig als letzte Behandlung vor der Mittagspause, als letzte Behandlung am Ende des Tages oder im Zuge mehrerer Hausbesuche, geballt an einem Vormittag oder Nachmittag durchgeführt. Anzumerken ist, dass die Anzahl der Hausbesuche, aufgrund des Ausbaus der Versorgung der Patienten in krankenhausnahen, ausgegliederten Medizinischen Versorgungszentren, innerhalb der letzten Jahre stark rückläufig ist.
Die Einbeziehung der „engsten Vertrauten“ spielt in der Logopädie und im Besonderen bei der Altersstufe der Vorschulkinder eine große Rolle, um einen Behandlungserfolg zu erzielen. Aus diesem Grund sind die Angehörigen häufig während der Behandlung zugegen. Sollte dies organisatorisch nicht möglich sein oder sprechen pädagogische Gründe dagegen, wird am Ende der Therapiesitzung das gemeinsame Gespräch gesucht und ein reger Austausch über Behandlungsziele und -inhalte findet statt, um eine enge Verknüpfung der Behandlungsziele zum sozialen Umfeld des Kindes zu erreichen.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Aufbau und Ziele der Arbeit: Diese Einleitung definiert die Problemstellung durch den Wandel der vorschulischen Betreuung und legt das Ziel fest, Kooperationsstrategien für Heilmittelerbringer zu untersuchen.
2 Soziale Sicherung in Deutschland – Ein Überblick: Dieses Kapitel gibt einen allgemeinen Überblick über das System der sozialen Sicherung und ordnet die Akteure in die drei Säulen Versicherung, Fürsorge und Versorgung ein.
3 Die freiberuflichen nichtärztlichen Heilmittelerbringer im deutschen Gesundheitswesen als ein Teil des Gesundheitssystems: Es werden die Aufgaben, rechtlichen Voraussetzungen und Organisationsstrukturen von Heilmittelerbringern wie Logopäden und Ergotherapeuten analysiert.
4 Die Kindertagesbetreuung als ein Teil des Sozialsystems: Das Kapitel beschreibt die Strukturen, gesetzlichen Rahmenbedingungen und Finanzierungsformen von vorschulischen Betreuungseinrichtungen.
5 Wandel in der Kindertagesbetreuung: Hier werden aktuelle Trends wie der Ausbau von Ganztagsplätzen und die Inklusion behinderter Kinder als Teil eines umfassenden Modernisierungsprozesses dargestellt.
6 Folge des Wandels in der Kindertagesbetreuung - Veränderte Rahmenbedingungen der freiberuflichen nichtärztlichen Heilmittelerbringer: Das Kapitel analysiert die konkreten negativen Auswirkungen auf Praxisabläufe und die Schwierigkeiten bei der Terminierung und Mitarbeiterbeschäftigung.
7 Kooperation – eine Möglichkeit zur Verbesserung der Rahmenbedingungen für die freiberuflichen nichtärztlichen Heilmittelerbringer?: Es wird das Potenzial einer diagonalen Kooperation zwischen Kitas und Therapeuten diskutiert, wobei auch bestehende systemische Hürden aufgezeigt werden.
8 Fazit: Das Kapitel fasst die Notwendigkeit systemübergreifender Ansätze zusammen und betont, dass bürokratische Strukturen den Fortschritt derzeit noch behindern.
9 Ausblick: Der Autor fordert dazu auf, die Praxisorganisation anzupassen und auf politischer Ebene verstärkt für Lösungen zur Überwindung der beschriebenen Probleme zu werben.
Schlüsselwörter
Heilmittelerbringer, Logopädie, Kindertagesbetreuung, Gesundheitswesen, Sozialsystem, Kooperation, Sprachförderung, Sprachtherapie, Inklusion, Rahmenbedingungen, Patientenversorgung, Praxismanagement, systemübergreifende Versorgung, Versorgungsstruktur, Frühförderung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Auswirkungen des strukturellen Wandels in der vorschulischen Kindertagesbetreuung auf die Arbeitsbedingungen und die Wirtschaftlichkeit freiberuflicher nichtärztlicher Heilmittelerbringer, insbesondere von logopädischen Praxen.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zentrale Themen sind die Einordnung von Heilberufen und Kindertageseinrichtungen in das soziale Sicherungssystem, die Finanzierung und rechtliche Bindung der Akteure sowie die Herausforderungen der interdisziplinären Versorgung von Kindern.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es zu prüfen, ob eine strategische Kooperation zwischen Kitas und therapeutischen Praxen ein gangbarer Weg ist, um trotz veränderter gesellschaftlicher Rahmenbedingungen eine qualitativ hochwertige Versorgung der Patienten sicherzustellen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Autorin nutzt eine explorative Herangehensweise, die aktuelle Fachliteratur, Studien zum Betreuungsausbau sowie eigene Erfahrungswerte aus dem Praxisalltag verknüpft, um Managementimplikationen für Heilberufe abzuleiten.
Was sind die Kerninhalte im Hauptteil?
Der Hauptteil gliedert sich in die detaillierte Darstellung des Gesundheits- und Sozialsystems, eine Analyse des Wandels in der Betreuungssituation (z.B. Ausbau der Ganztagsbetreuung) und eine kritische Auseinandersetzung mit der Kooperationsfähigkeit der verschiedenen Akteure.
Welche Schlagworte charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Schnittstellenproblematik, Kassenzulassung, ganzheitliche Patientenorientierung, diagnostische Abgrenzung zwischen Sprachförderung und Sprachtherapie sowie der Wunsch nach einer integrierten Versorgung.
Wie unterscheidet sich die im Text erwähnte Sprachförderung von der Sprachtherapie?
Die Sprachförderung ist in der Regel pädagogisch orientiert und zielt auf allgemeine Sprachkompetenzen ab, während die Sprachtherapie als medizinische Heilmittelbehandlung gezielt bei spezifischen Störungen interveniert und eine entsprechende ärztliche Verordnung benötigt.
Warum stellt der Ausbau der Ganztagsbetreuung für Logopäden ein Problem dar?
Der Ausbau führt zu veränderten Nutzungszeiten der Kinder, was die Praxen vor das Problem stellt, Behandlungszeiten in "Ballungsphasen" am Nachmittag legen zu müssen, was wiederum die wirtschaftliche Effizienz und die Verfügbarkeit von Fachpersonal erschwert.
- Arbeit zitieren
- Logopädin, B. A. Gesundheits- und Sozialmanagement Karin Lohmeier (Autor:in), 2011, Veränderungen vorschulischer Betreuungsformen und deren Einfluss auf die Einrichtungen freiberuflicher nichtärztlicher Heilmittelerbringer am Beispiel einer logopädischen Praxis, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/190305